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Deutschland im Visier: Terrorspur führt zum Mafiapaten von Mumbai

Von , Islamabad

Waffenhändler, Auftragskiller, Schmuggelkönig - und Strippenzieher in der Terrorszene: Der Inder Dawood Ibrahim ist einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt. Jetzt soll er die Einschleusung islamistischer Kämpfer nach Deutschland mitorganisiert haben.

Indiens Pate Ibrahim: Hat er islamistische Terroristen nach Deutschland eingeschleust? Zur Großansicht
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Indiens Pate Ibrahim: Hat er islamistische Terroristen nach Deutschland eingeschleust?

Die deutschen Sicherheitsbehörden hätten die Meldung des FBI behandeln können wie die vielen anderen Hinweise: zur Kenntnis nehmen, ein paar Tage lang unauffällig die Kontrollen an Flughäfen und Bahnhöfen verschärfen, abheften. Stattdessen wurde Deutschland in einen Terror-Ausnahmezustand versetzt.

Grund dafür ist auch ein Name, der in dem Warnhinweis der amerikanischen Ermittler an die Deutschen auftaucht: Dawood Ibrahim. Demnach soll dieser Mann dafür verantwortlich sein, dass zwei mutmaßliche Terroristen in diesen Tagen nach Deutschland geschleust werden. Angeblich sollen sie hier Attentate planen. Weitere Details sind nicht bekannt.

Die Behörden sind alarmiert: "Beim Namen Ibrahim werden wir hellhörig", sagt ein Mann vom Bundeskriminalamt (BKA).

Wer ist dieser Mann, 1,67 Meter groß, rundliches Gesicht, buschiger Schnurrbart, seitengescheiteltes, vermutlich noch schwarzes Haar? Warum sorgt sein Name für solche Aufmerksamkeit unter Sicherheitsleuten?

"Pate von Mumbai" wird er genannt, "Drogenkönig von Indien", er gilt in Sicherheitskreisen als Waffenhändler, Schmuggler, Schleuser, Erpresser, Geldwäscher und -fälscher, Auftragskiller, Finanzier der Bollywood-Filmwelt und seit bald zwei Jahrzehnten auch Unterstützer von Islamisten. In Indien steht Ibrahim, 54, ganz oben auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher, die USA bezeichnen ihn als "globalen Terroristen" und haben ihn auf eine Uno-Liste mit Terrorunterstützern setzen lassen. Und die Zeitschrift "Forbes" führt ihn regelmäßig als einen der mächtigsten Menschen der Welt.

Kindheit in ärmlichen Verhältnissen

Dabei lebt er seit Jahren im Untergrund, es existieren kaum Bilder von ihm. Indische Geheimdienstler behaupten, er wohne in Pakistan, "frei von Angst vor einer Verhaftung". Pakistan streitet das ab und erklärt, Ibrahim halte sich keineswegs innerhalb der Landesgrenzen auf. Auf der Interpol-Fahndungsliste stehen jedoch zwei pakistanische Adressen: "Weißes Haus, nahe der Saudi-Moschee, Clifton, Karatschi" ist eine, die andere, ebenfalls in der südpakistanischen Hafenmetropole, "Haus Nummer 37, Straße 30, Stadtteil Defence". Zumindest eine Zeitlang muss er dort gelebt haben.

Sheikh Dawood Ibrahim Kaskar wurde am 26. Dezember 1955 in Indien als eines von zehn Kindern geboren. Über den Geburtsort gibt es unterschiedliche Angaben, Interpol führt Mumbai und Ratnagiri auf. Als Sohn eines Polizisten wuchs er in ärmlichen Verhältnissen in einem Viertel von Mumbai auf. "Niemand hat geahnt, dass Dawood einmal so reich sein und ein weltweites Mafianetz knüpfen würde", sagte Mohammed Hanif Ibrahim, ein Adoptivbruder Dawood Ibrahims, einmal einer indischen Zeitung. Es habe oft wenig zu essen gegeben und die Töpfe seien nur voll gewesen, wenn der Vater mal wieder Schmiergeld von Schmugglern erhalten hatte.

Mohammed Hanif Ibrahim sagt, es sei der Vater gewesen, der aus Dawood und den Brüdern gemacht habe, was sie heute sind. "Wann immer sich jemand über sie beschwerte, tat er so, als würde er mit ihnen schimpfen. Aber später klopfte er ihnen auf den Rücken." Auch Mohammed Hanif selbst saß wegen Drogendelikten elf Jahre in indischen Gefängnissen.

Mitte der siebziger Jahre plündert Dawood gemeinsam mit ein paar Freunden ein Boot voller Schmuggelware. Fortan fährt er ein schickes Auto und trägt teure Kleidung. Dawood Ibrahim lernt, wie man mit krummen Deals schnell an Geld kommt. Er knüpft Kontakte zur Glitzerwelt von Bollywood, pflegt Freundschaften zu Schauspielern - und wird immer reicher. In Indien herrscht Notstandsgesetzgebung, Indira Gandhi regiert mit harter Hand und ordnet Razzien gegen die etablierten Banden an. Dawood Ibrahim nutzt die Chance des plötzlichen Machtvakuums in der Unterwelt von Mumbai und gründet, noch nicht einmal 20 Jahre alt, zusammen mit ein paar Freunden ein Syndikat, das in der Presse später "D-Company" genannt wird.

Aufbau eines streng hierarchischen Syndikats

Er finanziert mit seinem Geld Bollywood-Filme, von seiner Meinung - und der anderer Unterweltbosse - hängt ab, wer es in Mumbai zum Star schafft und wer nicht. Wer nicht bereit ist, Rechte an Filmen abzutreten und einen Teil der millionenschweren Gagen bei Dawood abzuliefern, wird mit Gewalt unter Druck gesetzt. "Gegen den Willen der Dons geht nichts", sagt ein Schauspieler aus Mumbai, der seinen Namen nicht genannt wissen will. Es handele sich um eine Art Schutzgeld, das die Reichen und Schönen zahlen müssten.

Die D-Company ist streng hierarchisch organisiert. Westliche Geheimdienstler schätzen die Zahl der aktiven Mitglieder auf etwa 5000. Es gibt Taporis und Goondas, die Fußsoldaten. Sie sind diejenigen, die die schmutzige Arbeit vor Ort machen. Darüber gibt es unterschiedliche Grade von Lieutenants, regionale Kommandeure und oben die Bhais, die Brüder, vergleichbar mit den Oberhäuptern der italienischen und italo-amerikanischen Mafiafamilien. So mancher Politiker in Indien soll auf der Gehaltsliste der Organisation stehen und für entsprechende Unterstützung von Regierungsstellen sorgen. Ganz oben thront Dawood Ibrahim, ein Muslim, dem diejenigen, die ihn kennen, nachsagen, er sei furchtbar eitel, achte auf tadellose Kleidung und ein gepflegtes Äußeres, trage gern Sonnenbrille und sei ansonsten wenig von Ideologie, hauptsächlich aber von Geld und Macht getrieben.

Doch als 1992 Hindunationalisten im nordindischen Ayodhya die berühmte Babri-Moschee zerstören und es daraufhin in ganz Indien zu Unruhen mit vielen Toten kommt, sinnt Ibrahim auf Rache. Am 12. März 1993 explodieren innerhalb weniger Stunden 13 Bomben in Mumbai, darunter im Air-India-Gebäude und in der 29 Stockwerke hohen Börse der Stadt. Mehr als 250 Menschen sterben, rund 1400 werden verletzt. Der Verdacht der Polizei richtet sich sofort auf Dawood Ibrahim und seine Gefolgsleute, die nach Dubai fliehen.

Von Dubai aus soll Ibrahim weiter nach Pakistan gereist sein, seither unterhält die D-Company Zentralen in Mumbai, Dubai und Karatschi. Nach Angaben von westlichen und indischen Sicherheitsexperten wechselt Ibrahim seinen Aufenthaltsort regelmäßig zwischen Karatschi, Lahore, Rawalpindi und Peschawar, nicht nur, weil nach ihm gefahndet werde, er habe auch eine Menge Feinde. Er bleibe aber stets in Pakistan. Laut Interpol verfügt er über mehrere Pässe, mit denen er sich mal als Inder, mal als Pakistaner oder Araber ausweist. Interpol kennt 25 Namen, die er nutzt.

Imperium mit Einfluss von den USA bis Malaysia

In Pakistan soll Ibrahim auch Kontakte zum Terrornetzwerk al-Qaida sowie zur Terrororganisation Lashkar-i-Toiba geknüpft haben, um den Kampf der islamischen Extremisten zu unterstützen. Der in Pakistan ansässigen Lashkar-i-Toiba wirft Indien vor, die Terrorangriffe auf Mumbai im November 2008 geplant zu haben. Ibrahim steht deshalb in Verdacht, einer der Drahtzieher zu sein.

"Nach wie vor ist sein Hauptgeschäft aber der Waffen- und Drogenschmuggel, seit ein paar Jahren auch das Immobiliengeschäft in mehreren Ländern sowie das Film-Business in Mumbai", sagt ein indischer Beobachter. Ibrahim sei nicht nur in Indien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Pakistan aktiv, sein Imperium erstrecke sich "von den USA bis nach Malaysia". Inzwischen sei er auch bei Wettgeschäften im Cricket "ganz groß dabei", bei internationalen Logistikdeals, er interessiere sich zudem für Telekommunikation. Die "Times of India" schreibt, Ibrahim sei einer der großen Player im Immobiliengeschäft von Mumbai, ein Geschäft, das er aus seinem Versteck im Ausland dank loyaler Mitstreiter steuere.

Das FBI und das BKA trauen Ibrahim zu, jetzt in einen geplanten Terror-Plot gegen Deutschland involviert zu sein. Inwieweit es eine echte Bedrohung gibt oder ob es sich nur um Panikmache durch Terroristen handelt, ist unklar. Der Name Dawood Ibrahim alleine genügt, dass die Beamten glauben, die Lage sei diesmal ernst.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Peinlich
semse 23.11.2010
Keiner weiß genau wo er geboren ist aber das er zwei Adressen in Pakistan hat, Indien sollte seiner Verantwortung gerecht werden und nicht jedes mal Pakistan die Schuld in die Schuhe schieben.
2. Handeln
A. Schulz 23.11.2010
Zitat von sysopWaffenhändler, Auftragskiller, Schmuggelkönig - und Strippenzieher in der Terrorszene: Der Inder Dawood Ibrahim ist einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt. Jetzt soll er die Einschleusung islamistischer Kämpfer nach Deutschland mitorganisiert haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,730619,00.html
Das ist doch alles unerhört. Wie lange wartet unsere Regierung noch, bevor sie endlich etwas gegen den allgegenwärtigen Terror unternimmt? Muss es noch mehr Terrortote in Deutschland geben? Ich finde: nein. Die Zahl der Terroropfer hat schon lange die Zahl der Verkehrstoten überholt. In Anbetracht dieser unerhörten Gefährdung unser aller Leben sollte auch der letzte Mitbürger einsehen, dass wir alle im Interesse unseres Lebens auf die eine oder andere persönliche Freiheit verzichten müssen. Lieber unfrei und totalüberwacht als Tod! (wer Sarkasmus findet darf ihn behalten)
3. ...
darkbishop 23.11.2010
Kann man Europa nicht einfach mal in Ruhe lassen...:-(
4. Aha etwa noch so ein Geheimpapier aus Maizieres Büro ?
Lottofreak 23.11.2010
Der SPIEGEL sollte mit seinem Terrorhype etwas auf dem Boden bleiben und sich mit sachlichen Hinweisen befassen anstatt wie die letzten Tage nur PANIK für die Luft zu verbreiten. Warum setzt man hier Dinge in die Welt wenn ein BKA CHEF eindeutig sagt es liegen keine Hinweise auf Anschläge vor ? das wird echt schon lächerlich...weiß der Spiegel etwa mehr als das BKA ?
5. Prinzipien
elbröwer 23.11.2010
Religiöse Terroristen haben zu allen Zeiten die Nähe krimineller Elemente gesucht obwohl sie des Gegenteil predigen.
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