US-Blick auf Obama-Besuch: Germany? Ganz weit weg

Von Sebastian Fischer, Washington

Obama vor dem Brandenburger Tor: Das richtige Thema am richtigen Ort Zur Großansicht
Getty Images

Obama vor dem Brandenburger Tor: Das richtige Thema am richtigen Ort

Der Präsident ist in Deutschland, daheim bekommt's kaum einer mit: Barack Obamas Berlin-Besuch spielte keine große Rolle in den USA. Ein bisschen interessanter war schon die Kanzlerin.

Aus US-Sicht ist gerade mächtig viel los. Da will Afghanistans Präsident plötzlich weder mit den Amerikanern noch mit den Taliban reden, in Brasilien gehen Zehntausende auf die Straße. Und Syrien? Sowieso ein Dauerthema. US-Medien spekulieren, wer 2016 Präsident wird: Rand Paul? Jeb Bush? Oder doch Hillary Clinton? Und bei Fox News diskutieren sie über die Tea Party.

Was vergessen? Ja, dies: "Nukleare Option eint die Republikaner", verkündet das Magazin "Politico". Es geht da um die Androhung der Demokraten, mit ihrer Mehrheit die Spielregeln im Senat zu ändern. Was wiederum die Republikaner so krass finden, dass man das durchaus mal "nuklear" nennen kann.

Dass auch noch ein anderer, bedeutender Amerikaner an diesem Mittwoch über Nukleares gesprochen hat, fällt dabei ein bisschen hinten runter. So verbuchen Politik und Medien in Washington den Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin nur unter "ferner liefen".

Geeigneter Ort fürs Thema

In Europa bestimmt seine Ankündigung, das US-Atomwaffenarsenal weiter zu reduzieren, die Schlagzeilen. In Amerika überrascht sie kaum. Schließlich steht seit Obamas jüngster Regierungserklärung im Januar diese Idee auf seiner Agenda, und die Kritik der republikanischen Opposition ist ebenfalls bekannt. Obama brauchte nur noch einen geeigneten Ort, um das Thema zu setzen.

Fotostrecke

21  Bilder
US-Präsident in Berlin: Obama winkt, Obama spricht, Obama schwitzt

Da bot sich Berlin an, die einstige Symbolstadt des Kalten Kriegs. Also sagte Obama vor dem Brandenburger Tor, er sei bereit, die Anzahl seiner einsatzfähigen, strategischen Waffensysteme "um bis zu ein Drittel" zu reduzieren - zusätzlich zur bereits im letzten Start-Vertrag vereinbarten Abrüstung. Dies wolle er nun mit Russland verhandeln. Während die von Obama seit 2009 immer wieder artikulierte Idee einer Welt ohne Atomwaffen ("Global Zero") in Deutschland naturgemäß gut ankommt - Außenminister Guido Westerwelle sprach sogleich von einem "großen Wurf" -, zeigte sich Gegenspieler Wladimir Putin wenig begeistert.

Und in Washington gab man sich abgeklärt: "Die gute Rede heute kann nur der Anfang sein, in den nächsten Monaten muss Obama kleinkarierte Parteipolitik überwinden, um die großen nuklearen Herausforderungen angehen zu können", sagt Daryl Kimball von der unabhängigen Arms Control Association. Faktisch könnte Obama dies ohne die Republikaner im Kongress versuchen, könnte auf eine einfache Vereinbarung statt auf einen Vertrag mit Russland abzielen. Allerdings hatte etwa Vizepräsident Joe Biden in seiner Zeit als Senator selbst verlangt, dass das Parlament an solchen Abrüstungsdeals beteiligt werden müsse.

Wie dem auch sei: Gegen Putin und die Republikaner scheint derzeit kaum etwas möglich. Möglicherweise kann Obama seiner Ankündigung vorerst keine Taten folgen lassen. Auch dies könnte erklären, warum das mediale Echo in Amerika auf Obamas Berlin-Auftritt verhalten ist. Der konservative "Weekly Standard" lästerte zwar: "Berliner Rede - 200.000 für Obama im Jahr 2008; nur 6000 heute." Aber das war es dann auch.

Der Ausgang des Syrien-Konflikts wird ohne Berlin entschieden

Hätte der Präsident in Deutschland andere Themen setzen können? Nein. Das größte Problem derzeit - Syrien - wird ohnehin ohne Berlin entschieden. So gilt: Auch wenn er mit dem Atom-Thema weder in Russland noch im US-Parlament punkten würde, konnte er doch damit in Berlin in keinem Fall verlieren. Von daher war die Rede konsequent. Und sie war eindeutig ans deutsche Publikum gerichtet. Der Ton stimmte.

Fotostrecke

12  Bilder
Obama in Berlin: 28-Minuten-Rede am Brandenburger Tor

Den ganzen Tag über suchte Obama außerdem, seine Politik zu erklären: So verteidigte er auf der Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel minutenlang die in die Kritik geratenen US-Überwachungsprogramme. Es war ein sehr offener Schlagabtausch. Vorm Brandenburger Tor flocht er dann wieder und wieder Retro-Passagen ein, die an die guten Jahre zwischen (West-)Deutschen und Amerikanern erinnerten. Schon zuvor hatte ihm Merkel eine alte Schallplatte mit der Kennedy-Rede geschenkt.

Obama revanchierte sich mit diesem Medley: Marshall-Plan, legendäre Besuche seiner Vorgänger, 17. Juni, Kampfeswillen der Stadtbevölkerung, Mauerfall. Wie Kennedy sagte er: "Ich bin ein Berliner", wagte aber sonst außer "Vielen Dank" keine weiteren deutschen Worte in seinem 28-Minuten-Auftritt. (Lesen Sie hier Obamas Besuch im Minutenprotokoll)

Das alles also spielte daheim in den USA keine große Rolle. Interessanter schien da schon die deutsche Kanzlerin. Dass Merkel offene Kritik wegen der NSA-Überwachung übte, das überraschte: "Merkel fordert Obama in Sachen Überwachung heraus", so überschrieb die "New York Times" ihren Artikel zum Besuch.

Der Kanzlerin jedenfalls dürfte das gefallen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
dongerdo 19.06.2013
Ist es wirklich so schwer die Quellen zu verlinken? Tut ein Verweis auf den NY Times Artikel körperlich weh?
2. Nicht nur daheim!
MarioDeMonti 19.06.2013
Vor ein paar Tagen habe ich eine amerikanische Collegeprofessorin kennengelernt und mich mit ihr u.a. auch über Politik unterhalten. Das Obama diese Woche in Berlin weilt, davon wusste Sie allerdings nichts.
3. *abwink*
EvilGenius 19.06.2013
---Zitat--- Dass Merkel offene Kritik wegen der NSA-Überwachung übte, das überraschte: "Merkel fordert Obama in Sachen Überwachung heraus", so überschrieb die "New York Times" ihren Artikel zum Besuch. ---Zitatende--- Merkel hat sich doch bloß ein paar Tips für ihr eigenes Überwachungsprogramm geholt
4. Die haben´s kapiert
bild-leser 19.06.2013
Was die deutschen Twitter-Nerds nicht kapieren, hat man in den USA verstanden. Angela Merkels "Neuland"-Bemerkung war eine sehr subtil und diplomatische vorgetragene Kritik an der Art und Weise, wie Obama das Netz nutzt. Aber eine differenziert verwendete Sprache versteht die Community schon nicht mehr. Das Internet ist eben Neuland ... vor allem für jene, die es am häufigsten nutzen.
5. Deutschland -- gähn
dunnhaupt 19.06.2013
Viel interessanter für die US-Presse ist momentan bereits die nicht weniger als 100 Millionen Dollar verschlingende Reise der Obamafamilie nach Senegal in der kommenden Woche.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Obamas Besuch in Berlin 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 130 Kommentare
  • Zur Startseite