Judenverfolgung: Rumäniens vergessener Holocaust

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Der Dokumentarfilmer Florin Iepan konfrontiert die politische Elite Rumäniens mit den totgeschwiegenen antijüdischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Sein Ziel ist eine Entschuldigung des Staatspräsidenten beim einzigen Überlebenden des Massakers von Odessa 1941. Eine verzweifelte Mission.

"Guten Tag, Herr Präsident", ruft der Dokumentarfilmer Florin Iepan, "ich möchte Ihnen jemanden vorstellen." Der Angesprochene ist Rumäniens Ex-Staatschef Emil Constantinescu, im Amt von 1996 bis 2000. Er trägt einen eleganten weißen Anzug, gerade verlässt er einen Konferenzraum. "Ich weiß, worum es geht", sagt Constantinescu unwillig und nur kurz innehaltend, "aber ich habe mein Bedauern schon einmal öffentlich ausgedrückt." - "Vielleicht sagen Sie das diesem Mann persönlich, er ist extra aus Odessa hergekommen", insistiert Florin Iepan. Constantinescu schaut den alten Mann mitleidig an und wendet sich eilig ab. "Ein anderes Mal."

Der alte Mann ist Michail Saslawski, 87, der einzige Überlebende eines rumänischen Großverbrechens im Zweiten Weltkrieg: des Massakers von Odessa im Oktober 1941, als die rumänische Armee 23.000 Juden - darunter Säuglinge, Kinder, alte Männer und Frauen - nahe der Stadt in Lagerhallen einpferchte, bei lebendigem Leibe verbrannte und diejenigen, die aus dem Inferno zu fliehen versuchten, mit Granaten ermordete. Saslawski verlor seine gesamte Familie - Eltern, drei Schwestern, einen Bruder. Das Massaker war eine Vergeltungsaktion für einen Bombenanschlag sowjetischer Partisanen auf das Hauptquartier der rumänischen Besatzungstruppen in Odessa, angeordnet von Rumäniens damaligem profaschistischem Diktator Ion Antonescu persönlich.

Die Szene, in der sich der Ex-Staatschef Emil Constantinescu weigert, Michail Saslawski einige Worte des Bedauerns auszusprechen oder ihm wenigstens die Hand zu geben, hat sich im Oktober 2011 in Bukarest zugetragen - just anlässlich des 70. Jahrestags des Massakers. Zu sehen ist sie in Iepans Film "Odessa", einer Dokumentation, die auf schmerzliche Weise zeigt, wie sich die politische und intellektuelle Elite Rumäniens weigert, über den Holocaust an den Juden in ihrem Land zu sprechen und ihn zum Thema einer breiten gesellschaftlichen Debatte über Erinnerung und Verantwortung zu machen.

Vorprogrammierte Kontroversen

"Odessa" ist dabei kein klassischer Dokumentarfilm, sondern vielmehr die Dokumentation einer politischen Kampagne, die der Regisseur aus dem westrumänischen Temeswar seit drei Jahren führt: Florin Iepan konfrontiert die politische und intellektuelle Elite in Rumänien, aber auch die Öffentlichkeit im Land in ostentativen Auftritten mit den totgeschwiegenen antijüdischen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs - und filmt die Reaktionen. Er passt Politiker an öffentlichen Orten ab, stört Intellektuelle zu Hause, auf Veranstaltungen oder Empfängen mit unbequemen Fragen zum Massaker von Odessa, spricht in Radio- und Fernsehsendungen über das Thema. Im vergangenen Herbst lud er Michail Saslawski für eine Woche nach Bukarest ein, um ihn und seine Geschichte bekannt zu machen. Auch dabei filmte er meistens.

Entstanden ist aus den bisherigen Aufnahmen ein knapp anderthalbstündiger Film, den Iepan demnächst auf Veranstaltungen und Festivals in Rumänien zeigen will - wobei er wiederum Reaktionen und Diskussionen des Publikums aufzeichnen wird, um daraus später weitere Filmversionen zu machen. Eine einstündige, für ein ausländisches Publikum gedachte Variante des Films soll Anfang kommenden Jahres in der Sendereihe "Der besondere Dokumentarfilm" des MDR ausgestrahlt werden, da Iepans Projekt unter anderem aus Mitteln des MDR und der Hessischen Filmförderung finanziert wurde.

In Rumänien ist "Odessa" ein einzigartiges Vorhaben der Vergangenheitsaufarbeitung - mit programmierten Kontroversen. "Das Massaker von Odessa und ähnliche Verbrechen, welche die so genannte 'heldenhafte rumänische Armee' im Zweiten Weltkrieg begangen hat, sind in der Gesellschaft, aber auch unter Historikern noch immer fast ein Tabuthema", urteilt der Historiker und Holocaust-Forscher Lucian Nastasa von der Universität Cluj (Klausenburg). Sein Kollege Victor Eskenasy, der heute in Frankfurt am Main als Publizist lebt, geht noch weiter: "Seit Rumänien in die Nato und die EU aufgenommen wurde, kehren seine Politiker zu ihren alten Traditionen, Attitüden und Überzeugungen zurück. Die Holocaust-Leugnung hat wieder Konjunktur."

"Das ist eine Provokation!"

Der Film illustriert das in vielen eloquenten Szenen, in denen rumänische Politiker und Intellektuelle das Massaker von Odessa rechtfertigen oder den Holocaust schlicht abstreiten. Lediglich ein einziger namhafter rumänischer Intellektueller, der Philosoph Horia Roman Patapievici, nimmt sich im Herbst 2010 des Themas an und lädt Iepan in eine Fernsehsendung ein, um mit ihm über Odessa und das Filmprojekt zu sprechen.

Geradezu verstörend sind die Szenen, in denen Iepan und Saslawski im Oktober 2011 während einer ganzen Woche in Bukarest fast durchgängig auf Desinteresse stoßen: Mit einer einzigen Ausnahme lehnen Fernsehsender Interviews mit dem einzigen Überlebenden des Massakers von Odessa ab, zu einer Pressekonferenz mit Saslawski kommen lediglich drei Journalisten, bei einer Podiumsdiskussion von Historikern und Politikern in einem elitären Bukarester Club wird Iepan und Saslawski das Mikrofon entzogen, weil sie eine Frage zum Massaker von Odessa stellen. Begründung: "Das ist eine Provokation!" Ein O-Ton des Ex-Außenministers Adrian Cioroianu.

Er habe vor einigen Jahren selbst kaum etwas über den Holocaust in Rumänien gewusst, sagt Florin Iepan im Gespräch selbstkritisch. Erst durch einen Zufall änderte sich das: 2006 strahlte das öffentlich-rechtliche Fernsehen TVR die History-Show "Große Rumänen" aus. Die Zuschauer konnten dabei über die zehn bedeutendsten rumänischen Persönlichkeiten der Geschichte abstimmen. Auch der Diktator Ion Antonescu kam auf die Liste der Nominierten - ohne redaktionelle Bedenken. Iepan erhielt den Auftrag, für die Show einen kurzen Porträtfilm über Antonescu zu drehen.

Kriegsverbrecher bis heute als Nationalhelden angesehen

Bei den Recherchen für die TVR-Show las Iepan zum ersten Mal Details über die Verbrechen, die Antonescu zu verantworten hatte, auch über das Massaker von Odessa. Er erfuhr, dass Rumänien unter Antonescu das einzige Land außer Nazi-Deutschland war, das eine eigenständige Vernichtung der Juden betrieb. Ihr fielen mehr als 300.000 Juden zum Opfer, Antonescu wurde unter anderem dafür 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet.

Iepans Kurzfilm geriet zu einem negativen Porträt des Diktators. Dennoch kam Antonescu am Ende des TV-Spektakels immerhin noch auf Platz sechs in der Rangliste der größten Rumänen. Kein Wunder: Schon unter Ceausescu hatte die vorsichtige Rehabilitierung Antonescus begonnen, nach 1989 wurde er zeitweilig in den Rang eines offiziellen Nationalhelden erhoben. Das Parlament ehrte ihn 1991 mit einer Schweigeminute, später wurden Straßen, Plätze und Friedhöfe nach ihm benannt, Denkmäler für ihn aufgestellt. Das ist inzwischen gesetzlich verboten. 2004 bekannte sich der rumänische Staat durch den Bericht einer präsidialen Historikerkommission erstmals offiziell zu seiner Verantwortung für den Holocaust an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Doch noch immer sehen viele Rumänen Antonescu als Nationalhelden an.

Iepan war entsetzt über den Ausgang der TV-Show, das Thema ließ ihn nicht mehr los. Er wollte zunächst einen herkömmlichen Dokumentarfilm über das Massaker von Odessa machen, doch während der Arbeit daran verwarf er den Plan. "Mir wurde klar, dass das Interesse an solchen Dokumentarfilmen in der heutigen rumänischen Gesellschaft sehr gering ist, ich wäre irgendwo auf einem Sendeplatz mitten in der Nacht gelandet, es hätte kaum Resonanz gegeben. Deshalb beschloss ich, selbst vor die Kamera zu gehen."

Staatspräsident Basescu schweigt

Dabei vermeidet Iepan die Pose des selbstgerechten Aufklärungshelden. "Nicht mein Film an sich ist wichtig", sagt er, "sondern der Weg, auf dem er entsteht. Ich möchte die Geschichte des Massakers, die Geschichte Michail Saslawskis in der Öffentlichkeit so lange erzählen und die Reaktionen so lange weiterfilmen, bis eine Tages das Wort 'Odessa' im Gewissen der Gesellschaft hängenbleibt, als Synonym für die antijüdischen Verbrechen, die in Rumänien begangen wurden. Und ich möchte, dass ein rumänischer Staatschef nach Odessa fährt, Michail Saslawski die Hand gibt und ihn im Namen unseres Volkes um Entschuldigung bittet."

Die Chancen, dass der 87-Jährige das noch erleben wird, stehen schlecht. Rumäniens derzeitiger Staatspräsident Traian Basescu lehnte es bisher ab, sich zu dem Thema zu äußern. Einer seiner ehemaligen Berater, der ungarisch-jüdische Politiker und Menschenrechtsanwalt Peter Eckstein-Kovacs, versuchte vergeblich, Basescu zu einer Geste gegenüber Saslawski zu überreden. "Für Rumänien sind Odessa und die Geschichte des Massakers leider sehr, sehr weit entfernt", sagt Eckstein-Kovacs.

Auch Michail Saslawski selbst glaubt nicht, dass er aus Rumänien eine Entschuldigung erhalten wird. "Man versucht dort, Fragen zum Holocaust zu verbergen", beschreibt er seinen Eindruck von seinem Besuch in Bukarest vor einem Jahr. Er lebt in Odessa in bescheidenen Verhältnissen, er war sein Leben lang Arbeiter in einem Walzwerk. Seine Reise nach Rumänien war die erste in das Land, dessen Armee seine Familie ermordet hatte. "Als ich in Bukarest war, hieß es, ein rumänischer Präsident habe sich schon einmal für die Verbrechen am jüdischen Volk entschuldigt. Es klang irgendwie so beiläufig. Es hat mir sehr weh getan."

Mitarbeit: Katja und Viktor Schulmann

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