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Deutsche in Gaza: Angstschlaf im Bombenhagel

Aus Jerusalem berichtet Ulrike Putz

Seit Beginn der Luftangriffe kampieren sie im Freien und kochen über Holzfeuer, alle paar Minuten fällt eine Bombe. Die Deutsche Ute El Ankah lebt mit ihrer Familie in einem Dorf im Gaza-Streifen. Vergeblich versucht sie, ihre Kinder vor der Grausamkeit des Krieges zu schützen.

Jerusalem - Ihre Jüngste schläft nicht mehr einfach ein, "sie quält sich in den Schlaf", sagt Ute El Ankah. Elf Monate alt ist ihre Tochter erst, doch eines hat die Kleine in der vergangene Woche gelernt: Kaum ist sie weggenickt, kommt auch schon wieder dieser furchtbare Lärm, der sie alle paar Minuten hochschrecken lässt. Egal, ob Tag oder Nacht.

"Wenn die Bomben fallen, hüpft das ganze Kinderbett in die Luft". Die Angst, die sie als Mutter aussteht, kann die Deutsche kaum in Worte fassen. "Es zerreißt mir das Herz, die Kinder so leiden zu sehen."

Mit ihrem palästinensischen Ehemann und vier Kindern zwischen elf Monaten und zwölf Jahren lebt Ute El Ankah in einem Dorf im Norden des Gaza-Streifens: Mitten drin im Krieg. "Hinter Saladin sind nur noch Felder und nach fünf Kilometern die israelische Grenze", erzählt Ute El Ankah.

Das genau sei das Problem: Direkt hinter ihrem Haus beginne die Fläche, von der aus militante Palästinenser Raketen zündeten und die deshalb erstes Ziel der israelische Angriffe sei. "Hier kracht es mal alle fünf, zehn Minuten, mal jede halbe Stunde. Dann wackelt das Haus wie bei einem Erdbeben" , sagt Ute El Ankah am Telefon. Israel verwehrt ausländischen Reportern den Zugang zum Gaza-Streifen. Wer aufschreiben will, wie sich der Krieg anfühlt, muss es sich fernmündlich erzählen lassen.

Ute El Ankah stammt aus Gera, aufgewachsen ist sie in Hermsdorf in Neubrandenburg. Beim Bauwesen-Studium an der Technischen Universität (TU) Berlin verliebte sie sich vor 15 Jahren in Ragab El Ankah. Der Palästinenser aus dem Gaza-Streifen studierte ebenfalls an der TU, Elektrotechnik. Die beiden heirateten, bekamen Kinder, lebten abwechselnd in Deutschland und Gaza. Als die Schwiegermutter vor drei Jahren schwer krank wurde, zog die Familie ins palästinensische Dorf.

"Wenn kein Krieg ist, kann man hier gut leben"

Die El Ankahs sind Teil der nicht ganz kleinen deutschen Gemeinde in Gaza. Vier deutsche Frauen sind hier verheiratet, zudem sollen 120.000 Palästinenser mit deutschem Pass aus dem Küstengebiet stammen. "Wenn kein Krieg ist, kann man hier gut leben", sagt Ute El Ankah. Sie mag es, dass ihre Kinder "mit Murmeln und Fußball" groß werden, dass die Nachbarskinder sie nett grüßen und mit "Tante" anreden. Auch die Kinder liebten das Leben hier.

"In Deutschland wurden sie als 'Gaza-Fuzzis' beschimpft und verprügelt, hier werden Ausländer hoch geachtet", sagt Ute El Ankah. Doch wolle sie die Lage nicht schön reden. "Im Moment wäre ich am liebsten ganz weit weg."

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

An den Tag, an dem der Krieg ausbrach, erinnert sich Ute El Ankah mit Entsetzen. Einer ihrer Söhne war vergangenen Samstag noch in der Schule, als die israelische Luftwaffe ein Gebäude direkt daneben bombardierte. "Von weitem sahen wir eine meterhohe Fontäne aus Rauch und Steinen", erzählt sie. "Vom Dorf aus wirkte es, als sei die Schule getroffen."

Das ist der Schluss, das Ende, habe sie wieder und wieder gedacht. "Es waren die schlimmsten Minuten." Ihr Mann, der von der Arbeit nach Hause geeilt war, fand sie völlig aufgelöst. Er rannte sofort zur Schule.

Ragab El Ankah fand seinen Sohn wohlbehalten, im Klassenzimmer, unterm Tisch. Der Lehrer hatte gut reagiert. "In Gaza-Stadt sind Kinder umgekommen, als sie nach den ersten Angriffen panisch nach Hause rannten", sagt Ute El-Ankah.

"Frau Merkel soll uns mal besuchen kommen"

Im Gegensatz zu vielen anderen im Gaza-Streifen hat Ragab El Ankah Arbeit. Die Familie hat ein großes Haus, einen Nutzgarten, Schafe, Hühner: "Uns geht es vergleichsweise gut, wir haben zu essen", sagt Ute El Ankah. Viele um sie herum leben seit Monaten in bitterer Armut.

Schlimm ist auch die Kälte. Seit Beginn der Kämpfe kampiert die Familie unter ihrem auf Stelzen gebauten Haus. Das Wummern der Detonationen und die Druckwelle ist in geschlossenen Räumen stärker als im Freien. Seit Tagen gibt es kaum Strom, Wasser, und Gas schon gar nicht mehr. "Wenn wir Holz holen können, machen wir ein Feuer, um darauf etwas zu kochen."

Ute El Ankah telefoniert vom Haus ihrer Schwägerin aus. Sie selbst hat kein Festnetz, und israelische Drohnen stören den Handy-Empfang. "Machen wir schnell, das Haus meiner Schwägerin steht direkt an der Straße und ist nicht sicher", sagt sie. Schon vor Tagen sind alle Fensterscheiben zu Bruch gegangen.

Vor allem eine Sache treibt Ute El Ankah in diesen Tagen um: Was sage ich meinen Kindern? Immer wieder kommt sie darauf zurück. Früher, als das noch möglich war, sei sie fast täglich mit dem Auto nach Israel gefahren. Die Kinder kamen mit und spielten mit israelischen Freunden. "Jetzt fragen mich meine Kinder: Was haben wir denen getan, dass sie uns erschießen? Wörtlich, genau so."

Deutschlands Haltung gegenüber dem Gaza-Krieg empört Ute El Ankah. Wenn es mal Strom gibt, schaut die Familie über Satellit ARD, ZDF oder RTL. Kürzlich sahen sie Bundeskanzlerin Angela Merkel im Fernsehen, als diese sich zum Gaza-Konflikt äußerte. Merkel macht "eindeutig und ausschließlich" die islamistische Hamas für die gegenwärtige Gewalt im Nahen Osten verantwortlich.

"Wie soll ich meinem Sohn das nun erklären?", sagt Ute El Ankah ratlos, "nämlich dass die Bundeskanzlerin der Ansicht ist, dass er verdient, was er gerade erlebt?" Hätte Ute El Ankah einen einzigen Wunsch frei, sie wüsste, welcher das wäre. "Frau Merkel soll uns mal eine Woche besuchen kommen und mit uns leben. Danach würde sie anders reden."

Eltern verlieren ihre Kinder, Kinder werden zu Waisen

Die El Ankahs versuchen, ihre Kinder vor der Grausamkeit des Krieges zu schützen. Wenn die Bilder im Fernsehen allzu blutig sind, müssen die Kleinen weggucken. Doch was, wenn der Krieg vor der Haustür stattfindet, wo man nicht wegschauen kann?

Das Haus eines Schulfreundes ihres Ältesten ist in die Luft geflogen, der Freund ist tot. Ein Kollege von Ragab El Ankah hat zwei kleine Töchter verloren: Sie waren heruntergegangen, um den Müll rauszubringen, als ein israelischer Kampfjet feuerte. Ihr Bruder, der ihnen gefolgt war, wurde schwer verletzt. "Er hat das halbe Gesicht verloren", sagt Ute El Ankah.

Die Schreckensmeldungen seien nur ein Bruchteil dessen, was sie Tag für Tag aus dem Freundes- und Verwandtenkreis hörten. "Was hier in Bewegung gesetzt wird, ist eine unendliche Kette des Leidens: Eltern, die ihre Kinder verlieren, Kinder, die zu Waisen werden. Das wird eine ganze Generation prägen."

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