Deutschlandbild der Franzosen Wie in einer alten Ehe

Volk der Biertrinker und Heimat Bismarcks, beneidete Wirtschaftsmacht und Nation ohne Lebensfreude: Das Deutschlandbild der Franzosen wird bestimmt von Klischees, zeigt eine aktuelle Umfrage. Dennoch ist es überwiegend positiv.

DPA

Von , Paris


"Die Deutschen sind cool und lustig." "Die Leute sind stolz auf ihr Unternehmen." "Berlin ist eine moderne, angesagte Stadt." "Die Deutschen haben Sinn für Geschichte." "Die Wiedervereinigung war eine Herausforderung - aber sie haben gewonnnen." "Die Deutschen? Ich sehe sie als Touristen mit Rucksack und in Sandalen, sie trinken Bier und reden laut."

Diese Zitate stammen aus einer Umfrage des Ifop-Instituts unter Franzosen, die von der deutschen Botschaft in Paris in Auftrag gegeben wurde. Die repräsentative Studie von Anfang Januar bestätigt Vorurteile, fördert aber auch Überraschungen zu Tage: "Ernst, streng", sagt ein Fünftel der befragten Franzosen, vor allem Senioren, über die Deutschen. Ähnlich sind die Urteile über "Angela Merkel", die vor allem von den unter 35-jährigen Franzosen als Verkörperung dieser Eigenschaften gilt. Begriffe wie "Nazis" und "Hitler" verbinden nur noch sechs Prozent mit den Deutschen. Übrigens fallen auch "Berlin" und Bier" nur fünf Prozent ein.

"Es gibt relativ wenig negative Aussagen", erläutert Fop-Mitarbeiter Jérôme Fourquet. "Die tragische Vergangenheit zwischen 1939-1945 hat nur einen schwachen Einfluss auf das Bild Deutschlands." Auch die Ausbrüche sozialistischer französischer Politiker, die in der Euro-Krise von einem "Diktat Deutschlands" sprachen, sieht er nur als Ausnahme. "Die Zeit der Germanophobie ist vorbei."

Es sind eher Ereignisse aus der jüngsten Zeit, die das Meinungsbild der Franzosen beeinflussen: Der Mauerfall hat bei einem Viertel der Jugendlichen einen starken Eindruck hinterlassen. Insgesamt erhält Deutschland eine deutlich "schmeichelhafte Bewertung", so Fourquet. 82 Prozent haben demnach ein "gutes Bild", knapp einer von zehn Franzosen verfügt gar über ein "sehr gutes Bild" von den Nachbarn jenseits des Rheins.

Nur vier Prozent der Franzosen sind neidisch auf die Deutschen

Die Zuneigung zu den Deutschen ist vor allem bei der älteren Generationen (90 Prozent) verbreitet, während es unter den 18- bis 24-Jährigen nur 78 Prozent sind. Ein Trost: Mehr als zwei Drittel der Franzosen haben positive Gefühle, wenn sie an Deutschland denken, geprägt von Respekt (34 Prozent) und Sympathie (23). Neid verspüren gerade mal vier Prozent der Befragten.

Das innige Verhältnis zu Deutschland hat nicht einmal die Krise angekratzt. Trotz politischer Verstimmungen etwa wegen der Rolle der Europäischen Zentralbank, trotz des Streits zwischen Kanzlerin und Präsident Sarkozy über die Euro-Bonds: Das Bild Deutschlands hat sich bei einer Mehrheit der Franzosen (64 Prozent) nicht verändert. Vier Fünftel der Franzosen sind sogar der Meinung, dass Deutschland große Reformanstrengungen gemacht und daher innerhalb Europas zur führenden Macht aufgestiegen ist.

Und selbst wenn zwei Drittel der Franzosen zu wissen glauben, dass in der Berliner Republik Ungleichheiten und Armut zugenommen haben, sagen sie aber auch: "Frankreich muss sich mehr am deutschen Sozial- und Wirtschaftsmodell orientieren."

Deutschlands Image beeinflusst auch den Wahlkampf

Kein Wunder also, dass sich die Konjunkturdaten in der Bewertung der Deutschen niederschlagen. "Deutschland hat bessere ökonomische Resultate als Frankreich", finden 74 Prozent. Ähnliches gilt für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit (64 Prozent), Ausbildung und Lebensniveau (57). Auch beim Umweltschutz liegen die Deutschen nach Meinung der Hälfte der befragten Franzosen vorn.

Vorbild Deutschland? Die Wirtschaftsmacht ein Modell? Die Bundesrepublik ist auch Thema im französischen Wahlkampf. Präsident Sarkozy beschreibt die Wandlungen in Deutschland regelmäßig als beispielhaft. Mit dem Hinweis auf die Rosskur der deutschen Reformen begründet der Staatschef Vorschläge für eine soziale Mehrwertsteuer oder die in der Verfassung verankerte Deckelung der Schulden.

Die Folge: Bei den Konservativen der UMP steigt das positive Deutschlandbild auf 93 Prozent, während sich bei der Opposition angesichts von so viel Lob "reflexartiges Misstrauen" (Fourquet) einstellt: Bei der Sozialistischen Partei (PS) liegt das positive Image der Deutschen nur bei 78 Prozent, unter den Genossen der Front de Gauche (Linke und Kommunisten) gerade bei 65 Prozent. Grund genug für PS-Kandidat François Hollande, bei seinem Wahlkampfauftritt vom Wochenende eine Neuordnung der Beziehung Paris-Berlin zu fordern.

Zugelegt hat die Einschätzung "Rivalität"

Trotz solcher Unterschiede sind die Franzosen dennoch überzeugt, dass die Regierungen in Paris und Berlin auch künftig ihre "privilegierten Beziehungen" pflegen sollen - zumal als "Motor der Europäischen Union." Die Bezeichnung "Partnerschaft" halten 67 Prozent der Franzosen für zutreffend, doch gegenüber einer Studie aus dem Jahr 2003 ist die Qualifizierung "Freundschaft" von 34 auf 24 Prozent gesunken, "Vertrauen" sackte von 35 auf 19 Prozent ab, "Solidarität" verbinden nur noch 18 Prozent mit dem Deutschlandbild; vor acht Jahren waren es noch 27 Prozent. Zugelegt hat dagegen die Einschätzung "Rivalität".

Statt Jugendaustausch (13 Prozent) oder mehr Deutsch- und Französischunterricht (7 Prozent) halten die Befragten mehr von der Annäherung von Unternehmen (36) oder Zusammenarbeit in Forschung und Technik (29). Dafür wären über 70 Prozent der Franzosen bereit, Arbeitsrecht, Steuern und Abgaben zwischen den beiden Nationen anzupassen. Eine knappe Mehrheit würde sogar die gegenseitige Abstimmung der Haushalte befürworten.

"Es ist wie bei einer Ehe", sagt Ifop-Analyst Fourquet. "Die Zeit der Zuneigung, bestimmt von den Politikerpaaren de Gaulle-Adenauer oder Mitterrand-Kohl, sind einem nüchternen Zweckbündnis gewichen. Das deutsch-französische Verhältnis wird nicht mehr von Jugendaustausch und Städtepartnerschaft bestimmt, von gegenseitigen Besuchen der Feuerwehr oder Sportvereinen. Kein Drama: Anstelle des Herzens regiert jetzt der Verstand."

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LeToubib 23.01.2012
1. Fraternité!
Also ist Vicor Hugos alter Traum aus dem 19. Jahrhundert doch noch wahr geworden: "Deutschland und Frankreich sind Hirn und Herz von Europa. Und nur wenn Hirn und Herz zusammenarbeiten, funktioniert der Körper." Wie sagte damals Mitterand? "Die Deutschen sind nicht mehr nur Freunde der Franzosen, sie sind ihre Brüder." Später Sarkozy, als deutsche Soldaten im Jahr 2010 zum zweiten Mal innert zwei Jahren bei der 14.-Juli-Parade mitmarschieren durften, was es bis dahin nicht gab, die Einladung gleicher ausländischer Truppen nacheinander, im Interview nach dem warum gefragt: "Die Deutschen sind unsere Brüder. Und seine Brüder lädt man ein, wenn man feiert." Letztes Jahr lud Frankreich übrigens pakistanische Truppen ein, deutsche Soldaten waren trotzdem wieder in der Parade vertreten: Diejenigen der Deutsch-Französischen Brigade. Ich glaube, dieses Wunder hat seinen Grund im WK II: Da beide Länder während dieses Irrsinns einmal gewannen und einmal verloren - bis dahin gab es ja immer einen Sieger und einen Verlierer. Da beide Länder die Bitterkeit der Nachkriegszeit und den Wiederaufbau bewältigen mussten. Da beiden Ländern (endlich!) klar wurde, ein nächster Waffengang gegeneinander würde den kompletten Untergang bedeuten. Und meine ganz persönliche Mindermeinung: Während der deutschen Besatzung Frankreichs lernten die Franzosen die Deutschen zwangsweise besser kennen, der bis dato unbekannte "Boche" bekam plötzlich ein Gesicht; die Deutschen Besatzer ihrerseits bewunderten insgeheim das französische "savoir vivre" - mein Vater zumindest wurde während seiner Zeit als "Sieger" (war er gar nicht, er wurde erst kurz nach der Niederlage Frankreichs 1940 zur Wehrmacht eingezogen und absolvierte dort seine Grund- oder Offiziersausbildung, genau war das nach seinem Tode nicht mehr zu eruieren) in Frankreich absolut frankophil. Andere deutsche WK-II-Veteranen singen vom "schönen Westerwald", von "Bomben auf Engeland" oder "Panzer rücken in Afrika vor", mein Vater sang lieber "Parlez moi d'amour"! Aber auch französische Kriegsgefangene in Deutschland waren nicht wirklich unbeliebt. Kriegsgefangene 1. Klasse sozusagen. Zehntausende Kinder französischer Mütter und deutscher Väter sowie deutscher Mütter und französischer Väter sprechen für sich ...
Malshandir 23.01.2012
2. Das weiss man auch ohne Umfrage
Nicht viel neues, aber es bestätigt, dass das Bild der Deutschen im Ausland besser ist als man in Deutschland denkt. Auch der Annäherungswille ist in Frankreich stärker als man in Deutschland denkt. Das Kerneuropa ist greifbarer denn je. Gerade weil auch der Vertsand daist. Auf persönlicher Ebene hat das vereinte Europa (Frankreich und Deutschland) längst stattgefunden. Die Kunst besteht jetzt das beste aus der Kombination zu machen. Eine Chance, die man hat. Klar wird es immer die Rivalitäten geben, aber diese kann man mit Humor nehmen. Spannend ist da eher schon was kommt. Der Vergleich mit der Ehe stimmt, vor allem in guten wie in schlechten Zeiten. Wenn man die Chance nutzt, dann stehen wir nach der Eurokrise mit einem starken Europa da, was auch im Inneren zusammengewachsen ist. Eventuell zu den Kosten einiger Verluste an der Peripherie. Aber das sollte es wert sein.
iron mace 23.01.2012
3. Kleines Land, grosse Schulden, wenig Selbstachtung
Zitat von MalshandirNicht viel neues, aber es bestätigt, dass das Bild der Deutschen im Ausland besser ist als man in Deutschland denkt. Auch der Annäherungswille ist in Frankreich stärker als man in Deutschland denkt. Das Kerneuropa ist greifbarer denn je. Gerade weil auch der Vertsand daist. Auf persönlicher Ebene hat das vereinte Europa (Frankreich und Deutschland) längst stattgefunden. Die Kunst besteht jetzt das beste aus der Kombination zu machen. Eine Chance, die man hat. Klar wird es immer die Rivalitäten geben, aber diese kann man mit Humor nehmen. Spannend ist da eher schon was kommt. Der Vergleich mit der Ehe stimmt, vor allem in guten wie in schlechten Zeiten. Wenn man die Chance nutzt, dann stehen wir nach der Eurokrise mit einem starken Europa da, was auch im Inneren zusammengewachsen ist. Eventuell zu den Kosten einiger Verluste an der Peripherie. Aber das sollte es wert sein.
Ja wie in einer alten Ehe ist die Luft raus. Und einzig die gute Versorgung hält das Französische Frauchen noch bei Deutschen Manne. Aber wehe der "Alte" spurt nicht, und macht den Geldbeutel nicht auf, dann wird sich das Bild schnell drehen. Siehe die Forderung von Lagrande an Merkel von heute. Bald wir Sarkozy mit dem Klingelbeutel in Berlin stehen, (auf einem Höckerchen) dann werden die Franzosen ihr wahres Gesicht zeigen. Klar schleimen sich die jetzt ein, Frankreich ist Pleite, und braucht wie kein anderes Land wieder einmal fremde Hilfe. Le Petite Nation.
miles2hh 23.01.2012
4. Airbus
Ich war beim Erstflug der A380 während einer Rundreise zufälligerweise in einem Privatquartier in Südfrankreich. Gemeinsam habe ich mit meinen Gastgebern den Flug des A380 über die Pyrenäen im Fernsehen verfolgt. Daran konnten sich beide Seiten erfreuen!
LeToubib 23.01.2012
5. Thema verfehlt!
Zitat von iron maceJa wie in einer alten Ehe ist die Luft raus. Und einzig die gute Versorgung hält das Französische Frauchen noch bei Deutschen Manne. Aber wehe der "Alte" spurt nicht, und macht den Geldbeutel nicht auf, dann wird sich das Bild schnell drehen. Siehe die Forderung von Lagrande an Merkel von heute. Bald wir Sarkozy mit dem Klingelbeutel in Berlin stehen, (auf einem Höckerchen) dann werden die Franzosen ihr wahres Gesicht zeigen. Klar schleimen sich die jetzt ein, Frankreich ist Pleite, und braucht wie kein anderes Land wieder einmal fremde Hilfe. Le Petite Nation.
Eigentlich geht es hier nicht unbedingt um die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland, die - nur so nebenbei - nach wie vor sehr gut sind (man muß ja nicht IMMER "d'accord" sein), sondern um das Verhältnis Franzosen/Deutsche. Frankreich ist auch nicht "pleite", nur weil ein paar Eierköpfe einer einzigen Rating-Agentur meinten, es von Trippel-A auf Doppel-A "herabstufen" zu müssen. Übrigens: Mme Lagrande spricht nicht im Namen Frankreichs, sondern im Namen des IWFs ...
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