NSA-Abhörskandal: Die Datenräuber von der USS "Jimmy Carter"

Von Christoph Sydow

USS "Jimmy Carter": Datenräuber am Meeresgrund Fotos
AP/ DoD

Der US-Geheimdienst NSA überwacht den weltweiten Internetverkehr. Dafür zapfen die Schnüffler auch Glasfaserkabel an, die am Meeresboden zwischen den Kontinenten verlaufen. Eine Schlüsselrolle soll dabei das U-Boot "Jimmy Carter" spielen.

Berlin - Jimmy Carter inszeniert sich gern als Freiheitskämpfer. Mit seinem Carter Center für Menschenrechte vermittelt der ehemalige US-Präsident in internationalen Konflikten, beobachtet Wahlen und setzt sich für transparente Regierungsführung in Entwicklungsländern ein. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet: Unter anderem erhielt er 1998 den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen und 2002 den Friedensnobelpreis.

2005 wurde ihm eine besondere Ehre zuteil: Die US-Marine benannte ein U-Boot nach Carter. Es ist das erste amerikanische Militär-U-Boot, das nach einem lebenden Ex-Präsidenten benannt wurde - und es ist nicht irgendeines. Die 138 Meter lange "Jimmy Carter" ist für Spezialoperationen ausgerüstet und nach Einschätzung von Geheimdienstexperten in der Lage, Unterwasserkabel anzuzapfen. Ein Boot also, das ausgerechnet von Carter hochgehaltene bürgerliche Freiheiten wie das Post- und Fernmeldegeheimnis zu verletzen sucht.

Bau und Ausrüstung des knapp 2,5 Milliarden Euro teuren U-Boots unterlagen strengster Geheimhaltung. "Sie werden niemanden finden, der mit Ihnen darüber spricht", sagte Marinesprecher Kevin Sykes, als die "Jimmy Carter" Anfang 2005 in Dienst gestellt wurde.

Nur wenige Monate zuvor, im August 2004, hatte das US-Militär die USS "Parche" eingemottet. Dieses U-Boot hatte während des Kalten Kriegs Unterseekabel angezapft und galt als eine der wichtigsten Waffen im Spionagekrieg. Die Besatzung des Boots ist bis heute die höchstdekorierte Einheit der Marine. Das Militär nimmt ein solches Schiff nur dauerhaft außer Betrieb, wenn ein Nachfolger bereitsteht.

Das am stärksten bewaffnete U-Boot

140 Mann Besatzung leisten auf der USS "Jimmy Carter" Dienst. Sie verfügt über eine sogenannte Multi-Missions-Plattform, die wie ein Unterwasser-Hangar funktioniert. Von dort aus können Mini-U-Boote und Kampftaucher ins Wasser gelassen werden. 50 Spezialkräfte, etwa Navy Seals, kann das Atom-U-Boot aufnehmen. Für feindliches Sonar ist es kaum zu orten, weil seine Motoren extrem leise sind und der Bootskörper kaum elektromagnetische Strahlung abgibt.

Das Schiff ist mit Torpedos sowie Flugkörpern der Typen "Harpoon" und "Tomahawk" ausgerüstet, die feindliche Ziele sowohl zu Wasser als auch an Land ausschalten können - auch mit Nuklearsprengköpfen. Außerdem ist die Besatzung in der Lage, Seeminen zu legen. Damit sei die "Jimmy Carter" das am stärksten bewaffnete U-Boot, das jemals gebaut wurde, jubelte "Undersea Warfare", das offizielle Magazin der amerikanischen U-Boot-Flotte.

Seit die "Jimmy Carter" vom Stapel lief, haben US-Medien mehrfach darüber spekuliert, dass das Schiff Glasfaserkabel zwischen den Kontinenten anzapfen könnte. Das Pentagon hat diesen Berichten nie widersprochen. Im vom Whistleblower Edward Snowden enthüllten Prism-Spähprogramm bestätigt der US-Militärgeheimdienst NSA sogar die "Sammlung der Kommunikation über Glasfaserkabel, während die Daten hindurchfließen". Die Marine teilt lediglich mit, dass das U-Boot mit "fortschrittlicher Technologie für spezielle Marinekriegsführung und taktische Überwachung" ausgestattet sei.

Unklar ist bislang jedoch, wie die so abgefangenen Daten dann zu den Analysten des US-Militärgeheimdienstes gelangen. In den siebziger Jahren mussten regelmäßig U-Boote zu den Kabeln herabtauchen, um die Bänder einzusammeln. Diese Mission wurde schließlich von einem sowjetischen Spion verraten - das Aufnahmegerät befindet sich seither im Moskauer KGB-Museum. Sollten auch heutzutage die Kommunikationsdaten aus den Unterseekabeln nur zeitversetzt bei den Geheimdienstlern ankommen, wären akute Warnungen vor Terrorwarnungen kaum möglich.

Wahrscheinlicher ist daher, dass die Besatzung der "Jimmy Carter" an den Glasfaserkabeln einen Splitter installiert und eine eigene Faserleitung in ein Rechenzentrum des Geheimdienstes gelegt hat. Peter Franck, Sprecher des Chaos Computer Clubs, hält es außerdem für möglich, dass IT-Experten an Bord des U-Boots die Daten bereits vor Ort vorfiltern und verdichten und über die normale Funkkommunikation zur Basisstation zurückfunken könnten.

In beiden Fällen würden die NSA-Agenten praktisch in Echtzeit den Internetverkehr überwachen können.

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1. Theoretisch, eher!
Altesocke 01.07.2013
"n beiden Fällen würden die NSA-Agenten praktisch in Echtzeit den Internetverkehr überwachen können." Dann muessen wir ja nur mal nachschaquen, ob irgendeines der Geheimdienstrechenzentren in guenstiger Lage zum Meer gebaut wurde: " einen Splitter installiert und eine eigene Faserleitung in ein Rechenzentrum des Geheimdienstes gelegt hat" Aber auch dann, 'theoretisch in Echtzeit', wuerde ich sagen. Ist ja nicht nur eine e-mail, ein Telefongespraech, das da in der Stunde ankommt. Ich bleib weiter dabei: Ueberlasten, mit Vollverschluesselung, das ist die richtige Gegenwehr. Und abundzu mal nette verschluesselte Bilder oder Videos verschicken. Das beschaeftigt bestimmt auch gut!
2. Detailkorrektur
jupiter999 01.07.2013
Nur ein Detail, aber die Jimmy Carter kann keine Nuklearsprengköpfe abfeuern da sie über keine mehr verfügt. Die Tomahawk Version CLCM wurde bereits 1987 ausser Dienst gestellt und abgerüstet und die Versionen TLAM-A und TLAM-N sind gemäß SALT Abrüstungsvertrag mit Russland ebenfalls mittlerweile komplett außer Dienst gestellt und werden momentan zerlegt. Von der Harpoon gab es erst gar keine Version mit Atomsprengkopf. Die U.S Navy hat im Februar diesen Jahres verkündet das der 25 Jährige Prozess der kompletten Abrüstung ihres gesamten nicht-strategischen Nuklearwaffenarsenals nunmehr abgeschlossen sei.
3. Zusammenhänge
ndscham 01.07.2013
Unter diesen Gesichtspunkten scheint die wiederholte Unterbrechung des Unterseekabels "SEA-ME-WE4" im Mittelmeer vor der ägyptischen Küste Sinn zu ergeben. Kürzlich wurden Taucher daran gehindert, das Kabel durchzutrennen. Wäre es nicht denkbar, parallel zur Anzapfaktion ein Sabotageteam zur "unbeabsichtigten" Kappung des Kabels zu schicken um eine plausible Erklärung für die Unterbrechung des Kabels zu haben? Glasfaserkabel lassen sich nämlich nicht ohne Unterbrechung splicen bzw. über einen Splitter leiten.
4. Inkompetenter BND!
beefclub 01.07.2013
Es wäre die Aufgabe des BND gewesen, solche Abhörmaßnahmen im Rahmen der Spionageabwehr zu verhindern. Also entweder ist der BND inkompetent (weil er nichts davon mitbekommen hat) oder operiert illegal (weil der BND längst über PRISM etc. bescheid wußte, jedoch nichts dagegen getan hat). So oder so, ein schwaches Bild der deutschen Schlapphüte! ;(
5. Ich habe da so meine Zweifel...
Ex-Kölner 01.07.2013
Es mag durchaus sein, daß man Glasfaserkabel anzapfen kann, ohne daß dessen Betreiber plötzlich eine schlechtere Signalqualität feststellt. Aber es müßte eine zumindest kurze Unterbrechung geben, während man an dem Kabel herumpfuscht. Wenn irgendwo in der Tiefsee wer das Signal abgreift - dann muß sich dieser Punkt auch finden lassen. Hinzukommen die bereits Artikel beschriebenen Probleme, die anfallenden Daten zu transportieren. Ich halte es zwar für überaus wahrscheinlich, daß die USA Abhörtechnik in allen Varianten besitzt und nutzt. Aber warum soll man sich die Mühe machen? Die Daten, die auf verschiedenen Wegen (die man alle anzapfen müßte) in die USA kommen, laufen doch bei den großen Providern zusammen. Die arbeiten doch schon mit den Geheimdiensten zusammen. Warum soll man die Daten mitten in der Tiefsee fischen, wenn man sie von den Providern auf dem Silbertablett serviert bekommt?
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