Jagd auf Terroristen USA forcieren Drohnenangriffe in Pakistan

Es ist ein ferngesteuerter und doch tödlicher Krieg: In den vergangenen Tagen haben die USA ihre Drohnenangriffe auf mutmaßliche Terroristen in Pakistan deutlich intensiviert. Den roten Knopf dafür drückt Präsident Obama - er muss jede einzelne Attacke persönlich absegnen.

US-Drohne: 21 Attacken allein in diesem Jahr
REUTERS/ AAI Corporation

US-Drohne: 21 Attacken allein in diesem Jahr

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Berlin/Islamabad - Es war mitten in der Nacht, als die leise surrenden Killer zuschlugen. Mit tödlicher Präzision trafen am Montagmorgen in der Region von Mir Ali in Pakistan zwei ferngelenkte Raketen ihr Ziel. Innerhalb von Sekunden wurde ein unscheinbares Gehöft in Nord-Waziristan dem Erdboden gleichgemacht. Als wenig später pakistanische Sicherheitskräfte eintrafen, fanden sie 15 völlig entstellte Leichen. Einige der Getöteten sollen nach pakistanischen Angaben Ausländer gewesen sein, Turkmenen, Usbeken und Tadschiken.

Der Schlag, ausgeführt von einer unbemannten US-Drohne, die das Gehöft zuvor beobachtet und Live-Bilder in die Kommandozentrale der CIA geschickt hatte, markiert einen neuen Höhepunkt bei der Jagd der Amerikaner auf mutmaßliche Terroristen nahe der afghanischen Grenze. Innerhalb von nur drei Tagen schlug die US-Regierung, die bis heute nicht offiziell über ihren ferngesteuerten und fragwürdigen Krieg spricht, jeden Tag zu. Mindestens 23 Menschen starben durch die Drohnen, die so martialische Namen wie "Reaper" oder "Predator" tragen.

Das Ziel der Attacken soll die Nummer zwei von al-Qaida, Abu Jahja al-Libi, gewesen sein. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf Regierungskreise in Washington. Für die Ergreifung al-Libis ist eine Belohnung von einer Million Dollar ausgesetzt. Noch ist unklar, ob er tatsächlich getroffen wurde. Man sei aber "optimistisch", hieß es in Washington. Üblicherweise sagt die US-Regierung nichts über die Angriffe.

Fest steht, dass die USA ihre tödliche Kampagne aus der Luft pünktlich zum Beginn der sogenannten Kampfsaison im benachbarten Afghanistan wieder deutlich hochgefahren hat. 21 Attacken, so eine Aufstellung der Experten-Website "Long War Journal", gab es insgesamt im Jahr 2012 - acht dieser Angriffe wurden in den vergangenen beiden Wochen ausgeführt.

Drastische Zunahme der Angriffe in den Stammesgebieten

Nach einem kurzzeitigen Stopp der Drohnenangriffe Anfang des Jahres haben sich die USA also entschlossen, den Luftkrieg gegen al-Qaida und andere Terrorgruppen wieder aufzunehmen. Gleichzeitig sorgen zwei neue Bücher dafür, dass ganz Amerika weiß, wer den roten Knopf bei jeder Attacke drücken muss: So detailliert wie nie zuvor beschreiben die Autoren, dass Präsident Barack Obama jeden einzelnen Schlag persönlich absegnen muss. Er kennt die Zielpersonen mit Namen und Foto, dann trifft er allein die Todesurteile.

Mitarbeiter pakistanischer Sicherheitsbehörden äußerten sich kritisch über die drastische Zunahme der Angriffe in den Stammesgebieten. Allein in den vergangenen zehn Tagen seien 45 Menschen getötet worden, berichteten sie in Telefongesprächen. Die USA hätten nicht über ein konkretes Ziel informiert, sagte ein Mitarbeiter der Armee im Hauptquartier in Rawalpindi. Offiziell geißelt Pakistan jede Attacke auf seinem Staatsgebiet, gleichsam sind Teile des Geheimdienstes in Ziel- und Angriffsplanung zumindest abstrakt eingeweiht.

Nord-Waziristan gehört zu den sieben Regionen in den Stammesgebieten, die offiziell unter Verwaltung von Islamabad stehen, in denen der pakistanische Staat aber faktisch keinen Einfluss hat. Nach Angaben der USA halten sich hier viele hochrangige Taliban- und Qaida-Kommandeure versteckt. Pakistan gehe nicht energisch genug gegen sie vor, daher seien die Drohnenangriffe nötig, lautet die Argumentation aus Washington. Pakistan hält dagegen, dass es schon jetzt die meisten Opfer im Anti-Terror-Kampf zu beklagen hat.

Das Spiel der Schuldzuweisungen hat eine lange Tradition zwischen Islamabad und Washington. Angeheizt wird es nun auch durch Pakistans Blockade für alle Nato-Nachschubtransporte durchs eigene Land in Richtung Afghanistan. Die Transitrouten, dringend nötig für die Versorgung der 130.000 Soldaten am Hindukusch, waren nach einem Vorfall an der afghanisch-pakistanischen Grenze geschlossen worden. Bis heute ist der Beschuss eines Grenzpostens innerhalb Pakistans umstritten.

Nicht nur Rechtsanwalt Shahzad Akbar, der mehrere Angehörige von Opfern der Drohnenangriffe vertritt und die USA verklagt hat, meint, dass die USA den schwierigen Partner Pakistan mit der Eskalation der Drohnenattacken unter Druck setzen wollen. "Die Drohnenangriffe bringen die pakistanische Regierung in Handlungszwang", sagt er. "Nach meiner Einschätzung geht es den USA darum, dass Pakistan die Nato-Versorgungswege wieder öffnet. Die Drohnenangriffe sind ein Mittel, um Druck auszuüben."

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Seite 1
asdf01 04.06.2012
1. ...
ich frage mich bei solchen Meldungen meist, was eigentlich das verantwortliche Nobelpreiskomitee so aktuell über die friedensverbreitenden Aktivitäten ihres verdienten Friedensnobelpreisträgers so denken. Wäre vielleicht mal eine Idee für SpOn einen der Leute (http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensnobelpreis#Das_Nobelpreiskomitee) zu interviewen. die verzweifelten Rechtfertigungsversuche wäre bestimmt unterhaltsam.
.Limbus 04.06.2012
2.
Zitat von sysopREUTERS/ AAI CorporationEs ist ein ferngesteuerter und doch tödlicher Krieg: In den vergangenen Tagen haben die USA ihre Drohnenangriffe auf mutmaßliche Terroristen in Pakistan deutlich intensiviert. Den roten Knopf dafür drückt Präsident Obama - er muss jede einzelne Attacke persönlich absegnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836901,00.html
Die Frage ist ob, wenn man diese Angriffe unterlassen würde, weniger Zivilisten ums Leben kommen würden. Meiner Meinung nach wäre dies nicht der Fall, wie man anhand von Zahlen aus Afgh. oder Irak zum Thema zivilie Opfer durch Terroristen deutlich ablesen kann. So technokratisch es sich anhören mag, solange Pakistan nicht aus seinem "failed state" Zustand herausfindet, sind solche Eingriffe gerechtfertigt und schützen unter dem Strich mehr Menschen als dabei ums Leben kommen. Es wird auch gerne vergessen, dass "Unterstützung" aus Pakistan letztendlich den Sieg der Taliban in Afghanistan verursachte, böse Zungen behaupten hier haben auch die pak. Geheimdienste mitgewirkt. Solch ein Brutreaktor des Terrorismus wirkt destabilisierend auf die ganze Region. Am liebsten würde ich auch zivile Hilfe für Pakistan fordern, aber nachdem was ich von Freunden, welche zeitweise in der Region tätig waren, gehört habe, ist jegliche Mühe seitens des Westens vergeblich.
cour-time 04.06.2012
3. Wenn einer einen Preis bekommt...
Zitat von asdf01ich frage mich bei solchen Meldungen meist, was eigentlich das verantwortliche Nobelpreiskomitee so aktuell über die friedensverbreitenden Aktivitäten ihres verdienten Friedensnobelpreisträgers so denken. Wäre vielleicht mal eine Idee für SpOn einen der Leute (http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensnobelpreis#Das_Nobelpreiskomitee) zu interviewen. die verzweifelten Rechtfertigungsversuche wäre bestimmt unterhaltsam.
Wenn einer einen (Nobel-)Preis bekommt: dann für etwas was er bereits getan hat, nicht wahr? Oder glauben Sie, das Nobelkomitee ergründet sich im Glaskugelschauen, wie es hier im Forum oft geübt wird?
Izmi 04.06.2012
4. Treffen
Zitat von sysopREUTERS/ AAI CorporationEs ist ein ferngesteuerter und doch tödlicher Krieg: In den vergangenen Tagen haben die USA ihre Drohnenangriffe auf mutmaßliche Terroristen in Pakistan deutlich intensiviert. Den roten Knopf dafür drückt Präsident Obama - er muss jede einzelne Attacke persönlich absegnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836901,00.html
Für mich stellt sich die Frage, wie die "Ziele" überhaupt ausgemacht werden. Es geht doch bei diesen Drohnenschlägen immer nur um kurzzeitige Fenster, während der sich die zu treffenden Personen an einem bestimmten Ort aufhalten. Also muss wenigstens drei-vier Stunden vorher klar sein, wo sich diese Orte befinden, und es muss klar sein, dass sich ganz bestimmte Menschen zu dieser Zeit dort befinden. Also Beobachtung einer Gruppe (Taliban?), Erkenntnis über deren Richtung, Ausspähung des Ortes, Benachrichtigung des Präsidenten, Befehlerteilung, Bereitmachung und Anflug der Drohne - das alles in kurzer Zeit. Ich frage mich ernsthaft, ob es dabei überhaupt möglich ist, "ziel"genau zu sein. Wen trifft der Präsident der Vereinigten Staaten?
Dramidoc 04.06.2012
5. xxxx
Zitat von sysopREUTERS/ AAI CorporationEs ist ein ferngesteuerter und doch tödlicher Krieg: In den vergangenen Tagen haben die USA ihre Drohnenangriffe auf mutmaßliche Terroristen in Pakistan deutlich intensiviert. Den roten Knopf dafür drückt Präsident Obama - er muss jede einzelne Attacke persönlich absegnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836901,00.html
Ich bin kein Jurist, aber verletzt das Vorgehen der USA nicht internationales Recht? Wie legitimieren sie solch ein Vorgehen? Ich bin ratlos.
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