Deutsch-russisches Verhältnis: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Ein Kommentar von Matthias Schepp, Moskau

Erst der Petersburger Dialog, dann Putins Treffen mit Kanzlerin Merkel. Vor den russisch-deutschen Treffen ist die Stimmung schlecht wie lange nicht zwischen Moskau und Berlin. Da hilft beiden Seiten nur: reden, zuhören - und unangenehme Wahrheiten schlucken.

Merkel und Putin (Archivbild): Die deutsch-russischen Beziehungen sind angespannt wie nie Zur Großansicht
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Merkel und Putin (Archivbild): Die deutsch-russischen Beziehungen sind angespannt wie nie

In Moskau kommt am Abend der Petersburger Dialog zum zwölften Mal zusammen. Vertreter deutscher politischer Stiftungen treffen dann auf russische Parlamentsabgeordnete, die ihnen aber eigentlich kaum die Hand reichen dürften, ohne in den Geruch des Vaterlandsverrats zu kommen. Denn ausländische Organisationen gelten Wladimir Putin und seinem Umfeld all zu schnell als Hintermänner der Anti-Kreml-Proteste.

Es ist eine absurde Situation, die zugleich ein Schlaglicht auf die deutsch-russischen Beziehungen wirft: Sie sind so angespannt wie nie, seit Helmut Kohl im Oktober 1986 den damaligen Kreml-Herrn Michail Gorbatschow mit Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels verglich.

Präsident Putin hat seit seiner Rückkehr in den Kreml eine Flut autoritärer Gesetze durch das Parlament peitschen lassen. Der Bundestag reagierte darauf am Freitag mit einer Resolution, die eine härtere Gangart gegenüber Russland fordert. Die Kreml-Elite empfindet die Schelte aus Berlin als einen gezielten Affront, um die Beziehungen beider Länder zu torpedieren. So etwas passiere nicht vor Besuchen der Bundeskanzlerin in China oder in Dritte-Welt-Diktaturen, heißt es.

Gerade wenn es Streit gibt, gilt: Reden ist besser als Nicht-Reden oder in Umwandlung eines Sprichworts, das beide Völker kennen: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold.

Schlechte Stimmung in Moskau und Berlin

Seit Monaten ist die Stimmung zwischen Moskau und Berlin frostig: Das russische Außenministerium will Merkels Russland-Koordinator Andreas Schockenhoff (CDU) wegen dessen Kreml-Kritik nicht mehr als Gesprächspartner akzeptieren. In Deutschland gewinnen Forderungen an Gewicht, den Petersburger Dialog der Zivilgesellschaft von den Regierungskonsultationen zeitlich deutlich abzugrenzen, bei denen Minister beider Länder zu einer gemeinsamen Sitzung zusammenkommen. Wenn Angela Merkel am Freitag nach Moskau fliegt, begleiten acht Ressortchefs die Kanzlerin, darunter Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Die russische Seite plant, gleich mit 14 Ministern anzutreten.

Eine Trennung des Dialogs von den Regierungskonsultationen wäre das falsche Signal!

Putin und seine Machtelite können dieser Idee bestimmt einiges abgewinnen. Der Kreml-Herr müsste sich dann nicht mehr die Berichte der Dialog-Arbeitsgruppen anhören, die nicht selten auch Kritik an seiner Politik enthalten. Ohne die Gelegenheit aber, dem Präsidenten und der Kanzlerin vortragen zu können, wäre der Petersburger Dialog schnell bedeutungslos. Er würde zu einem Nischen-Dialog. Dann würden nur noch diejenigen miteinander sprechen, die ohnehin schon miteinander reden: die russische Opposition mit den deutschen Grünen, die Manager großer russischer Konzerne mit den Managern großer deutscher Konzerne. Der Dialog wäre tot.

Der Petersburger Dialog mit seinen mehr als zweihundert Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Forschung, Kirchen und Nichtregierungsorganisationen hat seine Schwächen wie die Überalterung seiner Teilnehmer und seine Funktionärslastigkeit. Er braucht Reformen und frisches Blut. Es macht aber den Charme des Formats aus, dass diametral entgegengesetzte Meinungen aufeinanderprallen: Grüne auf Gazprom-Manager, Dax-Manager auf Putin-Gegner.

Das hilft, ein realistischeres Bild des Partnerlands zu entwickeln. Beide Seiten stehen dabei vor Entdeckungen, die sie aus der Komfortzone gern gepflegter Vorurteile holen. Die Russen können lernen, dass nicht jeder deutsche Putin-Kritiker es böse mit ihrem Land meint - und es letztlich lohnt, die Probleme im eigenen Land zu lösen, statt sie durch ein äußeres Feindbild zu bemänteln.

Auch die Deutschen müssen sich mit einigen unangenehmen Wahrheiten auseinandersetzen: Dass bei wirklich freien Wahlen wohl nicht pro-westliche Politiker die Nase vorne hätten, sondern rot-braune Chauvinisten. Dass die zwei Jahre Haftstrafe gegen die feministische Punkgruppe Pussy Riot von einer Mehrheit der Russen als noch zu milde empfunden wird. Dass die meisten Russen lieber heute als morgen die Todesstrafe wieder einführen würden. Kurz gesagt: Dass die Russen womöglich in ihrer Mehrheit ein anderes Russland wollen, als wir in Westeuropa es uns erträumen.

Ehrlichkeit und intellektuelle Redlichkeit verheißen beiden Seiten Gewinn: Ein realistisches Bild voneinander ist die beste Basis für eine wirkliche Partnerschaft. Illusionen aber führen zu Enttäuschungen und einer falschen Politik.

Grüne und Kreml-nahe Funktionäre

Die Deutschen sollten sich deshalb nicht ewig mit Klagen aufhalten, dass unter den russischen Teilnehmern viele Kreml-nahe Funktionäre sind. Sie sollten stattdessen die Chance nutzen, ausführlich und offen mit ihnen zu reden. Die vielen Putin-Fans unter den russischen Dialogteilnehmern sollten sich mit deutschen Kreml-Kritikern zusammensetzen.

Interessanterweise verlaufen die Frontlinien auch innerhalb der nationalen Lager. Der oppositionelle Parlamentsabgeordnete Ilja Ponomarjow von der Partei Gerechtes Russland begegnet beim Petersburger Dialog Kadern der Kreml-Partei Einiges Russland, die ihn in der Duma mit einem einmonatigen Redeverbot belegt haben. Und bei den Deutschen stehen Anhänger einer wertegeleiteten Politik den Realpolitikern gegenüber. Auch da ist mehr Dialog nötig statt weniger.

Ein für Donnerstag geplanter Runder Tisch steht unter dem Motto "Die Kunst, einander zuzuhören". Er wird geleitet vom Einiges-Russland-Abgeordneten Wjatscheslaw Nikonow und dem Chef der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks. Nikonow, ein Enkel des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow, kann dem Westen mit brillantem Sarkasmus so lange Doppelmoral vorhalten, bis es wehtut. Fücks ist der redegewandte Ehemann der im Kreml verhassten Grünen-Außenpolitikerin Marieluise Beck.

Wenn Nikonow und Fücks der Dialog gelingt, ist noch nicht alles verloren zwischen Russland und Deutschland. Viel Erfolg!

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1. Enttäuschte Hoffnungen
Europa! 14.11.2012
Zitat von sysopErst der Petersburger Dialog, dann Putins Treffen mit Kanzlerin Merkel. Vor den russisch-deutschen Treffen ist die Stimmung schlecht wie lange nicht zwischen Moskau und Berlin. Da hilft beiden Seiten nur: reden, zuhören - und unangenehme Wahrheiten schlucken. Deutsch-russisches Verhältnis: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsch-russisches-verhaeltnis-schweigen-ist-silber-reden-ist-gold-a-866987.html)
Enttäuschte Hoffnungen sind oft schlimmer in ihren Wirkungen als Skepsis und Vorsicht. Die deutsche Dankbarkeit für die von Gorbatschow zugelassene Wiedervereinigung ist abgeflaut, man beschimpft Kohl und Schröder für ihre aufgeschlossene Russlandpolitik. Das kann sich noch rächen. Russland ist ein europäisches Land und Europa braucht Russland.
2.
ermanerich 14.11.2012
Zitat von sysopErst der Petersburger Dialog, dann Putins Treffen mit Kanzlerin Merkel. Vor den russisch-deutschen Treffen ist die Stimmung schlecht wie lange nicht zwischen Moskau und Berlin. Da hilft beiden Seiten nur: reden, zuhören - und unangenehme Wahrheiten schlucken. Deutsch-russisches Verhältnis: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsch-russisches-verhaeltnis-schweigen-ist-silber-reden-ist-gold-a-866987.html)
Und vorallem die Ehrlichkeit, dass die wirklichen Gegner des Zaren Putin nicht etwa die vom Westen hofierten und bezahlten "Demokraten" sind, sondern die Kommis und Ultra-Nationalisten. Auch wenn es bitter klingt - Putin dürfte das kleinere Übel sein - und gerade Deutschland wäre gut beraten den Russen nicht andauernd naseweis belehrend vor das Knie zu treten, sondern dessen Abdriften hin zu den Pekinger Musterdemokraten durch Anbindung zu verhindern. Und das wird nicht durch sklavenhaftes Hinterher- oder Vorauseilen anderer Mächte erreicht werden.
3.
Werner655 14.11.2012
Zitat von Europa!Enttäuschte Hoffnungen sind oft schlimmer in ihren Wirkungen als Skepsis und Vorsicht. Die deutsche Dankbarkeit für die von Gorbatschow zugelassene Wiedervereinigung ist abgeflaut, man beschimpft Kohl und Schröder für ihre aufgeschlossene Russlandpolitik. Das kann sich noch rächen. Russland ist ein europäisches Land und Europa braucht Russland.
Im aktuellen Bericht des BundesInnenMinisteriums über die im Oktober 2012 gestellten Asyl-Anträge taucht unter den "Ersten Zehn" auf: "Russische Förderation". Gleiches gilt auch für das bisherige Gesamtjahr 2012.
4. Ewige Dankbarkeit dafür, dass es keine Massacker gab?
abc-xyz 14.11.2012
Zitat von Europa!Enttäuschte Hoffnungen sind oft schlimmer in ihren Wirkungen als Skepsis und Vorsicht. Die deutsche Dankbarkeit für die von Gorbatschow zugelassene Wiedervereinigung ist abgeflaut, man beschimpft Kohl und Schröder für ihre aufgeschlossene Russlandpolitik. Das kann sich noch rächen. Russland ist ein europäisches Land und Europa braucht Russland.
Man kann Gorbatschov durchaus dankbar sein, dass er die friedliche Revolution nicht mit Panzern begradigte, was auch vielfach getan wird. Was Sie verlangen ist aber eine Ummünzung dieser Haltung Moskaus, welche schon aus Anstand zu verlangen wäre, schließlich reden wir von der Unterdrückung eines Volkes, in eine ewige Schuld, die Deutschland durch Kuschen einzuzahlen hat. Ich finde das schon ziemlich bezeichnend. Ich fand die schon sehr anbiedernde Haltung Schröders gegenüber Russland mehr als peinlich und unangemessen. Dass dies unter Kanzlerin Merkel nicht fortgesetzt wurde (während Gas-Gerd auch offiziell auf Russlands payrole landete), ist ihr positiv anzulasten.
5. Gesellschaft
Bernd.Brincken 14.11.2012
Hinter den Meinungsverschiedenheiten steht auf deutscher Seite leider neben der grundsätzlichen Überzeugung von der Überlegenheit des eigenen politischen Systems auch ein spezielles, negatives Russlandbild, das die Entwicklungen und Fortschritte in der russischen Gesellschaft nach der Wende ausblendet, während alte Ressentiments weiter kultiviert werden und historische Spannungsfelder unaufgearbeitet bleiben.
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Yuri Afanasiev

Matthias Schepp, 49, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. In den vergangenen zwei Jahren hat er mit Michail Chodorkowski, den er seit den neunziger Jahren kennt, einen Briefwechsel geführt. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung Moskau" (2008) und zusammen mit dem Fotografen Gerd George "Von Peking nach Berlin" (2006).


Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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