Getötete deutsche Familie in Gaza Sie hatten keine Chance

Die deutsche Familie Kilani wollte vor den Bomben aus dem Gazastreifen fliehen. Doch selbst der rote Reisepass nützte nichts: Sie blieb gefangen - bis es zu spät war. Jetzt trauert die Großmutter um Sohn, Schwiegertochter und fünf Enkel.

Von Sami al-Ajrami und , Beit Lahia und Tel Aviv

SPIEGEL ONLINE

In Beit Lahia steht das zweistöckige Haus, in dem Ibrahim Kilani gewohnt hat. Er lebte mit seiner Frau und den fünf Kindern in der ersten Etage. Im Erdgeschoss sitzt seine Mutter mit rot geweinten Augen. Vor wenigen Stunden war die Beerdigung ihres Sohnes, der Schwiegertochter und der Enkel.

Der Deutsch-Palästinenser Ibrahim Kilani hatte eigentlich alles richtig gemacht. Als israelische Flugblätter auf Beit Lahia fielen, folgte er der aufgedruckten Warnung und verließ seinen Heimatort. Seine Mutter blieb in Beit Lahia. Die Jungen sollten sich in Sicherheit bringen. Irgendjemand musste doch aufpassen, damit nichts geplündert würde.

Der Gazastreifen ist nicht nur ein Hort des Terrors und des Elends, als der er in den Nachrichten häufig erscheint. 1,8 Millionen Menschen haben hier ihr Zuhause und ein Leben, an dem sie hängen. Das lässt man nicht so schnell zurück.

Ibrahim Kilani wollte mit seiner Frau und den Kindern ein paar Tage bei seinen Schwiegereltern unterkommen. Sie lebten in Schedschaija, im Osten Gazas. Das Viertel wurde am Wochenende Schauplatz der bisher schlimmsten Szenen dieses Krieges. Kilani flüchtete mit seiner Frau und den Kindern weiter. Seine Schwäger schlossen sich ihnen an.

In Beit Lahia war er als deutscher Architekt berühmt

Die Kilanis zogen in eine Mietwohnung ins Zentrum von Gaza, den vermeintlich sichersten Ort. In ihrem Flugblatt hatte die israelische Armee die Zivilisten schließlich aufgefordert, genau dorthin zu flüchten. Dabei kann sich ein Apartment im Zentrum Gazas nicht jeder leisten.

Israel brüstet sich gern damit, die moralischste Armee der Welt zu haben: Man warne Zivilisten, bevor man ihre Häuser zerbombe. Doch die Kilanis verließen ihre Wohnung, ihren Garten für ein Versprechen auf Sicherheit, das nicht eingehalten wurde.

Ibrahim Kilani konnte seiner Familie unter den schwierigen Umständen das Bestmögliche bieten: die Flucht in den "Bursch Assalam", den Friedensturm im Zentrum Gazas. Die Familie ist vergleichsweise wohlhabend. Sie stammt ursprünglich aus dem Gazastreifen - anders als die meisten Gaza-Bewohner, deren Familien 1948 aus Teilen des heutigen Israels hierher flüchteten. Oft geht es den Alteingesessenen vergleichsweise besser.

Zu Erfolg hatte es Kilani zudem mit seiner Arbeit gebracht. "Jeder in Beit Lahia kannte ihn als Architekten und Bauingenieur", sagt der 29-jährige Abdel Karim Abu Halub, ein entfernter Verwandter. "Er hat nicht nur einfache Häuser gebaut, sondern auch Villen."

Wer es sich leisten konnte, beauftragte "den Deutschen", wie er genannt wurde. "Da wusste jeder, er bekommt gute Arbeit", sagt Abu Halub. In den Achtzigerjahren hatte Kilani in Siegen Architektur studiert. Er wurde Deutscher, heiratete, bekam zwei Kinder, trennte sich, ging zurück zu seiner Mutter und den Geschwistern im Gazastreifen und gründete eine zweite Familie.

Kilani versuchte, aus dem Gazastreifen zu entkommen

Vielleicht machte Kilani den Fehler zu glauben, dass schon alles gut gehen würde. Der 53-Jährige war nicht naiv. Er hatte schon die letzten beiden Gazakriege miterlebt und überstanden. Doch dieses Mal wurde es schlimmer und schlimmer. Am Wochenende sollen ihm Zweifel gekommen sein.

"Er hat sich nicht mehr sicher gefühlt", sagt Eslam Salem, sein Neffe. Kilani habe die deutsche Vertretung anrufen wollen, um die Ausreise seiner Familie aus Gaza zu organisieren. Offenbar hat er es nicht mehr geschafft. Auf der Evakuierungsliste der deutschen Botschaft steht seine Familie nicht.

Es hätte ihnen auch nichts genützt. Nur an einem einzigen Tag, am 13. Juli, hat sich bisher acht Stunden lang ein Schlupfloch für ausländische Staatsbürger im Gazastreifen aufgetan. Insgesamt durften 800 Ausländer ausreisen, darunter auch 39 Deutsche. Seitdem wird über neue Evakuierungen verhandelt. 50 Deutsche in Gaza warten darauf. Sie hoffen jeden Tag auf den erlösenden Anruf, der ihnen Sicherheit bringt.

Die Kilanis hatten keine Chance. Es gab keine Vorwarnung. Die Familie verbrachte nur ein paar Stunden in ihrer Mietwohnung im Zentrum Gazas oben im "Bursch Assalam", dem Friedensturm. Dann feuerte ein israelischer Kampfjet mindestens zwei Raketen auf das Hochhaus. Sechs Etagen stürzten zusammen und begruben die Bewohner.

Auf der Liste der Todesopfer, die das Gesundheitsministerium von Gaza seit Beginn des Krieges am 8. Juli regelmäßig aktualisiert, steht nun hinter den Zahlen 555 bis 561 der Nachname Kilani. Inzwischen sind es laut Uno bereits 635 Tote, Stand Dienstagnachmittag. Vier von fünf waren Unschuldige wie die deutsch-palästinensische Familie.

Mitarbeit: Matthias Gebauer

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