Die deutsche Spur: Bundesanwalt sucht zwei Verdächtige

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Generalbundesanwalt Kay Nehm hat bei der Suche nach den Attentätern von Washington und New York zwei Haftbefehle erlassen. Die Gesuchten hatten Kontakte zu den drei mutmaßlichen Terror-Piloten, die in Hamburg lebten.

Diese beiden Männer sollen den Entführern in Deutschland geholfen haben: Ramsi Binalschibh aus Jemen und der Deutsch-Marokkaner Said Bahaji
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Diese beiden Männer sollen den Entführern in Deutschland geholfen haben: Ramsi Binalschibh aus Jemen und der Deutsch-Marokkaner Said Bahaji

Karlsruhe - Schon seit dem vergangenen Donnerstag ermittelt der Bundesanwalt Kay Nehm gegen eine terroristische Vereinigung, die sich nach Meinung der Fahnder Anfang des Jahres 2001 im Raum Hamburg gebildet haben soll. Drei der Mitglieder waren nach amerikanischen Erkenntnissen an den Terror-Attacken in den USA direkt beteiligt: Mohammed Atta, Marwan al-Schahi und Siad Jarrah. Alle drei Männer sollen in je einem der vier Todes-Jets gesessen haben, Atta und al-Schahi vermutlich sogar als Piloten. Zehn Tage nach dem Anschlag geht der Bundesanwalt jetzt mit einer Öffentlichkeitsfahndung nach weiteren Personen vor die Presse.

Nach den beiden Männern, die Kay Nehm sucht, fahnden die Beamten vom Bundeskriminalamt (BKA) schon seit Tagen fieberhaft, jedoch ohne Erfolg. Zwar stießen die Fahnder auf diverse Spuren der beiden Gesuchten, doch niemand weiß, wo sie sich jetzt aufhalten. Am Freitag schließlich erließ der Bundesgerichtshof einen Haftbefehl wegen der "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und vielfachen Mordes an mindestens 5000 Menschen und gefährlichen Eingriff auf den Luftverkehr". Der Bundesanwalt geht davon aus, dass die beiden jetzt gesuchten Männer seit Ende 1999 in die Planungsvorbereitungen eingebunden waren. Damit relativierte Bundesanwalt Nehm auch seine eigene Einschätzung, die Terror-Zelle in Hamburg habe sich Anfang des Jahres gebildet.

Beide Gesuchten hatten intensiven Kontakt zu den mutmaßlichen Entführern

Der 29-jährige Ramsi Binalschibh aus dem Jemen unterhielt laut Bundesanwaltschaft intensive Kontakte zu den bei den Anschlägen zu Tode gekommenen Attentätern Mohammed Atta, Marwan al-Schahi und Siad Jarrah. Ebenso wie Atta war er als Bewohner des Hauses Marienstraße 54 in Hamburg gemeldet. Im August 2000 versuchte er, ein Visum für die Vereinigten Staaten zu erhalten, da er offenbar in der gleichen Flugschule das Steuern eines Jets erlernen wollte, die auch Atta und Jarrah besuchten. Das Visum wurde ihm jedoch von der Botschaft verweigert. Letztmalig wurde er im August dieses Jahres in Hamburg gesehen. Wohin er sich abgesetzt hat, ist unbekannt.

Der 26-jährige Said Bahaji ist deutscher Staatsbürger und lebte in Hamburg-Harburg. Er gilt unter den Ermittlern als Logistiker der Hamburger Terror-Zelle, denn der Deutsch-Marokkaner zahlte die Miete für die Wohnung, an der sich Atta und Binalschibh beteiligten. Ebenso soll er sich um die Beschaffung von Visa und Ausweisen gekümmert haben. In seiner Wohnung wurden Unterlagen gefunden, die ein starkes Interesse an radikal-islamischen Führern zeigten - darunter auch Osama Bin Laden. Am 3. September schließlich flog Bahaji über Istanbul nach Pakistan. Seither ist er flüchtig. Auch seine in Deutschland lebende Ehefrau konnte laut Nehm keine Angaben zu seinem Verbleib machen.

Ermittlungen am Ende?

Noch in der vergangenen Woche wollte die Bundesanwaltschaft die Identitäten der beiden Männer nicht bekannt geben und verwies auf die laufenden Ermittlungen. Dutzende Fahnder untersuchten in Hamburg und Bochum das Umfeld der drei mutmaßlichen Terroristen und der beiden Helfer. Doch ohne Erfolg, wie die Öffentlichkeitsfahndung zeigt. Unter Kriminalisten ist eine solche Veröffentlichung der Ermittlungsschritte ein klassisches Zeichen, dass die Behörden nicht mehr weiterkommen.

Und auch bei der Bundesanwaltschaft gesteht man intern ein, dass sich das Terror-Netzwerk momentan kaum weiter erhelle. Zwar arbeiten mehr als 300 Beamte an den 2400 vorliegenden Spuren, doch neue Erkenntnisse bringt das kaum. Die Ermittler gehen zwar davon aus, dass der Vereinigung noch weitere Personen angehören, Beweise fanden sich bisher nicht. Was den Fahndern fehlt, ist ein neuer Ansatz. Ob der aus einer Öffentlichkeitsfahndung hervorgeht, ist fraglich, denn schon jetzt haben sich viele Bürger gemeldet, die Kontakt zu den Männern hatten.

Konten werden untersucht

Besonderes Augenmerk legen die Fahnder auf die finanziellen Transaktionen der Verdächtigen. Dazu recherchieren sie in Bankunterlagen verschiedener Institute und versuchen mögliche Unterstützer oder gar Hintermänner der Aktionen zu identifizieren. Eine Verbindung zu dem Hauptverdächtigen der US-Behörden, Osama Bin Laden, haben die deutschen Fahnder bisher nicht gefunden. "Wir ermitteln aber trotzdem weiter in diese Richtung", sagte der Bundesanwalt am Freitag.

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