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Mohammed-Filmemacher Nakoula: Das Sündenregister des Provokateurs

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Nakoula Basseley Nakoula, Produzent des antimuslimischen Mohammed-Films, hat sein Ziel erreicht, Wut und Hass in der muslimischen Welt. Die Biografie des Provokateurs ist bewegt: Drogenproduzent, Betrüger, Bankrotteur. Muss er nun zurück ins Gefängnis?

Umstrittener Filmemacher: Polizeieinsatz in der Nacht Fotos
REUTERS

Los Angeles/Cerritos - Sie kamen kurz nach Mitternacht. Mitarbeiter des County Sheriffs von Cerritos im Süden von Los Angeles geleiteten Nakoula Basseley Nakoula zu einem wartenden Wagen. Der Mann, dessen Film-Machwerk "Die Unschuld der Muslime" in der muslimischen Welt für Wut, Empörung und Gewaltausbrüche gesorgt hat, hatte seinen Kopf mit einer Schildmütze und einem weißen Handtuch verhüllt. Die Beamten hätten gewartet, bis die meisten vor dem Haus in Stellung gegangenen Medienvertreter gegangen seien, heißt es in der "Los Angeles Times".

Nakoula sei nicht verhaftet worden, teilten die Behörden später mit, aber er soll von Bewährungsbundesbeamten vernommen werden. Es könnte sein, dass der Provokateur gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat. Unter Umständen muss er wieder ins Gefängnis, wo er insgesamt schon mehrere Jahre verbracht hat. Der Agitator Nakoula, der den Islam mit Inbrunst zu hassen scheint, blickt auf eine unrühmliche Karriere zurück: geschäftliches Scheitern, Schulden, Drogenproduktion, Betrug, zwei Gefängnisaufenthalte, Bewährungsstrafen.

"Die radikalsten Muslime anlocken"

Der Mann mit der Mütze und dem Handtuch um den Kopf ist kriminell, und er ist wohl auch ein Fanatiker. Mit "Die Unschuld der Muslime" hat er für wütende Reaktionen in der muslimischen Welt gesorgt - auch wenn sich nicht klar unterscheiden lässt, welche der Gewaltausbrüche der letzten Tage tatsächlich ursächlich auf den bei YouTube veröffentlichen Schnipsel aus dem Film zurückzuführen sind. Nakoula selbst soll sich an die Polizei gewandt haben, weil er um sein Leben und das seiner Familie fürchtet, berichten US-Medien. Dabei war Wut unter Muslimen das erklärte Ziel des Films - doch zunächst scheiterten die Pläne Nakoulas und seiner christlich-radikalen Mitstreiter offenbar.

Die erste Vorführung des Filmes sahen in einem Miet-Kino in Hollywood weniger als zehn Personen. Damals lief der Film unter dem Titel "Die Unschuld Bin Ladens", um "die radikalsten Muslime anzulocken", wie der christliche Fundamentalist Steve Klein der britischen "Daily Mail" sagte. Der Ex-Marine Klein gilt als radikal, er soll Verbindungen zur Szene der religiös motivierten christlichen Milizen in den USA haben. Nakoula soll ihn gebeten haben, bei der Verbreitung seines Machwerks zu helfen. Als die mit dem absichtlich provokativen Titel beworbene Premiere des Films jämmerlich scheiterte, sei Nakoula "in Depressionen versunken", sagte Klein der "Daily Mail".

Große Mengen Zutaten für Crystal Meth

Irgendwann kam Nakoula dann wohl die Idee, den erhofften Wutausbruch mit Hilfe des Internets doch noch zu erreichen. Er lud zunächst eine kaum verständliche, aber mit ausreichend Provokationen gefüllte Kurzversion des Films bei YouTube hoch, später dann eine weitere mit arabischer Synchronisation. Genau damit könnte er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen haben: Gerichtsdokumente aus dem Sommer 2010 belegen, dass ihm für fünf Jahre verboten worden war, ohne Erlaubnis eines Bewährungsbeamten einen Computer zu benutzen oder online zu gehen.

Damals war Nakoula wegen Bankbetrugs verurteilt worden, zu 21 Monaten Haft und einer Geldstrafe von fast 800.000 Dollar. Es war nicht seine erste Verurteilung: "ABC News", "The Daily Beast" und weitere Medien berichten unter Berufung auf Gerichtsdokumente, er sei im Jahr 1997 verhaftet und zu einer einjährigen Gefängnisstrafe und drei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Man hatte ihn mit großen Mengen von Substanzen aufgegriffen, die man zur Herstellung der illegalen Droge Methamphetamin ("Crystal Meth") benötigt. Über 40.000 US-Dollar in kleinen Scheinen soll er damals bei sich gehabt haben.

Hunderttausende Dollar Schulden

Vor seinem Ausflug in die Welt der harten Drogen hatte Nakoula der "Los Angeles Times" zufolge begonnen, eine Tankstelle zu betreiben, mit offenbar äußerst begrenztem Erfolg. "Wired" zufolge wurde er schon 1991 einmal verurteilt, weil er Benzin verdünnt hatte. Aus Unterlagen aus den Neunzigern geht dem Bericht der "L.A. Times" zufolge hervor, dass er dem Staat 1996 194.000 Dollar Steuern, Strafzahlungen und Zinsen schuldete, weitere Forderungen in Höhe von 59.000 Dollar gegen ihn hätten vorgelegen. Im Jahr 2000 meldete Nakoula Bankrott an. Damals schuldete er allein seiner Bank der "L.A. Times" zufolge 166.000 Dollar.

Über den Hintergrund des Films log Nakoula ausgiebig. Als er in den vergangenen Tagen mit Associated Press sprach, damals noch unter dem falschen Namen Sam Bacile, behauptete er, der Film sei mit fünf Millionen Dollar von jüdischen Spendern finanziert worden. Tatsächlich stecken in dem Machwerk wohl nur 50.000 bis 60.000 Dollar. "ABC News" zitiert Ermittler, denen zufolge Nakoula angab, er habe das Geld von der Familie seiner Frau in Ägypten bekommen. Noch unter dem falschen Namen Bacile sagte er in einem Telefoninterview, er habe den Film gemacht, um den Islam als gewalttätige Religion zu brandmarken: "Der Islam ist ein Krebs."

Crew "schockiert über die Lügen"

Das Drehbuch zu "Die Unschuld der Muslime" schrieb Nakoula "ABC News" zufolge während seines letzten Gefängnisaufenthalts, den er wegen Identitätsdiebstahls und Kreditkartenbetrugs verbüßen musste. Die letzten Monate seiner Strafe verbrachte er demnach im offenen Vollzug. Im Juni 2011 wurde er entlassen, nur zwei Monate später begannen die Dreharbeiten zu dem Film, der damals noch den Arbeitstitel "Desert Warrior" trug. Anfangs hatte bei dem Film einem mittlerweile nicht mehr öffentlich zugänglichen Casting-Aufruf zufolge ein gewisser Alan Roberts Regie geführt, berichtet "Gawker". Es gibt einen Softporno-Regisseur dieses Namens ("The Sexpert", "Young Lady Chatterly"). Dass es sich dabei um denselben Regisseur handelt, ist aber zweifelhaft. "Vice" berichtet, der echte Name des Regisseurs sei möglicherweise Robert Brownell. Später scheint Nakoula die Kontrolle vollständig übernommen zu haben.

Die gesamte Crew wurde über den wahren Inhalt des Filmes offenbar systematisch belogen. Die Teile des Dialogs, in denen der Prophet Mohammed als Kinderschänder, blutrünstiger Feldherr, Homosexueller und Feigling dargestellt werden, wurden anscheinend später nachvertont. Eine der Schauspielerinnen, die an den Dreharbeiten beteiligt war und die auch in dem gut 13 Minuten langen Schnipsel des Filmes zu sehen ist, den man nun bei YouTube findet, sagte dem "Hollywood Reporter": "Die Schauspieler wurden getäuscht. Meine Stimme wurde nachsynchronisiert, das ist gar nicht meine Stimme. Ich hatte keine Ahnung, was er da getan hatte, bis der Trailer herauskam." An den Stellen, in denen ihre Figur im fertigen Film den Namen "Mohammed" sagt, habe sie bei den Dreharbeiten stets "Master George" gesagt.

"CNN" ging eine Stellungnahme im Namen von 80 an dem Film beteiligten Darstellern und Crewmitgliedern zu. Darin heißt es: "Wir sind schockiert über die drastischen Umarbeitungen des Drehbuchs und die Lügen, die allen Beteiligten erzählt wurden. Die Tragödien, die sich ereignet haben, erfüllen uns mit tiefer Trauer."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 188 Beiträge
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1. Hallaluja!
jancker 15.09.2012
Mein Gott wird da aus einem Film eine Staatsaffäre gemacht! Auch im Westen scheinen viele noch nicht in der Neuzeit angekommen zu sein, in der man für Gotteslästerung nicht mehr auf den Scheiterhaufen kommt (oder von einem wütenden Mob gelyncht wird). Es gibt ja durchaus entsprechende statirsche Filme über Jesus ("Das Leben des Brian") Wenn wir auch jedesmal eine Botschaft anzünden wenn die Bibel beleidigt wird, dann gäbe es bald keine Botschaften mehr. Man sollte meinen dass es wichtigere Dinge gibt, als sich über so etwas aufzuregen.
2. Übersetzungsdienst
My2Cents 15.09.2012
Eine Frage, die sich mir immer wieder stellt, ist: Wer hat eigentlich die arabische Synchronisation angefertigt?
3.
kjartan75 15.09.2012
Zitat von sysopSam BacileNakoula Basseley Nakoula, Regisseur des antimuslimischen Mohammed-Films, hat sein Ziel erreicht, Wut und Hass in der muslimischen Welt. Die Biographie des Provokateurs ist bewegt: Tankstellenpächter, Drogenproduzent, Betrüger, Bankrotteur. Muss er nun zurück ins Gefängnis? Die traurige Biografie des Mohammed-Regisseurs Nakoula - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856011,00.html)
Scheint ja kein sehr christliches Leben geführt zu haben, der junge Mann. Und jetzt auch noch Volksverhetzung...
4.
andreas9348324 15.09.2012
Ach kommen sie, Wut und Hass als Folge dieses Films? Wut und Hass sind in der arabischen Welt hausgemacht, dazu braucht es keinen Film. Wenn der vorsitzende Volksverhetzer der Gemeinde die Meute nicht gegen einen Film aufstacheln kann, dann eben gegen irgend eine obskure Karikatur.
5.
grover01 15.09.2012
Zitat von sysopSam BacileNakoula Basseley Nakoula, Regisseur des antimuslimischen Mohammed-Films, hat sein Ziel erreicht, Wut und Hass in der muslimischen Welt. Die Biographie des Provokateurs ist bewegt: Tankstellenpächter, Drogenproduzent, Betrüger, Bankrotteur. Muss er nun zurück ins Gefängnis? Die traurige Biografie des Mohammed-Regisseurs Nakoula - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856011,00.html)
Was immer es mit diesem Film auf sich hat. Dass nun Bilder vom Regisseur gezeigt werden wie er verhaftet wird ist ein klarer Angriff auf die Meinungsfreiheit. Was er sich zuvor hat zuschulden kommen lassen oder nicht ist vollkommen uninteressant. Es ist nicht verboten schlechte Filme zu drehen. Die Ägypter können ja in ihrem Land den Film gerne verbieten, das geht uns wiederum nichts an, aber in der westlichen Welt darf wegen sowas niemand strafrechtlich verfolgt werden.
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