Propagandavideo Deutscher Dschihadist ruft Muslime zum Kampf in Syrien auf

Er ist schwer verletzt, aber am Leben. Der deutsche Salafist Denis Cuspert hat sich mit einem neuen Video aus dem syrischen Bürgerkrieg gemeldet. Zuvor war über den Tod des Islamisten spekuliert worden. Das BKA warnt vor dem ehemaligen Rapper.

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Dschihadist Cuspert: "Mein Gehirn kam ein bisschen raus"

Dschihadist Cuspert: "Mein Gehirn kam ein bisschen raus"


Hamburg/Düsseldorf - "Ich bin nur leicht halb gelähmt": In einem mehr als einstündigen Video-Interview hat der deutsche Dschihadist Denis Cuspert Gerüchte ausgeräumt, er sei in Syrien getötet worden. Das Video wurde am Sonntag von der "Globalen Islamischen Medienfront", einer islamistischen Propagandagruppe, ins Internet gestellt.

Cuspert war vor einigen Wochen bei einem Bombenangriff im Norden Syriens schwer verletzt worden. "Mein Kopf war offen gewesen, und mein Gehirn kam ein bisschen raus", sagt Cuspert, der sich seit einigen Jahren Abu Talha al-Almani nennt. Er sei in mehreren Krankenhäusern behandelt worden und habe vier bis fünf Tage im Koma gelegen. In dem Video ist zu sehen, dass das rechte Auge verletzt ist. Zudem ist offenbar seine linke Körperhälfte teilweise gelähmt.

Der 38-Jährige gilt als einer der berüchtigtsten deutschen Salafisten. Im Computersystem der Polizei ist Denis Mamadou Gerhard Cuspert bereits seit Juni 2012 zur "Festnahme aufgrund Haftbefehl" ausgeschrieben. Er soll sich damals zunächst nach Ägypten abgesetzt haben und später nach Syrien gelangt sein. Zuletzt hatte Cuspert Anfang Mai 2012 für Aufsehen in Deutschland gesorgt, als er bei Ausschreitungen von Salafisten in Bonn als Rädelsführer auftrat. Die Polizei ermittelte daher wegen besonders schweren Landfriedensbruchs gegen ihn.

Cuspert ruft Muslime in Deutschland zur Auswanderung auf

In Berlin war Cuspert in den Jahren zuvor wegen Diebstählen, Einbrüchen, Raubes, Erpressung, Körperverletzung und Totschlags immer wieder in den Fokus der Behörden geraten. Unter dem Namen Deso Dogg hatte er als Gangsta-Rapper über Frauen und Drogen gesungen. Die Ermittler stuften ihn als "Konsumenten von Betäubungsmitteln" ein, wie es in einem internen Dokument des Landeskriminalamts heißt, in dem auch vor Cusperts Gewalttätigkeit und vor "Explosivstoffen" gewarnt wurde.

In dem Video-Interview sagt Cuspert nun, der Haftbefehl interessiere ihn "nicht die Bohne". Stattdessen droht er den deutschen Behörden: "Ihr Kuffar (Ungläubige, d. Red.) habt auch einen Haftbefehl vom islamischen Staat. Und den werden wir, so Allah will, durchführen."

Wo genau in Syrien sich Cuspert derzeit aufhält, ist unklar. Während des Interviews sitzt er auf einer Terrasse, im Hintergrund ist ein bewaldeter Hügel zu sehen. "Wir leben in einer Villa am Rande des Schlachtfelds", sagt er.

Cuspert ruft die Muslime in Deutschland zum Verlassen des Landes auf. "Wandert aus! Sucht euch einen besseren Ort, die Erde ist groß genug. Die Türkei ist ein Islam-ähnliches Land. Geht erst mal dort hin, dann sehen wir weiter", rät der Salafist.

Am meisten könnten die deutschen Muslime ihrer Religion jedoch dienen, wenn sie sich den Kämpfern in Syrien anschlössen, sagt Cuspert. "Nehmt eure Frauen und Kinder mit, es gibt auch Freizeitbeschäftigungen für die Kinder." Auch Frauen könnten sich nützlich machen - "und wenn ihr nur die Häuser putzt".

Entschieden bestreitet Cuspert, dass er sich der Freien Syrischen Armee (FSA) angeschlossen habe, die gegen Diktator Baschar al-Assad kämpft. Stattdessen gehöre er zu den Mudschahidin, den Soldaten Allahs in Syrien. Die FSA lehne er ab, weil sie Syrien in einen demokratischen Staat verwandeln wolle. "Demokratie ist, wonach wir gar nicht streben", sagt Cuspert.

Zuletzt war Cuspert immer wieder in Propagandavideos der Szene aufgetreten und hatte dabei zu Selbstmordanschlägen aufgerufen: "Ich zünde die Bombe inmitten der Menge", verkündete er etwa im August. Diese Auftritte führten unter anderem dazu, dass das Bundeskriminalamt (BKA) mit Plakaten vor dem Extremisten warnt. Vor allem im Ausland sollten Verbündete, aber auch Mitarbeiter deutscher Botschaften und Bundeswehrangehörige für die abstrakte Gefahr sensibilisiert werden.

BKA fürchtet fanatisierte Einzeltäter

Besondere Sorge bereiten den Sicherheitsbehörden die nach Deutschland zurückkehrenden Gotteskrieger, die in Syrien oder im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Kampferfahrungen gesammelt haben. Die Bundesrepublik könne jederzeit Ziel von dschihadistischer Gewalt werden, heißt es in einem vertraulichen Lagebericht des BKA. So verfehlten anhaltende Aufrufe zum Heiligen Krieg im Internet ihre Wirkung in der Szene nicht, wie die geplanten Anschläge auf rechtsextreme Politiker gezeigt hätten.

Vor allem den Führungspersonen des salafistischen Milieus wie Mohamed Mahmoud und eben Cuspert kommt dabei laut BKA ein hoher Einfluss zu. Mahmoud sitzt derzeit in einem türkischen Gefängnis. "Wenn wir die Möglichkeit haben, werden wir dich befreien", kündigt Cuspert mit tränenerstickter Stimme an.

Die radikalen Videos und Botschaften von Mahmoud und Cuspert könnten potentiellen Attentätern den Tatimpuls liefern. Angesprochen würden "junge Menschen, die im globalen Dschihad eine Kompensation für den persönlichen Misserfolg im gesellschaftlichen Leben" fänden, so die Staatsschützer. Spontane Anschläge fanatisierter Einzeltäter seien indes mit polizeilichen und nachrichtendienstlichen Mitteln kaum zu verhindern.

An dem jüngsten Video ist besonders bemerkenswert, dass es mit englischen Untertiteln versehen ist. Offenbar richtet sich der Salafist nicht mehr nur an Muslime in Deutschland, sondern auch in anderen westlichen Staaten.

Cuspert selbst bestreitet in dem Video, dass er die Absicht habe, nach Deutschland zurückzukehren. Wenn die Scharia, das islamische Recht, in ganz Syrien etabliert sei, werde er in den Irak oder nach Palästina weiterziehen, sagt Cuspert. Er glaube jedoch nicht, dass er den Syrien-Krieg überleben werde.

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