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Dirty Tricks: Wenn Kriegsgründe erfunden werden

Von Jochen Bölsche

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Desinformation den Vietnamkrieg auslöste und wie die CIA mit einer verdeckten Operation die Russen in einen Krieg lockte, an dessen Ende der Zusammenbruch des Sowjetreichs und die planetarische Hegemonie der USA standen.

Nahm die Tonkin-Lüge zum Anlass für eine Serie von Luftschlägen, die im Vietnam-Krieg mündeten: US-Präsident Lyndon B. Johnson. Arbeitet das Weiße Haus an einem neuen "Tonkin"
AP

Nahm die Tonkin-Lüge zum Anlass für eine Serie von Luftschlägen, die im Vietnam-Krieg mündeten: US-Präsident Lyndon B. Johnson. Arbeitet das Weiße Haus an einem neuen "Tonkin"

Während es um den mysteriösen "Mr. Anthrax" seltsam still wurde, widmeten sich Washingtons Kriegspropagandisten um so intensiver der Behauptung, Saddam Hussein bedrohe die USA mit Massenvernichtungswaffen.

Peinlich, dass die CIA dieser Behauptung schon im Juli vorigen Jahres widersprach: Der Irak stelle in "absehbarer Zukunft" keine unmittelbare Gefahr für die Vereinigten Staaten dar; ein Irakkrieg jedoch würde das Terror-Risiko in den USA deutlich erhöhen - Einschätzungen, mit denen sich der Geheimdienst prompt den Zorn der Washingtoner Bellizisten zuzog.

Rüge vom "Fürsten der Finsternis"

Oberfalke und PNAC-Stratege Richard Perle - der stolz darauf ist, von Friedenskämpfern als "Fürst der Finsternis" tituliert zu werden - rügte die CIA, sie versage in Sachen Irak. Pentagon-Chef Donald Rumsfeld schäumte, der Dienst sei "kurzsichtig".

Letzte Woche kündigte Rumsfeld den Aufbau einer weiteren Agententruppe an - zusätzlich zu den bereits bestehenden 14 US-Geheimdiensten. Die Spione sollen dem Verteidigungsministerium direkt unterstellt sein und "origineller" denken als die CIA.

Obwohl Rumsfeld wiederholt die Vorlage von "Beweisen" für das Vorhandensein von ABC-Waffen angekündigt hat, fehlt es bis heute an völkerrechtlich relevanten Belegen, die einen Krieg rechtfertigen würden. In der Bundesrepublik, kommentierte die "Süddeutsche Zeitung", würde Material von solcher Qualität nicht einmal zur Verurteilung eines "Hühnerdiebes" ausreichen.

Rumsfeld reagierte auf Kritik schlicht mit der Forderung nach einer Umkehr der Beweislast ("Das Fehlen von Beweisen ist kein Beweis für das Fehlen von Massenvernichtungswaffen") - und, ebenso wie Bush, mit sinnentstellend verkürzten Zitaten aus dem Kamal-Protokoll.

Als der Trick vorige Woche aufflog, war in der US-Friedensbewegung sogleich von einem "neuen Tonkin" die Rede.

Am Beginn des Vietnamkriegs stand eine Lüge

Tonkin - dieser Terminus steht nicht nur in den USA für den Versuch, den Gegner durch Intrigen zum Erstschlag zu provozieren, einen Angriffskrieg als Verteidigung zu tarnen oder das eigene Volk durch Gräuelmärchen in eine Schlacht zu hetzen.

Die Tonkin-Lüge stand am Beginn des Vietnamkrieges in Südostasien: Berichte über einen (in Wahrheit nicht erfolgten) Überfall nordvietnamesischer Boote auf den US-Zerstörer "Maddox" im Golf von Tonkin nahm US-Präsident Lyndon B. Johnson 1964 zum Anlass, sich vom Kongress zu einer lange vorbereiteten Serie von Luftschlägen gegen Vietnam ermächtigen zu lassen - Auftakt zu einer mörderischen Völkerschlacht.

Kriegslisten dieser Art sind so alt wie die Menschheit. Und sie sind auch den Deutschen auf verhängnisvolle Weise vertraut.

Otto von Bismarck veröffentlichte 1870 die berüchtigte "Emser Depesche" von Kaiser Wilhelm I. in einer derart verstümmelten Fassung, dass Napoleon III. sie als Kriegserklärung wertete - und selber eine abgab. Adolf Hitler liess 1939 einen polnischen Angriff auf den Reichssender Gleiwitz vortäuschen, um mitteilen zu können: "Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen." Rudolf Scharping förderte 1999 die Kosovo-Kriegsbereitschaft der Deutschen mit einem angeblichen "Hufeisenplan", der sich als Fälschung erwies.

"Die Geheimoperation war eine exzellente Idee"

Die Amerikaner stehen den Deutschen auf diesem Gebiet kaum nach. So bekennt der einstige CIA-Direktor Robert Gates in seinen Memoiren, dass die USA im Sommer 1979 mit verdeckten Hilfsaktionen für islamische Untergrundkämpfer die Sowjetunion zur Intervention in Afghanistan provoziert zu haben.

"Die Geheimoperation war eine exzellente Idee," erklärte der vormalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski Jahre später in einem Interview, "sie hatte den Effekt, die Russen in die afghanische Falle zu locken." Als die Sowjets einmarschiert seien, so Brzezinski im "Nouvel Observateur", habe er an Präsident Carter geschrieben, nun hätten auch die Russen "ihren Vietnamkrieg". Und tatsächlich habe der zermürbende Krieg am Ende "zur Demoralisierung und zum Zusammenbruch" des Sowjetreichs geführt.

Gut zehn Jahre nach der "covert operation" in Afghanistan - bei der die Amerikaner die Vorläufer der WTC-Terroristen bewaffneten, munitionierten und instrumentalisierten - begleiteten schmutzige Propagandatricks den Golfkrieg.

Babymorde, von PR-Agenten erfunden

Unvergessen sind in den USA die TV-Bilder von jener angeblichen Krankenschwester, die unter Tränen irakische Soldaten beschuldigte, Brutkästen geöffnet und kuweitische Säuglinge massakriert zu haben. Die Lüge hatte kurze Beine: Eine PR-Agentur aus dem Umfeld der neokonservativen Think Tanks hatte die Geschichte frei erfunden. In die Rolle der Krankenschwester war die Tochter des Botschafters von Kuweit geschlüpft.

Als Washington nach den WTC-Anschlägen erklärte, im Krieg gegen den Terrorismus sei die Waffe der Desinformation unverzichtbar, stieg in einem Teil der US-Gesellschaft das Misstrauen in die Regierenden schlagartig an.

Bei manchem wuchsen sich die Zweifel an der Wahrheitstreue Washingtons zur Paranoia aus. Andere Bürger hingegen legen seither eine bemerkenswerte Wachsamkeit an den Tag.

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