Kinder im Krieg Syriens verlorene Generation

Seit fast drei Jahren tobt der Krieg in Syrien. Besonders schlimm ist die Situation für die Kinder: Der Schulunterricht ist zusammengebrochen, die humanitäre Lage prekär. Dem Land droht eine verlorene Generation.

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Ihre Kindheit erleben sie zwischen Bombardierungen, Häuserkämpfen und Belagerungen, mitten im Krieg. Der Ausnahmezustand ist für Syriens Kinder zur Regel geworden.

Viele von ihnen führen seit über zweieinhalb Jahren kein normales Leben mehr - ohne regulären Schulunterricht, ohne regelmäßige Mahlzeit, ohne Impfungen - und ohne ein Zuhause. Manche sind noch keine 14 Jahre alt und haben schon zusehen müssen, wie Freunde, Eltern oder Geschwister oder Freunde gewaltsam sterben.

Sie wachsen zu einer verlorenen Generation heran, ohne Schutz und ohne Bildung, zwischen Elend und Trauma, anfällig für Krankheiten, Radikalisierung und neue Gewalt.

In Aleppo im Stadtteil Bustan al-Bascha lebt der 13-jährige Mohammed, ein schlaksiger Junge mit dunklem Gesicht. Die Brutalität des Sicherheitsapparats hat erst seinen Vater dazu getrieben, zum Rebell zu werden und nun den Teenager. Er hat den Platz seines Vaters eingenommen, als dieser von Assad-treuen Kämpfern getötet wurde.

Ob dies allein Mohammeds Entscheidung war oder ob ihn die Kameraden seines Vaters unter Druck gesetzt hatten, ist nicht bekannt. In den Reihen der Rebellen kämpfen einige Minderjährige. Nun streift Mohammed mit dem Gewehr seines Vaters die Frontlinien entlang, bis auch ihn eine Kugel tödlich trifft.

Für die Kinder Syriens ist das Leben überschattet vom Tod - nicht nur für diejenigen, die kämpfen, sondern auch für die vielen, die einfach nur weiterleben wollen. Der Krieg hat ihre Kindheit abrupt beendet.

Viele dürfen nicht mehr draußen spielen - zu groß ist die Angst der Eltern, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Querschläger, Sprengsätze oder Granatsplitter könnten ihnen genauso zum Verhängnis werden wie das versehentliche Spiel mit nicht explodierter Munition.

Selbst Scherze können tödlich enden: In Aleppo wurde der 15-jährige Mohammed Kattaa von ausländischen Radikalislamisten hingerichtet, weil er scherzhaft den Namen des Propheten Mohammed verwendet hatte. Da war der Teenager gerade mit seinem Bauchladen unterwegs gewesen, um Geld zu verdienen, damit die Familie über die Runden kommt. Kinder und Teenager haben oft die Jobs von Erwachsenen übernommen.

Ein Kinderstreich war in Assads Syrien noch nie ungefährlich. Den Aufstand überhaupt erst ausgelöst hatten ein paar Jungs in Daraa: Sie kritzelten Anti-Assad-Graffiti an die Wand und wurden dafür verhaftet und gefoltert.

Jeder zweite syrische Flüchtling ist ein Kind

Nach wie vor werden Kinder festgenommen, misshandelt und in manchen Fällen auch vergewaltigt, wenn von ihnen angenommen wird, dass sie wenig vom Diktator halten, berichtete die Uno in diesem Jahr in ihrem Bericht über Kinder in bewaffneten Konflikten. Auch andere Verbrechen, die in Syrien an Kindern begangen werden, werden dort beschrieben.

Sicherheit gibt es aber auch innerhalb von vier Wänden nicht. Viele Menschen in Syrien sterben durch die noch immer regelmäßig stattfindenden Bombardierungen und Artilleriebeschüsse von Wohngebieten. Auf Zivilisten wird dabei keine Rücksicht genommen. Auch unter den Opfern des Giftgasangriffs von Damaskus waren besonders viele Kinder, da ihre kleinen Körper anfälliger sind für die Chemikalien als die von Erwachsenen.

Etwa ein Viertel der Bevölkerung ist in Syrien auf der Flucht vor der Gewalt, von einer Notunterkunft zur nächsten, schätzt die Uno. Die Hälfte davon sind Kinder. Ein weiteres Zehntel der Bevölkerung musste das Land inzwischen verlassen und sich als Flüchtlinge in den Staaten der Region registrieren, darunter sind ebenfalls die Hälfte Kinder. Wie viele Syrer darüber hinaus wegen der Gewalt ihrer Heimat bereits den Rücken gekehrt haben, ist nicht bekannt.

ras



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