Deutsche Geisel im Irak Fieberhafte Suche nach Vermittlern

Um das Leben der im Irak entführten Deutschen zu retten, muss der Krisenstab der Bundesregierung möglichst schnell Verhandlungen mit den Kidnappern suchen. Die gelungenen Befreiungen von Franzosen und Italienern taugen nur bedingt als Vorbild.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Ein halbes Dutzend Männer und Frauen umfasst der eingerichtete Krisenstab, auf bis zu 18 Mitglieder kann er aufgestockt werden. Erfahrungsgemäß sind Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes (AA), des Bundesinnenministeriums, des Bundesnachrichtendienstes und des Bundeskriminalamts in dem Gremium vertreten, das von dem krisenerfahrenen AA-Staatssektetär Klaus Scharioth geleitet wird. Die Mission: das Leben der offenbar bereits am Freitag im Irak entführten Deutschen Susanne Osthoff und ihres Fahrers zu retten.

Entführungsopfer Osthoff: Wer kann vermitteln?
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Entführungsopfer Osthoff: Wer kann vermitteln?

Schon die erste Aufgabe, vor der der Krisenstab dabei steht, ist immens schwierig: Möglichst bald muss es gelingen, mit den Entführern Kontakt aufzunehmen, um eventuelle Verhandlungen zu führen. Bis jetzt weiß man über deren Identität kaum etwas. Nur so viel ist bekannt: Gestern Abend übergab in Bagdad ein Bote ein Videoband an einen Mitarbeiter der ARD - mit der Aufforderung, das Band zu senden. Das bestätigte der Sender heute gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die ARD entschied allerdings, nur ein Standbild zu veröffentlichen; darauf zu erkennen: zwei Geiseln, umgeben von drei bewaffneten Männern. Mittlerweile besteht kaum ein Zweifel, dass es sich bei den beiden Opfern um die Bayerin Susanne Osthoff und deren Chauffeur handelt.

Entführungen von Ausländern und Irakern sind im Irak keine Seltenheit, über 200 Fälle sind aktenkundig, die Dunkelziffer liegt höher. Doch nicht alle Gruppen verfolgen dieselben Ziele - deshalb ist es für den Fall Osthoff und den Krisenstab von entscheidender Bedeutung herauszufinden, welche Ziele die Geiselnehmer haben. Die irakische Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida beispielsweise hat, ebenso wie andere Terrorgruppen im Land, in den vergangenen zwei Jahren mehrere Entführte enthauptet oder erschossen. Andere Gruppen sind dagegen vor allem auf Lösegeld aus.

Täter gehören zu einer bislang unbekannten Gruppe

Aus den bisherigen Mitteilungen der ARD über den Inhalt des Bandes ergeben sich keine Hinweise auf die Täter. Nicht einmal, ob in der Aufzeichnung islamistisch oder nationalistisch argumentiert wird, ist bekannt. In Berlin hieß es heute Mittag in gut informierten Kreise allerdings, die Gruppe habe zur Selbstbezeichnung einen bisher unbekannten Namen verwendet. Das spricht gegen eine Beteiligung der von Abu Musab al-Sarkawi geführten irakischen al-Qaida und der übrigen für Entführungen bekannten Terrorgruppen, die stets darauf achten, ihre Embleme sichtbar zu machen.

Den ARD-Informationen zufolge stellen die Entführer der Bundesrepublik Deutschland in dem Video ein Ultimatum: Deutschland solle seine Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einstellen, ansonsten würden die Geiseln getötet. Sollten die Täter tatsächlich eine politische Agenda verfolgen, erschwert das die Verhandlungen. An Geld dürften sie dann kaum interessiert sein, und dass die Bundesrepublik etwa ihre Botschaft in Bagdad schließt oder die Ausbildung irakischer Polizisten stoppt, um den Entführern entgegen zu kommen, gilt als ausgeschlossen.

Der Krisenstab dürfte nun versuchen, über irakische Mittelsmänner Klarheit in den Fall zu bringen. Durchaus denkbar ist es, radikale irakische Religionsgelehrte einzuschalten, die selbst nicht im bewaffneten Untergrund aktiv sind, aber Verbindungen dorthin pflegen. Einige solcher potentieller Kontaktpersonen sind bekannt und wurden, von anderen Regierungen in anderen Fällen, dem Vernehmen nach auch schon bemüht.

Auch an das britische und US-amerikanische Außenministerium wird sich der Krisenstab wohl wenden. Die beiden Regierungen verfügen, weil sie am Krieg gegen den Irak beteiligt sind, über eine erheblich bessere Infrastruktur im Land als die Deutschen, die über die Botschaft hinaus kaum im Irak vertreten sind. Nicht zuletzt könnten Beziehungen der deutschen Regierung in den von Kurden dominierten Norden des Irak nützlich sein. Vielleicht weiß hier jemand etwas über den Verbleib der Frau, die anscheinend im Nordirak lebte, und kann als Mittelsmann fungieren.

Beispiele für Verhandlungen

Im Irak hat es in den vergangenen zwei Jahren Beispiele für gelungene Verhandlungen ebenso gegeben wie für den schlimmsten Fall, nämlich die Ermordung der Geiseln. Im April 2004 überlebte eine japanische Fotoreporterin ihre Entführung, obwohl auch diese an ein politisches Ultimatum geknüpft war, in diesem Fall den Abzug der japanischen Soldaten binnen drei Tagen.

Im September 2004 gerieten die italienischen Unicef- Mitarbeiterinnen Simona Pari und Simona Torretta in Bagdad in den Hinterhalt einer Terrorgruppe, wurden aber frei gelassen. Fünf Monate lang sorgte sich später Frankreich um das Schicksal der "Liberation"-Reporterin Florence Aubenas. Sie und ihr Fahrer waren im Januar dieses Jahres entführt worden. Vor ihrer Freilassung im Juni tauchte ein Video als Lebenszeichen auf. Die einmonatige Geiselhaft der italienischen Journalistin Giuliana Sgrena endete zwar mit dem tragischen Tod eines italienischen Geheimagenten, verlief für die Geisel selbst aber glimpflich. In manchen dieser Fälle, so wurde später gemunkelt, hätten die Regierungen Lösegeld bezahlt, was freilich von staatlicher Seite stets dementiert wurde. Auch die Bundesrepublik betont in offiziellen Verlautbarungen, niemals Lösegeld zu zahlen - was Experten allerdings bezweifeln, zuletzt im Fall der Entführung und anschließenden Freilassung der Familie Wallert auf der südphilippinischen Insel Jolo im Sommer 2000.

Die meisten glücklich beendeten Entführungsfälle taugen aber nur bedingt als Vorbild für den deutschen Krisenstab - denn oft liefen die Befreiungsbemühungen chaotisch ab, und Glück spielte eine größere Rolle, als man hätte einplanen können. Frankreichs Krisenstab profitierte seinerzeit von der unerwarteten Hilfe des rumänischen Geheimdienstes. Sicher ist deshalb nur eines: Ohne Mittelsmänner, die eine Verbindung zu den Entführern herstellen können, dürften die Bestrebungen ins Leere laufen.

Hoffnungsschimmer für Susanne Osthoff?

Die entführte Susanne Osthoff lebt seit vielen Jahren im Irak, sie spricht fließend Arabisch, ist Muslimin, mit einem Jordanier verheiratet und arbeitet zudem für Hilfsprojekte und nicht etwa für die deutsche Regierung. Es ist vorstellbar, dass ihr das hilft - schon mehrmals haben islamistische Gruppen muslimische Geiseln wegen ihres Glaubens nicht getötet, und nationalistisch motivierte Terroristen haben mitunter solche Opfer verschont, die offensichtlich nicht im Einklang mit ihrer Regierung standen. Der Britin Margaret Hasan, die eine vergleichbaren Geschichte wie Susanne Osthoff hatte, nützte das im Oktober 2004 allerdings nichts: Sie wurde von ihrem Peinigern erschossen, obwohl sie mit einem Iraker verheiratet war.

Als Trost bleibt im Fall Osthoff derweil, dass Geisel-Hinrichtungen im Irak in den letzten Monaten seltener geworden sind. Vielleicht liegt das daran, dass die Terroristen gemerkt haben, dass sie durch diese Praxis auch unter ihren Sympathisanten an Unterstützung eingebüßt haben.



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