Deutschland erlaubt Einreise aus Ungarn "Welcome to Munich"

Am Samstagmittag sind am Hauptbahnhof in München die ersten Flüchtlinge eingetroffen, die seit heute Nacht von Ungarn nach Österreich und Deutschland einreisen dürfen. Tausende weitere Menschen werden am Wochenende erwartet.


Am Hauptbahnhof in München sind Samstag die ersten Flüchtlinge angekommen, die nach der Entscheidung in der Nacht von Ungarn über Österreich nach Deutschland reisen können. Gegen 13.20 Uhr erreichte ein erster Sonderzug mit etwa 450 Flüchtlingen die bayerische Landeshauptstadt. Bahnhofssprecher begrüßten die Ankommenden mit den Worten: "Welcome in Munich", auch auf Plakaten stand "Welcome to Munich".

Die Menschen wurden nach ihrer Ankunft in eine S-Bahn geleitet, die sie zu einer Erstversorgungseinrichtung bringen soll. Ein weiterer Sonderzug wird erwartet. Zudem werden bis Samstagabend zwölf reguläre Züge aus Österreich in München ankommen, wie der Sprecher der Bundespolizei weiter sagte.

Seit Mitternacht sind in mehreren anderen Zügen etwa 350 Flüchtlinge eingetroffen. Die bayerische Polizei erwartet im Laufe des Wochenendes zwischen 5000 und 10.000 Flüchtlinge, verlässliche Zahlen gebe es noch nicht.

Auch im thüringischen Saalfeld wurde gegen 20.30 Uhr ein Sonderzug aus Österreich mit 500 Flüchtlingen erwartet. Von dort sollen die Menschen mit Bussen auf Unterkünfte in den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verteilt werden. Brandenburg richtete sich ebenfalls für die Aufnahme von 200 Menschen ein. Ein Teil der Flüchtlinge wurde auch in Berlin erwartet.

Flüchtlinge werden in Deutschland nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Er wird jedes Jahr entsprechend der Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl der Länder berechnet und soll auch für die aus Ungarn einreisenden Flüchtlinge gelten.

Ungarn hatte am Freitagabend entschieden, Tausende Flüchtlinge, die tagelang am Bahnhof von Budapest festgesessen hatten, mit hundert Bussen an die österreichische Grenze zu bringen. Österreich und Deutschland erklärten sich daraufhin bereit, die Flüchtlinge einreisen zu lassen.

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Flüchtlinge Ungarn: Massentreck auf der M1
Am Samstag machen sich hundert weitere Flüchtlinge nach Angaben eines Reuters-Fotografen vom Ostbahnhof in Budapest zu Fuß auf den Weg nach Wien. Am Freitag waren von dort schon rund tausend Flüchtlinge in Richtung Autobahn losgegangen; sie sollten in der Nacht von den Bussen eingesammelt werden. Das Innenministerium in Wien rechnet damit, dass rund zehntausend Flüchtlinge aus Ungarn nach Österreich kommen.

In den vergangenen Tagen hatte die ungarische Regierung die Kontrolle über die Situation verloren, es spielten sich chaotische Szenen ab: Hunderte Migranten versuchten dort, in Züge in Richtung Westen zu gelangen. Andere flohen aus Aufnahmelagern und bahnten sich aus überfüllten Bahnhöfen ihren Weg auch durch Polizeisperren in Richtung Westen.

Der Stabschef des ungarischen Ministerpräsidenten bekräftige am Freitag, dass sein Land von einer "Flüchtlingskrise erschüttert" werde. Schuld daran seien Deutschland und die Inkompetenz der EU. Ministerpräsident Victor Orbán hatte am Donnerstag während einer Pressekonferenz mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in Brüssel den Andrang der Flüchtlinge bereits als deutsches Problem bezeichnet.

Steinmeier: Ausreiseerlaubnis von Ungarn war eine Ausnahme

Der französische EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici verteidigte die Politik der Bundesregierung am Freitag dagegen: "Angela Merkels Haltung in dieser Krise verdient Respekt", sagte er am Rande eines Wirtschaftstreffens in der Türkei.

Zudem mahnte er an, dass sich eine Lösung im Umgang mit der hohen Zahl an Flüchtlingen nicht nationalistisch finden lasse, die Sorge um die Menschenrechte sei Teil der europäischen Identität.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier teilte am Samstag mit, die Vereinbarung zur Weiterreise Tausender Flüchtlinge von Ungarn Richtung Deutschland sei eine Ausnahme. "Die Hilfe in der gestrigen Notlage war verbunden mit der dringenden Mahnung dafür, daraus gerade keine Praxis für die nächsten Tage zu machen", sagte Steinmeier und sprach sich für einen EU-Sondergipfel zur Flüchtlingsfrage Anfang Oktober aus.

Man könne nicht warten bis zum regulären Termin Mitte Oktober. Eine Einigung auf eine Quote zur Verteilung der Flüchtlinge auf die Mitgliedstaaten habe es beim EU-Außenministertreffen in Luxemburg nicht gegeben.

lgr/dpa/Reuters/AFP

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