Deutsch-französische Freundschaft Nur zusammen sind wir groß

Deutschland und Frankreich feiern den 55. Jahrestag des Élysée-Vertrags. Beide Länder sind aufeinander angewiesen. Deshalb sollten wir alle zumindest eine Ahnung von Vertrautheit mit dem Nachbarn haben.

Französische Flagge vor dem Eiffelturm
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Französische Flagge vor dem Eiffelturm

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Ein Auszug aus dem Buch "Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land" von SPIEGEL-Autor Nils Minkmar.

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Nils Minkmar:
Das geheime Frankreich

Geschichten aus einem freien Land

S. Fischer; 208 Seiten; 22 Euro (gebunden)

Unsere Nationalstaaten sind geschrumpft, auch wenn es unsere Nationalpolitiker nicht gern zugeben, auch wenn die nationalen Medien nach wie vor so tun, als sei der Regierungschef genau ihres Landes ein politisch-diplomatischer Superstar. Wahr ist, dass die diversen europäischen Premiers und Präsidenten sich auf der Bühne der Welt verlaufen und von einem immer größer werdenden Publikum nicht mehr zu erkennen sind. Unvergessen ist mir, wie bei einem von der ganzen Welt besuchten Klimagipfel plötzlich Nicolas Sarkozy aus einem Besprechungszimmer trat und ein Fotograf hinter mir seine Kollegen fragte, wer das sei? Etwa der Bürgermeister von Kopenhagen?

Nur in Frankreich weltbekannt

In Frankreich wäre das nicht passiert - da war Sarkozy weltbekannt, über Jahre nahezu täglich im Fernsehen. Aber kaum überschreitet man die Ländergrenzen, verschwimmen die Verhältnisse und man sieht wie durch Milchglasscheiben. Obwohl man die Lichtverhältnisse wahrnimmt und die Silhouetten ahnt, wird es doch schwer zu erkennen, was nebenan vor sich geht.

Das wird aber immer wichtiger. Erst zusammen mit Frankreich wird Deutschland eine wahrnehmbare Größe, in Europa und in der Welt. Nur diese beiden Länder zusammen ergeben eine interessante Einheit, erzählen in ihrer singulären historischen Partnerschaft eine weltweit inspirierende Geschichte. Aber noch ist sie nicht vollendet. Es ist keine Prophezeiungskraft vonnöten: Wenn sich Deutschland und Frankreich entwickeln oder auch nur behaupten wollen, sind sie aufeinander angewiesen. Und dann ist es heute ratsam, Schülerinnen und Schüler so auszubilden, dass sie zumindest eine Ahnung von Vertrautheit mit dem Nachbarland haben.

Wie oft habe ich diese soziale Standardsituation erlebt: Ein Mann meines Alters hat Karriere gemacht, sei es in der Politik, den Medien oder der Industrie, und hegt nun weitere Ambitionen. Ist er Franzose, muss er sich mit Deutschland auskennen, mit seinen deutschen Kollegen arbeiten, ist er Deutscher, dann wird sein französischer Konterpart der wichtigste Mensch in seinem Berufsleben. Dann fällt, in diesen oder ähnlichen Worten, der Satz, dass sie den anderen nun öfter sehen als den Ehepartner und wünschten, etwas besser auf diese Situation vorbereitet worden zu sein.

Frankreich ist in Regeln verliebt, in Pläne, Prozesse und Vorschriften. Jeder noch so kleine Verwaltungsakt, jede schulische Etappe und geschäftliche Kleinigkeit ist in einschüchternd detaillierter Manier vorgeschrieben. Das wiederum - und hier wird es faszinierend - befördert in dialektischer Weise eine unbändige anarchische Tendenz.

Es gibt immer noch ein Geheimnis

Man kann das ganz häufig erleben: Es wird hoheitlich eine eherne Regel verkündet - und dann auch die Ausnahme, der Umweg. Neulich hatte ich in einer Tasche ein kleines Schweizermesser vergessen, als ich eine Ausstellung im Grand Palais in Paris besuchen wollte. Der Taschenkontrolleur am Eingang entdeckte es sofort und hielt es ganz hoch: Das sei verboten. Ich suchte nach einem Ausweg, aber er war schneller: Ja, dann gehen sie doch kurz raus und verstecken es bei uns im Garten. Ich ging an der Schlange entlang wieder hinaus. Einer der Wartenden sagte zu seiner Begleiterin: "Schau mal, der Herr geht und vergräbt sein Taschenmesser dort im Vorgarten!" Jeder kennt die Regel, jeder die Ausnahme: In einem Augenblick ist man ein Bürger, der in vorderster Front mithilft im Kampf gegen den Terror - dann wieder springt man wie ein Osterhase durch Büsche, um mitten in Paris Messer zwischen Tulpen zu vergraben. Die sorgsam gepflegten Beete vor den großen Museen sind zugleich auch Nester für Waffen.

Es gibt immer noch ein Geheimnis, einen Nebenausgang, eine ganz andere Wahrheit. So funktionieren der Staat und das öffentliche Leben. Geheimnisse gibt es in allen Familien und bei allen Menschen, aber die in Frankreich sozial gut eingeführte Währung des Familiengeheimnisses erlaubt es, wie mit einem Verkehrsschild die Neugier umzuleiten - dorthin führt kein Weg. Was genau ein Geheimnis konstituiert, ist natürlich kulturell definiert und in Deutschland ganz anders gelagert als in Frankreich. Überhaupt ist es in einem mindestens zur Hälfte protestantisch geprägten Land generell gut angesehen, wenn man etwas offen besprechen möchte.

In Frankreich aber ist das nicht so. Der Wunsch, die Dinge mal offen und tabulos zu besprechen, klingt in französischen Ohren erst mal wie eine Grobheit, wenn nicht wie eine Drohung. Ebenso gut könnte man vorschlagen, sich einmal ohne Schuhe und Strümpfe auf dem Boden in den Kreis zu setzen. Man würde vielleicht, um Zeit zu gewinnen, "warum nicht?" antworten, dann aber Wege finden, damit es nicht so weit kommt.

Die ernsten Dinge werden angesprochen, es geht ja gar nicht anders, aber eben in eigenen Formeln: Zur Realität gibt es immer Alternativen, die Gewalt der Worte ist nicht zu unterschätzen. Ist jemand ernsthaft erkrankt, spricht man davon, dass er müde sei, fatigué. Die Steuerfahndung klingelt schon, Gefängnis droht - diese Person steht gegenwärtig in heikler Beziehung zum Fiskus: en délicatesse. Eine Person hört Stimmen, tobt, würgt eine Mitarbeiterin oder zertrümmert einen Blumentopf auf dem Schädel der greisen Nachbarin - dieser Mensch ist nicht etwa kriminell oder wahnsinnig, er durchleidet eine bouffée délirante, eine psychotische Episode, wie sie in jedem Leben halt mal vorkommen kann. Es gibt zur Behandlung hervorragende Villen im Grünen, sehr diskret. Das bedeutet nicht, dass das Vorhandensein oder die Dramatik solcher Handlungen, Krankheiten und Extremsituationen geleugnet oder verdrängt wird. Man gibt der Sache nur einen gewissen Spin, denn es ist immer noch das Subjekt, das die Welt gestaltet, und es sind nicht angebliche Tatsachen, an denen ein Verhalten auszurichten wäre.

Höflichkeit als Schachspiel

Wie aber lebt man zivilisiert? Dafür gibt es nur eine einzige Kategorie, und sie bestimmt das Leben in Frankreich von der Kindheit an, die Höflichkeit.

Höfliche Kommunikation ist eine Art Simulationsschach: Was spricht man an, was nicht? In welche Lage bugsiert man sein Gegenüber mit einer Aussage und wie steht der dann da? Und erneut ist der Umgang mit der Macht der Benennung die entscheidende Kategorie.

Es waren heiße Tage gewesen in den Sommerferien an der Atlantikküste. Die tapfere Müllabfuhr - die auch in Ferienorten jeden Tag kommt, und zwar meistens in den frühen Morgenstunden, um keine Staus zu verursachen - hatte unsere Mülltonne zu hastig geleert, Fischreste waren übrig geblieben, die Köpfe von Schalentieren, und keiner hatte es gemerkt - die Sache stank zum Himmel. Keine besonders schlimme, aber eben eine deutlich wahrnehmbare Sache: Der Mensch ist darauf eingestellt, giftige Stoffe am Geruch zu erkennen, die Nase schlägt sofort Alarm. Während ich die Tonne per Gartenschlauch und Spezialreiniger säuberte, kam Besuch. Es war ein älterer Nachbar, der schon mit meinem Großvater bekannt gewesen war, ein ehrwürdiger Herr, der nur der Präsident genannt wurde.

Er hatte ein kleines Anliegen und stolperte nun vom Fahrrad in diese Giftgaswolke fischigen Ursprungs. Ich wollte schon wortreich eine Erklärung formulieren, ihn warnen und mich entschuldigen, aber der Präsident tat einfach so, als sei nichts. Keine Mülltonne in der Einfahrt, keine Gummihandschuhe, kein Putzwasser und keine Pestilenz. Die Situation war zu komplex für den flüchtigen Besuch: Hätte er anbieten sollen, mir zu helfen? Hatte er mich, ohne es zu wollen, in eine peinliche Situation gebracht, weil er mich in einem derart unangenehmen Moment erwischte? Der Präsident entschloss sich also in Sekundenschnelle, die starke Geruchsbelästigung und meine seltsame Kluft, die ganze Situation dadurch zu bewältigen, dass er sie ignorierte. So machte er es uns beiden leicht. Die Begegnung war eine soziale Miniatur, ihm gleichermaßen zu wichtig und unwichtig, als dass ein gammliger Fischkopf am Grunde einer Mülltonne sie beeinträchtigen durfte.

Ich kann mir keine einzige Szene und Konstellation ausmalen, in der ein deutscher Besucher so reagiert hätte. Nach meiner Einschätzung wäre es unter Deutschen, bei Deutschen immer thematisiert worden: Was ist denn da passiert? Es wäre nicht unangenehm gewesen, nicht anklagend, eher solidarisch und eben protestantisch-gemeinschaftlich. Es wäre aber immer angesprochen oder zumindest bemerkt worden.

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Europa! 22.01.2018
1. Nö
Die deutsch-französische Freundschaft ist eine wunderbare Leistung von de Gaulle & Adenauer, Mitterand & Kohl, Giscard d'Estaing und Schröder. Aber die Behauptung, erst durch Frankreich werde Deutschland zur wahrnehmbaren Größe, ist doch sehr übertrieben. Seit 2004 ist das Zentrum Europas nach Osten gerückt, und für Deutschland sind Polen, Tschechien, Ungarn, Österreich, Slowenien, Kroatien und die baltischen Staaten genauso wichtig wie Frankreich. Wir müssen aufpassen, dass die EU nach der Katastrophe vom September 2015 und dem Brexit nicht insgesamt zur quantité negligable wird.
obersterhofnarr 22.01.2018
2. Wann gibt es endlich
wenigstens die deutsch-französische Staatsbürgerschaft? Oder besser noch die Europabürgerschaft? Europa braucht keine Grenzen und Militär. Grenzen auf für alle Europäer!!!!!
Edgard 22.01.2018
3. Seit ich Frankreich kenne..
.. weil ich dort gearbeitet habe (Bretagne) und wir nun auch dort wohnen (Elsass, seit 7 Jahren) fällt mir - auch unter Berücksichtigung aller Schattenseiten - vor allem ein Adjektiv ein: liebenswert; insbesondere da wir als Grenzgänger - ("Wanderer zwischen den Welten" gefällt mir besser) jeden Tag den Unterschied zwischen Elsass und Baden erleben. Und da sind unsere Präferenzen klar... Man braucht kein Grenzschild um den Unterschied zu erleben wenn man mit dem Auto unterwegs ist: Sind auf einmal wieder alle 50m ein weiß-schwarzer Pfosten an den Straßenrändern und die Anzahl der Verkehrsschilder um den Faktor 20 (gefühlt) größer ist man wieder in Deutschland. Es gibt keinen echten Service und die Kinder grüßen auch nicht mehr. Und Kultur wird auch kaum gelebt sonder nur darüber fabuliert. Unsere Rente werden wir daher ganz sicher nicht in Deutschland verleben.
quark2@mailinator.com 22.01.2018
4.
Sorry, aber ich habe nicht das Gefühl, daß DE in dieser Partnerschaft gleichberechtigt vertreten ist. Egal ob EU-Sprache oder -Stimmenzahl, die Sachen mit Airbus und Ariane oder die Agrarsubventionen, die ganzen Atomkraftwerke in unserer Hauptwindrichtung oder diese parallele Rheinführung, die Euro-Kurzzeitkredit-Manipulationen durch eine eher unbekannte französische Bank, usw. ... Wenn diese Partnerschaft Bestand haben soll, sollte Frankreich DE endlich wirklich auf seine Füße kommen lassen. Der verfluchte Krieg ist 70 Jahre vorbei.
jamguy 22.01.2018
5.
Zitat von obersterhofnarrwenigstens die deutsch-französische Staatsbürgerschaft? Oder besser noch die Europabürgerschaft? Europa braucht keine Grenzen und Militär. Grenzen auf für alle Europäer!!!!!
Grenzen auf für alle Europäer!!!!! Das würde alles gut funktionieren nur dürften die eben nicht uneingeschränkt für die Wirtschaft offen sein so das Die nicht einfach abwandern können wegen Gewinnmaximierung .Wie gesagt wird wie seit der Antike immer der gleiche Fehler gemacht und falsch herum und nur Denen Zugeständnisse gemacht die am meissten haben und für solche Leute gibt es eben praktisch keine nationalen Gefühle da ein Reicher einfach in der Welt und überall gut zuhause sein kann.
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