Diktatoren-Kult: Warum Russland Stalin vom Sockel stürzen muss

Von , Moskau

Viele Russen kultivieren heute Stalins Andenken, Putin lobt ihn als effektiven Wirtschaftslenker. Doch das Erbe des Massenmörders behindert den Weg zu einer freien und menschlichen Gesellschaft - Strafvollzug, Stadtentwicklung und Wirtschaft sind längst nicht modernisiert.

Stalin-Kult: Verehrung eines Grausamen Fotos
REUTERS

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Sonntag neben dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew und Premierminister Wladimir Putin Platz nahm, um auf dem Roten Platz der großen Parade zum Sieg über Hitler-Deutschland zuzuschauen, saß ein unsichtbarer Gast mit auf der Tribüne: Josef Stalin. Seit Wochen tobt in Moskau eine Debatte über den kommunistischen Diktator. Sie berührt den Kern der russischen Identität. Denn es ist ein Streit darüber, was Russland war, ist und - vor allem - darüber, was Russland in Zukunft sein soll.

Präsident Dmitrij Medwedew hat die Modernisierung des östlichen Riesenreichs zu seinem Hauptprogrammpunkt gemacht. Unzweideutig grenzt er sich von der unter seinen Landsleuten beliebten These ab, dass Modernisierung nur unter autoritärer Führung zu erreichen sei, so wie im 18. Jahrhundert unter Zar Peter dem Großen und im 20. unter Stalin. "Unser Volk ist stark und intelligent. Es kann sich aus innerem Antrieb ändern und nicht nur unter der Knute", stellt Medwedew fest.

Demonstrativ griff er eine Formulierung des Dissidenten und Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn auf, der selbst viele Jahre ins Lager gesteckt wurde, und sprach von "einem Strom des Leidens so breit wie die Wolga". Im Interview mit dem SPIEGEL sagte Medwedew: "Die Liquidierung einer gewaltigen Zahl von Sowjetbürgern, unter welchen Vorwänden auch immer, war ein Verbrechen. Deswegen kann es auch keine Rehabilitierung jener Leute geben, die daran beteiligt waren."

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Moskau: Parade auf dem Roten Platz

Ganz anders intonierte Premierminister Wladimir Putin seine Botschaft, als er im Dezember während seiner vierstündigen im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz nach Stalin gefragt wurde. Ja, die Repression habe es gegeben und es sei "nicht hinnehmbar, den Staat so zu lenken". Das Land aber habe sich unter Stalin, dem Sieger im Weltkrieg, grundlegend geändert und sei vom Agrar- zum Industrieland geworden. "Keiner darf einen Stein auf diejenigen werfen, die an der Spitze des Sieges standen und ihn organisiert haben", sagte Putin.

Im Unterschied zu Russlands erstem Präsidenten Boris Jelzin, der die KPdSU verbot und die Archive des Geheimdienstes öffnete, zeichnet Putin das Bild Stalins als "effektiver Führer und Manager". Vom Sowjetstaat grenzte sich Russlands starker Mann niemals scharf ab. Er führte die sowjetische Nationalhymne wieder ein, wenn auch mit einem nicht-kommunistischen Text. Und er bezeichnete den Untergang der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts".

"Die ganze Welt braucht heute einen neuen Stalin"

Putin ist kein Stalinist. Allerdings haben in seinem Denken sowohl Stalin als auch Solschenizyn einen Ehrenplatz - ebenso wie der letzte Zar Nikolai II. und dessen Mörder vom KGB-Vorläufer NKWD, der Dissident Andrej Sacharow und seine KGB-Häscher. So bedient Putin ideal die widersprüchliche Haltung des Durchschnittsrussen, der irgendwie stolz auf Stalin ist und doch dessen Verbrechen nicht gut findet, der gegen den Westen wettert und dennoch davon träumt, in einem Land zu leben, in dem Wohlstand und Bürgerrechte gewährleistet sind wie in England, Frankreich oder Deutschland.

Jede offizielle Rehabilitierung Stalins, wie sie Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow versuchte, als er zur Siegesparade Plakate mit dem Bildnis des Diktators aufhängen lassen wollte, dient als Signal für eine autoritäre Modernisierung, für einen Staat mit "einer Wirtschaft und Politik fest wie Fels, der Feinde erschreckt und in Angst hält", wie Stalin einmal schrieb. Eine solche Politik greife auf die Methoden Stalins zurück, auch wenn diese in Fernsehen und Internet inzwischen in einem moderneren Gewand daher kämen. In ihrer Außenpolitik zielte sie darauf, die Nachbarn zu unterwerfen, die Konfrontation mit dem Westen diente als Legitimation und Herrschaftsabsicherung nach innen.

Russlands Weg in die Zukunft wäre einer in die Vergangenheit. "Sogar inbrünstigen Stalin-Hassern wird jetzt die Größe Stalins klar", freut sich Gennadi Sjuganow, Parteivorsitzender der größten Oppositionspartei, der Kommunisten. Als die große Depression Amerika und Europa in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erfasste, habe sich die Wirtschaft der Sowjetunion mit Sieben-Meilen-Stiefeln entwickelt. "Ich bin sicher, dass künftig die einzigartigen Erfahrungen der Stalin-Zeit gefragt sein werden", erklärte Sjuganow. "Die ganze Welt braucht heute einen neuen Stalin."

Als wären nie Millionen von Menschen verbannt worden

Das Wort "Repression" schreibt Sjuganow in seinen Beiträgen für das Parteiblatt "Prawda" (Wahrheit) stets nur in Anführungsstrichen so als hätte es die 6,4 Millionen in den Gulag Verbannten, die 786.000 Erschossenen und 237.000 Inhaftierten nie gegeben. Die Politik der Demokraten, die nach dem Zerfall der Sowjetunion freie Wahlen erlaubten und von der Plan- auf die Marktwirtschaft umschalteten, diese 18 Jahre unter Jelzin, Putin und Medwedew nennt Sjuganow "ein Verbrechen".

Stalin aber habe ein vom Bürgerkrieg geplagtes Land wieder aufgerichtet, den Weltkrieg gewonnen, sowie den Grundstein für ein System gelegt, das den ersten Menschen in den Weltraum geschickt und ein "würdiges Leben für die überwältigende Mehrheit der Menschen" gewährleistete. Stalin sei der Vater der Industrialisierung gewesen, das neue Russland bringe nichts hervor außer Zerfall und Niedergang.

Tatsächlich aber trägt Russland noch heute schwer an Stalins Erbe: wirtschaftlich, demographisch und mental. Russland kommt trotz seiner hohen Wachstumsraten nur langsam vom Fleck, gerade weil Stalins Hinterlassenschaft die Entwicklung behindert.

Stalin führte den schlimmsten Schlag gegen das eigene Volk

In den Städten, die der Diktator für die Großbetriebe des Landes geschaffen hat, leben noch immer zwanzig Prozent der Bevölkerung. Sie hängen am Tropf einstmals gewaltiger Industrieanlagen, Stahlwerke und Rüstungsfabriken, aus dem Boden gestampft unter Stalin, heute aber unfähig, sich dem globalen Wettbewerb zu stellen.

Auch wenn in den neunziger Jahren in der großen russischen Wirtschaftskrise die Geburtenrate sank, den schlimmsten Schlag gegen das eigene Volk führte Stalin. Solschenizyn hat in seinem 1971 aus der Sowjetunion geschmuggelten Weltbestseller "Der Archipel Gulag" geschrieben, dass die Bevölkerung der Sowjetunion Ende der achtziger Jahre ohne den Stalinschen Terror bei 420 statt bei 280 Millionen gelegen hätte.

Auch heute noch, mehr als 50 Jahre nach dem Tod des Diktators, liegt dessen Schatten auf der Entwicklung Russlands zu einer freien und menschlichen Gesellschaft. Das System des Strafvollzugs beispielsweise, das Präsident Medwedew zu reformieren versucht, stützt sich noch immer auf 755 Strafkolonien, die zu Zeiten des Gulag gegründet wurden. Nur eine kleine Minderheit der Strafgefangenen kommt in Gefängnissen unter.

Die Geheimdienste, unter Stalin die Ausführenden des Großen Terrors, haben unter Putin wieder Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft besetzt.

Russland aber braucht nicht mehr, sondern weniger Stalin. Zeit, den roten Diktator von seinem Sockel zu holen.

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1. Stalin war der dümmste ignoranteste und unfähigste Nachfolger
haltetdendieb 09.05.2010
für Lenin, den man sich vorstellen konnte. Aufgrund meines Interesses und meines Geschichtsstudiums weiß ich das. Ich glaube nicht, dass die "Russen" blöder sind als ich. Irgendwie geht es hier um Selbstschutz aufgrund immer härterer Zeiten für die normalen Menschen in der GUS! Es wird lange dauern, bis dieser "Dummkopf" von seinem Sockel gestoßen wird wie in Estland, Lettland, Litauen, Ungarn etc. etc. Der Krieg wurde nicht wegen sondern trotz Stalin gewonnen, das hat doch 1956 Chruschtschow schon gesagt. Hinter diese Aussage dürfte doch eigentlich die GUS nicht mehr zurückfallen! Aber was nutzt es, wenn wir im Westen wissen, was für ein Massenmörder und Depp Stalin war. Die Aufarbeitung in der GUS wird noch Jahrzehnte dauern! Zeit, die besser genutzt werden könnte!
2. Ich bin
idealist100 09.05.2010
Die Geheimdienste, unter Stalin die Ausführenden des Großen Terrors, haben unter Putin wieder Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft besetzt. Ich bin zwar nach dem Tausendjährigen geboren, aber war es bei uns anders? Haben hier nicht auch die Ausführenden, Geheimdienste etc. wieder die Schlüsselposition eingenommen? Unter Putin können wohl nur die evtl. Nachkommen wieder in Schlüsselpositionen sitzen und jetzt schaue ich in unseres Staatsgebilde und denke an die ganzen Gewendeten vom ehem. Ministerpräsidenten, Geheimdienstchef, Wirtschaftführer bis hoch zum ehem. Bundespräses.
3. Die durch die Hölle gingen
Transmitter 09.05.2010
Zitat von sysopViele Russen kultivieren heute Stalins Andenken, Putin lobt ihn als effektiven Wirtschaftslenker. Doch das Erbe des Massenmörders behindert den Weg zu einer freien und menschlichen Gesellschaft - Strafvollzug, Stadtentwicklung und Wirtschaft sind längst nicht modernisiert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,693752,00.html
Stalins Andenken gibt vielen Russen Trost und Stolz in einer Zeit, in der die Unzulänglichkeiten des tristen täglichen Lebenes oft schier erdrückend sind. Interessant zu sehen, wie stark dieses Bedürfnis ist, denn Stalins Verbrechen sind ja nicht unbekannt; noch nicht einmal verdrängt. Die Nachfolger der Deutschen, die mit Hitler durch die Hölle gingen, haben dieses Defizit an patriotischem Stolz, an Vaterlandsliebe, nicht verkraftet. Deshalb dieser Selbsthass, dieser kritiklose Kotau vor anderen Kulturen, dieser Todeswunsch für alles Deutsche. Die 68er haben ihren Eltern nicht verzeihen können, dass sie ihnen nur Wohlstand und Geld hinterlassen haben. Werte, die diese patriotische Leere aber nie kompensieren konnten.
4. Nicht so!
alex3g 09.05.2010
Zu 95% ist es alles richtig, was im Artikel steht. Aber.... Der Zeitpunkt ist falsch!!! Sie können darüber berichten zur jeder Zeit, nur nicht heute oder gestern. Ansonsten impfinde sogar ich, dessen Vorfahren vom Stalin vertrieben, eingespert und ermordet wurden, diese Berichte als Provokation! Es ist unbestritten, daß dank Russland (und somit auch Stalin) Europa vom Faschismus befreit wurde! Berichte zu diesem Thema am Jahrestag ist eine Unverschämtcheit. Ich frage mich: warum erscheinen hier und jetzt mehrere Artikel über Massenmörder Stalin (auch unbestritten!), und kein einziger über Hitler??? Vom Spiegel habe ich so was nicht erwartet. Ist er etwa auf ein Auge blind geworden!?
5. Nicht schlecht der Artikel
Maccharoni 09.05.2010
Aber wie das mit solchen Überschriften ist, muss ich doch was kritisieren. Putin mag zwar kein lupenreiner Demokrat sein (was auch immer das heissen mag, Herr Schröder), aber so schlecht, wie ihn deutsche Medien gern mal darstellen, ist er sicherlich nicht. Der Autor lebt in Russland, kennt sich aber anscheinend nicht sehr gut mit der Bedeutung der russischen Geschichte für die Russen und ihrer "Seele" aus. Das ist keine harte Kritik, vielmehr ein Hinweis darauf, dass Russland durchaus eine menschliche Politik betreibt. Ich würde sogar bald behaupten eine tw. viel menschlicher als die unsere im Westen. Während wir an unserer selbstgestrickten Gesellschaft langsam ersticken und die Politik es nicht schafft (deutschland- oder europaweit), z.B. das Finanzsystem zu regeln, spricht Putin von einem weisen Lenker. Also, so schlecht ist das doch gar nicht. Nur kommt wohl eine deutsche Selbstgeisselung, die Political Correctness, möglicherweise nicht mit der Vorstellung klar, dass nicht alles damals schlecht war. Wie gesagt, in Russland herrscht eine andere Geschichtsauffassung vor und wenn sie diese, Herr Autor, nicht so gut kennen, dann verpufft ihre Kritik.
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Zum Autor
Yuri Afanasiev

Matthias Schepp, 49, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. In den vergangenen zwei Jahren hat er mit Michail Chodorkowski, den er seit den neunziger Jahren kennt, einen Briefwechsel geführt. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung Moskau" (2008) und, zusammen mit dem Fotografen Gerd George, "Von Peking nach Berlin" (2006).


Fotostrecke
Stalin-Opfer: Bis das Fleisch vom Knochen fiel

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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