Diplomatie beim D-Day Sie reden!

Wer tuschelt mit wem? Wer blickt wem in die Augen? Das D-Day-Jubiläum war vor allem hektische Krisendiplomatie im Zeichen der Ukraine-Krise. Putin traf Obama, Merkel und Poroschenko. Herausgekommen sind: kleine Erfolge und erstaunliche Szenen.

Aus Ouistreham berichtet

AFP

Angela Merkel kann sich kaum noch von Wladimir Putin lösen. Gerade erst ist der Kreml-Chef im Takt eines alten russischen Kriegsliedes einmarschiert, da geht die Kanzlerin sofort zu ihm. Drei, vier Minuten stehen sie beieinander, reden, von den Kameras zunächst unentdeckt: Die Kanzlerin nickt viel, faltet die Hände locker hinter dem Rücken. Sie reiht sich wieder ein, geht aber noch mal rüber, und als die versammelten Gäste nur noch auf Queen Elizabeth II. warten, vertreibt sich Merkel die Zeit mit einem weiteren Plausch mit Putin.

Was die beiden da besprechen, kann man nicht hören. Dass sie es überhaupt tun, ist schon eine Nachricht. Und wie sie dort zusammenstehen, am Strand von Ouistreham bei der großen D-Day-Zeremonie, könnte durchaus Teil einer größeren Geschichte werden.

Die Feier zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten stand im Zeichen der Diplomatie. Natürlich ging es auch diesmal wieder um die Veteranen, um Gedenken und Erinnerung an Tausende Tote. Doch die Ukraine-Krise übertönte all das. Es lohnte sich also, genau auf die Gesten und Blicke der versammelten Staatenlenker zu schauen - beim ersten Aufeinandertreffen von Putin, Merkel, Barack Obama seit Ausbruch des Konflikts. Die kleinen Gesten können eine Antwort geben auf die große Frage: Wie schlimm steht es eigentlich um Putin und den Westen?

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Normandie: Die D-Day-Feierlichkeiten in Bildern
Die Lage war ja doch etwas verworren: Da wird Putin vom G7-Gipfel am Mittwoch und Donnerstag demonstrativ ausgeladen, hat dann aber gleich ab Donnerstagabend mehrere Termine mit G7-Chefs. Da stellt der Westen Forderungen an den Kreml, erwähnt aber die Krim dabei mit keinem Wort. Da droht die EU wöchentlich mit Wirtschaftssanktionen, gleichzeitig vollzieht Frankreich einen Militärdeal mit Moskau.

Deswegen ist das Geplauder von Merkel und Putin am Freitagnachmittag interessant, gerade weil es ja auch inszeniert ist. Wer hätte sich diese Szene vor ein paar Wochen vorgestellt. Selbst am Morgen sah die Symbolik in der Normandie noch anders aus. Die lang erwartete erste Begegnung von Merkel und Putin, in einem Hotel im Badeort Deauville, wirkte maximal unentspannt. Merkels Blick, Putins verkrampfte Haltung, das Bild ging rasch um die Welt, erzählte aber eben auch nicht alles.

Putin trifft Poroschenko - und dann Obama

Offen ist da noch, ob auch Obama den Kreml-Chef treffen wird. Die erste Begegnung: Nichtbeachtung für Fortgeschrittene. Obama tut beim gemeinsamen Fototermin vollkommen beschäftigt mit Queen Elizabeth II., Putin plaudert lieber mit Albert von Monaco. Die Royals, geübt in Wahrung der Etikette auch bei Streit, müssen ran. Auch beim Mittagessen wird Putin zwischen Margrethe II (Dänemark) und dem Großherzog von Luxemburg geparkt.

Doch dann nimmt dieser Tag der Intensivdiplomatie Fahrt auf: Putin trifft sich mit dem frisch gewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, dessen Legitimität er bislang nicht anerkannt hat. Sie fordern gemeinsam ein Ende der Gewalt in der Ostukraine - immerhin. Hollande und Merkel sind dabei, sie haben das Treffen vorbereitet.

Jetzt ist auch Obama bereit, Putin zu treffen: eine kurze Unterhaltung nur. Das Verhältnis zwischen Russland und den USA ist ja noch deutlich vergifteter als jenes zwischen Moskau und Europa. Man redet wieder miteinander und will es auch zeigen, das ist der Erfolg dieses Tages in der Normandie. Putin wird etwa mit Szenen wie jener mit Merkel belohnt - weil er sich bewegt hat.

Kleine Erfolge überall

Und so können alle Beteiligten etwas vorweisen: Merkel hat gezeigt, dass sie in dieser Krise tatsächlich nicht nur unsichtbar am Telefon, sondern auch im Fokus der Weltöffentlichkeit vermitteln kann. Putin hat nun das Bild dafür, dass der Westen doch nicht ohne ihn kann, und Obama demonstriert zumindest ein wenig Gesprächsbereitschaft.

Bleibt Gastgeber Hollande: Sein krisengeplagtes Land konnte sich einen Tag sonnen in der Aufmerksamkeit, der glücklose Präsident diplomatische Erfolge vorzeigen. In seiner Rede lobte er sogar den Mut der Deutschen, die ja auch unter der Naziherrschaft gelitten hätten.

Vor zehn Jahren, beim letzten großen D-Day-Jubiläum, war die Teilnahme der Deutschen noch ein Aufreger. Erstmals war ein deutscher Kanzler dabei, Gerhard Schröder hielt dann eine gute Rede und machte klar, dass er ein neues Deutschland vertritt. Fortan galt auch D-Day: Die Deutschen gehören zu den Guten. Dass zehn Jahre später Merkel nun einen Auftritt als Vermittlerin hat, widerspricht dieser Einschätzung zumindest nicht.

Ob auch dieser D-Day einmal als historisch gelten wird, wird sich zeigen. Immerhin lieferte der Feiertag in der Normandie das, was alle seit Wochen fordern: Zeichen der Entspannung, von allen Seiten.

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insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
spmc-135322777912941 06.06.2014
1. Was ich mir wünsche ....
das Journalisten und Foristen aufhören unsere Kanzlerin mit dem despektierlichen "Mutti" zu belegen. Natürlich hat sie Schwächen, wer hat die nicht, aber sie ist ein Glücksfall für Deutschland und Europa. Sie macht das sehr gut.
barristo 06.06.2014
2.
Zitat von sysopAFPWer tuschelt mit wem? Wer blickt wem in die Augen? Das D-Day-Jubiläum war vor allem hektische Krisendiplomatie im Zeichen der Ukraine-Krise. Putin traf Obama, Merkel und Poroschenko. Herausgekommen sind: kleine Erfolge und erstaunliche Szenen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/diplomatie-beim-d-day-putin-obama-merkel-treffen-sich-in-frankreich-a-973951.html
Von der Mentalität her stehen sich Putin und Poroschenko sicher näher als dem Rest der prominenten D-Day Teilnehmer.
dunnhaupt 06.06.2014
3. Friede, Freude, Eierkuchen
Zweifellos wird russisches TV es heute Putins Untertanen so darstellen. Was sie aber nicht sehen können, ist der permanente Vertrauensverlust. Nichts kann je wieder so werden wie es war, weder im Außenhandel noch in der Politik.
Jan2607 06.06.2014
4. Zitate von Merkel
Zitat von sysopAFPWer tuschelt mit wem? Wer blickt wem in die Augen? Das D-Day-Jubiläum war vor allem hektische Krisendiplomatie im Zeichen der Ukraine-Krise. Putin traf Obama, Merkel und Poroschenko. Herausgekommen sind: kleine Erfolge und erstaunliche Szenen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/diplomatie-beim-d-day-putin-obama-merkel-treffen-sich-in-frankreich-a-973951.html
Merkel hat sich den englischen und amerikanischen Veteranen gleich auf Deutsch so vorgestellt: "Guten Tag, ich bin die Bundeskanzlerin von Deutschland". Haben die mit Sicherheit verstanden - nicht. Und meinte auch in grauenhaftem Englisch "Ai häf tu sänk ju". Okay, mein Englisch ist auch alles andere als gut, aber von einer Bundeskanzlerin darf man sicher ein wenig mehr erwarten, oder? Ich schätze mal, mit Putin hat sie sich dann auf Deutsch unterhalten - dessen Deutsch ist 10x besser, als ihr Englisch. Wenn die jemand auf internationaler Ebene ernst nimmt, dann kann ich dem auch nicht weiterhelfen. Für mich ist sie eher ein leerer Anzug. Genauso gut könnte sie auch nicht da sein. Würde wahrscheinlich niemand bemerken.
kanadasirup 06.06.2014
5. Meine Güte
Was für ein Kindergarten. Persönliche Vorlieben und Animositäten entscheiden über Wohl und Wehe des Planeten. Wenn das nicht so schrecklich wäre, könnte ich fast drüber lachen/weinen.
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