Die Suche nach den Tätern Kommen die US-Ermittler nicht mehr voran?

Nach ersten Festnahmen werden die Ermittlungen der US-Behörden offenbar immer schwieriger. Meldungen über Erfolge gibt es kaum noch. Kann Präsident Bush wirklich am Freitag die Hintermänner benennen?

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Noch immer gräbt das FBI das Umfeld der mutmaßlichen Entführer um
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Noch immer gräbt das FBI das Umfeld der mutmaßlichen Entführer um

Washington - Der oberste Ankläger der USA wird nicht müde, seinen Verdacht stetig zu wiederholen. "Es ist klar, dass solche potente Netzwerke von mehreren ausländischen Regierungen unterstützt, geschützt und auch untergebracht sein müssen", erklärte der US-Generalstaatsanwalt John Ashcroft auch gestern wieder. Nachfragen dazu ging er jedoch bei seiner Besichtigung des zerstörten Pentagons aus dem Weg.

Wenig später jedoch war es mit dem Ausweichen vorbei: Bei einer Telefonkonferenz aller beteiligten Behörden und der US-Geheimdienste wollten auch deren Chefs wissen, ob Ashcroft denn Beweise für die gewagte These der ausländischen Beteiligung habe. Regelrecht "sauer" hätten führende Geheimdienstler auf die Statements von Ashcroft reagiert, berichtet die "New York Times".

Ashcroft braucht Beweise

Der Leiter der riesigen Ermittlungen zu den Anschlägen auf das World Trade Center und dem Pentagon steckt ganz offensichtlich immer mehr in der Klemme, denn seine Fahnder bringen jeden Tag weniger neue Hinweise und Verbindungen ans Tageslicht. Und wenn Präsident George W. Bush heute vor die Kameras tritt, um die Nation zu informieren, wird er womöglich immer noch nicht die Hintermänner der Anschläge nennen können - auch wenn dies schon angekündigt ist. Eine Situation, die Ashcroft noch mehr unter Druck setzt, endlich Beweise vorzulegen, die Bush als Legitimation für einen Militärschlag braucht.

Die Ermittlungen hingegen treten mehr und mehr auf der Stelle. Lediglich die Festnahme von drei weiteren Verdächtigen konnten die Fahnder am Mittwoch vermelden. Hier handelt es sich um drei Angestellte der Catering-Firma LSG SkyChefs, die auf dem Flughafen in Detroit arbeiteten und "verdächtige Einträge" in ihren Notizbüchern hatten. Ob sie mit der Terror-Attacke zu tun hatten, ist unklar. Bisher konnten ihnen die Fahnder lediglich eine Verletzung der Einreisebedingungen nachweisen.

Die drei Männer wurden in einem Appartement festgenommen, in dem die Fahnder eine andere Person suchten. Am Donnerstag dann konnten sie ihr eigentliches Ziel, den 34-jährigen Palästinenser Nabil Al-Marabh, festnehmen. Welche Rolle er spielt, ist weitgehend unklar. Allerdings sagten Ermittler, dass Al-Marabh Verbindungen zu einem Bostoner Taxifahrer gehabt haben soll, der wiederum wegen eines geplanten Anschlags in Jordanien vor Gericht steht. Dieser geplante Anschlag, der in den USA unter dem Namen "Millenium Plot" bekannt ist, sollte den FBI-Erkenntnissen zufolge zum Jahreswechsel in Jordanien stattfinden und zahlreiche US-Touristen zum Opfer haben. Was jedoch der jetzt festgenommene Al-Maranh mit den aktuellen Anschläge zu tun hat, ließ das FBI offen.

Wie ergiebig ist die Entführer-Liste?

Doch trotz dieser Festnahme mussten die Ermittler einen heftigen Rückschlag eingestehen, die viele der zuvor recherchierten Spuren wertlos machen könnte. Denn die wichtigste Grundlage - eine Liste der 19 mutmaßlichen Flugzeugentführer - entpuppt sich als fehlerhaft. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass mindestens fünf der genannten Passagiere nicht in den Todes-Jets saßen. Ihnen war in der Vergangenheit der Pass gestohlen worden, und die wirklichen Terroristen hatten nur deren Identität benutzt. Folglich sind die Nachforschungen im Umfeld der Personen von der Passagierliste in mindestens vier Fällen nutzlos. Für das FBI und den Fernsehsender CNN könnte der Irrtum teuer werden, denn zwei der zu Unrecht verdächtigten Männer kündigten bereits Klagen auf Schmerzensgeld an.

Die Erkenntnis über die falschen Identitäten jedoch hat einen ganz neuen Ermittlungsstrang eröffnet. Jetzt sucht das FBI nach gleichen und ähnlichen Namen in den USA und weltweit. Die Suche aber sei sehr schwierig, da die Namen der mutmaßlichen Entführer sehr gängige arabische Namen seien, sagte ein Sprecher der Behörde am Mittwoch. Ebenso werden viele Diebstähle von Passdokumenten in den letzten Jahren untersucht, da die Ermittler davon ausgehen, dass vielleicht noch mehr der Entführer mit gestohlenen oder gefälschten Dokumenten an Bord gekommen sind.

Banken prüfen Geldtransfer

Einen neuen Ansatz haben die Ermittler aber: Momentan überprüfen sie bei allen Banken in den USA mögliche Geldtransfers der Entführer. Eine Bank hat bereits erste Ergebnisse geliefert, denn von ihren Konten waren die Beträge für einige Flugtickets abgehoben worden. Viele der Tickets waren mit gültigen Kreditkarten gekauft worden. Die Buchungen sollen jetzt ebenfalls vom FBI nachvollzogen werden.

Die heißeste Spur indes sind immer noch die beiden Inder, welche die Polizei bei einer Drogenkontrolle aus einem Amtrak-Zug fischte. Die beiden ausgebildeten Piloten, so glaubt die Polizei immer noch, sind vermutlich ein weiteres Terror-Team, dass seinen Einsatz abgebrochen hat, nachdem ihre Maschine, die in Newark gestartet war, wegen der Anschläge umgeleitet wurde. Bisher aber schweigen beide hartnäckig.

Ermittlungen konzentrieren sich auf Piloten

Noch immer hat das FBI Hunderte von Zeugen auf seiner Befragungsliste. Darunter sind, so die Ermittler, viele Piloten, die in den USA ausgebildet wurden und vielleicht Hinweise auf die Entführer geben können. Allein unter den rund hundert Personen, welche bereits durch die Behörde befragt wurden, waren 44 Piloten aus kleineren Flugschulen.

Doch der Nachweis für eine Beteiligung der Bin-Laden-Organisation fehlt den Ermittlern bisher noch. Die einzige Verbindung ist bisher ein Taxifahrer aus Boston, dem die Ermittler einen Kontakt zu Osama Bin Ladens Bewegung al-Quaida nachsagen. Er soll Kontakt zu zwei der mutmaßlichen Entführer gehabt haben.

Eine totale Kontrolle ist nicht möglich

Was die Ermittlungen jedoch hervorbringen, sind die kleinen Details über die mutmaßliche Entführer. So war Siad Jarrah, der in der über Pennsylvania abgestürzten Maschine gesessen haben soll, als Englischstudent in die USA eingereist. Und obwohl der angebliche Student nicht ein einziges Mal bei seiner Schule erschien, wurde die Visa-Behörde nicht aktiv. Die USA müssen nach dem Anschlag erkennen, dass trotz einer großen Ausländer- und Einreisebehörde eine volle Kontrolle der Immigranten - ob legal oder illegal - nicht möglich ist.

Und auch die Geheimdienste stehen von Tag zu Tag mehr in der Kritik. Am Mittwoch veröffentlichten amerikanische Zeitungen einen Geheimdienstbericht aus Israel, der die USA im August vor einem großen Terroranschlag warnte. Mehr als 200 islamische Attentäter, so der Bericht, seien dabei, in die USA einzusickern, um einen Terroranschlag zu organisieren. Ob und wie der Bericht in den USA aufgenommen wurden, wollte bislang aber niemand kommentieren.



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