Diktaturopfer in Argentinien Geburtstag auf dem Foltertisch

Die deutsche Justiz will Mord und Folter in Argentinien sühnen: Auf Betreiben Nürnberger Staatsanwälte hat die argentinische Justiz Haftbefehle gegen Ex-Diktator Jorge Videla und zwei ehemalige Militärs erlassen. Der Vorwurf: Beteiligung an der Ermordung von Deutschen, die sich unter den 30.000 Opfern der Diktatur befinden.


Elisabeth Käsemann: Ermordet in Argentinien
DPA

Elisabeth Käsemann: Ermordet in Argentinien

Berlin/Buenos Aires - Elisabeth Käsemann erlebte ihren 30. Geburtstag auf dem "Grill". So nannten die Folterer die Metalltische, auf die sie ihre Opfer spannten, um sie mit Elektroschocks zu behandeln. Am 9. März 1977 verschwand die deutsche Studentin in Buenos Aires, ihren Geburtstag am 11. Mai verbrachte sie in dem geheimen Haftzentrum des argentinischen Militärregimes "El Vesubio".

Zwei Wochen später, in der Nacht zum 24. Mai, wurde sie mit 15 anderen Gefangenen gefesselt und abtransportiert. Zwei Tage darauf meldeten argentinische Zeitungen, dass bei einem Feuergefecht 16 "Subversive" getötet worden seien, darunter Elisabeth Käsemann. Der deutsche Obduktionsbericht listet vier Schüsse von hinten ins Genick und Herz auf. Der Leichnam hatte weder Haare noch Augen. Die Bluttat ist bis heute ungesühnt.

Doch die Vergangenheit ruht nicht, Druck kommt besonders aus Deutschland. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth hatte Anfang Dezember internationale Haftbefehle gegen Ex-Diktator Jorge Videla, den früheren Oberbefehlshaber der argentinischen Marine, Emilio Massera, und den Chef des 1. Heereskorps der Zone 1, Carlos Guillermo Suarez Mason, erlassen.

Nun hat die argentinische Justiz nachgezogen und auf Betreiben Deutschlands Haftbefehle gegen die drei Militärs ausgestellt, denen sie eine Beteiligung an der Ermordung von Käsemann sowie des Münchner Studenten Manfred Zieschank vorwirft.

Gegen alle drei hat die argentinische Justiz bereits wegen anderer Strafverfahren Untersuchungshaft angeordnet, die wegen des hohen Alters der Betroffenen jedoch in Hausarrest abgeschwächt wurde. Videla und Mason lehnten nach Informationen von SPIEGEL ONLINE eine freiwillige Überstellung nach Deutschland ab. Massera liegt nach Angaben seiner Anwälte vernehmungsunfähig im Krankenhaus.

30.000 Menschen verschwunden

30.000 Menschen verschwanden in den sieben Jahren der argentinischen Militärdiktatur: Am 24. März 1976 stürzten die Machthaber von Luftwaffe, Marine und Heer die Regierung und installierten ein totalitäres Regime zur "nationalen Reorganisation", wie sie es euphemistisch nannten. "Guerra sucia", "Schmutziger Krieg" nennen die Argentinier dieses Kapitel ihrer Geschichte, deren Wunden bis heute nicht verheilt sind.

In Frankreich wurde bereits einer der grausamsten argentinischen Folterer, der "Todesengel" genannte Kapitän Alfredo Astiz, in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch eine Auslieferung musste Astiz, der in Buenos Aires lebt, so wenig fürchten wie die drei von den Deutschland beschuldigten. Die Präsidenten Alfonsin und Menem hatten in den 80-er Jahren Amnestiegesetze durchgesetzt, die vor Verfolgung durch argentinische und ausländische Behörden schützten. Die einzige Straftat aus der Diktaturzeit, die im Pampa-Land noch juristisch verfolgt wurde, war die Entführung und "Zwangsadoption" von Kindern. Noch immer versuchen Mütter ihre Kinder wiederzufinden, die ihnen während ihrer Gefangenschaft weggenommen und dann von systemtreuen Familien aufgezogen wurden.

Seit 28 Jahren Demonstrationen

Wo sind sie? Die Angehörigen der Verschwundenen haben nicht einmal einen Ort zum Trauern
Markus Deggerich

Wo sind sie? Die Angehörigen der Verschwundenen haben nicht einmal einen Ort zum Trauern

Doch auch in Argentinien ruht die Geschichte nicht. Seit 28 Jahren versammeln sich auf dem Platz vor dem Regierungssitz jede Woche die "Madres de la Plaza de Mayo", die Mütter, die still demonstrierend Auskunft verlangen über das Schicksal der "Desaparecidos", ihrer verschwundenen Kinder. Sie halten die Fotos hoch und fragen: "Wo sind sie?"

Es ist nicht die Hoffnung, ihre Liebsten wiederzusehen - nach dem Ende der Diktatur hatte das Militär lapidar erklärt, dass es "keine lebenden Verschwundenen" gebe, sondern nur "während der Auseinandersetzung Umgekommene" - es ist die Hoffnung auf Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen, ein Stück Gerechtigkeit und Auskunft darüber, wann wer wo und wie ermordet wurde. Die Mütter wollen einfach nur wissen, wo die Leichen ihrer Kinder verscharrt wurden. Denn für viele gibt es nicht mal ein Grab, einen Ort der Trauer. Ein argentinischer Offizier berichtete Jahre nach dem Ende des Regimes, dass viele Opfer lebend über dem Ozean aus Flugzeugen geworfen worden seien.

Das von der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte gebeutelte Land "verbrauchte" in den vergangenen drei Jahren fünf Präsidenten. Doch der seit knapp einem Jahr amtierende Peronist Nestor Kirchner hat das schwierige Thema für sich entdeckt und macht den Angehörigen der Opfer neue Hoffnung auf Gerechtigkeit. Er stellt die Amnestiegesetze in Frage, versucht im korrupten Justizwesen unabhängige Richter zu installieren und erklärte kurzerhand alle Argentinier zu "Kinder der Mütter vom Plaza de Mayo".

Weiß bis heute nicht, was ihre Folterer von ihr wollten: Bettina Ehrenhaus
Markus Deggerich

Weiß bis heute nicht, was ihre Folterer von ihr wollten: Bettina Ehrenhaus

Bettina Ehrenhaus vertritt in Buenos Aires die Interessen der Angehörigen von vermissten Deutschen. Sie arbeitet zusammen mit den "Madres de Plaza de Mayo", die in den vielen Jahren ihres Kampfes ein umfangreiches Archiv des Terrors zusammengetragen haben. Sie ist selbst Opfer der Militärs. 1979 wurde die damals 21-Jährige zusammen mit ihrem Freund Pablo entführt und in das berüchtigste und bekannteste aller Folterzentren, die "Escuela de Mecánica de la Armada", verschleppt.

Mit einer Picana, einem Elektroschocker, mit dem sonst das Vieh vorm Schlachten betäubt wird, wurde sie zwei Tage lang mit verbundenen Augen an Brust, Bauch, Beinen und Mund gefoltert, bis sie in Ohnmacht fiel. Bis heute weiß sie nicht, was die Folterer mit der Aufforderung "zu singen" von ihr erfahren wollten. Doch wie bei Elisabeth Käsemann, die in den Armenvierteln der Stadt gearbeitet hatte, galt "soziales Engagement" bereits als links - und somit verdächtig. Ihren Freund Pablo hat sie nie wiedergesehen. Die letzte Erinnerung an ihn sind seine Schreie aus dem Nebenraum im Folterkeller.

Aktivisten wie Ehrenhaus hoffen, dass durch Kirchner und auch den Druck, der durch die deutsche Justiz und internationale Aufmerksamkeit entsteht, wieder Bewegung in die Aufarbeitung der Geschichte kommt. Eine Auslieferung, die bisher noch nicht beantragt wurde, wäre aber vermutlich nicht möglich, da die nationalen Strafverfahren in Buenos Aires vorgehen. Argentinien hat es selbst in der Hand.



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