Nordkoreas Provokationen: Kräftemessen im Schatten der Riesen

Von Bernhard Zand, Peking

Nordkoreanische Soldaten beim Manöver: Raketen, Bomben und Propaganda-Granaten Zur Großansicht
REUTERS/ KCNA

Nordkoreanische Soldaten beim Manöver: Raketen, Bomben und Propaganda-Granaten

Diktator Kim versetzt seine Armee in Kampfbereitschaft. Die erneute Provokation des Regimes in Pjöngjang zeigt: Der Korea-Konflikt ist unlösbar, solange die Regierungen in USA und China einander nicht vertrauen. Aber warum sollten sie?

Wenn es ein Ranking der langwierigsten und trostlosesten Konflikte der Weltpolitik gäbe: Der um Nordkorea stünde gewiss auf einem der drei Spitzenplätze, zusammen mit dem Nahen Osten und Kaschmir, oder auch mit Tibet oder dem Kurdenkonflikt. Im Juli jährt sich zum 60. Mal das Ende des Korea-Krieges, dessen letzte Veteranen inzwischen Greise sind. Bis heute gibt es keinen Friedensvertrag zwischen den beiden koreanischen Staaten und keine Aussicht auf eine Lösung. Stattdessen gibt es alle paar Monate, zurzeit sogar alle paar Wochen, eine weitere Provokation aus Pjöngjang: Am Dienstagmorgen versetzte das Regime seine Raketen- und Artillerieeinheiten in Bereitschaft. Sie hätten "alle Feindstellungen auf dem amerikanischen Festland, auf Hawaii und Guam" im Visier, so das Oberste Armee-Kommando.

Nach jedem Raketenstart, jedem Atombombentest, jeder vermeintlichen Friedensinitiative und Vernichtungsdrohung aus Pjöngjang starrt die Welt auf den Führer des bizarren Staats jenseits des 38. Breitengrads, interpretiert seine Ansprachen, analysiert seine Motive, berechnet seinen nächsten Schritt. Aber gelernt hat sie nicht viel aus den Mutmaßungen über die Kims - außer dass ihnen und ihren Generälen offenbar egal ist, was andere von ihnen halten und dass sie ihre Raketen, Bomben und Propaganda-Granaten nach ihrem eigenen Kalender zünden. Es gibt nicht viele Staaten, die der Weltöffentlichkeit ihren Rhythmus so erfolgreich aufdrücken.

Durch den trüben Blick auf die Kims aber hat sich über Jahre der Eindruck verfestigt, als seien sie es, die diesen Konflikt organisierten und nach Belieben an- und ausknipsten. Im engeren Sinn trifft das sogar zu. Für einen Konflikt dieser Dauer und Größenordnung ist die Schuld sehr eindeutig verteilt: So gut wie immer ist Pjöngjang der Störenfried, und zwar mit einer Vorhersagbarkeit, die selbst die von Iraks Saddam Hussein oder Irans Mahmud Ahmadinedschad übertrifft. Tatsächlich aber agieren die Diktatoren von Pjöngjang auf einem eng umgrenzten Spielraum, den ihnen ein nur latenter, aber weit größerer Konflikt geschaffen hat - der zwischen China und den USA.

Die Konstellation ist ziemlich übersichtlich: Amerika versteht sich als Weltmacht, deren über Jahrzehnte etablierte Hegemonie sich bis an die Westküste des Pazifik erstreckt. China, um seine Sicherheit und seine Energieressourcen besorgt, betrachtet den westlichen Pazifik als seinen Einflussbereich. Beide Ansprüche sind legitim, aber sie sind letztlich nicht miteinander zu vereinbaren. Das Resultat, schreibt der amerikanische Geostratege Robert D. Kaplan, ist "wahrscheinlich der bestimmende militärische Konflikt des 21. Jahrhunderts: wenn nicht ein großer Krieg mit China, dann eine Reihe von Kalter-Krieg-artiger Auseinandersetzungen, die sich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen werden".

Im Schatten dieser beiden sich miteinander messenden Riesen mischen Nordkoreas Diktatoren die Nachbarschaft auf - und wissen, dass sowohl Washingtons als auch Pekings Handlungsspielraum begrenzt ist. Amerika kann nicht in Nordkorea einmarschieren wie vor zehn Jahren im Irak; es wäre eine für China nicht hinnehmbare Provokation. Und Peking kann die Diktatur, die es vor 60 Jahren gegen Amerika unterstützte, nicht einfach fallenlassen - so gern es das mitunter tun würde. Es wäre, so sehen es nicht nur Chinas Generäle, eine Einladung an Washington, seinen Einfluss vom Süden auf den Norden der koreanischen Halbinsel auszudehnen.

Kein Mangel an Konflikten in Fernost

Wird Nordkorea also, wie es bereits angekündigt hat, dem dritten einen vierten und dann weitere Atomtests "auf höherer Stufe" folgen lassen? Wird sich die Diktatur der Kims die Bedingungen des neuen Kalten Krieges so zunutze machen, wie es den alten überdauert hat? Wahrscheinlich ja. Solange sich nicht im Inneren des geschundenen Landes eine Revolution erhebt, sprechen die äußeren Umstände eher für als gegen das Überleben des Regimes. Und der Westen kann nichts anderes tun als protestieren, nordkoreanische Botschafter einbestellen und weitere Sanktionen beschließen? Wahrscheinlich auch das.

Der Ferne Osten hat auch jenseits von Nordkorea keinen Mangel an Konflikten: Japan streitet mit Südkorea, China und Russland um drei Inselgruppen. China hat mit Vietnam, Taiwan, den Philippinen, Malaysia und Brunei Souveränitätskonflikte im Südchinesischen Meer. In mehreren dieser Konflikte kam es in den vergangenen Monaten zu Zwischenfällen, zuletzt zwischen der japanischen und der chinesischen Marine vor den Diaoyu/Senkaku-Inseln und der japanischen und russischen Luftwaffe vor den Südlichen Kurilen. Aktuell wirft Vietnam Peking vor, ein chinesisches Schiff habe vor den Paracelsus-Inseln ein vietnamesisches Schifferboot beschossen.

Auch an fahrlässigen Militärs und waghalsigen Politikern fehlt es nicht in der Region: Japans kürzlich wiedergewählter Ministerpräsident Shinzo Abe hat vor, die strikt pazifistische Verfassung seines Landes aufzuweichen, um Japans veränderten "Sicherheitsbedürfnissen" nachzukommen. Sein Verteidigungsminister Itsunori Onodera sagt, Japan habe das Recht, auf eine unmittelbare Bedrohung mit einem Präventivschlag zu reagieren.

Und unter den engsten Ratgebern des neuen chinesischen Präsidenten Xi Jinping sind Männer, die offen zu "kurzen, scharfen Kriegen" aufrufen. Der Luftwaffengeneral Dai Xu etwa schrieb unlängst in einem Kommentar: "Da wir uns einig sind, dass die USA im Südchinesischen Meer nur bluffen, sollten wir die Gelegenheit ergreifen und diese leeren Drohungen mit etwas Wirklichem beantworten." Japan, Vietnam und die Philippinen seien Amerikas "Hunde" in Asien: "Es reicht, einen von ihnen zu töten, das wird die anderen zur Räson bringen."

Es brauchte Nordkorea gar nicht, um den Fernen Osten zu destabilisieren - dafür sorgen bereits die beiden Supermächte und ihre Alliierten. Und sollte jemand meinen, die gemeinsame Abneigung aller gegen den Diktator in Pjöngjang würde die zerstrittenen Nachbarn einen, dann sollte er in den Nahen Osten schauen: Auch Iran, der andere Desperado der Weltpolitik, eint seine Gegner nicht. Nukleare Abschreckung ist ein schwieriges Geschäft.

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Naher Osten und/ oder Kaschmir?
ianosch 27.03.2013
Ich wusste gar nicht, das Konflikte auf "Spitzenplätzen" landen können... und wenn es die wirklich gäbe, sollte der Bürgerkrieg in Myanmar (seit 1949) bitte nicht vergessen werden. Mit freundlichen Grüssen aus dem Krisengebiet...
2. Regime wird fallen
meisterraro 27.03.2013
letztlich wird das Regime in Nordkorea fallen und das Land wird wiedervereinigt.
3.
pauschaltourist 27.03.2013
Zitat von sysopEs wäre, so sehen es nicht nur Chinas Generäle, eine Einladung an Washington, seinen Einfluss vom Süden auf den Norden der koreanischen Halbinsel auszudehnen.
Ersten glaube ich nicht, dass nach dem Sturz der despotischen Erbmonarchie Nordkoreas und einer anschließenden möglichen Demokratisierung die Anwesenheit der mit Südkorea verbündeten US-Streitkräfte auf der koreanischen Halbinsel noch erforderlich wäre (mit EUCOM in Deutschland nicht vergleichbar, die japanischen Stützpunkte würden ausreichen), zweitens würde sich für China selbst im gegenteiligen Falle praktisch nichts ändern. Chinas Metropolen sind derart verwestlicht, dass ein Anrainerstaat mit marktwirtschaftlichem System mehr oder weniger sich nicht spürbar auf innerchinesische Verhätnisse auswirken würde.
4. Gleich und gleich...
el-gato-lopez 27.03.2013
Zitat von sysopDiktator Kim versetzt seine Armee in Kampfbereitschaft. Die erneute Provokation des Regimes in Pjöngjang zeigt: Der Korea-Konflikt ist unlösbar, solange die Regierungen in USA und China einander nicht vertrauen. Aber warum sollten sie? Die Rolle von China und USA im Konflikt mit Nordkorea - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/die-rolle-von-china-und-usa-im-konflikt-mit-nordkorea-a-891038.html)
"Hegemoniale Amis" und Chinesen, die angeblich ganz einfach und bescheiden um ihren Rohstoffzugang "besorgt" sind?? Ach, bitte, diese Lesart und Rollenvereilung mag dem bionadelinken Weltbild irgendwo im städtischen Szenekiez entsprechen, entbehrt aber des Realitätsbezuges. China hatte und hat ein sinozentrisches Weltbild und verstand sich immer schon als dominante Kultur und Militärmacht im Westpazifik und insb. Südost-Asien (Indochina). Expansionsgelüste gab und gibt es dementsprechend von chinesischer Seite seit Jahrhunderten, ein Blick in die Geschichte Vietnams reicht da z.B. schon aus - insgesamt über ein Dutzend chinesiche Invasionen und mehrere Jahrhunderte direkter chinesischer Herrschaft bzw. über loyale Statthalter. Mit China und den USA treffen also "zwei Brüder im Geiste" aufeinander...
5. Nun lass mal die Kirche im Dorf
mactwo 27.03.2013
Zitat von ianoschIch wusste gar nicht, das Konflikte auf "Spitzenplätzen" landen können... und wenn es die wirklich gäbe, sollte der Bürgerkrieg in Myanmar (seit 1949) bitte nicht vergessen werden. Mit freundlichen Grüssen aus dem Krisengebiet...
Wen interessiert denn - weltpolitisch gesprochen - ein mickriger Bürgerkrieg in Myanmar? Hier geht es um bis an die Zähne bewaffnete Großmächte mit atomarem Potential.
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