Die letzten Hiroshima-Zeugen Im Trümmerfeld des Lebens

Sadae Kasaoka war 13 Jahre alt, als am 6. August 1945 die Atombombe über Hiroshima explodierte. Zehntausende Menschen verglühten innerhalb weniger Minuten, viele weitere starben in den Tagen danach. Auch Sadaes Eltern. Sie selbst überlebte - in einer Gesellschaft, in der Überleben als Makel gilt.

Till Mayer

Aus Hiroshima berichtet


Frau Sadae Kasaokas Ort des Erinnerns ist unscheinbar. Nicht so beeindruckend wie die "Atombombenkuppel" im Herzen der Stadt, deren Stahlträger Ehrfurcht lehren. Nicht so ergreifend wie der mit Gras bewachsene Hügel im "Peace Memorial Park", der die Asche von 70.000 Menschen in sich birgt. Kasaokas ganz privater Ort des Erinnerns ist ein Flussabschnitt mit hohen Dämmen links und rechts. Dahinter reihen sich die Hochhäuser in Reih und Glied, zwischen Straße und Wasser leuchtet ein schmaler Grünstreifen.

Dabei kann Frau Kasaoka nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass dies der richtige Ort zum Erinnern ist. Verloren steht sie auf dem Damm, sucht nach einem Zeichen aus der Vergangenheit. Sie kann keines mehr entdecken.

"Früher, zu meiner Kindheit, sah hier alles anders aus. Nicht diese hohen Dämme und Häuser", erzählt die alte Dame. Ein Nachbar will hier ihre Mutter zuletzt gesehen haben, damals am 6. August 1945, als die Bombe über ihrer Heimatstadt explodierte. Und ein gigantischer Feuersturm über das Stadtzentrum brauste. Ihre Mutter muss schwerste Verbrennungen erlitten haben. Sie befand sich nahe des Hypozentrums. Im Chaos nach der Explosion wurde sie von ihrem Mann getrennt.

"Ohne jedes Wissen, was aus ihrem Mann und ihren Kindern geworden ist. Keinen Abschied nehmen zu können, wie muss das meine Mutter gequält haben. Mir selber tut es weh, wann immer ich daran denke", sagt Frau Kasaoka. Dann blickt sie den Damm entlang. Vielleicht hatte ihre Mutter an diesem Ufer zuletzt gehofft, die Familie noch einmal zu sehen.

Es sind Augenblicke der Erinnerung, in denen Frau Kasaoka sich wundert, wie viel Schmerz sie ertragen kann. Nach all den Jahren, das hat sie gelernt, wird Trauer nicht weniger.

Zeit heilt nicht alle Wunden

Frau Kasaoka hatte nicht die geringste Chance, ihre Mutter zu finden. Sie musste sich um ihren Vater kümmern, der bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war. Ihr älterer Bruder brachte ihn auf einer Schubkarre zum schwer beschädigten Haus der Familie. Der junge Mann hatte die ganze Stadt abgesucht, um seine Mutter zu finden. So weit es im Chaos ging, so weit es die Flammen zuließen. Das Feuer, das nicht aufhörte zu brennen, bevor das ganze Stadtzentrum eingeäschert war.

70.000 von 76.000 Gebäuden wurden zerstört oder beschädigt. Vermutlich 70.000 bis 90.000 Menschen starben unmittelbar, als die Bombe in 580 Metern Höhe über einem Krankenhaus zündete. Ein Feuerball mit einer Innentemperatur von über einer Million Grad Celsius. Mit immer noch 3000 bis 4000 Grad Celsius tobte das Feuer durch die Straßen, über Häuser, Bäume und Menschen. Durch die Verstrahlung und die Folgen der Brandverletzungen kamen in den folgenden Wochen weitere Zehntausende ums Leben. Bis Jahresende 1945 stieg die Zahl der Bombenopfer auf schätzungsweise 140.000 Frauen, Kinder und Männer. Das Siechen hatte noch lange nicht aufgehört. Bis heute sterben die "Hibakushas", wie sie die Atombomben-Überlebenden in Japan nennen, an Krebserkrankungen, die auf die Strahlenkontamination zurückzuführen sind.

Im Register der Atombombenopfer stehen 263.945 Namen.

Frau Kasaoka denkt beim Atombombenabwurf weniger an Zahlen, als an Gesichter vertrauter Menschen, die ihr plötzlich fremd waren. "Hätte ich nicht seine Stimme gehört, ich hätte meinen eigenen Vater nicht erkannt. Sein Gesicht war geschwollen, seine Kleidung verbrannt, sein Körper schwarz und glänzend", erinnert sich die alte Dame. Sie braucht eine Pause, bevor sie weitererzählen kann.

Von Asche wie mit Puderzucker bestäubt

Als die Bombe explodiert, steht sie am Fenster ihres Elternhauses, 3,8 Kilometer vom Hypozentrum entfernt. Durch Zufall hat sie einen Tag vom Arbeitsdienst frei. Am nächsten Tag soll sie in einer Rüstungsfabrik ihren Einsatz beginnen. "Das Glas des Fensters färbte sich in ein tiefes Rot, nein, es war eine Mischung aus Orange und dem Licht der aufgehenden Sonne. Dann barst das Fenster", erzählt die 78-Jährige. Es grenzt an ein Wunder, dass die damals 13-jährige Sadae nur oberflächliche Schnittwunden davonträgt.

Die Verbrennungen ihre Vaters gehen tief. Löst sich die verkohlte Haut, sieht darunter das rote Fleisch hervor. "Es war ein so schrecklicher Anblick. Es stank, die Fliegen kamen und setzten sich auf die Wunden. Bald krochen Maden darin", sagt Kasaoka. Die Rentnerin streckt beim Erzählen kurz hilflos die Arme aus, wirkt für einen Augenblick wieder wie das Schulmädchen Sadae. Sie hat keine Medikamente, keine Salben für ihren Vater. Ein Mädchen von 13 Jahren, sie weiß nicht, wie sie in solch einer Situation bestehen soll.

Ihr Vater ist bei Bewusstsein, fragt nach seiner Frau, bittet immer wieder um Wasser. Doch in der Stadt wird gesagt, man darf den "Verbrannten" nichts zu Trinken geben, weil sie sonst sterben. "Das war Unsinn. Bis heute bedauere ich es, ihm nichts gegeben zu haben. Wie hat er deswegen noch leiden müssen."

Frau Kasaoka senkt den Kopf und berichtet, wie sie Tomaten und Gurken erntet. Sie will aus dem Gemüse und Kartoffeln, die sie im Haus hat, einen Brei machen, um ihn zur Kühlung auf das verbrannte Fleisch zu legen. Sadae sieht "Geister" schweigend am elterlichen Feld vorbeiziehen. Eine Gruppe völlig weißer Gestalten, von deren Armen und Beinen eigenartige Fetzen herabhängen. Erst später versteht das Mädchen, dass auch sie Bombenopfer waren. Von Asche wie mit Puderzucker bestäubt. Die herabhängenden Fetzen, das war ihre verbrannte, sich abschälende Haut.



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