Die Folter in Ägypten "Am Ende hätte ich alles gestanden"

Monatelang wird Abu Omar in Ägypten gefoltert. Nach vier Jahren kommt er endlich frei - als gebrochener Mann.


"Nachdem ich das Angebot, als Spitzel zu arbeiten, abgelehnt hatte, behandelte man mich in dem Gefängnis in Ägypten wie Dreck. Grundsätzlich wurde ich in den ersten Monaten nur in einer Einzelzelle eingesperrt, hatte keinen Kontakt zu Anwälten oder meiner Familie. Von außen bekam ich gar nichts mit. Alle paar Tage holte man mich zum Verhör. Ägyptens Regierung hat das gemacht, was sie immer macht: die Wünsche Washingtons erfüllt. Hier sollte die Drecksarbeit erledigt werden, damit ich rede. Deshalb haben sie mich gefoltert, bei mir Elektrodrähte an den Genitalien angeschlossen, mich in der Einzelzellen tagelang an der Wand aufgehängt, mir unerträglich laute Musik über Kopfhörer verabreicht."

"In den ersten 14 Monaten hätte ich alles gestanden, was sie wollten - doch ich wusste nichts über Anschlagspläne in Italien oder anderswo. Bei jedem Verhör zeigten sie mir Fotos von Verdächtigen, die ich nicht kannte. Mehrmals sagte einer der Uniformierten zu mir, ich sei an einem Platz, den niemand kenne und in dem mir niemand helfen könne. Immer wieder musste ich nach den Verhören Papiere unterschreiben. Die ersten habe ich noch gelesen, sie bestätigten, dass ich nicht gefoltert worden bin. Hinterher habe ich alles unterschrieben, was sie mir vorlegten. Es war mir egal. Zweimal schon hatte ich versucht, mich umzubringen. Jedes Mal haben sie mich zu früh gefunden. Ich wollte nicht mehr leben in dieser Hölle."

Über den Verbleib von Abu Omar wusste zu dieser Zeit, von Februar 2003 bis April 2004, niemand etwas. Die Amerikaner steckten ihren Kollegen beim italienischen Geheimdienst sogar, er habe sich vermutlich nach Albanien oder in ein anderes Kampfgebiet abgesetzt. Erst als Abu Omar im April 2004 plötzlich auf freien Fuß gesetzt wurde, nahmen die Ermittlungen ihren Lauf. Er telefonierte mit seiner Frau Nabila in Mailand, die Fahnder hatten das Telefon angezapft. Als die Ehefrau Journalisten informierte, dass ihr Mann in Ägypten sei, nahm die Polizei Abu Omar wieder fest.

Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv:
Der Fall Abu Omar
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AP
"Es war ein sonniger Mittag am 17. Februar 2003. Ich war gerade auf dem Weg von meiner Wohnung zu der Moschee, die nur knapp einen Kilometer entfernt war. Es war nichts Besonderes zu sehen, wie immer lief ich durch die Via Guerzoni, vorbei an kleinen Geschäften. Einzig ein weißer Lieferwagen fiel mir am Straßenrand auf, da ich ihn dort noch nie gesehen hatte. Meine Frau und ich hatten zu der Zeit schon länger den Verdacht, dass wir beobachtet würden. Immer wieder folgten uns Autos, oder wir dachten das zumindest. Außerdem klingelte das Telefon zu Hause und in der Moschee oft, und niemand meldete sich, wenn wir abhoben. Wir gingen davon aus, dass der italienische Geheimdienst uns observierte, da ich oft gegen die Amerikaner und den heraufziehenden Krieg gegen den Irak in Predigten wetterte." mehr...
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"Als der Jet aufsetzte, war ich immer noch wie benommen. Sieben Stunden, doch das ist nur eine Schätzung, hatte der Flug gedauert. Ich war vollkommen steif, Arme und Beine waren von den Fesseln eingeschlafen, noch immer hatte ich starke Schmerzen. Irgendjemand schnitt die Fesseln an den Füßen durch und führte mich eine Treppe hinunter. Von unten hörte ich eine Stimme. Auf Arabisch rief ein Mann, ich solle herunterkommen. Vom Akzent her wusste ich, dass ich in Ägypten war." mehr...

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"Nachdem ich das Angebot, als Spitzel zu arbeiten, abgelehnt hatte, behandelte man mich in dem Gefängnis in Ägypten wie Dreck. Grundsätzlich wurde ich in den ersten Monaten nur in eine Einzelzelle eingesperrt, hatte keinen Kontakt zu Anwälten oder meiner Familie. Von außen bekam ich gar nichts mit. Alle paar Tage holte man mich zum Verhör. Ägyptens Regierung hat das gemacht, was sie immer macht: die Wünsche Washingtons erfüllt. Hier sollte die Drecksarbeit erledigt werden, damit ich rede. Deshalb haben sie mich gefoltert, mir Elektrodrähte an die Genitalien angeschlossen, mich in der Einzelzelle tagelang an der Wand aufgehängt, mir unerträglich laute Musik über Kopfhörer verabreicht." mehr...
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"Deutschland trägt ebenfalls eine Mitschuld. Schließlich haben die Deutschen das Flugzeug mit mir in Ramstein einfach so landen und wieder abheben lassen. Ich habe gelesen, dass die Deutschen von den renditions (so nannten die US-Geheimdienstler ihre Kidnappings, d. Red.) der USA angeblich nichts wussten. Ich glaube das nicht." mehr...
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"Bei der zweiten Festnahme bestraften sie mich erstmal dafür, dass ich geredet hatte. Sie schlugen mich mehrmals zusammen. Wieder gab es Elektro-Schocks, doch wissen wollten sie nichts mehr. Sie sagten, sie wüssten bereits alles über mich, doch die Amerikaner wollten, dass ich noch länger in Haft bleibe. Ich sollte lieber schweigen und auch keinem Anwalt etwas erzählen, sonst gehe die Tortur weiter."

"Hinterher installierten sie in meiner Zelle eine Art Matratze, mit der sie mich folterten. Die Matratze war nass und an einen Transformator angeschlossen. Sie legten mich darauf und fixierten meinen Körper, dann drehten sie den Strom auf."

"Die Verhöre gingen meist mehrere Stunden, von elf Uhr morgens bis in den Abend und dann wieder von neun Uhr abends bis in den frühen Morgen. Vor den Befragungen zogen sie mich meistens aus, manchmal spielten die Vernehmer auch mit meinen Genitalien. Einmal haben sie gedroht, mich zu vergewaltigen. Ich schrie so lang, dass ich das Bewusstsein verlor. Ob sie mich wirklich vergewaltigt haben, kann ich nicht sagen."

"Zwischendurch brachten sie mich in meine Zelle. Ich wusste nie genau, ob es Tag oder Nacht war, weil die Zelle im Keller war und kein Fenster hatte."

"Manchmal brachten sie mich tagsüber in einen Raum, in dem ich mit einer Augenbinde den ganzen Tag sitzen musste. Es muss direkt neben einer der Kammern gewesen sein, in denen andere Gefangene gefoltert wurden, jedenfalls hörte ich ihre Schreie und das Wimmern um Gnade."

"Mehrmals boten mir ägyptische Vernehmer an, wir könnten einen Deal machen. Ich sollte zwei Millionen Dollar bekommen und einen amerikanischen Pass, dafür aber sollte ich über die Entführung schweigen. Ich traute dem Angebot nicht, schließlich kam es vom Geheimdienst, der mich entführt hatte. Dass ich freikommen würde, konnte ich nicht glauben. Ich rechnete damit, bis ans Ende meiner Tage im Knast zu bleiben. Immerhin wurden die Umstände etwas besser. Meine Frau durfte mich besuchen. Nur, als ich eine Nachricht an die Staatsanwälte in Mailand über meine Frau sendete, bekam ich wieder Ärger. Tagelang bedröhnten sie mich mit lauter Musik. Ich kann bis heute auf einem Ohr kaum hören, so laut war das".

Von den Behörden gab es weiter keinen Kommentar zum Verbleib von Abu Omar. Zwar entschieden ägyptische Gerichte immer wieder, dass er freigelassen werden müsste. Nach Angaben seines Anwalts aber verfasste der Innenminister jedoch immer nach den Urteilen ein Dekret, das weitere Haft für den Imam anordnete. Papiere gibt es über diese Entscheidung nicht. Erst am 11. Februar 2007 wurde Abu Omar völlig überraschend frei gelassen.

"Ich bin ein gebrochener Mann, habe starke Rückenschmerzen, kann mich kaum bewegen. Die Gelenke sind nach der langen Zeit in Fesseln versteift. Meine Nieren sind so angeschlagen, dass ich kaum das Wasser halten kann. Ich bin 46 Jahre alt und fühle mich wie ein Rentner, der nur noch wenige Jahre zu leben hat. Freiheit ist in Ägypten relativ, umso mehr für mich als Islamist und CIA-Opfer. Ich darf mich nicht in der Presse äußern. Außerdem habe ich keinen Pass, stehe unter Hausarrest. Jeder Schritt von mir wird kontrolliert".

Abu Omar lebt heute mit seiner Frau Nabila und seinem Sohn Mohammed in einer kleinen Wohnung in Alexandria.



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