Syrien-Doku der ARD In der Fakten-Falle

Er hat mit Kofi Annan gesprochen, mit Russlands Außenminister Lawrow und sogar mit Baschar al-Assad: In einer aufwendigen Dokumentation beschreibt Filmemacher Hubert Seipel für die ARD den Syrien-Konflikt. Dabei kommt er zu einigen befremdlichen Schlüssen.

Syriens Präsident Assad: In einer neuen deutschen Dokumentation kommt er gut weg
REUTERS/ SANA

Syriens Präsident Assad: In einer neuen deutschen Dokumentation kommt er gut weg


Eine aufwendige neue Dokumentation über Syrien soll am Mittwochabend um 23.15 Uhr erstmals in der ARD ausgestrahlt werden. "Die Syrien-Falle - Deutschland und der Krieg gegen Assad" heißt der 45-minütige Film des Journalisten Hubert Seipel. Er will aufklären über die Risiken, die der Syrien-Konflikt für Deutschland darstellen könnte. Doch das gelingt leider überhaupt nicht.

Kern der Analyse: Im Westen scheinen einige mit Hilfe des Krieges einen Regimewechsel in Syrien anzustreben, wie in Afghanistan oder im Irak. In einen solchen Feldzug könnte die Bundeswehr hineingezogen werden. Die Stationierung der deutschen "Patriot"-Raketen in der Türkei wertet Seipel als "klassische Ausgangslage für einen möglichen Krieg".

Wirkliche Belege für diese These bleibt Seipel schuldig. Experten, die er zitiert, widersprechen ihr sogar. Sie bezeichnen den "Patriot"-Einsatz als militärisch unsinnig, als leere Drohgebärde, nicht als den Beginn eines neuen Krieges.

Seipels These scheint von der Realität längst überholt. Zwei Jahre dauert der Konflikt bereits. Die Nato-Länder sind bisher eher durch immer neues Zurückweichen statt Vorpreschen aufgefallen. Über ein direktes Eingreifen diskutiert kaum jemand und über die Verantwortung, Menschen vor schweren Völkerrechtsverletzungen zu schützen, auch nicht mehr. Selbst eine indirekte Intervention über eine Bewaffnung der Rebellen ist in den USA inzwischen vom Tisch. Die wichtigsten Befürworter von Waffenlieferungen an ausgesuchte Rebellengruppen - Hillary Clinton und David Petraeus - sind inzwischen nicht mehr im Amt.

Der russische Außenminister Lawrow ist das Highlight des Films

Die Dokumentation ist teils aufwendig recherchiert. Seipel hat mit Kofi Annan gesprochen, dem ehemaligen Uno-Sondervermittler für Syrien, mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und sogar mit Baschar al-Assad.

Assad kommt weitgehend unkommentiert zu Wort und wiederholt seine gewohnten Aussagen. Schuld seien nur die anderen, man habe lediglich "auf dieselbe Art zurückgeschlagen". Aus dem Mund des Chefs eines hochgerüsteten Regimes, das sein gesamtes Militär inklusive der Luftwaffe nicht nur gegen Bewaffnete, sondern auch regelmäßig gegen die Zivilbevölkerung einsetzt, ist das der blanke Hohn.

Zum Glück gibt es eine gewichtige Gegenstimme - und sie kommt ausgerechnet vom russischen Außenminister, eigentlich ein Verbündeter Assads. Lawrow lässt keinen Zweifel an der Schuldfrage: "Die Gewalt war ursprünglich durch die Fehler der Regierung hervorgerufen", sagt er. "Die Behörden haben zu lange nicht auf die legitimen Forderungen der Opposition reagiert."

Gnadenlos analysiert der Russe die Situation in Syrien - und die Aussichten auf Verhandlungen mit Assad. "Assad ist nicht ganz auf der Höhe der Ereignisse, was da passiert", sagt Lawrow. Angesprochen auf die inzwischen wohl hundertfache Forderung des Westens und der syrischen Opposition, Assad müsse sofort zurücktreten, kann sich Lawrow ein Grinsen nicht verkneifen. "Er wird auf niemanden hören", sagt er.

Die Dokumentation wartet mit fragwürdigen Ansichten auf

Umso überraschender ist es, welche Ansichten in anderen Teilen der Dokumentation vertreten werden. So heißt es etwa, dass unter Baschars Vorgänger, seinem Vater Hafis al-Assad, gewalttätige Ausschreitungen in Syrien nicht vorkamen. Dass der Mann einen jahrelangen brutalen Krieg gegen Islamisten und mutmaßliche Islamisten führte und dass dabei unter anderem eine halbe Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde, wird nicht erwähnt.

Die Dokumentation greift das Massaker von Hula vom Mai 2012 wieder auf. Es wird angedeutet, dass die Rebellenseite die Verantwortung dafür tragen könnte. Annan sagt in dem Film, er habe im Fall Hula den Abschlussbericht der Uno-Beobachtermission abwarten wollen. Doch Seipel versäumt es, aus diesem längst öffentlichen Bericht zu zitieren. Darin heißt es: "Die Kommission stellte fest, dass Regierungstruppen und Mitglieder regierungstreuer Milizen für die Morde in Hula verantwortlich waren." Ein SPIEGEL-Reporter vor Ort kam zu demselben Ergebnis.

Zumindest fragwürdig ist auch Seipels Botschaft, die Rebellen hätten im syrischen Medienkrieg die Oberhand. Belege für diese These bleibt er schuldig. 2011 mag diese noch zutreffend gewesen sein. Doch was die Auswertung von Informationen angeht, die über soziale Netzwerke verbreitet werden, sind westliche Medien vorsichtiger und professioneller geworden - zum Glück. Die "New York Times" hat eigens ein Videoprojekt, das sich um die Verifizierung von Aufnahmen aus Syrien kümmert - und jedes Mal bewusst die Grenzen dessen aufweist, was man daraus schließen kann und was nicht. Es gibt mittlerweile kommerzielle Anbieter, die sich um Video-Verifizierung kümmern. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch gleichen Aufnahmen mit Satellitenbildern ab, um zu prüfen, woher sie stammen.

Dazu kommt, dass anders als noch etwa 2011 in vielen Teilen des Landes, sogar in Damaskus, inzwischen internationale Journalisten unterwegs sind, die mit eigenen Augen Ausschnitte des Konflikts verfolgen können - meist ohne Erlaubnis des Regimes, das nach wie vor kaum unabhängige Beobachter zulässt. Seipel etwa durfte nicht in den umkämpften Vororten von Damaskus drehen.

Inzwischen hat die Assad-Propaganda einiges an Boden gutgemacht. Schließlich ist es nicht nur die Opposition, die ihre Sicht der Dinge auf allen Kanälen verbreitet. Ausgerechnet Seipel selbst liefert das beste Beispiel dafür, wie erfolgreich das syrische Regime mit der Darstellung der Situation ist. Als es um die angeblich erfolgreiche Medienkampagne der syrischen Opposition geht, wird ein Bild eingeblendet, das den Bombenangriff auf die Universität von Aleppo im Januar zeigen soll.

Im Januar wurde die Architektur-Fakultät der Universität von Aleppo am Tag der Examen zum Ziel des Krieges. Syrische Aktivisten berichteten, ein Kampfjet des Regimes habe die Universität bombardiert. Es gibt YouTube-Aufnahmen, die für diese Version sprechen und Augenzeugenberichte, die sie bestätigen.

Das syrische Regime behauptete erst, eine Autobombe habe die Universität getroffen. Doch damit ließ sich schlecht erklären, warum das Geschoss offensichtlich aus der Luft kam. Kurzerhand wandelte Damaskus seine Version um. In einer offiziellen Stellungnahme hieß es, Terroristen hätten mit einer Rakete die Universität getroffen. Diese Variante wurde von allen internationalen Medien übernommen und gleichberechtigt mit den Aussagen der Opposition zitiert - ein klarer PR-Erfolg für das Assad-Regime.

Es ist wichtig und richtig, dass Seipel in seiner Dokumentation auf die Schwierigkeiten der Berichterstattung über Syrien hinweist, was ja nicht nur für Syrien, sondern für jede andere Kriegsberichterstattung gilt. Nicht umsonst heißt es sprichwörtlich, die Wahrheit sei immer das erste Opfer im Krieg. Doch bei der Auswahl mancher seiner Beispiele scheint Seipel dabei selbst in die Syrien-Falle getappt zu sein.


"Die Syrien-Falle - Deutschland und der Krieg gegen Assad": Mittwoch, 23.15 Uhr in der ARD



insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
steinaug 13.02.2013
1. Wie
Wie reagiert eigentlich Russland auf die legitimen Forderungen der russischen Opposition.
zonie73 13.02.2013
2.
... weil scheinbar nicht sein kann, was nicht sein darf!
JCR 13.02.2013
3.
Wen Frau Salloum die Ansichten des Berichterstatters nicht passen, dann liegt dass eher daran, dass sie persönlich nicht neutral ist. Das ist eben der Fehler wenn man die Berichterstattung über einen Konflikt Leuten mit Wurzeln in dieser Region überläßt. Die sind nicht neutral. Wäre sie Schiitin oder arabische Christin, würde sie das der Doku zustimmen.
sysiphus-neu 13.02.2013
4. Grins
Frau Salloum scheint richtig sauer zu sein. Das wäre ich auch, wenn ich seit inzwischen zwei Jahren die Propaganda des Snackshops aus England und die Verlautbarungen der Al Kaida-Bataillone als Journalismus verkaufen würde. Und plötzlich fährt da jemand hin und redet mit BEIDEN Seiten - und kommt dann logischerweise auf andere Ergebnisse als Frau SNC-Sprech-Salloum. Wie vorher auch schon Herr Todenhöfer oder die Reporter von RT und andere unabhängige Medienvertreter. Man kann nämlich durchaus direkt aus Syrien berichten, wenn man das will und sich traut. Frau Salloum, Sie sind offenbar eine schlechte Verliererin. Aber egal, Hauptsache die von Ihnen so bejubelten Dschihadisten und Söldner verlieren auch.
Cortado#13, 13.02.2013
5. Da werden wiederholt Fersehgebühren...
Zitat von sysopREUTERS/ SANAEr hat mit Kofi Annan gesprochen, mit Russlands Außenminister Lawrow und sogar mit Baschar al-Assad: In einer aufwändigen Dokumentation beschreibt Filmemacher Hubert Seipel für die ARD den Syrien-Konflikt. Dabei kommt er zu einigen befremdlichen Schlüssen. Die Syrien-Falle: ARD zeigt neue Dokumentation über Assad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/die-syrien-falle-ard-zeigt-neue-dokumentation-ueber-assad-a-883100.html)
ziel- und planlos verpulvert! Da bleiben nur noch ständige Wiederholungen übrig und reklamieren ist aussichtslos.
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