Die Stunden des Sieges "Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!"

Der Jubel ist grenzenlos: Ganz Kairo, ganz Ägypten feiert Freitagnacht den Rücktritt von Präsident Mubarak, der das Land 30 Jahre lang als Autokrat beherrschte. SPIEGEL ONLINE begleitete einen jungen Aktivisten an diesem Tag - vom Morgen bis zum Sieg der Revolte.

Aus Kairo berichtet

Hasnain Kazim

An einen so schnellen Erfolg hat er dann doch nicht geglaubt, nach all diesem Taktieren und Zögern. Mohammed Anwar wundert sich, als er den Lebensmittelladen verlässt, warum plötzlich so viele Autos hupen. Er ahnt etwas, aber kann das wirklich wahr sein? Er geht zu seinem alten grünen Volvo, setzt sich hinter das Lenkrad und kramt sein Telefon aus der Jackentasche. Da klingelt es schon, ein Freund ist dran. Anwars Augen beginnen zu leuchten. "Nein! Das ist ja unglaublich! Ja, hier hupen auch schon alle!"

In Sekundenschnelle hat sich die Nachricht in Kairo herumgesprochen: Präsident Husni Mubarak, Ägyptens ungeliebter Herrscher seit 30 Jahren, tritt zurück. Nach drei Wochen der Massenproteste übernimmt offiziell das Militär die Macht.

Anwar legt das Telefon beiseite, lächelt. "Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben. Ich glaube, das sehen viele Ägypter so." Dann startet er den Wagen und sagt: "Na dann, das wird eine lange Nacht! Lasst uns feiern!" Er wendet, drückt auf die Hupe und fährt wieder in Richtung Tahrir-Platz. Zehntausende Menschen sind auf dem Platz und auf dem Weg dorthin, bis eben haben sie noch Sprüche gegen Mubarak skandiert, jetzt jubeln sie, tanzen, schwenken Fahnen, umarmen sich. Viele werden von Wildfremden geküsst und lassen sich das lachend gefallen.

"Wir haben Mubarak gezeigt, dass wir das nicht mehr dulden"

Mohammed Anwar, 39, hat schon fast den ganzen Tag auf dem Platz verbracht, hat wie in den Tagen zuvor mit befreundeten Aktivisten über die Zukunft des Landes diskutiert und Erste-Hilfe-Stationen mit Medikamenten versorgt. Am Nachmittag schloss er sich dann einem Zug von Tausenden Menschen zum Präsidentenpalast im knapp 20 Kilometer entfernten Stadtteil Heliopolis an. Anwar ist einer der Aktivisten der Demokratiebewegung in Ägypten, die seit dem 25. Januar auf dem Tahrir-Platz gegen das Regime von Mubarak protestieren.

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Jubel nach Mubarak-Rücktritt: Volksfest auf Kairos Straßen
Was als Jugendrevolte gegen die schlechten Zukunftsperspektiven begann, entwickelte sich zu einer eindrucksvollen Machtdemonstration einer Bevölkerung gegen ihre undemokratische Regierung und gegen die schlimmen wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen des Landes: 40 Prozent der Ägypter leben von weniger als zwei Dollar am Tag, 50 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer können nicht lesen und schreiben.

"Aber wir sind keine dummen Menschen", sagt Anwar. "Mubarak und seine Leute glauben, dass wir arme Idioten sind, die er ausbeuten und mit Gewalt unterdrücken kann. Wer immer es wagte, kritisch zu sein, wurde verprügelt, gefoltert und ins Gefängnis geworfen. Aber wir haben ihm gezeigt, dass wir das nicht mehr dulden."

Anwar, der in Kairo und in den USA Ägyptologie und Wirtschaft studiert hat und jetzt als Touristenführer für amerikanische Reisegruppen arbeitet, sagt, der Kessel habe nicht erst seit der Revolte in Tunesien gebrodelt. "Da war schon seit langem Druck drauf", sagt er. "Die Ägypter protestieren ja nicht zum ersten Mal gegen Mubarak. Mir hat es immer wehgetan zu sehen, wie arm unser Land ist. Ich will Ägypten gar nicht mit Ländern wie Deutschland, Frankreich oder England vergleichen. Aber nehmen wir mal Staaten wie Bahrain oder Katar oder Malaysia - dort geht es den Menschen viel besser als uns, obwohl sie keine so viel besseren Bedingungen haben. Wir dagegen wurden von unserer politischen Führung um unsere Zukunft betrogen."

"Es sind deine Opfer! Deine Schergen haben sie umgebracht!"

Anwar, der eineinhalb Stunden Autofahrt außerhalb Kairos gemeinsam mit seiner Frau und zwei Kindern lebt, war am Vormittag zum Tahrir-Platz aufgebrochen, um rechtzeitig zum Freitagsgebet dort zu sein. "Meine Freunde und ich waren enttäuscht. Mubaraks Rede am Donnerstag war der reinste Hohn: Er sagte, das Blut der Todesopfer der Revolution sei nicht umsonst geflossen. Wir wollten ihm entgegenschreien: 'Es sind doch deine Opfer! Deine Schergen haben sie umgebracht, wir Demonstranten waren von Anfang an friedlich!' Es war eine Rede, wie wir sie seit 30 Jahren von Mubarak kennen."

Auf dem Tahrir-Platz ist schon am Vormittag kein Durchkommen: So viele Menschen wie noch nie haben sich dem Protest angeschlossen. Sie sind wütend, weil sie sich von Mubarak verhöhnt fühlen. Wie zuletzt sind Familien mit Kindern auf dem Platz, Alte und Junge, Menschen aus allen Schichten. Anwar drängt sich durch die Menge, von Beklommenheit keine Spur, er lächelt und hält ständig seine kleine Digitalkamera in die Höhe. Für ihn ist klar, dass dies historische Aufnahmen sind, auch wenn Mubarak noch nicht zurückgetreten ist. "Die Menschen zeigen, dass sie demonstrieren werden, bis Mubarak weg ist", sagt er.

In dem Reisebüro "Sultan Travel" am Tahrir-Platz haben sich die führenden Aktivisten eingerichtet, es ist, wenn man so will, das Macht- und Schaltzentrum der Proteste. Die Demonstranten haben eigene Wachleute für das Büro aufgestellt. Leute wie Amr Mussa, der Chef der Arabischen Liga und ehemaliger ägyptischer Außenminister, Mohamed ElBaradei, der frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und der zwölf Tage lang verhaftete Google-Manager Wael Ghonim gehen hier ein und aus. "Einen richtigen Anführer hat diese Bewegung aber nicht", betont Anwar. "Es ist eine Revolution der gesamten Bevölkerung."

"Vielleicht kapiert Mubarak, wenn er außerhalb Kairos frische Luft schnappt"

Ein paar Freunde begrüßen Anwar, sie tauschen Informationen aus. Gerade berichten Fernsehsender, angeblich sei Mubarak aus Kairo geflohen. Wohin, sei unklar. Manche sagen, er sei in Scharm al-Scheich, andere berichten von einer Reise "ins Ausland". "Vielleicht kommt er zur Vernunft, wenn er außerhalb von Kairo frische Luft schnappt", sagt einer. Anwar und seine Mitstreiter lachen. Man versucht, sich gegenseitig aufzuheitern, nachdem der ausgebliebene Rücktritt am Donnerstagabend die Stimmung getrübt hat. Über Lautsprecher ruft jemand die Massen auf, zum Präsidentenpalast zu marschieren und das Gebäude zu umstellen. "Das ist eine gute Idee", sagt Anwar. "Ich kann diesen Tahrir-Platz bald nicht mehr sehen."

Für viele ist dieser Platz mit schrecklichen Erinnerungen verbunden: wie zu Beginn der Proteste Polizisten und Mubaraks Banden auf den Platz kamen, bewaffnet mit Stöcken, Messern und Schusswaffen, manche auf Pferden und Kamelen. Mehrere Menschen starben bei dem Gemetzel. Die Schätzungen gehen von 100 bis 300 Menschen, Fotos von manchen Todesopfern sind jetzt auf den Bannern und Plakaten zu sehen.

Anwar will den weiten Weg zum Palast nicht zu Fuß gehen, er drängt sich durch die Menge zurück zu seinem Wagen und fährt damit zum Palast. Doch der Stadtteil Heliopolis ist weitgehend abgeriegelt, Panzer versperren die Wege. Wo kein Militär postiert ist, geht es wegen der Tausenden von Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, nur langsam voran. Alle paar Meter halten Militärpolizisten die Menschen an, sie sind darauf aus, die Demonstranten einzuschüchtern, verlangen Ausweise, halten manche Männer für eine Stunde und länger fest.

Mit seinem alten Auto kommt Anwar unbehelligt durch. Unterwegs steigt ein Freund dazu, gemeinsam fahren sie weiter Richtung Palast. Sie parken in einer Nebenstraße, der Freund sagt: "Ach, wir kommen ja doch nicht durch. Lass uns einen Tee trinken." Sie setzen sich in ein Teehaus, eine garagengroße Bude mit ein paar Plastikstühlen. Der Laden ist zum Bersten voll, Männer hocken an den Tischen und starren auf den Fernseher, auf dem Bilder vom Tahrir-Platz flimmern. Keine Neuigkeiten.

Der Freund verabschiedet sich, Anwar beschließt, nach Hause zu fahren und auf dem Weg noch ein paar Lebensmittel einzukaufen. "Nahrungsmittel dürften in den kommenden Tagen knapp werden", sagt er. "Wir haben zu einem kompletten Stillstand des Landes aufgerufen. Die gesamte Bevölkerung soll zivilen Ungehorsam ausüben - so lange, bist Mubarak endlich abtritt." Kaum jemand rechnet jetzt mit einem baldigen Ende der Proteste. "Mubarak sagt, das Land befinde sich in einer schweren Krise", sagt Anwar. "Ich würde eher sagen: Er befindet sich in einer Krise. Aber doch nicht Ägypten. Was das Volk will, ist eindeutig. Bis Mubarak das kapiert, wird es wohl noch dauern."

Eine halbe Stunde später, kurz nach 18 Uhr, hat er kapiert. In Kairo beginnt das ohrenbetäubende Hupen.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Koltschak 11.02.2011
1. Ja, das war auch der "glücklichste Tag"
im Leben als der Ayatollah Chomeni nach Teheran zurückkehrte! Wieso hat das niemand verhindert? Ob dieser Tag wirklich so glücklich ist? Ich zeifele, genau so wie 1989. Wie hieß da noch die Forderung: "Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihr." "Die Stunden des Sieges"???????? Abwarten und Tschai trinken!
angela_merkel 11.02.2011
2. Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben
Frau Merkel würden wir nicht so leicht los werden. Die würde die Bundeswehr auf's Volk loslassen und scharfe Munition ausgeben.
kundennummer 11.02.2011
3. Thought For The Day!
"The state.... must see the sword as the main if not the only, instrument with which to keep its morale high and to retain its moral tension. Toward this end it may know it MUST invent dangers, and to do this it must adopt the method of provocation and revenge.... And above all, let us hope for a new war with the Arab countries so that we may finally get rid of our troubles and acquire our space." Diary of Moshe Sharett, Israeli's first Foreign Minister from 1948--1956, and Prime Minister from 1954--1956.
marcor642 11.02.2011
4. ..
Zitat von Koltschakim Leben als der Ayatollah Chomeni nach Teheran zurückkehrte! Wieso hat das niemand verhindert? Ob dieser Tag wirklich so glücklich ist? Ich zeifele, genau so wie 1989. Wie hieß da noch die Forderung: "Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihr." "Die Stunden des Sieges"???????? Abwarten und Tschai trinken!
tjo, ich halte die wende dagegen auch im rueckblick für eine sehr gute sache, so ein leben, wie ich jetzt fuehre, selbstbestimmt, studierend, relativ frei von repressalien, das hät ich so in der ddr nicht fuehren koennen..soll nicht heissen, das ich reich bin, eher das gegenteil, aber das braucht es auch nicht, um sich ein gutes leben zu machen, für mich ist es wichtiger, das ich mich selbst verwirklichen kann .. und ich glaube, auch fuer die ägypter spielen andere dinge eine groessere rolle, das das jeder jetzt den grossen luxus erwartet^^ btw: iran ist nicht ägypten, 1979 nicht 2011!
kaksonen 11.02.2011
5. Zitat:
"Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben. Ich glaube, das sehen viele Ägypter so." Das stimmt! Denn die Tage danach werden wieder härter werden! Demokratie kann man nicht essen. Viele werden enttäuscht sein, wenn sie merken, dass es ihnen nach dem Umsturz nicht automatisch besser geht. Hoffentlich sind sie einsichtig genug, um zu akzeptieren, dass man nur durch harte Arbeit die Situation verbessern kann. Und hoffentlich steigt nicht eine Schicht von Oligarchen auf, die die Reichtümer des Landes an sich reißt und die arbeitende Bevölkerung in Armut verkommen lässt! Und noch ein Tip: Produziert nicht so viele Kinder!
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