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Bürgerkrieg in Syrien: Das Rätsel des deutschen Spionage-Schiffs

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Vor der syrischen Küste soll ein Aufklärungsschiff der Deutschen Marine kreuzen, nach Angaben eines BND-Mannes unterstützt der Aufklärer Syriens Rebellen im Kampf gegen Assads Regime. Die Opposition ist empört. Doch ob deutsche Geheimdienstler den Rebellen so wirklich helfen, ist fraglich.

Flottendienstboot "Oker" (Archivbild): "Stolz über den wichtigen Beitrag des BND" Zur Großansicht
DPA / Marine

Flottendienstboot "Oker" (Archivbild): "Stolz über den wichtigen Beitrag des BND"

Berlin/Beirut - Die Bezeichnung klingt unspektakulär, doch hinter dem Begriff "Flottendienstboot" versteckt sich ein brisanter Auftrag: Ein solches Schiff der Deutschen Marine, ausgestattet mit moderner Spionagetechnik, soll vor Syriens Küste unterwegs sein. Seine Mission: die Truppen von Baschar al-Assad auszuspionieren. Dies behauptet ein Geheimdienstler in einem Bericht der "Bild am Sonntag" und schürt damit den Zorn der Opposition.

Von den sogenannten Flottendienstbooten, die Telefon- und Radarinformationen sammeln, besitzt die Deutsche Marine drei Stück. Die Schiffe dienen offiziell dem "Aufrechterhalten der Fernmeldeverbindungen" sowie der "fernmeldeelektronischen Aufklärung" und heißen "Oste", "Oker" und "Alster". An Bord sollen etwa 40 Spezialisten des Kommandos "Strategische Aufklärung" sein.

Wie das Bundesverteidigungsministerium bestätigte, ist zurzeit das Flottendienstboot "Oker" im östlichen Mittelmeer stationiert. Es handele sich bei dem Einsatz aber nicht um Spionage, sagte Ressortsprecher Stefan Paris am Montag in Berlin. Bei der "Oker" handele es sich um eine unbewaffnete "Frühwarn-, Fernmelde- und Aufklärungseinheit". Das Schiff war 8. August von Eckernförde aus gestartet. Am vergangenen Freitag kam es in Cagliari (Sardinien) an. Am Montag verließ die "Oker" dort den Hafen mit unbekanntem Ziel.

Zu den genauen Zielen des Einsatzes und einem möglichen Zusammenhang mit den Kämpfen in Syrien wollte Paris keine Angaben machen. Flottendienstboote der Deutschen Marine operierten "seit Jahren auch routinemäßig im Bereich des Mittelmeeres".

Seit 2006 begleiten sie dort den internationalen Einsatz vor der libanesischen Küste. Bereits im Januar berichtete der SPIEGEL, dass eines der drei Flottendienstboote der Deutschen Marine, die "Alster", von Syriens Marine bedroht wurde, als sie nahe der syrischen Küste aufkreuzte. Schon damals empörten sich Teile der Opposition, dass ihnen der Einsatz angeblich verheimlicht wurde. Über unbewaffnete Missionen muss die Bundesregierung das Parlament nicht informieren.

Nun jedoch provoziert der BND erneut die Opposition. In einem Pressebericht brüstet sich der Auslandsgeheimdienst mit seiner angeblichen Bedeutung im syrischen Bürgerkrieg. Demnach behalten die Deutschen ihre Erkenntnisse nicht für sich, sondern leiten sie an britische und amerikanische Geheimdienste weiter - und diese an Syriens Rebellen. Er sei "stolz über den wichtigen Beitrag des BND zum Sturz des Assad-Regimes", lobt sich ein BND-Mitglied in dem Bericht selbst.

"Nicht-tödliches" Equipment für Assads Gegner

Die Opposition ist nun entrüstet. "Der BND soll Informationen für die Bundesregierung sammeln, nicht in einen Bürgerkrieg eingreifen", wetterte Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Über Einsätze der Bundeswehr müsse der Bundestag entscheiden.

Ob allerdings Syriens Rebellen die Informationen der Deutschen viel helfen würden, darf als fraglich gelten. Zwar sind die deutschen Schiffe bestens ausgerüstet: Mit Radartechnik sollen sie bis zu 600 Kilometer weit ins Land Truppenbewegungen beobachten können.

Doch die syrischen Aufständischen haben selbst Informationsquellen - möglicherweise bessere als der deutsche Geheimdienst. Immer wieder wissen Rebellen von Offensiven des Assad-Militärs, noch bevor sie passieren. Der Grund: In den obersten Reihen der Truppe befinden sich Überläufer, die zwar im Amt bleiben, aber eng mit den Rebellen kooperieren.

Bestes Beispiel für die hervorragende Vernetzung von Syriens Rebellen ist ihr Bombenanschlag vom 18. Juli in Damaskus, bei dem vier von Assads engsten Beratern ums Leben kamen und dessen Bruder Mahir, Chef der Elite-Divisionen der Armee, nach Angaben von westlichen Diplomaten schwer verletzt wurde. Video-Aufnahmen der Rebellen, die vom Anschlag stammen sollen, zeigten damals, dass die Aufständischen offenbar den Polizei- und Notruffunk mithören konnten.

Die Rebellen haben in ihren Reihen viele Ex-Mitglieder aus Assads Militär und Geheimdienst, die entsprechendes Know-how mitbringen. Möglicherweise profitieren sie auch von ausländischer Unterstützung - allerdings eher aus Washington und London als aus Berlin. Die USA und Großbritannien stellen Assads Gegnern "nicht-tödliches" Equipment zur Verfügung, wozu Kommunikationstechnik zählt. US-Präsident Barack Obama will dafür insgesamt rund 20 Millionen Euro bereitstellen, die britische Regierung hat kürzlich weitere 6,3 Millionen Euro autorisiert, nachdem bereits rund 1,8 Millionen Euro ausgegeben wurden. Wofür genau das Geld verwendet wird, ist unbekannt. Berlin hat bisher lediglich humanitäre Hilfslieferungen an Syrien bestätigt.

Mit Material von dapd

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1. optional
eonyx81 20.08.2012
Damit zeigt sich mal wieder, dass Deutschland von einem Rechtsstaat langsam wieder in einen faschistischen Staat verwandelt. Langsam und allmählich. Mal ganz davon ab, dass er sich in innere Angelegenheiten eines söuveränen Staates einmischt. Aber wa interessiert das schon Berlin? Berlin tut was immer die USA wollen. Ganz eindeutig. Ich wäre nicht überrascht, wenn über Umwege auch deutsche Waffen an die Söldner (nicht Rebellen sondern Söldner! Auch Al-CIAdia) geliefert werden.
2. Herrje...
MartinB. 20.08.2012
Was glaubt die Opposition eigentlich, wozu solche Boote da sind? Oder die U-Boote der Marine? Oder die Fernmelde-Aufklärer des Heeres? Glauben die allen ernstes, all diese Ausrüstung läge eingemottet irgendwo herum und würde nur unter großen Tamtam und nach ausführlicher Berichterstattung aus dem Lager geholt? Der BND ist ein Geheimdienst, und deren Job ist die Spionage im Ausland. Da kann man Euphemismen bemühen wie man will. Das weiß die Opposition doch noch aus der eigenen Regierungszeit. Die Empörung ist doch geschauspielert, um sich bei der eigenen Parteiklientel zu profilieren.
3.
glen13 20.08.2012
Zitat von sysopDPA / MarineVor der syrischen Küste soll ein Aufklärungsschiff der deutschen Marine kreuzen, nach Angaben eines BND-Mannes unterstützt der Aufklärer Syriens Rebellen im Kampf gegen Assads Regime. Die Opposition ist empört. Doch ob deutsche Geheimdienstler den Rebellen so wirklich helfen, ist fraglich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850983,00.html
Liebe Opposition, bitte empört Euch nicht. Wie Ihr aus vielen Anhörungen wisst, gibt es doch gar keine deutschen Spionageboote. Also kann dieses Boot ausschließlich humanitären Zwecken dienen. Es wird Arzneimittel und Verbandszeug an Bord haben, um sowohl den Regierungstruppen, als auch den sogenannten Rebellen uneigennützig zur Seite zu stehen. Schließlich sind wir Deutschen neutral und die Menschenrechte leiten uns.
4. Wenn BND bzw die deutsche Marine...
Schroekel 20.08.2012
Zitat von sysopDPA / MarineVor der syrischen Küste soll ein Aufklärungsschiff der deutschen Marine kreuzen, nach Angaben eines BND-Mannes unterstützt der Aufklärer Syriens Rebellen im Kampf gegen Assads Regime. Die Opposition ist empört. Doch ob deutsche Geheimdienstler den Rebellen so wirklich helfen, ist fraglich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850983,00.html
...den Aufständischen in Syrien mit Informationen über Assads Armee versorgt und somit die Menschen in Syrien vor den Angriffen der Armee von Assads Mafia-Clan schützt, wäre das in der Tat hervorragend und ich würde zum ersten Mal in meinem Leben aufrichtig den Hut vor BND und Bundeswehr lüften. BND und Marine würden sich endlich einmal wirklich nützlich machen, nur - mir fehlt leider der Glaube, das dem so sein könnte. Frau Merkel und dieser Regierung fehlt der Mumm für soetwas. Leider.
5. Hut ab liebe Autoren
solibra 20.08.2012
Den Bogen muss man erstmal schlagen: Dass Bundeswehr und BND für die syrischen Rebellen militärische Aufklärung betreiben ist also deshalb OK, weil diese gar nicht auf die Informationen aus Deutschland angewiesen sind? Danke für diese haarscharfe Analyse.
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