Von Severin Weiland und Philipp Wittrock
Berlin - Ursula von der Leyen ist ganz in ihrem Element. Gestikulierend erklärt sie drei französischen Ministern den Saal des Bundestags. Die CDU-Politikerin und Arbeitsministerin spricht fließend französisch, wie auch der einige Meter hinter ihr stehende Umweltminister Peter Altmaier. So wird an diesem Dienstag in Berlin die deutsch-französische Freundschaft ganz lebensnah praktiziert.
Vor 50 Jahren haben Bundeskanzler Konrad Adenauer und General Charles de Gaulle diese im Elysée-Vertrag besiegelt. Nicht nur Präsident François Hollande ist dafür in die deutsche Hauptstadt gekommen, das ganze Kabinett ist in der Stadt, eine Delegation des Senats und auch die Abgeordneten der Assemblée Nationale. Die gemeinsame Sitzung des deutschen und französischen Parlaments ist der Höhepunkt der Feierlichkeiten.
Schneematsch klebt in Berlin an den Füßen, grau ist die Stadt, schmuddelig, kein Feierwetter. Und doch ist das, was hier geschieht, etwas, das es zu feiern lohnt, Normalität der beiderseitigen Beziehungen hin oder her. Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, hat das bereits am Vormittag bei einer gemeinsamen Sitzung des Bundesrats mit einer Delegation des Senats in seiner Rede hervorgehoben. Für die Großväter, Großmütter, für die Väter und Mütter seiner Generation sei undenkbar gewesen, "was gerade hier und heute in Berlin geschieht".
Es ist ein Treffen in Harmonie, trotz aller Dissonanzen, die es immer mal wieder gibt und geben wird. Doch wie weit sind solche gelegentlichen dunklen Wolken von dem entfernt, was einst die Beziehungen beider Länder überschattete: Drei Kriege haben Deutsche und Franzosen im 19. und 20. Jahrhundert gegeneinander geführt. "Der Nährboden unserer Freundschaft ist die Gegenwart", stellt der französische Parlamentspräsident Claude Bartolone fest, und sein deutscher Kollege Norbert Lammert erklärt, die guten Beziehungen seien normal, "aber nicht selbstverständlich".
In vielen Reden schwingt an diesem Tag Persönliches mit. Frank-Walter Steinmeier, SPD-Fraktionschef, blickt auf seine erste Reise nach Frankreich Anfang der siebziger Jahre zurück, als für seine Generation Deutschland ein wenig "verzopft" gewesen und Frankreich Offenheit und Neugier bedeutet habe. "Nie wieder Krieg, immer Frieden", ruft Unionsfraktionschef Volker Kauder, das sei die Vision seiner Generation gewesen, die noch gegen Schlagbäume an der Grenze protestierte. Auch die Aktualität findet ihren Platz in der Feierstunde: Rainer Brüderle von der FDP bittet die französischen Gäste zu verstehen, warum die Stabilität des Euro nach zwei Inflationen für die Deutschen so wichtig sei, der Fraktionschef der gaullistischen UMP, Christian Jacob, revanchiert sich mit dem Hinweis, das Europa von morgen dürfe "die Landwirtschaft und die Bauern nicht opfern". François de Rugy von den französischen Grünen wiederum lobt den deutschen Atomausstieg, und der deutsche Grüne Jürgen Trittin warnt, in der Euro-Krise dürfe nichts kaputtgespart werden.
Gysi, der Linken-Fraktionschef, erzählt von seiner Großmutter Erna, die während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich im Versteck überlebte und lange nach dem Krieg in Paris friedlich starb. "Ich danke Frankreich, dass wir die Chance hatten, sie kennengelernt zu haben", ruft Gysi bewegt, um wenig später unter dem Gelächter vieler Abgeordneter das französische Mittagessen zu loben und die Dürftigkeit des Frühstücks zu beklagen. Woraufhin Lammert ironisch seinen Einwurf als Anregung für eine deutsch-französische Arbeitsgruppe zur Frühstücksfrage aufgreift - der Saal lacht, Gysis Auftritt, zwischen tiefem Ernst und an der Grenze zum Klamauk.
Hollande und Merkel duzen sich
Bereits am Montagabend hatte Merkel Hollande im Kanzleramt zu einem Treffen mit Jugendlichen aus beiden Ländern empfangen. Anschließend, beim gemeinsamen Abendessen im Restaurant "Lutter und Wegener", bot Merkel, 58, dem gleichaltrigen Hollande das Du an - er nahm sofort an. "Man ist nicht Freund, man wird es", hatte Hollande zuvor gesagt. Gemeint war die historisch gewachsene Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich. Doch der Satz gilt auch für die beiden Staatenlenker.
Es ist zu spüren, dass die Zusammenkunft abseits von europäischen Krisengipfeln oder bilateralen Arbeitstreffen durchaus ihren Wert hat. Sie dient der Annäherung, vor allem menschlich. Sie kann helfen, politische Differenzen zu überbrücken, die zwischen der Christdemokratin und dem Sozialisten immer wieder zu Tage treten, vor allem in der Euro-Krise. In der Bundesregierung klagt man über die mangelnde Reformbereitschaft des Franzosen, in Paris findet man, die Deutschen spielten sich als Hegemon auf. Von Misstönen wollen Merkel und Hollande in Berlin nichts wissen. "Es ist ja vielleicht unser bestgehütetes Geheimnis, dass die Chemie stimmt", witzelt die Kanzlerin über gegenteilige Behauptungen. Der Präsident pflichtet ihr bei. Es sei zwar nicht leicht, "Oonschela" zu überzeugen - aber: "Der Strom zwischen uns fließt, ohne dass es dazu Elektrizität braucht." Auch politisch wird Eintracht demonstriert: Die beiden kündigen für den EU-Rat gemeinsame Vorschläge für eine tiefere europäische Integration an, Hollande bedankt sich für Deutschlands Hilfe in Mali, Merkel wiederholt, Deutschland stehe an der Seite Frankreichs und dankt den deutschen und französischen Soldaten, die in Mali im Einsatz sind.
Bei aller Feierlichkeit, am Ende findet Merkel einen ganz pragmatischen Blick auf die Zukunft des Elysée-Vertrags. Neugier auf den anderen sei das wichtigste, sagt sie im Bundestag, "denn wer nicht neugierig ist, dem kann man auch nicht durch einen Vertrag befehlen, sich für den anderen zu interessieren".
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