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Die USA und Teherans Atomprogramm: Nützliche Feindschaft zu Iran

Ein Essay von Norman Birnbaum

Iran ist der Lieblingsfeind Israels und mancher US-Politiker. Sein Atomprogramm liefert eine dankbare Begründung, gegen das Regime in Teheran vorzugehen. Lässt sich eine Konfrontation noch verhindern? Nur, wenn Europa den Kurswechsel Obamas unterstützt.

Wie unterscheidet sich der Lemming von einem westeuropäischen Regierungschef? Der Lemming hat seine eigenen Gewohnheiten und seinen eigenen Lebensraum - und er folgt in der Regel nicht den Vorbetern amerikanischer Außenpolitik über die Klippen einer Konfrontation mit Iran.

Der neue US-Präsident hat zwar verkündet, dass er bereit sei, mit Teheran zu verhandeln. Das ist angesichts unserer wirtschaftlichen Lage und der Überlastung unserer Truppen sicher klug. Die Strategen im Außenministerium jedoch hängen immer noch der phantastischen Vorstellung nach, dass Iran eine außerordentliche Bedrohung darstellt. Diese Vorstellung ist mindestens so absurd, wie das iranische Bild von Amerika als "großem Satan".

Studentinnen feiern in Teheran 30 Jahre Islamische Revolution
DPA

Studentinnen feiern in Teheran 30 Jahre Islamische Revolution

Die Außenpolitiker lassen sich übrigens sehr deutlich vom Rest des Volks unterscheiden. Die Bürger sorgen sich nämlich wegen der Arbeitslosigkeit, wegen ihrer Alterssicherung und der generellen wirtschaftlichen Misere. Wobei man natürlich auch die amerikanische Obsession mit Iran als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bezeichnen könnte - für Diplomaten, Geheimdienstler, Militärs, Kommentatoren, Experten und Politiker. Sie alle finden wunderbare Aufstiegschancen und öffentliche Beachtung in einer der Kernindustrien Washingtons - sich Feinde zu machen und Drohszenarien zu erfinden.

Die Lage präsentiert sich da zurzeit übersichtlich: China ist zu groß und wirtschaftlich zu mächtig, als dass man sich mit ihm anlegen könnte; Russland reagiert allergisch, wenn man es bedrängt, und die "Terroristen" begnügen sich dieser Tage offenbar damit, Afghanistan und Pakistan unregierbar zu machen. Iran hingegen ist zum einen schwach genug, um es drangsalieren zu können - und sein Atomprogramm liefert zweitens eine dankbare Begründung dafür.

Iran - ein einmalig glaubhafter Gegenspieler

Iran ist ein einmalig glaubhafter Gegenspieler. Seine fundamentalistischen Führer glänzen mit Unwissen, was den Rest der Welt betrifft, und sein Präsident verblüfft uns immer wieder aufs Neue - weil er offensichtlich sogar glaubt, was er sagt. Irans geografische Lage, sein Reichtum an Rohöl und seine besondere theologische Position innerhalb des Islam stören die Kreise der amerikanischen Klientel in der Region - also der Machthaber in Ägypten, am Golf, in Jordanien und Saudi-Arabien. Die fühlen sich zwar auch nicht besonders wohl unter dem Schutzschild der USA, aber einen starken Iran fürchten sie noch mehr als ihre eigenen Völker.

Während Iran zu Zeiten des Schahs noch ein enger Verbündeter Israels war, ist es inzwischen - allein schon durch seine Verbindungen zu Hamas, Hisbollah und Syrien - zu einer objektiven Bedrohung des jüdischen Staates geworden. Allerdings droht dieser Nation die größte Gefahr nicht von außen, sondern von innen, denn seine politischen Führer und große Teile ihrer Wählerschaft steuern geradewegs auf ein neues Masada zu. Die Fähigkeit zur Reflexion, die man den Juden früher gerne zuschrieb, scheint sich im Heiligen Land dieser Tage rar zu machen.

Nichts kommt den Israelis in diesem Vakuum politischer Konzepte besser zupass, als feindlich gesinnte Iraner. Wenn es deren Präsidenten nicht gäbe, müssten die Israelis ihn erfinden.

Die Gegnerschaft der USA zu Iran wäre allerdings auch ohne die starke pro-israelische Strömung in Amerika kaum geringer:

  • Die Vereinigten Staaten haben 1953 die demokratisch gewählte Regierung Mossadegh gestürzt - als mit Eisenhower und seinem Außenminister Dulles zwei Politiker regierten, die nicht unbedingt zu den Israel-Freunden zählen.
  • Oder der Fall Saddam Hussein: Zuletzt bekanntlich Staatsfeind Nummer eins - doch als er Krieg gegen Iran führte, wurde er von den USA mit Waffen unterstützt.

Die Welt wird auf die Konfrontation mit Iran eingeschworen

Ein großer Teil der Anstrengungen, die Welt auf eine Konfrontation mit Iran vorzubereiten, wird heute von den amerikanischen Freunden Israels unternommen. Sie haben Alliierte im Kongress und in der Regierung, sie zählen ein Netzwerk von Experten und Journalisten zu ihren Verbündeten - und natürlich die sogenannten "Unilateristen" der Ära Bush, die von internationalen Kooperationen rein gar nichts halten.

Dass die Regierung Obama jetzt mit Teheran reden möchte, werden diese Lobbyisten alarmierend finden. Sie befürchten, dass die USA ihre nationalen Interessen künftig ohne Rücksicht auf Israel formulieren könnten. Wie alle Unilateristen halten sie überhaupt nichts von Verhandlungen, die nicht mit einer grundsätzlichen Anerkennung aller amerikanischen Bedingungen anfangen. Sie können eine Philosophie nicht akzeptieren, das haben sie mit George Bush gemein, die unsere Welt nicht einfach in Gut und Böse teilt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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1. Kein Krieg gegen den Iran
Michael Giertz, 15.04.2009
Zitat von sysopIran ist der Lieblingsfeind Israels und mancher US-Politiker. Sein Atomprogramm liefert eine dankbare Begründung, gegen das Regime in Teheran vorzugehen. Lässt sich eine Konfrontation noch verhindern? Nur, wenn Europa den Kurswechsel Obamas unterstützt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,613817,00.html
Sind wir mal ehrlich: ist der Iran "gefährlich" in der Hinsicht, dass er jederzeit auf den roten Knopf drücken kann? Nein. Es handelt sich zwar um einen Staat, in dem der islamistische Strom sehr stark ist, aber auch die dortigen Führer sind keine Dummköpfe. Sie werden nicht die Raketen starten, weder gegen die USA noch Israel, einfach weil die Vergeltung hart und schnell sein wird - was nützt ein Sieg, den man nicht genießen kann? Man muss ja auch mal nachdenken, warum nur (im Verhältnis) wenige Fundamentalisten trotz Hoffnung auf den Märtyrertod und den vielen Jungfrauen im Himmel des Islam, tatsächlich auch Selbstmordattentate ausführen: sie haben ja nix mehr davon. Die Atombombe zu starten kommt einem Selbstmordattentat gleich, weil dies rasch erwidert werden wird. Sozusagen dient der Iran tatsächlich nur, um mit dem Säbeln zu rasseln und auch ein fremdes Gesellschaftsystem zu zeigen. Einen Krieg vom Zaun brechen wird wohl niemand demnächst, und das ist auch gut so.
2. *gähn*
LumpY 15.04.2009
die heuschelei des westens in der gesamten "Irandiskussion" ist unerträglich... Man sollte mal offenlegen welche Teile der Iran in seinen AKWs etc. verbaut, da stehen westliche Firmen ganz oben... von Waffentechnologien usw erst gar nicht zu sprechen...
3. im Grunde stimme ich zu
OBB, 15.04.2009
Zitat von Michael GiertzSind wir mal ehrlich: ist der Iran "gefährlich" in der Hinsicht, dass er jederzeit auf den roten Knopf drücken kann? Nein. Es handelt sich zwar um einen Staat, in dem der islamistische Strom sehr stark ist, aber auch die dortigen Führer sind keine Dummköpfe. Sie werden nicht die Raketen starten, weder gegen die USA noch Israel, einfach weil die Vergeltung hart und schnell sein wird - was nützt ein Sieg, den man nicht genießen kann? Man muss ja auch mal nachdenken, warum nur (im Verhältnis) wenige Fundamentalisten trotz Hoffnung auf den Märtyrertod und den vielen Jungfrauen im Himmel des Islam, tatsächlich auch Selbstmordattentate ausführen: sie haben ja nix mehr davon. Die Atombombe zu starten kommt einem Selbstmordattentat gleich, weil dies rasch erwidert werden wird. Sozusagen dient der Iran tatsächlich nur, um mit dem Säbeln zu rasseln und auch ein fremdes Gesellschaftsystem zu zeigen. Einen Krieg vom Zaun brechen wird wohl niemand demnächst, und das ist auch gut so.
Im Grund genommen stimme ich Ihnen zu. Nur der obige Satz hat mich stutzig gemacht, weil permanent Selbstmordattentate durch Islamisten begangen werden.
4. Unberechenbar!
Benutzername1, 15.04.2009
Zitat von sysopIran ist der Lieblingsfeind Israels und mancher US-Politiker. Sein Atomprogramm liefert eine dankbare Begründung, gegen das Regime in Teheran vorzugehen. Lässt sich eine Konfrontation noch verhindern? Nur, wenn Europa den Kurswechsel Obamas unterstützt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,613817,00.html
Man muss das iranische Regime ernst nehmen. Diese schiitischen Fanatiker glauben, dass wir uns in der "Endzeit" befinden und warten darauf, dass der "verborgene Imam", der Mahdi wiederkehrt. Sie interpretieren die jüngsten Ereignisse als die Erfüllung der Prophezeiungen. Solchen apokalyptischen Fanatikern ist alles zu zutrauen. Keinesfalls darf man ausschließlich davon ausgehen, dass es sich bei atomaren Aufrüstung lediglich um eine "Lebensversicherung" für das iranische Regime geht; dass dieses Regime in seinem Handeln mit vernünbftigen Denken durchschaubar wäre. Es sind wahnsinnige und Fanatiker. Das sollten die Politiker nicht aus den Augen verlieren...
5. .
sticki 15.04.2009
Zitat von Michael GiertzSind wir mal ehrlich: ist der Iran "gefährlich" in der Hinsicht, dass er jederzeit auf den roten Knopf drücken kann? Nein. Es handelt sich zwar um einen Staat, in dem der islamistische Strom sehr stark ist, aber auch die dortigen Führer sind keine Dummköpfe. Sie werden nicht die Raketen starten, weder gegen die USA noch Israel, einfach weil die Vergeltung hart und schnell sein wird - was nützt ein Sieg, den man nicht genießen kann? Man muss ja auch mal nachdenken, warum nur (im Verhältnis) wenige Fundamentalisten trotz Hoffnung auf den Märtyrertod und den vielen Jungfrauen im Himmel des Islam, tatsächlich auch Selbstmordattentate ausführen: sie haben ja nix mehr davon. Die Atombombe zu starten kommt einem Selbstmordattentat gleich, weil dies rasch erwidert werden wird. Sozusagen dient der Iran tatsächlich nur, um mit dem Säbeln zu rasseln und auch ein fremdes Gesellschaftsystem zu zeigen. Einen Krieg vom Zaun brechen wird wohl niemand demnächst, und das ist auch gut so.
Natürlich werden sie die Rakete nicht als erste starten, aber es versetzt sie in die Lage, sich noch wesentlich weiter aus dem Fenster zu lehnen. Z.B. die Hisbollah nicht nur inoffiziell zu unterstützen, sondern offiziell und im ganz großen Stil.
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