Diktator-Krankenschwester Reporter bieten 50.000 Pfund für Gaddafi-Klatsch

Sie begleitete ihn neun Jahre lang und zählte zu seinen engsten Vertrauten: Nun ist Galina Kolotniska, die Krankenschwester Gaddafis, in ihre ukrainische Heimat zurückgekehrt. Ihre Wohnung wird von Reportern belagert - eine britische Zeitung soll eine stattliche Summe für ein Interview geboten haben.

Ehemalige Gaddafi-Krankenschwester Kolotniska: Vertraute des Revolutionsführers
REUTERS

Ehemalige Gaddafi-Krankenschwester Kolotniska: Vertraute des Revolutionsführers

Von André Eichhofer, Kiew


"Lasst mich in Ruhe", ruft die Frau mit der Jeans, der schwarzen Lederjacke und der Dior-Sonnenbrille. Seit Tagen wird Kolotniska von Reportern verfolgt. Laut den auf der Online-Plattform WikiLeaks veröffentlichten US-Botschaftsdepeschen soll die "üppige Blondine" eine enge Vertraute von Muammar al-Gaddafi gewesen sein. Kolotniska habe den Revolutionsführer auf allen Auslandsreisen begleitet, denn nur sie kannte "seine Routinen", heißt es in den Depeschen.

Am Sonntag wurde die 38-jährige mit einer Militärmaschine aus Libyen ausgeflogen, in der Nacht kehrte sie in ihre Heimatstadt Browary zurück. Dort wohnt sie gemeinsam mit ihrer Tochter Tanja und ihrer Mutter Irina in der ersten Etage eine Backsteinhauses.

Schlagartig ist Kolotniska ins Rampenlicht geraten. Journalisten aus aller Welt strömen in ihre Heimat-Provinzstadt nahe Kiew. Seit Tagen belagern sie das Haus der Krankenschwester in der Olympijskaja-Straße. Sie hoffen, dass Gaddafis Vertraute Details über den Revolutionsführer preisgibt. "Unser Team ist gerade aus London eingetroffen", sagt ein Reporter des Fernsehsenders NBC. Einige Journalisten betreten das Mehrfamilienhaus, klingeln an Kolotniskas Tür, doch die Klingel ist abgestellt. Sie klopfen, aber niemand öffnet.

Kolotniska hat bisher keine Interviews gegeben. Sie ist vom Presserummel genervt, traut sich zu Fuß nicht auf die Straße. Nachdem sie am Montag mit einem Taxi zum Supermarkt gefahren war, stürzten sich Dutzende Journalisten auf den Taxifahrer. Auch die Nachbarn haben die Nase voll von den Reportern. Vor einem Hauseingang stehen zwei Großmütter. "Haut endlich ab", rufen sie den Journalisten zu.

Details über den Revolutionsführer

Angst vor der Öffentlichkeit könnte nicht der einzige Grund für Kolotniskas Verschwiegenheit sein. Ukrainische Medien vermuten, dass Gaddafis Krankenschwester vom Geheimdienst abgeschirmt wird. Denn sie könnte Details über den Revolutionsführer ausplaudern, die auch für die Nachrichtendienste interessant sind. Die Agentur Interfax berichtet, dass Kolotniska bereits bei ihrer Ankunft auf dem Kiewer Flughafen Borispol vom ukrainischen Geheimdienst SBU abgefangen worden sei. Die Behörde wiegelt ab. "Der SBU interessiert sich für diese Bürgerin nicht", sagte ein Sprecher.

Kolotniska ärgert sich darüber, dass die Medien in ihrem Privatleben herumstöbern. Presseberichte, wonach sie eine Liebesaffäre mit Gaddafi gehabt haben soll, weist sie zurück. Medien aus aller Welt haben die von WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen zitiert, in denen Kolotnyzka als Geliebte Gaddafis bezeichnet wird. Ostap Kriwdik, Journalist der Zeitung "Ukrainskaja Prawda", mahnt zu mehr Vorsicht. "Man weiß nicht, woher die Diplomaten ihre Informationen bekommen. Was in den Depeschen über Kolotniska steht, könnten auch nur Gerüchte sein." Kolotniskas Tochter Tanja sagte in einem Interview mit der Zeitung "Komsomolskaja Prawda" im November: "Meine Mutter eine Geliebte Gaddafis? Das ist totaler Unsinn. Davon hätte sie mir doch erzählt."

Mit Gaddafi im Beduinenzelt

Kolotniskas Verhältnis zu Gaddafi scheint jedoch recht eng gewesen zu sein. Die Zeitung "Segodnja" zitiert einen Passagier, der zusammen mit der Krankenschwester aus Libyen ausgeflogen wurde. Auf dem Flug nach Kiew soll Kolotniska den Revolutionsführer als "Papa" bezeichnet haben. "Papa" werde den Aufstand schon niederschlagen, soll sie gesagt haben.

Über Gaddafis Vertraute ist nur wenig bekannt. Vor neun Jahren ging die Krankenschwester nach Libyen, der Job wurde über eine Agentur vermittelt. "Sie hat dort mehr verdient und musste noch ihre Tochter in der Ukraine versorgen", berichtet eine Freundin der Zeitung "Komsomolskaja Prawda". Bis zu 700 Dollar würden Krankenschwestern in Libyen verdienen, deutlich mehr als in der Ukraine.

In Libyen habe sie zuerst in einem Krankenhaus gearbeitet, dann wurde sie in Gaddafis Team geholt. Sie habe sich nicht nur um die Gesundheit des Revolutionsführers gekümmert, sondern sei für den gesamten Gaddafi-Klan zuständig gewesen, berichtet die Freundin weiter. Kolotniskas Tochter Tanja erzählt, dass ihre Mutter monatelang mit Gaddafi und seinem Tross in einem Beduinenzelt in der Wüste leben musste. Gaddafi habe sich bei einem Staatsbesuch in der Ukraine bei Kolotniskas Familie bedankt und ihrer Mutter eine goldene Uhr geschenkt - mit seinem Bild auf dem Zifferblatt.

Früher oder später werde Gaddafis Vertraute über den Diktator reden, sind sich Journalisten sicher. Eine britische Zeitung soll 50.000 Pfund für ein Interview geboten haben.

insgesamt 14 Beiträge
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Bre-Men, 04.03.2011
1. Find ich gut
Wenn sie clever ist, verlangt sie 100000 erzählt Grimms Märchen und macht danach noch einen Reibach mit einem Buch.
Kriegsgegner 04.03.2011
2. Nachfolgende Bemerkungen...
tuen mir leid für Spiegel-Online(aber ich hoffe ihre Reporter machen bei diesem "Kesseltreiben" nicht mit). Es ist unerhört, was sich die Presse dort in der Ukraine wieder leistet, das hat meines Erachtens nichts mehr mit Pressefreiheit zu tun. Das ist blanker und sinnloser Ent- hüllungs- und Skandaljournalismus. Mit Hilfe von Geld wird versucht von dieser armen und gejagten Frau irgendwelche Details aus dem Leben des Revolutionsführers herauszu- bekommen. Einfach unappetitlich und ordentlichem Journa- lismus fremd.
WolfHai 04.03.2011
3. Geld oder Ehre
Jetzt muss sie sich entscheiden zwischen dem Verschiegenheitsgebot ihrer Profession oder dem Geld. Ich hoffe, sie kann sich für ihre Ehre als Krankenschwester entscheiden und gegen die materiellen Verlockungen.
felisconcolor 04.03.2011
4. ...
sie wird erzählen und kassieren. Ich weiss zwar nicht ob es den Straftatbestand in der Ukraine gibt. Hinterher sollte man sie verhaften wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung.
alaxa 04.03.2011
5. geil
geil, endlich mal eine ukrainische Krankenschwester als vermeintliche Gespielin eines Diktators aufzutun. Die potentiellen Leser sind sicher schon ganz scharf auf irgendwelche schlüpfrigen Geschichten... Hier kommt vieles zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehören sollte: Ukrainische Frau (scharf?), Diktator (immer gut für News), Krankenschwester (als hilfrfeiche Hand...) usw. Die arme Frau!
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