Deutschland-Bild in Kenia: Zur Strafe den Stinkefinger

Von Horand Knaup, Nairobi

Samuel hat Respekt vor den Deutschen, weil sie gute Ingenieure haben, eine starke Wirtschaft, und tolle Autos bauen. Aber "ein bisschen rassistisch sind sie schon, oder?", meint der Taxifahrer. Und im Verkehr verlieren sie leicht die Nerven.

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Horand Knaup

Taxifahrer Samuel in Nairobi: "Sind die Deutschen Rassisten?"

Der Taxifahrer meines Vertrauens in Nairobi heißt Samuel. Samuel ist 36, ist Vater von drei Kindern, hat einmal das Bankfach bei einer internationalen Großbank gelernt, verlor dann aber während einer der vielen Krisen Anfang des Jahrtausends seinen Job. Er versuchte ein bisschen dieses und jenes, bevor er seine Laufbahn als Chauffeur begann.

Ich liebe Samuel. Weil er jeden Tag Zeitung liest, weil er sich für die Irrungen und Wirrungen der kenianischen Innenpolitik interessiert; weil er sich im täglichen Verkehrskrieg von Nairobi in seinem Kleinwagen mit wachem Auge und stoischer Gelassenheit gegen rücksichtslose Trucker und Kleinbusfahrer behauptet.

Samuel hat Respekt vor den Deutschen. Vor ihrer Ingenieurskunst. Vor der Präzision ihrer Arbeit. Vor der hohen Qualität ihrer Fahrzeuge. "Sie bauen super Autos", sagt er. "Alle wissen das." Er selbst fuhr vor Jahren mal einen VW Golf.

Nur leider, leider seien die deutschen die falschen Autos für die Kundschaft in Kenia. Der Preis ist zu hoch, sie halten zu lange, Ersatzteile sind teuer und obendrein oft nur schwer zu bekommen. "Kenianer brauchen Autos mit erschwinglichen Ersatzteilen", sagt er. Sie brauchen ein enges Netz von Werkstätten. Sie brauchen Modelle, die man auch ohne elektronische Messgeräte wieder flott bekommt. Alle 2000 Kilometer eine kleinere Reparatur sei leichter zu verkraften als alle 15.000 Kilometer eine große.

Auch sonst hat Samuel Achtung vor den Deutschen. Klar, beim Fußball gehören wie bei allen Kenianern eher die britischen Clubs zu seinen Favoriten. "Aber eure Wirtschaft ist stark. Als einzige in Europa seid ihr kaum betroffen von der Euro-Krise."

Ansonsten weiß er von Deutschland nicht viel. Dass es kalte Winter geben soll. Und von der Schwebebahn in Wuppertal hat er gehört. Eine Bahn, die durch eine Stadt schwebt? Schon über hundert Jahre lang? Das würde er sich gerne einmal anschauen. Auch eine ganze Portion Patriotismus will er bei den Deutschen beobachtet haben. Neulich, bei der Fußball-Europameisterschaft, hätten einige von ihnen ihre Autos beflaggt, und eine deutsche Kundin habe sich sogar mit schwarz-rot-goldenen Fingernägeln in seinen Wagen gesetzt.

Samuel fährt am liebsten Weiße. Weil sie besser zahlen und weil er sich dann um seine Sicherheit keine Sorgen machen muss. Seit er vor zwei Jahren einmal in seinem Fahrzeug überfallen wurde, nimmt er keine fremden Afrikaner mehr mit. Weiße dagegen schon.

Deutsche sind als Kunden nicht beliebt

Aber zur beliebtesten Klientel in seiner Branche gehören die Deutschen nicht. "Sie schauen sehr aufs Geld, vielleicht zu sehr", sagt Samuel. "Die Amerikaner geben ordentlich Trinkgeld, die Deutschen eher weniger." Er berichtet von Safari-Chauffeuren, die würden Deutsche als Gäste schon mal ausfallen lassen und lieber auf britische oder amerikanische Kundschaft warten.

Und dann fragt er vorsichtig: "Sind die Deutschen Rassisten?"

"In ihrer Mehrheit bestimmt nicht. Wie kommst du denn darauf?"

"Na, ein bisschen rassistisch sind sie aber schon, oder?"

Es stellt sich heraus, dass eine von Samuels Cousinen in Berlin lebt. Seit einigen Jahren schon, und sie hat nicht nur Gutes nach Kenia übermittelt. Manche Restaurants würde sie meiden und manche Geschäfte auch. Das Servicepersonal lasse bisweilen wenig freundliche Bemerkungen fallen, und wenn sie um eine Warenauskunft bitte, hätten Verkäuferinnen sie schon rüde abblitzen lassen.

Und noch etwas ist Samuel an seiner deutschen Kundschaft aufgefallen: "Die Deutschen sind sehr ungeduldig."

Tatsächlich ist der Straßenverkehr in Nairobi eine echte Herausforderung für ein europäisch konditioniertes Nervenkostüm. Polizisten, die den Verkehr eher nach Willkür regeln. Staus, weil sich Dutzende von Autofahrern so lange auf die gleiche Kreuzung schieben, bis es zum finalen Stillstand kommt. Kleinbusse, sogenannte Matatus, die sich in jede Lücke quetschen. Und wenn es keine Lücke gibt, eröffnen ihre Fahrer einfach auf dem Grünstreifen oder im Staub eine dritte oder auch vierte Spur. Und wenn dann obendrein noch die Präsidentenkolonne mit ihren 24 Fahrzeugen naht, geht für 45 Minuten überhaupt nichts mehr.

Als Samuel einmal ein Geisterfahrer auf seiner Fahrbahn entgegenkam, was in Nairobi schon mal vorkommen kann, kurbelte sein (deutscher) Fahrgast das Fenster herunter und zeigte dem Falschfahrer empört den Stinkefinger. Bei Briten oder Amerikanern hat er so etwas noch nicht erlebt, sagt Samuel.

Aber Samuel hat Geduld mit den Deutschen. Er fährt mich immer noch.

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Ja, das sind die Deutschen.
chris66 07.08.2012
Wenn ein Fußgänger in D über die rote Ampel geht und ein sich nähender Autofahrer dieses registriert, tritt der pflichtbewusste Deutsche auf's Gaspedal, um den Delinquenten gehörig zu erschrecken und ihm zu zeigen, welch schlimme Ordnungswidrigkeit er begannen hat. Autoritarismus und Rassismus sind 2 Seiten einer Medaille, dass hat der Taxifahrer aus Nairobi gut erkannt.
2.
GSYBE 07.08.2012
Sehr vornehm ausgedrückt.
3. Rassisten...
akmsu74 07.08.2012
...also. Zitat: "Samuel fährt am liebsten Weiße. Weil sie besser zahlen und weil er sich dann um seine Sicherheit keine Sorgen machen muss. Seit er vor zwei Jahren einmal in seinem Fahrzeug überfallen wurde, nimmt er keine fremden Afrikaner mehr mit. Weiße dagegen schon." WER ist da der Rassist? Bzw. ist "ein bisschen" Rassismus möglicherweise nicht ganz unbegründet?
4.
mocki 07.08.2012
Hm der Fahrer nimmt keine Afrikaner mit weil er einmal überfallen wurde und dann fragt der ob Deutsche Rassisten seien? Oh man. Soll der Text ne Satire sein?
5. europäisch konditioniertes Nervenkostüm
Neinsowas 07.08.2012
hallo, schon mal in Italien, Südfrankreich, Spanien oder Portugal Auto gefahren? Einmal durch Florenz, Lissabon oder Barcelona? ( nicht die Autopistas...) Sie meinten ganz bestimmt : "deutsch-konditioniertes Nervenkostüm"...., da wir von Schildern, Blitzern und "Sheriffs" geprägt sind...
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Fläche: 582.646 km²

Bevölkerung: 40,513 Mio.

Hauptstadt: Nairobi

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Uhuru Kenyatta

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