Dokument des Grauens Wie unter Pinochet gefoltert wurde

14 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur in Chile liegt der endgültige Bericht über die Exzesse der Militärs vor. Das Mammutwerk, das mit anschaulichen Folter-Details gespickt ist, sorgt für Empörung bei rechten Politikern und Ex-Generälen. Doch die Pinochetistas geraten immer mehr in die Defensive.


General Pinochet: Folter von oben angeordnet
AP

General Pinochet: Folter von oben angeordnet

Berlin - Der chilenische Präsident Ricardo Lagos hatte sein Volk gewarnt. Der Bericht über die Pinochet-Opfer sei stellenweise "hart zu lesen", sagte der Sozialdemokrat am Sonntag in einer Fernsehansprache. Aber Chile sei inzwischen reif, die ganze Wahrheit zu erfahren, fügte der Präsident hinzu.

Der im Internet verfügbare, 700-seitige Bericht rekonstruiert sehr sorgfältig die Verbrechen der Militärjunta unter General Augusto Pinochet, die mit dem Putsch am 11. September 1973 an die Macht kam und bis zum März 1990 das Land beherrschte. Gestützt auf die Aussagen von über 30.000 politischen Häftlingen und Folteropfern wird der Horror insbesondere der ersten fünf Jahre des Pinochet-Regimes wieder lebendig.

Wer als Linker galt, der konnte in jenen Jahren von einem Tag auf den anderen verschwinden - abtransportiert in Chevrolet-Pickups ohne Nummernschilder oder in Kühlwagen. Geheimpolizisten der gefürchteten DINA (Directorate of National Intelligence) nisteten sich in der Wohnung des Verschwundenen ein, warteten auf Besucher und folterten oft noch an Ort und Stelle.

14 Foltermethoden

Der Bericht soll aufrütteln, daran lassen die Autoren keinen Zweifel. "Eine Verschwörung des Schweigens hat sich langsam über das Land ausgebreitet", steht im Vorwort. Viele Chilenen würden glauben, die Folter sei gar nicht so massiv gewesen. Mit diesem Mythos räumt der Bericht gründlich auf.

Insbesondere das Kapitel "Foltermethoden und Augenzeugenberichte" ist voller anschaulicher Details. So beschreibt eine Frau, wie sie nackt ausgezogen, in eine erniedrigende Position gebracht, mit einem Zementblock beschwert und mit Elektroschocks gequält wurde. Gleichzeitig wurde ihr Mund mit Tierkot gefüllt. Ein Mann erzählt, wie ihm die Zehennägel ausgerissen wurden und die blutigen Zehen dann an ein Stromkabel gehalten wurden.

Im Laufe der Jahre fand die Geheimpolizei immer perfidere Wege, Menschen zu erniedrigen. Insgesamt zählt der Bericht 14 Foltermethoden auf. Schon die Namen sprechen eine deutliche Sprache: Callejon oscuro (dunkle Gasse), Parrilla (Grill) und Submarino (U-Boot), letzteres wahlweise in der Variante seco (trocken) oder humedo (feucht).

28.000 anerkannte Opfer erhalten Rente

Die meisten Tatsachen in dem Bericht sind nicht neu. Besonders erschütternd sind allerdings das Ausmaß und die Systematik der Folter, die in diesem Bericht deutlich gemacht werden. 94 Prozent aller politischen Häftlinge wurden demnach gefoltert, und alle Waffengattungen und Sicherheitsorgane waren beteiligt.

Die teilweise sehr intimen Augenzeugenberichte sind nicht namentlich gekennzeichnet und werden für die nächsten 50 Jahre anonym bleiben. Aber im Anhang findet sich eine Liste aller 28.000 anerkannten Pinochet-Opfer, mit Namen und Personalausweisnummer. Die Liste scheint endlos, über 650 Seiten ziehen sich die Namen, von Eliseo Aballay bis Nolberto Zurita. 102 gefolterte Kinder sind separat aufgeführt.

Pinochet: Letzte Woche wurde er 89
AFP

Pinochet: Letzte Woche wurde er 89

Erarbeitet wurde der Bericht von der "Nationalen Kommission für politische Haft und Folter", die im August 2003 von Präsident Lagos eingesetzt worden war. Damals fand aus Anlass des 30. Jahrestags des Putsches eine monatelange Debatte über die Pinochet-Vergangenheit statt. Der Auftrag der Kommission lautete: Eine Liste aller Opfer anzulegen, auf deren Basis die Regierung eine Entschädigung veranlassen kann.

In nur einem Jahr hörte die Kommission 35.000 Personen an. 28.000 davon wurden als Opfer anerkannt. Diese sollen fortan eine Rente von 160 Euro monatlich bekommen, sowie Gratis-Krankenhausbehandlung und -Studium.

Mit dem Valech-Bericht, benannt nach dem Vorsitzenden der Kommission, Sergio Valech, rückt nun ein Thema ins Zentrum der nationalen Debatte, das lange nur Menschenrechtsgruppen beschäftigt hatte. Der Bericht erhebt zur Regierungsmeinung, was die Opfer seit langem behaupten: Dass die Repression inklusive Folter unter Pinochet institutionalisiert war und "von den höchsten Autoritäten des Staates gelenkt" wurde.

Pinochet-Gegner heute an der Macht

Diese Einsicht wollte die Regierung in Chile nach dem unblutigen Übergang zur Demokratie 1990 lange nicht äußern. Die breite Regierungskoalition Concertacion, in der Christdemokraten, Sozialdemokraten und Sozialisten zusammengeschlossen sind und die mit wechselnden Kabinetten seit 14 Jahren im Amt ist, klammerte die Vergangenheit aus der politischen Debatte weitgehend aus. Eine erste große Debatte fand statt, als Pinochet 1998 in London verhaftet wurde. Damals hielten sich Pinochet-Anhänger und -Gegner noch die Waage.

Inzwischen jedoch hat sich das Gewicht eindeutig zu Gunsten der Gegner verschoben. Heute ist die Generation an der Macht, die während der Pinochet-Ära ins Exil gezwungen wurde. Die Verteidigungsministerin Michelle Bachelet ist in dieser Hinsicht emblematisch: Ihr Vater, General und Freund des damaligen sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, starb nach dem Putsch 1973 an den Folgen der Folter in Haft. Sie selbst und ihre Mutter wurden gefoltert und vertrieben. Inzwischen ist Bachelet die populärste Politikerin des Landes und gilt als heißeste Präsidentschaftskandidatin.

23. August 1973: Pinochet mit seinem Chef Allende. Drei Wochen später putscht der General, Allende stirbt
AFP

23. August 1973: Pinochet mit seinem Chef Allende. Drei Wochen später putscht der General, Allende stirbt

Wie zu erwarten löste der Valech-Bericht bei alten Pinochet-Gefährten Empörung aus. "Einseitig" sei der Bericht, schimpfte der ehemalige Heereschef Rene Norambuena, der immer noch als Senator auf Lebenszeit amtiert. Die vielen anständigen Militärs blieben unerwähnt. "Wir haben auch Menschenrechte", sagte er der konservativen Zeitung "El Mercurio".

Andere reden von "Affront" und "Rache der Linken". Der Sprecher Pinochets, Ex-General Guillermo Garin, verwahrte sich gegen jegliche "Kollektivschuld". "99,9 Prozent meiner Waffenkameraden waren nicht an diesen Handlungen beteiligt", wetterte er.

Besonders verärgert dürften die alten Generäle darüber sein, dass der Valech-Bericht beweist, wie sehr ihnen die Kontrolle über den gesellschaftlichen Diskurs abhanden gekommen ist. Auch die letzten Tabus werden gebrochen. So wird festgestellt, dass die Marine auch auf dem heutigen Schulschiff Esmeralda gefoltert habe. Der Dreimaster ist der ganze Stolz der chilenischen Marine und galt bisher als sakrosankt. Zwar wurde das Folterschiff in europäischen Häfen regelmäßig von Protestdemos empfangen, doch die Marine hatte die Vorwürfe immer dementiert.



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