Deutschlands erster Völkermord "Das Röcheln der Sterbenden verhallte in der erhabenen Stille"

Zehntausende von Herero wurden vor 100 Jahren in Südwestafrika Opfer der deutschen Kolonialherren. In Namibia nimmt jetzt Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul an den Gedenkfeiern teil. Eine heikle Mission. Denn die Herero verlangen nicht nur eine Entschuldigung, sondern auch Entschädigungszahlungen.

Von Dominik Baur


Herero bei einer Mahnwache zum Gedenken an die Waterberg-Opfer
AFP

Herero bei einer Mahnwache zum Gedenken an die Waterberg-Opfer

Hamburg - Deutsch-Südwest, es ist August 1904. Am Waterberg beginnt ein düsteres Kapitel in der deutschen Geschichte. Eine Tragödie, die hier zu Lande längst in Vergessenheit geraten ist angesichts der Tragödien, die noch folgen sollten. Im Kampf gegen aufständische Herero will die deutsche Kolonialmacht in diesen Tagen die Entscheidungsschlacht herbeiführen. Nachdem Generalleutnant Lothar von Trotha, der sich selbst als "großen General des mächtigen Deutschen Kaisers" bezeichnet, der anfängliche Plan misslingt, die Herero am Fuße des Berges einzukesseln, treibt die koloniale Schutztruppe Männer, Frauen und Kinder des Stammes in die Omaheke-Wüste hinaus und versperrte für mehrere Wochen die Wasserstellen.

Zu den Aufständen der Herero war es zuvor nicht ohne Grund gekommen. Landraub, Morde an Stammesangehörigen, ungeklärte Todesfälle in Gefängnissen und auch die eingeschleppte Rinderpest hatten sich seit Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts derart summiert, dass die Herero ihre Existenzgrundlagen davon schwinden sahen. Mit der Erhebung, bei der 123 Siedler, Händler und Soldaten getötet werden, besiegeln die Herero ihr Schicksal jedoch endgültig. "Ich glaube, dass die Nation der Herero als solche vernichtet werden muss", konstatiert Trotha, der seine rücksichtslose Brutalität schon bei den Boxeraufständen in China hatte unter Beweis stellen können.

"Jeder Herero wird erschossen"

Und so kommt es. "Die mit eiserner Strenge durchgeführte Absperrung des Sandfeldes vollendete das Werk der Vernichtung", heißt es in den Aufzeichnungen eines Oberleutnants. "Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinnes verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit." Das Ergebnis des Vernichtungsfeldzuges konnten deutsche Patrouillen etwas später inspizieren: "Gerippe von Menschen und Pferden bleichten an der Sonne. An vielen Stellen hatten die mit dem Dursttode Ringenden mit fiebernder Hand 15 bis 20 Meter tiefe Löcher aufgewühlt, um Wasser zu graben - vergeblich!"

Die deutsche Schutztruppe macht sich vor dem Kampf gegen die Herero zum Abmarsch bereit
DPA

Die deutsche Schutztruppe macht sich vor dem Kampf gegen die Herero zum Abmarsch bereit

Damit nicht genug, erließ Trotha im Oktober noch den so genannten Vernichtungsbefehl: "Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen." Wer nicht in der Wüste eine qualvollen Tod starb, kam in den schon damals so genannten Konzentrationslagern um. Traurige Bilanz: Vom Volk der Herero, das damals auf bis zu 100.000 geschätzt wurde, überlebten 15.000 Menschen. Nicht viel anders erging es den Nama. Auch sie wurden Opfer der Kolonialherren. Die Hälfte der rund 20.000 Stammesangehörigen starb. Die Historiker sind sich heute weitgehend einig: Dies war Deutschlands erster Genozid.

Namibia, es ist August 2004. Die Herero gedenken der zigtausend Opfer des Aufstandes vor 100 Jahren. Zum ersten Mal nimmt morgen an den zentralen Feierlichkeiten in der Nähe des Schlachtfeldes bei dem Ort Okakarara auch ein Regierungsmitglied aus Deutschland teil: Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Es ist eine heikle Mission für die SPD-Politikerin. Schließlich verlangen die Herero schon seit langem, die Bundesrepublik solle endlich die Gräueltaten ihrer Vorfahren angemessen anerkennen. Eine offizielle Entschuldigung und Entschädigungszahlungen täten Not.

Entschädigungsirrelevantes Bedauern

Doch die Herero können kaum darauf hoffen, dass Wieczorek-Zeul in Zeiten knappster Kassen in Deutschland von der bisherigen Haltung der vergangenen Bundesregierungen abrückt: Bloß keine offizielle Entschuldigung, das könnte allzu leicht justiziabel werden. Die Ministerin, gestern Mittag zu einem viertägigen Besuch in Windhuk angekommen, flüchtet sich in allgemeine Floskeln: "Mit meiner Reise nach Namibia und meiner Teilnahme an der Gedenkveranstaltung möchte ich die besondere politische und moralische Verantwortung Deutschlands für die Vergangenheit und koloniale Schuld dokumentieren. Gleichzeitig möchte ich die besondere Verantwortung Deutschlands für Namibia deutlich machen", erklärte sie vor ihrer Abreise.

Herero-Häuptling Riruako mit dem deutschen Botschafter Wolfgang Massing: Vier Milliarden Dollar gefordert
DPA

Herero-Häuptling Riruako mit dem deutschen Botschafter Wolfgang Massing: Vier Milliarden Dollar gefordert

Mehr aber auch nicht. Schon deutsche Namibia-Besucher vor Wieczorek-Zeul, der damalige Bundespräsident Roman Herzog und Außenminister Joschka Fischer, hatten peinlichst jede Formulierung vermieden, die als Schuldeingeständnis gewertet werden könnte. Fischer triefte im vergangenen Jahr vor "tiefem Bedauern" und "tiefem Schmerz", betonte aber zugleich, er werde "keine Äußerung vornehmen, die entschädigungsrelevant wäre".

Die deutschen Regierungen argumentierten stets, dass Namibia aus Deutschland ohnehin schon die höchsten Hilfsleistungen pro Kopf in Afrika erhalte. Derzeit bekommt das Land jährlich etwa 11,5 Millionen Euro. Seit der Unabhängigkeit Namibias 1990 flossen nach Angaben des Auswärtigen Amtes mehr als 500 Millionen Euro. In Okakarara soll jetzt auch ein Zentrum mitfinanziert werden, das an die Opfer des Herero-Aufstandes erinnert - aber dann, so finden die Regierenden in Deutschland, sei auch mal genug.

"Sonst könnte es kommen wie in Simbabwe"

Die Herero freilich sehen das anders: Als Opfer deutschen Unrechts hätten sie ein klares Anrecht auf Wiedergutmachung - genau so wie etwa jüdische Zwangsarbeiter. Als "Meister des Rassismus" bezeichnet Arnold Tjihuiko die Deutschen gegenüber dem SPIEGEL. Tjihuiko ist Vorsitzender des Herero-Komitees für die Gedenkfeiern. Den Deutschen fehle der "Respekt gegenüber schwarzen Menschen", schimpft er. Das Argument der besonders üppigen Entwicklungshilfe lassen die Herero auch nicht gelten, schließlich seien die Hilfen für Namibia nicht zweckgebunden, das heißt nur ein kleiner Teil der Entwicklungshilfe komme den Herero zu Gute.

Der Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele weiht auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin eine Gedenktafel ein. Inschrift: "Zum Gedenken an die Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia"
AP

Der Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele weiht auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin eine Gedenktafel ein. Inschrift: "Zum Gedenken an die Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia"

So ließ Kuiama Riruako, Oberhaupt der Herero, vor drei Jahren bei einem Distriktgericht in New York eine Sammelklage einreichen. Die Forderung: Vier Milliarden Dollar Schadenersatz sollen die Bundesrepublik und die Rechtsnachfolger von deutschen Unternehmen zahlen, die bei der Landnahme in Afrika besonderen Reibach gemacht haben. Kritik aus Deutschland, damit erschwere er den Versöhnungsdialog, ficht ihn nicht an. Im Gegenteil. In der "Zeit" droht er recht unverhohlen: "Ihr müsst das Unrecht anerkennen, sonst könnte es kommen wie in Simbabwe. Dann besetzen auch unser Jungen die weißen Farmen und holen sich das Land zurück."

Allzu große Sorgen dürfte man sich in Berlin jedoch wegen Riruako nicht machen. Der Häuptling wird von einem Großteil der Herero nicht anerkannt. Zudem kann Deutschland mit seiner Haltung auch auf die Unterstützung der Swapo-Regierung in Windhuk zählen. Die sieht sich, so sagt sie, der innernamibischen Versöhnung verpflichtet. Dem Gemeinwesen, in dem ohnehin zahlreiche, einander nicht grüne Volksgruppen miteinander leben, täte eine einseitige Förderung bestimmter Volksgruppen nicht gut. Nach einer Unterredung mit Staatspräsident Sam Nujoma bekräftigte Wieczorek-Zeul gestern Abend denn auch noch mal: "Unsere Zusammenarbeit bedeutet, dass wir uns allen Bürgern und Bürgerinnen Namibias gegenüber verantwortlich fühlen und dass es natürlich keine Zahlungen an besondere Gruppen geben wird." Zufälligerweise repräsentiert die Swapo in erster Linie die Bevölkerungsmehrheit der Ovambo.

Am Ende könnte es also durchaus sein, dass von diesem Jahrestag nicht viel mehr übrig bleibt als ein paar salbungsvolle Worte. Immerhin: Manchen Deutschen ruft das traurige Jubiläum dieses Kapitel der deutschen Geschichte wieder in Erinnerung. In München etwa streitet man jetzt erneut über eine Umbenennung einiger Straßen im Waldtruderinger "Kolonialviertel": Viele Straßen sind dort nach den "Helden" des kurzen deutschen Kolonialabenteuers benannt. Auch eine Von-Trotha-Straße gibt es dort. Sie wird von der Waterbergstraße gekreuzt.



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