Mysteriöse Terrorgruppe in Syrien: Die unsichtbare Front

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Bei ihren Anschlägen kamen mehr als 200 Menschen um, doch sie bleiben ein Mysterium: Die Nusra-Front, eine dschihadistische Terrorgruppe, hat sich zu den Anschlägen bekannt, die Syrien seit Dezember erschüttern. Viele Syrer bezichtigen das Regime, hinter der Gruppe zu stecken.

Terroranschlag in Damaskus: "Keine Bestätigung und kein Dementi" Zur Großansicht
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Terroranschlag in Damaskus: "Keine Bestätigung und kein Dementi"

Hamburg - Sie gehört zu den großen Unbekannten des Aufstands in Syrien: eine Gruppe von Dschihadisten, die sich selbst den ziemlich umständlichen Namen "Dschabhat al-Nusra li Ahl al-Scham", zu Deutsch etwa "Rettungsfront für das Volk der Levante" gegeben hat. Sie soll für mehrere verheerende Anschläge verantwortlich sein, die das Land seit Dezember vergangenen Jahres erschüttert haben und bei denen insgesamt mehr als 200 Menschen getötet wurden.

Doch auch vier Monate, nachdem die Gruppe zum ersten Mal mit einem Aufruf zum Dschihad an die Öffentlichkeit trat, ist wenig über die selbsternannte Rettungsfront bekannt. Sie hat kein Gesicht und noch nicht einmal ein eigenes Logo. Sie hat seit Jahresbeginn acht schriftliche Erklärungen in dschihadistischen Internetforen veröffentlicht und mehrere Videos online gestellt. Diese wurden von einer Organisation namens "Das weiße Minarett" veröffentlicht, die ebenfalls erst mit dem Auftauchen der Nusra-Front in Erscheinung getreten ist.

Doch auch die im Netz kursierenden Filme sind offenbar nicht immer authentisch. So hat die Nusra-Front inzwischen bestritten, für ein Video verantwortlich zu sein, das am Wochenende unter ihrem Namen veröffentlicht wurde. Darin hatte ein Sprecher mit verzerrter Stimme die Verantwortung für den Doppelanschlag übernommen, bei dem am vergangenen Donnerstag etwa 70 Menschen getötet worden waren.

"Das Video und die zugehörige Erklärung sind voller Fehler", so die Gruppe nun in einem neuen Schreiben. "Wir haben vom militärischen Zweig weder eine Bestätigung noch ein Dementi oder irgendeine Information hinsichtlich der Operation erhalten", heißt es darin weiter. "Falls wir weitere Informationen erhalten, werden wir sie auf den offiziellen Dschihadistenforen veröffentlichen."

Bekennerschreiben belegen kein Täterwissen

Als Chef der Nusra-Front hat sich bislang ein Mann mit dem Kampfnamen Abu Mohammed al-Golani zu Wort gemeldet. Gezeigt hat sich der Mann mit dem Beinamen "der Eroberer" bislang nicht, nur in Tonbotschaften wandte er sich an die Öffentlichkeit. Mit seinem Namen will der Dschihadist den Eindruck erwecken, dass er oder seine Familie von den israelisch-besetzten Golanhöhen stammen; ob das stimmt, ist vollkommen unklar.

In ihren Bekennerschreiben offenbart die Gruppe kaum Täterwissen. Die angeblichen Hintergrundinformationen, die sie zu Anschlägen auf Sicherheitskräfte und Geheimdienste veröffentlichen, gehen nicht über das hinaus, was Medien und Augenzeugen über die Angriffe berichten. Ihre Täterschaft kann die Nusra-Front damit bislang jedenfalls nicht zweifelsfrei belegen.

Ebenso unklar ist, wie viele Kämpfer die Gruppe zählt. In ihren Botschaften erweckt sie den Eindruck einer größeren Organisation; von einem militärischen Zweig und einer Mediensektion ist die Rede. Doch in den kurzen Videoaufnahmen sind jeweils nur etwa ein Dutzend vermummter Dschihadisten zu sehen, die sich unter dem schwarzen Banner der Front versammeln.

Hetze gegen Andersgläubige

Dieser Umstand sowie die große Geheimniskrämerei der Gruppe wecken bei vielen syrischen Oppositionellen Argwohn. Sie bezichtigen das Regime, hinter der Nusra-Front zu stehen, um damit den Widerstand gegen Assad in seiner Gänze zu diskreditieren. Seit Beginn des Aufstands bezeichnet die Regierung in Damaskus ihre Gegner pauschal als Terroristen. Daher passt es ihr nur allzu gut ins Konzept, dass dschihadistische Gruppen im Namen des Widerstands tatsächlich Terroranschläge gegen Zivilisten verüben.

Dazu passt auch, dass sich die Nusra-Front dezidiert als Verteidiger der Sunniten in Syrien aufspielt, die vor dem von Alawiten dominierten Regime und seinen Schergen geschützt werden müssten. In ihren wenigen Veröffentlichungen verunglimpfen die Minderheiten des Landes als "Ungläubige". Die Christen werden abwertend als "Nazarener" bezeichnet, die Alawiten pauschal als "Sünder" gebrandmarkt.

Das deckt sich durchaus mit der Rhetorik anderer militant-dschihadistischer Bewegungen in der Region, allen voran den verschiedenen Qaida-Ablegern. Und sie teilen gemeinsame Ziele: Terrorchef Aiman al-Sawahiri rief schon vor Jahren zum Kampf gegen das Assad-Regime. Umso auffälliger ist, dass sich al-Qaida und die Nusra-Front bislang in ihren Veröffentlichungen der letzten Monate nicht aufeinander bezogen haben. Weder haben die syrischen Dschihadisten dem Netzwerk ihre Gefolgschaft erklärt, noch hat al-Qaida die Gruppe bis dato auch nur erwähnt.

In jedem Fall spielt die Nusra-Front dem Regime in Damaskus in die Hände. Die Gruppe befeuert mit ihrem Handeln die von der Regierung geschürte Angst vor einem Krieg der Konfessionsgemeinschaften in Syrien.

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1. Lächerlich
freiheitsk 17.05.2012
Zitat von sysopDoch in den kurzen Videoaufnahmen sind jeweils nur etwa ein Dutzend vermummter Dschihadisten zu sehen, die sich unter dem schwarzen Banner der Front versammeln.
Hinter der "Syrischen Menschenrechtsorganisation" aus London steckt auch nur ein Mann. Dass scheint SPON allerdings nicht zu verwundern. Übrigens sollte sich SPON mal eins der zahlreichen Videos der "Freien Syrischen Armee", die auch auf Youtube schwimmen, ansehen. Dort sieht man auch meist nur einen Mummenschanz. Sieh an; all das bestätigt SPON und behauptet trotzdem, dass Assad hinter den Anschlägen steckt. Übrigens: wenn Assad selbst hinter den Anschlägen steckt, dann steckt die US-Regierung hinter den Anschlägen vom 11. September. Beweise? Brauch ich nicht! SPON ja auch nicht.
2. Na sicher...
kingston007 17.05.2012
"Dieser Umstand sowie die große Geheimniskrämerei der Gruppe wecken bei vielen syrischen Oppositionellen Argwohn." man sagt doch nicht öffentlich hey wir von der "Opposition aus Katar" oder sonst wo stecken dahinter, man hat doch schon längst erkannt das Syrien durch das UN-Veto nicht Bombardiert werden kann, also müssen andere Mittel her mh ja wie macht man dies wohl?:) Kommt es zum Krieg gegen den Iran? Christoph R. Hörstel im Interview - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=0ynwuA9i9w0) Kriegsversprechen II - Terrormanagement im 21. Jahrhundert - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=vO7KwIaroeI&feature=plcp)
3.
bayrischcreme 17.05.2012
Mysteriös? Saudi-Arabien und Katar treten weltweit als größte Förderer des salafistischen Terorismus in Erscheinung. Saudi-Arabien und Katar unterstützen massiv die Umsturzversuche gegen Assad. Finde ich eigentlich logisch dass ihre "Schöpfungen", die schon in Libyen äusserst erfolgreich waren nun auch hier eingesetzt werden. Öffentlich wird das natürlich von den Rebellen abgestritten. Aber das ist ja sowieso klar.
4. Langsam, zum mitschreiben
seine-et-marnais 17.05.2012
Zitat von sysopBei ihren Anschlägen kamen mehr als 200 Menschen um, doch sie bleiben ein Mysterium: Die Nusra-Front, eine dschihadistische Terrorgruppe, hat sich zu den Anschlägen bekannt, die Syrien seit Dezember erschüttern. Viele Syrer bezichtigen das Regime, hinter der Gruppe zu stecken. Die Nusra-Front in Syrien soll hinter den Terroranschlägen stecken - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833531,00.html)
Also diese Nusra-Front ist eine getarnte Dschihadistengruppe die vom Regime in Damskus benutzt wird. Diese Nusra-Front hat die gleichen Thesen wie die Dschihadisten die von SA, Katar und jetzt auch offen von den USA unterstuetzt werden. Muss sie wohl haben denn ansonsten koennte man sie nicht den 'richtigen, originalesn' Dschihadisten verwechseln. Jetzt sind aber auch Al Qaida Dschihadisten, die im gleichen Umfeld operieren. Also hehoeren die auch zu den 'Guten' da sie ja den Schlaechter von Damaskus bekaempfen. Wie passt es aber dass dann die Amerikaner in Guantanamo gefaehrliche Al Qaida Dschihadisten festhalten? Also 'gute' Dschihadisten die Assad bekaempfen werden von den USA unterstuetzt, waehrend 'schlechte' Dschihadisten isoliert werden muessen, wobei wohl das Endziel ihres Kampfes bei beiden Gruppen gleich ist. Nicht die Terrorgruppen sind mysterioes, sondern die Politik der USA. Mit ihrer Politik meines Feindes Feind ist mein Freund schafft sie da ein wildes Durcheniander. Man hat's ja 2002 gesehen, al Qaida von den USA gegen die sowjetische Armee in Afghanistan aufgebaut, hat mit bekannt guter Wirkung das World Trade Center in New York zerstoert.
5. Wieso nicht?
gandhiforever 17.05.2012
Zitat von sysopBei ihren Anschlägen kamen mehr als 200 Menschen um, doch sie bleiben ein Mysterium: Die Nusra-Front, eine dschihadistische Terrorgruppe, hat sich zu den Anschlägen bekannt, die Syrien seit Dezember erschüttern. Viele Syrer bezichtigen das Regime, hinter der Gruppe zu stecken. Die Nusra-Front in Syrien soll hinter den Terroranschlägen stecken - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833531,00.html)
Dass das Assad-Regime die Opposition mit der Terrorgruppe diffamieren wuerde, war zu erwarten, schliesslich wenden sich nur Terroristen gegen eine Regierung, die es so gut meint mit dem eigenen Volk (Selbstdarstellung). Dass Oppositionelle aber kategorisch behaupten, die Terroranschlaege seien das Werk des Regimes, laesst auch auf diese einen grossen Schatten werfen. Es sollte niemanden (also auch nicht demokratisch gesinnte Oppositionelle) ueberraschen, dass Islamisten die Situation im Land fuer sich ausnuetzen wollen. So sind sie halt, die Fundamentalisten. Leider gibt es keinen Anschein dafuer, dass die demokratischen Kraefte den Islamisten das Handwerk legen wollen. Es ist ja auch viel einfacher, Assad fuer alles verantwortlich zu machen, so wie er alle Oppositionellen als Terroristen bezeichnet.
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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