Dirty Tricks Wenn Kriegsgründe erfunden werden

Von der Emser Depesche bis zum Hufeisenplan, vom erstunkenen Tonkin-Zwischenfall bis zum erlogenen Babymord - immer wieder haben auch deutsche und amerikanische Militärs mit Propagandalügen und Provokationen die Kriegslust im eigenen Land zu schüren versucht. Derzeit, argwöhnen US-Friedenskämpfer, arbeiteten Bushs Psychokrieger an einem "neuen Tonkin".

Von Jochen Bölsche


Ein US-Offizier an Bord des Flugzeugträgers Nimitz: Mit High-Tech und schwerem Gerät überwachen die Amerikaner die Flugverbotszonen im Irak. Friedensaktivisten befürchten, dass die Alliierten in den No Fly Zones einen einen Irak-Krieg provozieren könnten.
AFP

Ein US-Offizier an Bord des Flugzeugträgers Nimitz: Mit High-Tech und schwerem Gerät überwachen die Amerikaner die Flugverbotszonen im Irak. Friedensaktivisten befürchten, dass die Alliierten in den No Fly Zones einen einen Irak-Krieg provozieren könnten.

Wann immer es der Regierung Bush in den letzten Monaten darum ging, die Welt von der Notwendigkeit eines US-Angriffskriegs auf den Irak zu überzeugen, zählte ein General namens Hussein Kamal zu den meistzitierten Zeugen.

Erst nachdem der Ex-Schwiegersohn Saddam Husseins, oberster Chef der irakischen Rüstungsindustrie, 1995 nach Jordanien übergelaufen sei und ausgepackt habe, sei das Regime in Bagdad bereit gewesen, "die Produktion von über 30 000 Litern Anthrax und anderer tödlicher B-Waffen-Stoffe zuzugeben", sagte Präsident George W. Bush im Oktober vorigen Jahres in einer Rede, um die Heimtücke des Schurkenstaates zu belegen.

Bushs Außenminister Colin Powell zitierte den Überläufer noch am 5. Februar dieses Jahres vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, um Saddams Gier nach Massenvernichtungsmitteln und die Unfähigkeit der UN-Inspektoren anzuprangern.

"Der Irak benötigte Jahre, um endlich die Produktion von vier Tonnen des tödlichen Nervengases VX zuzugeben," erklärte Powell. "Das Eingeständnis erfolgte erst, nachdem den Inspektoren auf Grund der Aussagen des geflohenen Kamal Hussein bestimmte Dokumente in die Hände gefallen waren."

Kriegspropaganda mit verfälschten Aussagen

Seit einigen Tagen ist alles ganz anders: Bushs Kronzeuge Kamal - der sofort ermordet wurde, nachdem der Tyrann von Bagdad ihn 1996 mit einer Amnestiegarantie zur Rückkehr in den Irak gelockt hatte - dient jetzt der US-Friedensbewegung als Kronzeuge gegen Bush.

Die Art und Weise, wie Washington in den letzten Wochen mit Kamals Aussagen operiert hat, verstärkt amerikanische Pazifisten und Publizisten in dem Verdacht, die Falken im Weißen Haus wollten das amerikanische Volk mit gezielt verbreiteten Falschinformationen in den Krieg gegen den Irak hetzen.

Warten auf Befehle aus Washington: Die US-Truppen im persischen Golf
REUTERS

Warten auf Befehle aus Washington: Die US-Truppen im persischen Golf

Denn wie das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" in seiner Ausgabe vom 3. März enthüllte, haben die Bushisten, die sich so lange und so gern auf Kamal beriefen, einen wesentlichen Teil der Aussagen unterschlagen, die der Überläufer 1995 in einer dreistündigen Unterredung mit den UN-Inspektoren gemacht hat.

"Ich habe die Zerstörung aller chemischen Waffen befohlen. Alle Waffen - biologische, chemische, Trägerraketen, nukleare - sind zerstört worden," hatte Kamal in seiner Vernehmung erklärt.

Lediglich Bauanleitungen seien archiviert worden, heisst es in dem von "Newsweek" überprüften und zitierten Protokoll, das, wie das Magazin herausfand, auch amerikanischen und britischen Geheimdiensten zuging (und dessen voller Wortlaut neuerdings auch im Internet verfügbar ist).

Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst

Dass die US-Regierung die Kernaussage ihres Starzeugen jahrelang der Öffentlichkeit verschwiegen habe, sei der dickste Hund ("the biggest story") seit Beginn der Irakkrise, kommentieren die Medienwächter von der New Yorker Bürgerinitiative FAIR ("Fairness & Accuracy In Reporting").

Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst - diese alte Erfahrung sehen die amerikanischen Bush-Kritiker durch die regierungsamtliche Verfälschung der Kamal-Aussage aufs Neue bestätigt.

Warum die Hardliner in Washington zu derartigen Methoden greifen, ist nachvollziehbar.

Schon vor mehr als zehn Jahren ersehnten die Bushisten und ihre Vordenker in den rechten, von Öl- und Rüstungskonzernen geförderten "Think Tanks" eine auf Dauer angelegte Vorherrschaft Amerikas über Eurasien - insbesondere mehr Einfluss auf Afghanistan ("das Cockpit Asiens") und einen Zugriff auf den Irak, eines der rohstoffreichsten Länder der Erde (siehe Folge 8 dieser Serie).

Spekulationen über ein "neues Pearl Harbour"

Um für solche kühnen Unternehmungen gerüstet zu sein, verlangte die Lobby-Organisation "Project for the New American Century" (PNAC) eine -zig Milliarden Dollar teure "Transformation" des US-Militärs in eine jederzeit global einsetzbare Kriegsmaschinerie. "Dieser Umwandlungsprozess wird wahrscheinlich sehr lange dauern," hiess es noch in einem PNAC-Strategiepapier aus dem September 2000, "es sei denn, ein katastrophales Ereignis tritt ein, das als Katalysator dient - wie ein neues Pearl Habour".

Kurz nachdem das katastrophale Ereignis - am 11. September 2001 - eingetreten war, sah Bush den rechten Zeitpunkt gekommen. Wenig später ordnete er per geheimem Exekutivbefehl nicht nur den Kreuzzug gegen den Terrorismus an, sondern auch die Erarbeitung von Plänen für einen Irakkrieg.

Doch der Präsident hatte die Rechnung ohne die Öffentlichkeit gemacht. So bereitwillig die Amerikaner und ihre Verbündeten dem Präsidenten in seinen "Krieg gegen den Terrorismus" und auch in den Feldzug gegen das afghanische Taliban-Regime folgten, so schwierig war es, dem gemeinen Volk rasch auch noch die Notwendigkeit eines so genannten Präventivkrieges gegen den Irak zu vermitteln.

Die CIA widerlegt das Weiße Haus

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges: CIA-Direktor George Tenet widersprach öffentlich Bushs Darstellung, wonach der Irak die Terrorgruppe al Qaida unterstützt.
AP

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges: CIA-Direktor George Tenet widersprach öffentlich Bushs Darstellung, wonach der Irak die Terrorgruppe al Qaida unterstützt.

Erst vorigen Monat beklagte der New Yorker Kolumnist (und Kriegsbefürworter) Thomas Friedman: "Ich hatte seit September die Möglichkeit, durch das ganze Land zu reisen, und kann mit Bestimmtheit sagen, dass ich nicht ein einziges Mal zu einem Publikum sprach, von dem ich den Eindruck hatte, es sei mehrheitlich für den Krieg im Irak."

Dabei hatte Bushs Regierung schon gleich nach dem 11. September 2001 die Version verbreitet, die Attentäter seien vom Irak unterstützt worden. Viele Amerikaner allerdings glaubten offenbar eher der CIA, die Bush öffentlich widersprach: Sie sehe keine Verbindung zwischen Saddam und der al-Qaida.

Ebenso rasch platzte die von Washington zunächst lancierte Lesart, die mysteriösen Anthrax-Briefe, die im Herbst 2001 für Panik in der Bevölkerung sorgten, seien im Auftrage des Irak verschickt worden. FBI-Ermittler stießen auf eine ganz andere Spur: Die tödlichen Sporen stammten mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem US-Militärlabor.

Ein Phantom, das "Mr. Anthrax" heißt

Ins Visier geriet ein amerikanischer Biowissenschaftler mit intensiven CIA-Kontakten und einem denkbar dubiosen Lebenslauf: Angehöriger einer Killertruppe im einstigen Rassistenstaat Rhodesien; Bioforscher im Auftrag des südafrikanischen Apartheid-Regimes; ABC-Waffen-Inspektor der UN im Irak; Wissenschaftler in der Biowaffen-Forschung; Reisender in geheimer US-Mission in Zentralasien.

Als die Ermittlungen voriges Jahr ins Stocken zu geraten schienen, kommentierte die "New York Times": Wäre der Mann ein Araber, "wäre er längst verhaftet. Aber es handelt sich um einen blauäugigen Amerikaner mit Verbindung zum Pentagon, zur CIA und zum Bioabwehrprogramm."

Und auch die Hamburger "Zeit" argwöhnte: "Gibt es eine Macht, die will, dass Mr. Anthrax ein Phantom bleibt?... Haben die Anthrax-Anschläge etwas mit den Geheimnissen der amerikanischen Regierung zu tun?"



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