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Deutschlands neue Rolle: Weltmacht wider Willen

Von , München

Die Welt blickt auf Deutschland, nicht nur bei der Euro-Rettung. Die Kanzlerin genießt hohes Ansehen, die Bundesrepublik ist eine global respektierte Macht. Doch Berlin fremdelt mit der neuen Rolle - das zeigen die Diskussionen bei der Münchner Sicherheitskonferenz.

Das Bundeskanzleramt in Berlin: Deutschland Supermacht? Zur Großansicht
dpa

Das Bundeskanzleramt in Berlin: Deutschland Supermacht?

Berlin dominiert die Euro-Rettungsoperation, alles scheint anders als früher: Frankreichs stolzer Präsident Nicolas Sarkozy lässt sich von Kanzlerin Angela Merkel beim Wahlkampf helfen, die Briten lesen begeistert das Buch "The German Genius", in den USA heftet Barack Obama seiner Kollegin Merkel die Freiheitsmedaille an, Amerikas höchste zivile Auszeichnung.

Merkel sei die Frau, die über Obamas Wiederwahl entscheide, heißt es in der US-Hauptstadt, je nachdem ob sie die Euro-Krise löse und eine globale Rezession verhindere - oder eben nicht.

Aber eigentlich ist immer noch alles wie früher: Deutschland bleibt eine "Weltmacht wider Willen", vergleichbar der alten Bundesrepublik 1988, als der Historiker Christian Hacke in seinem Buch dieses Titels die Rolle des Landes erstmals so beschrieb. Nirgendwo lässt sich das besser beobachten als bei der Münchner Sicherheitskonferenz, dem nach wie vor einflussreichsten sicherheitspolitischen Forum Europas, vielleicht der Welt - mit illustren Teilnehmern von US-Verteidigungsminister Leon Panetta über Mega-Spekulant George Soros bis zu Amerikas Außenministerin Hillary Clinton.

Gleich die Auftaktdebatte der Konferenz ist der Frage gewidmet: Was ist Deutschlands Rolle in der Welt? Natürlich, weil sich diese Frage gerade neu stellt - nun da Deutschlands ökonomische Vorrangstellung und politisches Zögern immer schwerer vereinbar scheinen.

"Man sollte es nicht übertreiben"

Doch wer die deutschen Vertreter in München erlebt, allen voran Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, kann von einer neuen Orientierung wenig spüren. Ginge es um wirtschaftliche Leitfunktion, wünschten sich viele Bundesbürger eine stärkere globale Rolle Deutschlands, sagt der CDU-Politiker vorsichtig. Aber in puncto Sicherheitspolitik gelte dies wohl nicht, fügt er hinzu. Im "Welt"-Interview hatte de Maizière sicherheitshalber im Vorfeld der Konferenz zur Frage nach mehr deutscher Führung in Europa gewarnt: "Man sollte es nicht übertreiben."

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagt in München: Dass der Satz umgehe, in Europa werde jetzt Deutsch gesprochen, sei kontraproduktiv.

Im Duett unterstreichen die Top-Politiker eine These, die der britische Starhistoriker Timothy Garton Ash zum Konferenzauftakt brillant darlegt: Deutschlands Führungsrolle in Europa folge dem "law of unintended consequences", dem Gesetz der ungewollten Konsequenzen. Erst sei die wirtschaftliche EU-Einigung für Berlin so erfolgreich gewesen, sagt Garton Ash. Daraus habe sich "nolens volens" die derzeitige Vormachtstellung Deutschlands ergeben.

Nur hätten sich diese die Deutschen gar nicht unbedingt gewünscht. Und andere doch wohl auch nicht, oder?

Polens Außenminister Radoslaw Sikorski gibt in München zu bedenken, den Deutschen solle ihr wirtschaftlicher Erfolg bloß nicht zu Kopfe steigen - und Weltbankchef Robert Zoellick warnt vor einer Buhmannrolle für Berlin, sollte die deutsche Regierung zu starr auf europaweitem Sparen beharren.

Ausweichende Beamtensätze

Daher wirkt das Zögern von de Maizière und Steinmeier durchaus verständlich. Doch hören sie in München auch hin, als ihnen ihre Mitdiskutanten andere Optionen aufzeigen?

Historiker Garton Ash etwa betont: "Jetzt ist die Chance für Deutschland" - nämlich zu zeigen, wie sehr es sich seit dem Zweiten Weltkrieg zu einer verantwortungsvollen Nation entwickelt habe.

Auch Skeptiker Sikorski gesteht zu: Deutschland solle durchaus führen, als größter Aktionär im Projekt Europa - um Europas Einigungsprozess zu retten, von dem das Land so ungeheuer profitiert habe. Und der Amerikaner Zoellick fragt, was geschehe, wenn Italiens neuer Premier Mario Monti mit seinen Reformen scheitere. Krache dann nicht der Euro zusammen und damit auch Deutschlands Exportwunder? Daher sei die deutsche Führung in der Krise nötiger denn je, scheint er damit suggerieren zu wollen.

Nutzen die deutschen Spitzenpolitiker diese Vorlage? Bieten sie dem hochkarätigen internationalen Publikum neue Antworten? Zum Beispiel auf die fast schon philosophische Frage, wie ein Land wie Deutschland politische Führungsstärke zeigen wolle, wenn seine Bevölkerung auch aus historischen Gründen solche Probleme mit dem Gedanken von Führung habe?

Nein. Sie ergehen sich lediglich in ausweichenden Beamtensätzen. De Maizière sagt, auf die Euro-Krise angesprochen: Er sei ja Verteidigungsminister, also wolle er die Ressortzuständigkeit von Finanzminister Wolfgang Schäuble anerkennen. Und als der Moderator die Stimmung etwas anheizen will und nachhakt, ob Deutschland Israel beistehen würde, sollte es Iran angreifen, weicht de Maizière ebenfalls aus.

Extremes politisches Zögern

Deutschlands Rolle, doziert der Minister, sei in den Verhandlungen das Sanktionsbündnis gegen Teheran zusammenzuhalten, ob es nun um Maschinenbau oder Öl gehe. Und ein militärisches Eingreifen? Auf "Wenn, dann..."-Szenarien lasse er sich nicht ein, gibt de Maizière zu verstehen.

Kein klares Wort findet er an dieser Stelle zu Deutschlands Unterstützung für Israel oder zur Warnung vor Irans Atomwaffe, die amerikanische Politiker so routiniert über die Lippen bringen.

Da kann es Ash noch so sehr versuchen. "Es sei die normalste Sache der Welt für eine mächtige Nation", ruft der Historiker den deutschen Politikern zu, "dass von ihr Führungsstärke verlangt wird - und dass sie dann mit Kritik leben müsse, wenn sie diese zeige."

Weshalb dieses extreme politische Zögern in Deutschland noch immer so verankert sei, fragt Harvard-Geostratege Joseph Nye nach der Konferenz-Auftaktrunde in kleinem Kreis nachdenklich. Seine Gesprächspartner, deutsche Konferenzteilnehmer, wissen keine rechte Antwort. Man kann zur deutschen Rolle in der Krise stehen, wie man will, eines aber steht fest: So normal, wie es etwa Ash anmahnt, ist Deutschland noch nicht.

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1. Gütiger Gott
deb2011 03.02.2012
Zitat von sysopDie Welt blickt auf Deutschland, nicht nur bei der Euro-Rettung. Die Kanzlerin genießt hohes Ansehen, die Bundesrepublik ist eine global respektierte Macht. Doch Berlin fremdelt mit der neuen Rolle - das zeigen die Diskussionen bei der Münchner Sicherheitskonferenz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813285,00.html
Also eine Weltmacht soll Deutschland sein. Naja. Eine Weltmacht lässt sich aber von China nicht einfach so vorführen. Und eine Weltmacht ist vor allem selbstbewusst, trägt das aber nicht ständig wie ein Werbebanner vor sich her. Von daher ist Deutschland wohl eher ein Weltmächtchen bzw. eine Möchtegern-Weltmacht.
2. Klar.
pacificatore, 03.02.2012
Zitat von sysopDie Welt blickt auf Deutschland, nicht nur bei der Euro-Rettung. Die Kanzlerin genießt hohes Ansehen, die Bundesrepublik ist eine global respektierte Macht. Doch Berlin fremdelt mit der neuen Rolle - das zeigen die Diskussionen bei der Münchner Sicherheitskonferenz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813285,00.html
Die Damen fremdelt mit der neuen Rolle in der Welt. Was ist das für eine? Weltpolizist wollen wir bekanntlich nicht werden. Den Sozialarbeiter der Welt wollen wir aber auch nicht machen. Bleibt also nur übrig, eine EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft) aufzubauen, die die Nato ablöst. de Maizière hat dies angemahnt. Was gilt denn nun? Vasallenrolle zu den USA oder Mentorrolle für eine neue EVG???? Oder beides? Dann würde sich die Katze in den Schwanz beißen!
3. Selten so gelacht
germanvirgin 03.02.2012
Zitat von sysopDie Welt blickt auf Deutschland, nicht nur bei der Euro-Rettung. Die Kanzlerin genießt hohes Ansehen, die Bundesrepublik ist eine global respektierte Macht. Doch Berlin fremdelt mit der neuen Rolle - das zeigen die Diskussionen bei der Münchner Sicherheitskonferenz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813285,00.html
wie ueber diese Ueberschrift. Weltmacht, schaut euch doch mal an auf welchen Platz Deutschland in der Welt liegt. Im Sport wuerde man sagen : unter ferner liefen... Jaja man will wohl und kann doch nicht. Traeum weiter Deutschland
4. Kann schon sein
theodorheuss 03.02.2012
Zitat von sysopDie Welt blickt auf Deutschland, nicht nur bei der Euro-Rettung. Die Kanzlerin genießt hohes Ansehen, die Bundesrepublik ist eine global respektierte Macht. Doch Berlin fremdelt mit der neuen Rolle - das zeigen die Diskussionen bei der Münchner Sicherheitskonferenz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813285,00.html
das "die Welt" uns so sieht. Aber ich weiß nicht Recht ob uns diese Hose nicht ein wenig zu groß ist. Nicht wegen der Geschichte, aber n bißchen "weniger Deutschland" in der Welt wäre mir durchaus Recht. Und wenn man schaut wer diese "Weltmacht" als Staatsoberhaupt in der Welt sein Gesicht verleiht wird mir, ehrlich gesagt, schlecht! Mit von Weizsäcker als Bundespräsident und Genscher als Außenminister wäre mir bedeutend wohler! Schauen sie doch bitte Westerwelle ( ist der eigentlich noch im Amt? ) und Familie Wulff an.... Da dreht sich letzendlich doch alles um die Person von unserer Frau Bundeskanzlerin. Ich glaube sie ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und Macht angelangt. Und ehrlich gesagt, ich höre lieber unsere Kanzlerin sprechen als jeden anderen Politiker. Hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Ich hoffe nur sie kriegt das mental auf die Reihe! Meine Unterstützung hat sie.
5.
stefansaa 03.02.2012
Zitat von germanvirginwie ueber diese Ueberschrift. Weltmacht, schaut euch doch mal an auf welchen Platz Deutschland in der Welt liegt. Im Sport wuerde man sagen : unter ferner liefen... Jaja man will wohl und kann doch nicht. Traeum weiter Deutschland
Millitärisch gesehen mag Deutschland keine Weltmacht sein aber wirtschaftlich betrachtet, bietet Deutschland extrem gute Konditionen. Allein die Produktion im Maschinen, Fahrzeugbau und in der Forschung ist deutschland ganz weit vorn. Das können Sie annehmen. Des Weiteren ist die Deutsche Struktur deutlich stabiler als die der USA oder England auf Grund der immer noch starken Mittelschicht im Firmensektor. Solange dies so bleibt und diese Unternehmen erhalten bleiben. Bleibt Deutschland ein Faktor mit dem gerechnet werden muss. Daher muss sich die Bundesregierung in Friedenszeiten eine starke Ausgangsposition sichern und sich auch rein strategisch mit allen Partnern gut stellen. Das heist leider auch eine Forderung Seitens China in Richtung: kein aufmucken, sichern. Denn millitärisch haben wir wenig zu bieten. Es ist also sehr interessant was der Spiegel hier schreibt. Seien Sie doch mal ein wenig patriotisch und seien Sie stolz auf das Land an sich. Die Regierung kann man sicherlich vergessen...das Volk hat nicht so viel wie es könnte aber trotzdem bleibt dieses Land immer noch ein Faktor mit dem zu rechnen ist...
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