Von Sebastian Fischer, Washington
Irgendwann in den vergangenen Monaten muss der mächtigste Mann der Welt erkannt haben, dass er ziemlich machtlos ist, wenn es um Syriens Diktator Baschar al-Assad geht. Die erst mahnenden, später drohenden Worte, die US-Präsident Barack Obama an den Herrscher in Damaskus richtete, blieben ohne Wirkung. Assad ließ weiter morden. Auch im Uno-Sicherheitsrat keine Chance für Obama. Dort blockieren Russland und China.
Diplomatisch geht nichts mehr. Deshalb setzen die USA jetzt offenbar auf die Unterstützung der syrischen Rebellen, um Assad zu stürzen. Mehrere US-Medien berichteten unter Berufung auf Regierungsmitarbeiter, die USA würden die Rebellen fortan mit Kommunikationsmitteln und eventuell auch Geheimdienstinformationen unterstützen.
Assads Sturz? "Bereit, das zu beschleunigen"
Das Ziel: den Rebellen zum militärischen Erfolg zu verhelfen. "In den letzten Monaten ist zu beobachten, wie die Opposition stärker geworden ist", zitierte die "New York Times" einen hochrangigen Beamten aus Obamas Regierung: "Wir sind jetzt bereit, das zu beschleunigen." Man habe die Hoffnung, dass sich durch die Unterstützung der USA, arabischer Regierungen sowie der Türkei das Kräftegleichgewicht zugunsten der Opposition verschiebe.
Tatsächlich ist die Weltgemeinschaft längst schon in Syrien aktiv. Saudi-Arabien und Katar zum Beispiel liefern den Rebellen Waffen - teilweise koordiniert von amerikanischer Seite, wie die "Washington Post" bereits im Mai recherchiert hat. Am Donnerstag erklärte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, Diktator Assad stünde wohl kurz vorm Rückzug, es liefen bereits die Vorbereitungen für eine "neue Ära". Darauf stellen sich die Amerikaner ein.
"Unsere Politik hat sich ein klein wenig verändert", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters in dieser Woche eine Person, die mit der US-Syrien-Politik vertraut sein soll: "Wir selbst töten niemanden, aber wir leisten mehr Hilfe." In Regierungskreisen wird demnach die Notwendigkeit betont, gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft einen Plan für die Zeit nach Assad auszuarbeiten.
Die zentralen Fragen:
"Ernsthafte Schlappe für Irans Ambitionen"
Dennoch: Einen Strategiewechsel unternehmen die USA nicht. Wenn es um Syrien geht, bleibt der Präsident zögerlich: Direkte, offene Waffenlieferungen an die Opposition gibt es bislang nicht. Eine militärische Intervention kommt nicht in Frage; Luftschläge, wie sie etwa der republikanische Ex-Präsidentschaftsbewerber John McCain fordert und wie sie die Nato im vergangenen Sommer über Libyen ausgeführt hat, sind tabu.
Überhaupt, Libyen. Strategisch war die Gaddafi-Diktatur für die USA von weit geringerem Interesse als heute Syrien: Das Land liegt im Zentrum des nahöstlichen Geschehens, ist einer der wichtigsten Verbündeten von Iran, es unterstützt die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah. Bei Syrien handele es sich um den "seltenen Fall, in dem sich amerikanische Interessen mit amerikanischen Werten verbinden lassen", schreiben die Autoren von "Bending History", eines gerade erschienenen Sammelbandes der Brookings Institution über Obamas Außenpolitik.
Schon teilt Republikaner-Rivale Mitt Romney kräftig gegen Obama aus: "Die Welt erwartet Führung von Amerika, aber wir warten im Hintergrund und hoffen, dass sich die Dinge in vorteilhafter Weise entwickeln", sagte er Fox News.
Warum also nur Waffenkoordination, warum nur Kommunikationsmittel und Geheimdienstinformationen für die Rebellen? Warum will Obama nicht mehr leisten?
Vor allem: Was für ein Krieg wäre das? "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman meint: ein zermürbender, so wie der im Irak. "Syrien ist Iraks Zwilling", schreibt Friedman, "eine multi-sektiererische, von einer Minderheit beherrschte Diktatur, zusammengehalten von einer eisernen Faust unter der Ideologie der Baath-Partei." Wenn man ein solches Land zu einer Art von Demokratie transformieren wolle, bedürfe es eines schwerbewaffneten "Geburtshelfers", dem alle Parteien gleichsam Furcht und Vertrauen entgegenbringen.
Diese Rolle hätten im Irak unter großen Verlusten und Inkaufnahme eines Bürgerkriegs die USA übernommen. Aber jene "günstige, ferngesteuerte US-Nato-Geburtshelferei", die ein neues Libyen hervorgebracht habe, könne wohl nicht in Syrien wiederholt werden: "Syrien ist härter. Syrien ist Irak."
Und auf einen zweiten Irak würden sich die Amerikaner nicht mehr einlassen.
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