Proteste in Istanbul Der Aufruhr der Deutsch-Türken

Sie ist in Deutschland geboren, aufgewachsen, hat dort studiert. Jetzt kämpft sie sich in Istanbul mit Snowboard-Maske durch das Tränengas: Die junge Deutsch-Türkin Jana demonstriert seit Tagen am Taksim-Platz - und hofft auf einen politischen Neustart.

Aus Istanbul berichtet


Als Jana mit 26 nach Istanbul zog, um ihr Glück in der Liebe und im Job zu finden, dachte sie über ihre Facebook-Posts kaum nach. Es gab eigentlich nur einen Grund, etwas nicht zu posten: Man könnte sich später schämen.

Als Jana mit 29 ihr Glück in der Liebe gefunden hat und darüber nachdenkt, wie Glück im Job aussehen könnte für eine wie sie in dieser Millionenmetropole mit ihren tausend Möglichkeiten, da hadert sie jedes Mal, bevor sie etwas postet. Die Videos vom vergangenen Wochenende hat sie wieder gelöscht: aus Angst. Sie zeigten prügelnde Polizisten, Wasserwerfer und Menschen mit Gasmasken, die weglaufen.

Aus demselben Grund - Angst - will Jana ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen: Es ist ein deutscher Vor-, ein türkischer Familienname; er steht in ihrem deutschen und ihrem türkischen Pass. Zum einen fürchtet ihr Arbeitgeber, von der Regierung drangsaliert zu werden; zum anderen fürchtet Jana, sie könnte selbst im Gefängnis landen. So wie andere, die es wagen, die Regierung zu kritisieren, Studenten, Journalisten, Künstler und in den vergangenen Tagen eine unbekannte Zahl Demonstranten. "Andererseits können sie uns ja nicht alle einsperren", sagt Jana.

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Demonstranten in Istanbul: Erdogans Gegner, Erdogans Fans
Erschrocken schauen die Deutschen seit Tagen auf die Türkei, das Land, in dem sie so gern Urlaub machen. Und ebenso erschrocken verfolgen viele Deutsch-Türken, die sich beiden Ländern verbunden fühlen, was vor sich geht auf den Plätzen in Istanbul, Ankara, Izmir und Dutzenden weiteren Städten. Wohl mehr als 4000 Verletzte, mindestens drei Tote, unzählige Festnahmen - und Premierminister Erdogan denkt gar nicht daran nachzugeben.

Viele Deutsch-Türken in der Bundesrepublik fragen sich: Wie geht es unseren Großeltern, Cousins, Nichten in der alten Heimat? Sie organisieren Solidaritätskundgebungen in Berlin, Hamburg, Köln, schwenken die roten Flaggen mit dem weißen Halbmond; teilen jeden Informationshappen in den sozialen Medien und hoffen, dass es gut ausgehen möge.

Es geht um mehr als ein paar Bäume

Jana hat ihr Abitur gemacht, damals in Norddeutschland, dann studiert und mit einem Magister abgeschlossen. Ihr Vater war aus der Türkei gekommen, nachdem er als politischer Häftling im Gefängnis gesessen hatte, und verliebte sich in ihre Mutter. Jana wuchs auf, wie viele Gymnasiasten aufwachsen, ein bisschen Schule, ein bisschen Party, ein bisschen Engagement, ein bisschen weiter links als der Durchschnitt. Sie ging gegen den Castor auf die Straße und sagt "krass", wenn sie etwas beeindruckt. Eine selbstbewusste Frau, die gern Salsa tanzt und ins Theater geht. Als Kleinkind sträubte sie sich dagegen, Türkisch zu sprechen, wie ihr Vater es wollte. Jetzt hören ihre türkischen Freunde kaum noch einen Akzent.

Am vergangenen Freitagabend sitzt sie mit acht Freundinnen bei sich in der Wohnung, sie haben Hosen und Röcke zum Tauschen mitgebracht, eine Vintage-Party. So erzählt sie es. Was auf dem Taksim-Platz geschieht, verfolgen sie bei Twitter, Facebook und Halk TV, einem kleinen Sender, der früher von der größten Oppositionspartei finanziert wurde. "Uns war klar, dass es um mehr geht als ein paar Bäume im Gezi-Park", sagt Jana. Ihre Freunde und sie machen sich auf den Weg.

Trommeln im Luxusviertel Istanbuls

Sie lebt in einem Stadtteil Istanbuls, dessen Wohlstand vergleichbar ist mit jenem in Hamburg-Blankenese oder Berlin-Zehlendorf. "Wo die reichen Muttersöhnchen wohnen", sagt sie - und traut ihren Augen und Ohren nicht, als sie vor die Tür tritt: Ihre Nachbarn trommeln auf Töpfen, schlagen auf Metallgeländer, rütteln an Jalousien. "Das war so krass", sagt sie.

In der Nähe vom Taksim-Platz geraten sie zwischen die Fronten von Demonstranten und Polizisten, ihre Lungen brennen, ihre Augen tränen, überall ist Tränengas. "Ich hatte noch nie solche Todesangst", sagt Jana. Hand in Hand laufen sie durch den Qualm, um sich nicht zu verlieren. Jana ist fertig mit den Nerven, wie sie sagt, aber sie bleibt bis spät in die Nacht.

Am nächsten Tag ziehen sie wieder los, dieses Mal mit den Brillen und Helmen vom letzten Snowboard-Urlaub. Zur Sicherheit nehmen sie auch Schwimmbrillen mit, falls die Schneemasken nicht dicht genug sind. Sie jubeln den Besiktas-Fans zu, die ihre Schlachtgesänge abgeändert haben und jetzt die Regierung verspotten. Jana schwärmt von der Kreativität der "Deli Cande", wie sie auf Türkisch sagt. Am besten lässt es sich übersetzen mit "die Heißblütigen".

Was passiert, wenn die Welt wieder wegschaut?

Eine "Demo-erfahrene" Freundin aus Deutschland rät ihr, sich keine Zitronen ins Gesicht zu reiben. Denn unter den Demonstranten hält sich hartnäckig das Gerücht, Zitronensaft würde gegen die Wirkung des Tränengases helfen. "Mir ist übel geworden von dem Gas", sagt Jana. Sie schlafen bei Freunden, weil die Wege nach Hause gesperrt sind.

Adrenalin und Euphorie tragen Jana davon in diesen Tagen der Revolte, sie schläft kaum, geht tagsüber zur Arbeit und am Abend protestieren. "Ganz schön ergreifend" sei es, wenn einem wildfremde Menschen zujubeln. So reden viele der Demonstranten rund um den Gezi-Park. Diese Generation junger Türken - gut zwei Drittel sind unter 30 Jahre alt und überdurchschnittlich gut ausgebildet - kann wenig anfangen mit dem zerfaserten Parteiensystem, in dem Hardliner sich oft durchsetzen und ein Kompromiss als Schwäche gilt. Die Frage ist: Wie lange wird die Aufbruchstimmung halten? Was passiert, wenn die Welt nicht mehr Richtung Türkei blickt? Ausplätschern oder die Ordnung der letzten Jahre fortspülen, das sind die extremsten Möglichkeiten.

Hoffnung auf neue Bündnisse

Der Vizepremier hat sich bei den Baumschützern mittlerweile für die Polizeigewalt entschuldigt: "Wir üben uns in Selbstkritik, zweifeln Sie nicht daran", hat Bülent Arinc gesagt und sich mit einer Abordnung der Taksim-Platz-Aktivisten getroffen, darunter Architekten, Anwälte, Ärzte. Auch Staatspräsident Abdula Gül schlägt leisere Töne an. Erdogan jedoch will hart bleiben.

"Die Regierung hat Muffensausen", sagt Jana, glaubt aber nicht, dass es einen "Türkischen Frühling" geben wird. Sie hofft auf neue politische Bündnisse und Bewegungen. Darauf, dass die Türken nicht wieder verlernen, "ihre Rechte einzufordern". Und darauf, dass sie bei Facebook und Twitter ohne Angst posten kann, was sie für richtig hält.

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Seite 1
anatolian 07.06.2013
1. Wie zynisch, wenn man zwischen den Zeilen liest
Mir kommt das Schmunzeln beim Lesen dieses Artikels. Kaum vorstellbar, dass in Deutschland die Blankenesener auf die Strasse gehen und gegen die Kapitalisten in der Regierung protestieren. Es ging nie um die Bäume in Istanbul! Zu beobachten ist die Auflehnung der kemalistischen und militaristischen Eliten, die ihr kemalistisches Andenken in Gefahr sehen. 80 Jahre lang haben diese Menschen die Sahne des Systems abgeschöpft und es war ihnen egal das andere unter ihrer Knute zu leiden hatten. Es ist wirklich zynisch, dass gerade diese Menschen sich jetzt als Demokraten präsentieren. Übrigens haben sich die Anhänger von Besiktas Istanbul schon am dritten Tag der Proteste von den Randalierern distanziert.
proteo13 07.06.2013
2. optional
"Der Aufruhr der Deutsch-Türken" - auch "reine" Türken bekommen in dieser Situation die Hucke voll. Wo ist der Unterschied? Nur weil sie d-t-Türkin geniesst doch wohl keine Sonderbehandlung?! Wer sich in Gefahr begibt...... Wie ich es so lese findet sie ihren Kick darin. Eine junge Weltenrevoluzerin ohne richtigen Plan. Sie scheint nicht ausgelastet zu sein. Hauptsache Revolte machen.
cuenal 07.06.2013
3.
haha.. da können sie lange warten.. da kann auch noch SPON quasi stündlich schreiben wie er will. Grausam diese krampfhafte Versuch eine anfangs sinnvolle Demo zu einem heroischen Kampf hochzustilisieren.
cakal 07.06.2013
4. optional
Gerechtigkeit kennt keine Nationalität, indifferenz spaltet diese Welt, den es könnte dich auch treffen
20099 07.06.2013
5.
Lt. Artikel ist sie deutsche sowie türkische Staatsbürgerin! Also weder ganz Deutsche noch ganz Türkin sondern irgend etwas dazwischen. Echt bemitleidenswert! - So wie ich die türkischen Migrationshintergründischen in Deutschland erlebe schätze ich das die überwältigende Mehrheit voll und ganz hinter Erdogan steht und die islamitisch-konservativen AKP voll unterstützt!
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