Zukunft Europas "Die pazifistische Ader der deutschen Politik ist ein Problem"

Trump und Putin bedrängen die EU von außen, Populisten wollen sie von innen auflösen. Der britische Politikforscher Anthony Glees fordert im Interview, dass Deutschland zu einer "muskulösen Demokratie" wird - und Europa führt.

Angela Merkel
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Angela Merkel

Von , Brüssel


Zur Person
  • University of Buckingham
    Anthony Glees, geboren 1948, ist Professor für Politik an der University of Buckingham. Zu seinen Forschungsgebieten gehören Sicherheitspolitik, Terrorismus und die Geheimdienste. Außerdem ist er Deutschland-Experte.

Donald Trump hat Europa schon vor seiner Amtseinführung zutiefst verunsichert: Die Nato sei "obsolet", der Brexit eine großartige Sache, und demnächst würden noch weitere Länder aus der EU austreten. Am Mittwoch und Donnerstag treffen sich die Nato-Verteidigungsminister in Brüssel, anschließend findet in München die Sicherheitskonferenz statt. Im Zentrum steht die Frage, ob das transatlantische Bündnis eine Zukunft hat - und wenn ja, welche.

Der britische Politikforscher Anthony Glees sieht im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Bundesrepublik als wichtigsten Akteur:

SPIEGEL ONLINE: Professor Glees, bei der Münchner Sicherheitskonferenz geht es vor allem um das transatlantische Bündnis - das sich in den vergangenen Monaten dramatisch verändert hat: Großbritannien tritt aus, US-Präsident Trump spekuliert auf das Ende der Europäischen Union. Kann die EU diesem Druck standhalten?

Anthony Glees: Wir befinden uns in einer extrem gefährlichen Situation. Zu sagen, dass die EU sich auflösen werde, war ignorant und unhistorisch von Donald Trump. Er ist ein Mann von sehr geringem historischen Verständnis. Als er beispielsweise seine eigenen Geheimdienste beschuldigt hat, Nazi-Taktiken gegen ihn anzuwenden, hat er die Nazis mit der Stasi der DDR verwechselt. Trump hat auch keine Ahnung davon, dass es seit 70 Jahren Politik der USA ist, diejenigen zu unterstützen, die Europa vereinen wollen. Es ist sehr gefährlich, dass er Europa jetzt den Rücken zudreht.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Europa für sich selbst unternehmen?

Glees: Das größte Gewicht lastet jetzt auf Deutschlands Schultern. Kanzlerin Angela Merkel muss die Menschen von der Bedeutung der EU überzeugen; sie muss ihre Neuausrichtung anführen. Dafür muss Deutschland eine muskulöse Demokratie werden. Es muss bei Weitem mehr Verantwortung für die physische Sicherheit Europas übernehmen, insbesondere in Osteuropa und im Mittelmeerraum. Bisher hat Deutschland vor allem in einer Hinsicht geführt: Bei der Missachtung von Europas Grenzen, indem es seine Türen für mehr als eine Million Flüchtlinge und Migranten geöffnet hat.

SPIEGEL ONLINE: ... was Sie damals mit dem Verhalten eines "Hippie-Staats" verglichen haben. Ein muskulöses, physisch starkes Deutschland, das Europa anführt - glauben Sie wirklich, dass den Deutschen oder ihren Nachbarn diese Vorstellung gefällt?

Glees: Die pazifistische Ader der deutschen Politik ist ein Problem. Aber die Welt ist nicht perfekt, und vor allem Grüne und Sozialdemokraten sollten sich fragen, was sie lieber wollen: den Aufstieg der Rechten oder den Erfolg des europäischen Projekts.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den anderen EU-Ländern? Die Angst vor deutscher Dominanz ist nie ganz verschwunden, und sie ist so stark wie lange nicht mehr dank der Spar- und der Flüchtlingspolitik, die insbesondere im Süden und Osten Europas als Berliner Diktat empfunden werden.

Glees: Die deutsche Dominanz in der EU ist nun einmal eine Tatsache. Aber aus historischen Gründen ist die Bundesrepublik das letzte Land, das in Gefahr ist, von einer Welle des Populismus weggespült zu werden. Und eines ist sicher: Fällt Deutschland, fällt auch die EU - und mit ihr alle Werte, für die es wert ist, zu leben. Deutschland muss für diese Werte einstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht ein wenig optimistisch, was die Fähigkeiten Deutschlands betrifft?

Glees: Sie werden in Großbritannien niemanden finden, der nicht bewundert, was aus Deutschland geworden ist. Die bilateralen Beziehungen zwischen London und Berlin werden in Zukunft noch wichtiger werden, und die britische Regierung will, dass Deutschland stärker wird - um Europas Willen. Es ist im nationalen Interesse Großbritanniens, dass die EU Erfolg hat. Und Premierministerin Theresa May weiß das.

SPIEGEL ONLINE: Erfolgswünsche sind zwischen der EU und Großbritannien derzeit Mangelware. Beide scheinen sich eher auf eine schmutzige Scheidung vorzubereiten.

Glees: Wenn jemals kühle und rationale Reaktionen der Menschen in Europa gefragt waren, dann jetzt. Ein Grund ist, dass Russlands Präsident Wladimir Putin und Trump sich sehr ähneln: Sie sind Machos, sie sind Tyrannen - und sie wollen das gleiche: eine Schwächung der EU, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Trump etwa ist ein Protektionist erster Güte, und er will seine Vision umsetzen. Er zeigt kein Interesse an Wettbewerb mit anderen, sondern will zurück in die Dreißigerjahre.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheinen die Briten ihre Zukunft derzeit eher an der Seite Trumps als an der Seite der EU zu sehen.

Glees: Ich glaube nicht, dass die Briten Amerikas "Landefeld Eins" (der Name der britischen Inseln in George Orwells Roman "1984", Anm. d. Red.) werden wollen. Der Binnenmarkt der EU war ein gewaltiger Erfolg, schon bevor Großbritannien ihm beigetreten ist. Und es ist ihm beigetreten, weil es dazu keine Alternative gab. Deshalb ist der Brexit an sich schon eine Strafe, auch wenn die britischen Boulevardzeitungen auf eine Bestrafung durch Deutschland warten. Deutschland muss weiterhin für den größten vereinten Markt der Welt einstehen, und unter seiner Führung kann die EU ihre inneren Differenzen überwinden. Das Schlimmste wäre, wenn die Deutschen an der Seite der britischen Befürworter eines EU-Verbleibs weinen würden. Beide müssen in die Zukunft schauen.



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ernstmoritzarndt 16.02.2017
1.
Würde es nicht ausreichen, wenn man die ganzen Putinversteher, sei es aus den AFD - Kreisen oder von Linkspartei und SPD zu etwas mehr Zurückhaltung bewegen könnte? Deutschland ist - ob es will oder nicht - aufgrund verschiedener Tatbestände, die teilweise schon zu Otto von Bismarcks Zeiten gegolten haben, ein wesentlicher Macht- und Wirtschaftsfaktor im Herzen Europas. Adenauer hat die Westeinbindung bewerkstelligt (gegen die Sowjet - Versteher aller Art) und ein gutes Verhältnis zu Frankreich aufbauen können. Heute ist es der "Berliner" Politik gelungen, auch ein gutes Verhältnis zum Nachbarn Polen aufzubauen. Frankreich und Polen müssen und sollen keine Angst vor Deutschland haben. Die Briten, die anfangs erhebliche Bedenken gegen das Deutschland ab 1989 entwickelten, sind wohl auch beruhigt worden. Deshalb: Intensive Pflege dieser Verhältnisse, wechselseitige Unterstützung aller Art und - nicht zuletzt - intensive militärische und politische Kooperation in diesem Verhältnis dürften das Gebot der Stunde sein. Wenn THE DONALD zuviel Quatsch macht, läßt man ihn links liegen, ansonsten beteiligt man auch die Amis an diesen Kooperationen.
Fragen&Neugier 16.02.2017
2. Problematisches pazifistisches Deutschland?
Zitat: "Die pazifistische Ader der deutschen Politik ist ein Problem." ??? Gerade in einer Zeit, wo ständig auf die Zeiten verwiesen wird, wo die militaristische Seite Deutschlands extrem zum Ausdruck kam - und das von einem Briten! Will er die Brexiteers abstrafen - den Resteuropäern Angst einjagen? Europa hat genug vom "muskulösen Deutschland" und seinen Führungen erfahren, es braucht keine Neuauflage. Deutschland sollte ein Teil Europas sein, ein europäisches Deutschland und Europa deutsch werden. Aber, was schon ist, kann nicht werden, der Anspruch, zu dirigieren, der ist da, die wirtschaftlichen Möglichkeiten auch - wozu noch Militär? Um Separatistenaufsstände in Europa niederzuschlagen? CETA-Gegner und so - Feinde der Auflösung der Nationalstaaten?
ruhepuls 16.02.2017
3. Pazifistische Ader?
Die "pazifistische Ader" hat man uns schließlich Jahrzehnte lang antrainiert. Jede - auch nur im Ansatz - kriegerische Lösung (falls man an eine solche glaubt) war doch "Bäh", solange sie mit Deutschland zu tun hatte. Jetzt auf einmal sollen wir all das vergessen, was man uns eingehämmert hat? Während Briten, Franzosen, Amerikaner usw. ihre größeren und kleineren Militäraktionen (Vietnam, Falklands usw.) durchzogen, zückten wir Deutschen bei Konflikten unser Scheckbuch und bezahlten für den lieben Frieden. Nicht dass ich mir einen Krieg wünschen würde, aber jetzt die "pazifistische Ader" Deutschland zu beklagen ist schon etwas daneben!
walburga.46 16.02.2017
4. Na prima!
Endlich mal einer, der zukunftsweisend denkt. Endlich mal einer, der für ein bisschen Krieg ist! Wie war das mit "ein bisschen schwanger"? Ich bin ein Kriegskind und ich will KEINEN Krieg, KEINE Aufrüstung usw.! steckt das Geld lieber in die Marsforsching oder Terraforming für die Venus - da ist es auf jeden Fall besser angelegt! KRIEG ALLEN Militaristen!!!!
Fragen&Neugier 16.02.2017
5.
Zitat von ernstmoritzarndtWürde es nicht ausreichen, wenn man die ganzen Putinversteher, sei es aus den AFD - Kreisen oder von Linkspartei und SPD zu etwas mehr Zurückhaltung bewegen könnte? Deutschland ist - ob es will oder nicht - aufgrund verschiedener Tatbestände, die teilweise schon zu Otto von Bismarcks Zeiten gegolten haben, ein wesentlicher Macht- und Wirtschaftsfaktor im Herzen Europas. Adenauer hat die Westeinbindung bewerkstelligt (gegen die Sowjet - Versteher aller Art) und ein gutes Verhältnis zu Frankreich aufbauen können. Heute ist es der "Berliner" Politik gelungen, auch ein gutes Verhältnis zum Nachbarn Polen aufzubauen. Frankreich und Polen müssen und sollen keine Angst vor Deutschland haben. Die Briten, die anfangs erhebliche Bedenken gegen das Deutschland ab 1989 entwickelten, sind wohl auch beruhigt worden. Deshalb: Intensive Pflege dieser Verhältnisse, wechselseitige Unterstützung aller Art und - nicht zuletzt - intensive militärische und politische Kooperation in diesem Verhältnis dürften das Gebot der Stunde sein. Wenn THE DONALD zuviel Quatsch macht, läßt man ihn links liegen, ansonsten beteiligt man auch die Amis an diesen Kooperationen.
Alles klar, "man" lässt die USA links liegen. Wobei man wohl heissen soll: Deutschland und sein Europa. Ohne dieses sein Europa könnte es sich auch Deutschland nicht leisten, die USA "links liegen" zu lassen. Oder gnädig an "diesen Kooperationen" zu beteiligen. Vielleicht ist Westbindung der übrigen Europäer stärker als der Wunsch nach deutscher Führung. Ausser Deutschland wird DER WESTEN überhaupt. Angst haben müssen und Angst haben sind zwei Paar Schuhe - und ihr müsst keine Angst haben, sind Sprüche, die dunkle Erinnerungen wecken, auch wenn sie sicher nicht so gemeint sind. Krieg ist immer die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mittel. Die Beziehung haben sich nicht verschlechtert, hört man kurz vor der Kriegserklärung. Ihr braucht keine Angst zu haben vor dem Überfall oder nach der Eroberung. Wir werden die Beneluxstaaten nicht überfallen .... (nicht die nächsten zwei Monate) Mit historischer Ignoranz anderer sollte nicht argumentiert werden, wenn man selbst die Geschichte umdeutet. Da gibt man sich besser selbst arglos.
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