Deutsche Aufbauhilfe in Afghanistan: Milch statt Maschinengewehr

Aus Sherabad berichtet

Milchbauer Mohammed: Landwirt dank deutscher Hilfe Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Milchbauer Mohammed: Landwirt dank deutscher Hilfe

Sein Leben lang kämpfte der Afghane Nazar Mohammed - als Soldat, gegen die Sowjets, schließlich gegen die Taliban. Erst ein deutsches Projekt brachte ihn dazu, die Waffe niederzulegen. Eine der wenigen Erfolgsgeschichten im kriegszerrütteten Land.

Es gab da diesen einen Befehl zu töten, der Nazar Mohammeds Glauben, seinem Land zu dienen, zerstört hat. Sein Kommandeur verlangte von ihm, eine Rakete auf eine Düngerfabrik zu feuern, nur wenige Kilometer von seinem Zuhause entfernt. "Wir lagen in unserer Stellung in den Bergen, und mir wurde klar: Wenn ich jetzt schieße, töte ich vielleicht ein paar unserer Gegner, die sich dort versteckten. Aber vor allem mache ich auf Dauer mindestens 500 Menschen arbeitslos."

Nazar Mohammed, 52, lebt im Dorf Sherabad, im Norden von Afghanistan, wenige Kilometer von der Stadt Mazar-i-Sharif entfernt. Hier haben Stammesälteste das Sagen, ausländische Besucher sind nur mit ihrer Zustimmung willkommen.

Nazar Mohammed hat als junger Mann in der afghanischen Armee gedient. "Ich wollte immer meinem Land nützen", sagt er. "Mutter Afghanistan" nennt er es. Als 1979 die Sowjets einmarschierten, verließ er das Militär, "weil es nichts tat". Stattdessen schloss er sich den Mudschahidin an, den "heiligen Kriegern", und kämpfte gegen die Besatzer. Bei einem Gefecht schoss ihm ein Russe in sein rechtes Bein. Er krempelt seine Hose hoch und zeigt die Narbe. "Da war weit und breit kein Arzt", sagt er. Dann führt er vor, wie er das Projektil aus der Wunde herausbiss.

Die Nachbarn wurden plötzlich zu Taliban

Als die Russen zurückgeschlagen waren, brachen bald Kämpfe um die Macht im Land aus, jeder schoss auf jeden. Nazar Mohammed behielt sein Gewehr und schloss sich den Truppen des Widerstandskämpfers Ahmed Shah Massud an. Gemeinsam kämpften sie auch gegen die Taliban, die das Chaos nutzten, um in seiner nordafghanischen Heimat an die Macht zu kommen. "Das waren nicht nur Kämpfer aus der Fremde", sagt er. "Das waren auch die Nachbarn aus meinem Dorf, die sich plötzlich auf die Seite der neuen Mächtigen stellten."

Die Nachbarn Taliban, das Schießen auf Fabriken - das war Nazar Mohammed zu viel. "Ich kam zurück nach Hause und überlegte mir, wie ich ein unauffälliges Leben führen könnte." Gerade da eröffnete mit finanzieller Hilfe aus Deutschland eine Molkerei in Sherabad, ein Projekt der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen. Wer Kühe besitze, hörte er, könne die Milch dort verkaufen. So wurde Nazar Mohammed Bauer und schwieg über seine Vergangenheit.

Seit zehn Jahren ist der einstige Krieger Landwirt. "Meine Waffe ist jetzt die Milch", antwortet er auf die Frage, ob er noch ein Gewehr besitze. Es ist ihm gut ergangen, seitdem er aufgehört hat, seinen Lebensunterhalt mit Kämpfen zu verdienen. Das Lehmhaus ist großzügig, mit genügend Zimmern für ihn, seine Frau, die fünf Söhne und eine Tochter. Gegenüber steht das Gästehaus, für Besuch von Verwandten oder Dorfversammlungen. Zwei Kühe gehören ihm, außerdem betreibt er eine von einem guten Dutzend Milchsammelstellen: Jeden Morgen kommen Bauern zu ihm und verkaufen ihm ihre Milch, die er anschließend weiterverkauft an die Molkerei.

Es ist eine Genossenschaft, etwa tausend Bauern und ihre Familien haben so ihr Auskommen. Früher fuhren sie auf die Märkte und blieben oft auf ihrer Ware sitzen. Nazar Mohammed nimmt ihnen die Milch garantiert ab. In der Molkerei wird sie pasteurisiert und abgepackt, oder auch zu Joghurt oder Quark weiterverarbeitet. Ab diesem Sommer wollen sie auch Eis produzieren. "Wir könnten sogar noch viel mehr Milch

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Afghanistan: Einst Krieger, jetzt Bauer
verarbeiten, die Nachfrage nach den Produkten ist groß", sagt Hermann van Boemmel von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), der das Projekt leitet.

Nie zuvor erhielt ein Land so viel Geld in so kurzer Zeit

Seit 2010 betreut die GIZ die Molkerei. Sie ist Teil des Programms "Nachhaltige Wirtschaftsförderung" im Norden von Afghanistan. Dazu gehört der Aufbau einer Saftfabrik, Hilfe bei der Produktion von Trockenfrüchten, Teppichen und Schmuck, einer Anlage zur Herstellung von Kaschmirwolle und eben jene Molkerei. "Es läuft gut", sagt van Boemmel. Er war bis vor kurzem noch selbständiger Berater in der Lebensmittelindustrie, jetzt ist er Entwicklungshelfer.

"Für die Molkerei haben wir etwa 150.000 Euro ausgegeben", sagt er, für die Pasteurisieranlage, für Bauarbeiten und für die dreimonatige Ausbildung der Bauern in Hygienefragen. "Es geht uns nicht darum, möglichst viel Geld auszugeben, sondern die Menschen zu beraten." Es ist das Ideal von Entwicklungsarbeit: Hilfe zur Selbsthilfe. Hier in Sherabad scheint das zu funktionieren.

Es ist ein kleines Projekt, ein kleiner Erfolg in einem Land, das in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 30 Milliarden Euro Hilfsgelder erhalten hat, davon etwa zweieinhalb Milliarden aus Deutschland - die Militärausgaben nicht mitgerechnet. Noch nie hat ein Land in so kurzer Zeit so viel Geld aus dem Ausland erhalten. Ein Großteil ist nicht dort angekommen, wo es hinsollte. Mehrmals räumte die US-Regierung ein, sie könne nicht überprüfen, ob Hilfsgelder ordnungsgemäß verwendet wurden. "Klar ist, dass mehrere Milliarden Dollar in dunkle Kanäle verschwunden sind", sagt ein US-Diplomat in Kabul.

Irgendwie muss man das Geld "raushauen"

Deutschland will bis 2016 jährlich 430 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Landes ausgeben, und die Bundesregierung wird nicht müde zu betonen, dass Afghanen wie Nazar Mohammed sich bis 2024 auf ihre Hilfe verlassen können. GIZ-Mitarbeiter, die namentlich nicht genannt werden wollen, sagen, manchmal hätten sie das Gefühl, das sei "viel zu viel Geld", man wisse oft nicht, wie man es ausgeben solle, ohne dass es in den Taschen von korrupten Politikern und Beamten verschwinde. Sie verwenden gern den Ausdruck "Abflussdruck" - irgendwie müsse man das Geld "raushauen".

Was nützt Entwicklungshilfe? Was muss Aufbauarbeit leisten? Hermann van Boemmel wirkt nachdenklich. Er sagt: "Unsere Arbeit fängt jetzt erst richtig an." Wirtschaftsförderung sei "nicht sofort sichtbar wie eine neue Brücke oder eine neue Schule". Langfristig bringe sie aber sehr viel: Sie sichere nicht nur das Einkommen von vielen Menschen, sondern befähige sie, in Zukunft für sich selbst zu sorgen. "Wir bohren hier dicke Bretter, und wir sind noch lange nicht da, wo wir sein wollen, wenn wir mal das Land verlassen."

Gibt es Grund zur Zuversicht in Afghanistan? Nazar Mohammed tut so, als habe er die Frage nicht gehört. Er holt seine Kühe aus dem Stall, führt sie in seinen Garten und lässt sie ein paar Blätter von den Aprikosenbäumen fressen. Dann antwortet er doch. "Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es." Am meisten fürchte er, dass die Taliban an die Macht zurückkehren. Eigentlich sei er ja zu alt, um noch mit der Waffe in der Hand zu kämpfen. Aber notfalls würde er das wieder tun.

Ob die Aufbauarbeit dann sinnlos gewesen wäre? Nazar Mohammed schüttelt den Kopf. "Wenigstens haben wir durch sie zwölf gute Jahre gehabt."

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Korruption und Vetternwirtschaft
eubuerger 23.03.2013
Sollte mich nicht wundern, wenn ein nicht unerheblicher Teil der Entwicklungshilfe bei den Taliban landet - als "Schutzgeld", damit die stillhalten, bis die Bundeswehr abmarschiert ist! Wird eigentlich noch China gefördert?
2.
sukowsky 23.03.2013
Ein sehr gutes Projekt, wenn es nur Zehntausende dieser ähnlichen Art auf den verschiedensten Gebiete verstreut in Afghanistan geben würde. Gewehrkugeln und Granaten ergeben keine Arbeitsplätze. Aber warum immer so zaghaft in dieser Weise den Menschen hier zu helfen?------------ das Einfache ist so einleuchtend und doch gibt e tausend Ausreden, wie Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt mit Waffengewalt".
3. Es ist
chip01 23.03.2013
doch völlig egal wo das geld landet solange es nicht in der wüste verdampft! Wo hat Afghanistan denn was an D. nach dem 2. weltkrieg gezahlt? Das geld kann man für alles mögliche im innenland ausgeben. Bildung, Wirtschaft und ja evtl vllt sogar für Rüstzeug (solange kein Schrott gekauft wird) . Wenn Afg. sich selbst überlassen wird breitet sich dort wieder das chaos aus. Dann läuft die milch in den dreck wo der milchbauer tot daneben liegt. So sieht es doch aus. Dieses Land bedarf keiner hilfe sondern einer mauer.
4. Giz
peterderkleine 23.03.2013
ja, was die anonymen GIZler sagen trifft zu, obwohl sie ja in die geldvernichtung direkt eingebunden sind und fleissig mitmachen. Der Herr der seinen Namen veroeffentlichen laesst wird sicher von der GIZ eine Bonus erhalten, nicht geld aber beschaeftigungsgarantie weil kritik in diesem verein nicht so gefragt ist
5. übliches Vorgehen
dr_bernd_schramm 23.03.2013
Zuviel Geld, dass schnell ausgegeben werden muss, ist ein üblicher Vorgang in der GIZ. Das ist leider nicht auf Afghanistan begrenzt. Das BMZ setzt die GIZ unter Druck, um international versprochene Gesamtbudgets einzuhalten. Gerne wird dann der Fahrzeugpark mit teueren SUV bestückt mit dem deutsche Mitarbeiter durchs Land fahren. Wenn das der Steuerzahler wüßte...
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