Die Russinnen von Damaskus "Do you want to have some fun?"

Offiziell ist Prostitution in Syrien verboten - doch in der Hauptstadt Damaskus boomt das Geschäft mit der käuflichen Liebe. Vor allem aus dem früheren Ostblock sind tausende Mädchen eingereist, um hier ans schnelle Geld zu kommen. Nun bekommen sie Konkurrenz aus dem Irak.

Von Jasna Zajcek


Wenn sich die Nacht über Damaskus, der ältesten kontinuierlich bewohnten Stadt der Welt senkt, treten der arabische Sozialismus und seine offiziellen Ordnungshüter, bestehend aus Polizei und zahlreichen Geheimdiensten, in den Hintergrund. Jedem männlichen Ausländer, der nach Einbruch der Dunkelheit über den zentralen Platz von Damaskus, den Märtyrerplatz, spaziert, wird von einem syrischen Schlepper mit einem Augenzwinkern "Fun" angeboten. "Wir haben alles im Angebot - es ist nur Deine Sache, wie viel Du ausgeben willst" geht der Vermittler sofort in die Verhandlungen. Damit spielt er auf das große internationale Angebot von illegalen Prostituierten an, vor denen das offizielle Syrien des Baschar al-Assad die Augen gekonnt zu schließen weiß.

Schon zur Regierungszeit von Baschars Vater, Hafez, gab es hier Prostitution - allerdings verkauften damals fast ausschließlich Somalierinnen, Marokkanerinnen und Palästinenserinnen aus einem der zehn offiziellen oder einem der drei inoffiziellen Flüchtlingslager Syriens ihre Körper.

Um eine dieser Prostituierten zu treffen, musste man dem Schlepper in verfallene Wohnungen am Stadtrand von Damaskus folgen und sich als Freier - besonders am Wochenende - zunächst in ein Wartezimmer begeben.

Auch heute noch gibt es diese Art des "Business". Ein Manager teilt die Arbeitszeit der auf schäbigen Matratzen im Nebenzimmer arbeitenden Frauen ein. Zwanzig Minuten sind in diesen Etablissements ab zehn Dollar zu haben. Kondome sind bei den Damen manchmal, auf Anfrage, für rund zwei Dollar zu erwerben.

Von der Familie geächtet

Die Englischlehrerin Roula Nazrallah, 25, die minderjährige, aussteigewillige palästinensische Prostituierte im Kloster "Good Shepard" in der christlichen Altstadt von Damaskus betreute und unterrichtete, weiß aus vielen Gesprächen, dass weit über die Hälfte in ihrer Kindheit von Familienangehörigen sexuell missbraucht worden sind. Das katholische Konvent bietet Aussteigerinnen die Chance auf kostenlose Bildung und arrangiert Ausbildungsplätze in Goldschmieden oder Seidennähereien für die von ihren Familien geächteten Mädchen, die statt familiärem Rückhalt nur der Rachetod für die Schande, die sie über die Familie gebracht haben, erwarten können.

Seit der Öffnung der Sowjetunion aber hat das älteste Gewerbe der Welt auch in Syrien eine neue Dimension erreicht. Knapp volljährige, unverbrauchte Dienstleisterinnen kommen aus Russland, Weißrussland oder der Ukraine per Schlepperorganisation und auch in eigener Regie mit dem Schiff von Odessa über die Türkei in die syrische Hauptstadt und nach Aleppo. Da es offiziell keine Prostitution in Syrien gibt, gibt es auch keine offizielle Statistik. Doch es müssen tausende Mädchen aus dem Ostblock sein, die allnächtlich in den rund 120 Damaszener "Night Clubs" in ihrer Profession als "Ballet-Cabaret"-Tänzerinnen arbeiten.

Für rund zehn Dollar Eintritt darf man einen Blick in die Rotlichtwelt des arabischen Sozialismus werfen. Die "Tänzerinnen" sitzen Wodka oder Whiskey trinkend gelangweilt an der Bar und warten, dass der Manager des Etablissements alle halbe Stunde in die Hände klatscht und sie auf die Tanzfläche treibt. Nachdem die stark geschminkten Mädchen ihre in knappe Kleidung gehüllte Körper präsentiert haben, werden sie von den interessierten Freiern an deren Tische gebeten.

Job im "Ballet-Cabaret"

Die 22-jährige Prostituierte Ana aus der Ukraine gibt stolz an, nur in die eigene Tasche zu wirtschaften. Sie erzählt, wie sie zunächst mit ihrer Cousine und einigen Freundinnen in der Türkei gearbeitet hat - drei Monate mit Touristenvisum. Nach Ablauf der drei Monate versuchten die Mädchen mit einem "Business"-Visum in der als "Ballet-Cabaret" umschriebenen Branche zu arbeiten. Als die türkische Polizei sie und ihre Clique nach einer Razzia auswiesen, erdachten sich die Prostituierten Syrien als neue Wirkungsstätte.

Die Preise in Syrien seien leider nicht so gut wie in der Türkei, berichtet Ana mit traurigem Blick. Konnte sie in der Türkei noch rund hundert Dollar pro Kunden verlangen und wurde sie manchmal sogar in Euro, der zweiten Währung der Türkei, bezahlt, so könne sie hier für einmaligen Geschlechtsverkehr nur rund zwanzig Dollar verlangen. Zudem verdürben die irakischen Konkurrentinnen, die seit Kriegsausbruch zu Tausenden geflüchtet seien, die Preise.

Über Aids wissen sie und ihre Kolleginnen nur, dass es eine Krankheit von Drogensüchtigen sei. Sie benutze niemals beim Sex Kondome, denn das wollten die Freier ohnehin nicht und die Pille sei in Syrien frei verkäuflich. Dass sie ihr schäbiges Hotel direkt im Stadtzentrum am Märtyrerplatz nur drei Stunden pro Tag verlassen dürfe, findet sie nicht weiter verwunderlich. "So wie es in Deutschland Gesetze gibt, gibt es hier Regeln. Und die uns betreffende Regel ist einfach, dass wir bei Tageslicht das Hotel zu privaten Zwecken nicht verlassen dürfen." Ihre Mutter im ukrainischen Dorf wisse über alles Bescheid und freue sich über die dringend benötigte monatliche Geldsendung.

"Die Irakerinnen verderben die Preise"

Seit dem Beginn des Irak-Krieges sind tausende Sex-Arbeiterinnen aus dem benachbarten Irak geflüchtet. Viele haben als Wirkungsstätte vor allem die Nachtbar des internationalen Vier-Sterne-Hotels "Le Meridien" erobert und die Russinnen hier verdrängt. Obwohl Prostitution faktisch nicht vorhanden ist und in Syrien unter hoher Strafe steht (bis zu sechs Jahren Gefängnis und eine Geldstrafe), drückt der Sicherheitsdienst des Hotels beide Augen zu, wenn nachts Hotelgäste mit einschlägigen Begleiterinnen auf ihr Zimmer gehen. "Der staatliche Sicherheitsdienst kassiert die Damen nämlich noch mal ab", weiß ein Insider der Branche, der ungenannt bleiben möchte, zu berichten.

Das einzige Fünf-Sterne-Hotel Syriens, das kürzlich eröffnete Four Seasons, beachtet laut Generaldirektor Markus Iseli, 44, als einziges Haus der gehobenen Klasse strenge Sicherheitsmaßnahmen nach internationalem Standard. In der Bar und den Restaurants seines Hotels sind keine Damen auf der Suche nach Kundschaft zu finden. "Mittlerweile", erklärt der Schweizer mit einem Lächeln, "hat es sich bei den Damen wohl herumgesprochen, dass man es bei uns gar nicht erst versuchen darf."

Trotzdem muss der an Luxus interessierte Sextourist in Damaskus nicht darben. Seit Jahrzehnten mieten sich reiche Saudis den Sommer über in geräumigen Wohnungen in Damaskus und Beirut ein, um der Wüstenhitze und den strengen Gesetzen im eigenen Land zu entfliehen.

Erfüllung aller Wünsche

Bei der Damaszener Immobilienagentur "Ak-Kaarai" mieten vor allem Saudis "Apartments mit Hausmädchen", die sich dann um die Erfüllung aller Wünsche kümmern und bei Nichtgefallen von der Agentur ausgewechselt werden. Zu den Aufgaben des Hausmädchens gehört auch die Organisation von dienstbaren Kolleginnen rund um die Uhr.

Ein "Einsatz" wird normalerweise mit zwanzig Dollar berechnet, und "die ganze Nacht gibt es für hundert Dollar" erklärt leise ein Mitarbeiter der Agentur, der ungenannt bleiben möchte. Er beschreibt das Prozedere: Kurz nachdem der Auftrag die Damen auf ihrem Mobiltelefon erreicht, kommen diese per Taxi ins Apartment. Da der staatliche Sicherheitsdienst tagsüber, solange die europäischen Kulturtouristen den Charme der sechstausend Jahre alten Stadt genießen, wachsam ist, verhüllen sich die Damen aus dem ältesten Gewerbe der Welt zum "Special Room Service" unter Kopftuch und dem traditionellen, schwarzen islamischem Gewand.



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