CIA-Ausbilder in Tibet Dilemma auf dem Dach der Welt

Es ist ein fast vergessenes Kapitel tibetischer Geschichte: In den fünfziger und sechziger Jahren bildete der US-Geheimdienst CIA Bauern, Mönche und Nomaden zu Widerstandskämpfern aus. Ein Dokumentarfilm erinnert nun an die Gebirgs-Guerilla - und an das Dilemma des Dalai Lama.

AP

Von , Peking


Sie waren Bauern, Mönche und Nomaden, bekamen amerikanische Namen wie Walt, Tom oder Nathan. Sie lernten schießen, funken und Bomben bauen. Zu ihrer Ausrüstung gehörte eine Kapsel Zyanid - falls sie den Chinesen in die Hände fallen sollten. Geschult wurden die Tibeter zunächst in Saipan im Westpazifik, dann in Camp Hale im bergigen US-Bundesstaat Colorado. Ihr Ausbilder: der amerikanische Geheimdienst CIA.

Ihr Ziel: die Chinesen aus dem "Land des Schnees" zu vertreiben, wie sie selbst ihre Heimat Tibet nennen - oder ihnen zumindest das Leben schwerzumachen. Die chinesische Volksbefreiungsarmee hatte 1951 das Land besetzt, 1959 floh der Dalai Lama als Soldat verkleidet über die Gletscher des Himalaja nach Indien.

Die CIA nannte die Operation "ST Circus". In den fünfziger und sechziger Jahren trainierte sie tibetische Widerstandskämpfer, unterstützte sie mit Geld und Waffen. Sie sprangen mit Fallschirmen über Tibet ab. Insgesamt kostete die Aktion jedes Jahr rund 1,7 Millionen Dollar, der Dalai Lama selbst erhielt im Exil jährlich 180.000 Dollar von den Amerikanern.

Die Dokumentarfilmerin Lisa Cathey hat tibetische Guerrilla-Veteranen und frühere CIA-Agenten für ihr Projekt "CIA in Tibet" interviewt. Sie erhellt damit ein fast vergessenes Kapitel in der tibetischen Geschichte. Der Film soll in den nächsten Monaten veröffentlicht werden.

Die "Süddeutsche Zeitung" und das ARD-Magazin "Panorama" haben jetzt darüber berichtet. Es falle ein "gewaltiger Schatten auf den Gottkönig", der als "höchster Repräsentant des reinen Pazifismus" stets Gewaltlosigkeit predige, befand die "SZ". Und das TV-Magazin "Panorama" fragte: "Was ist wirklich dran am Image des Friedensnobelpreisträgers Dalai Lama?"

CIA-Aktivitäten auf dem Dach der Welt

Tatsächlich scheint die Verbindung des friedliebenden Dalai Lama mit den Berufskillern der CIA nicht zusammenzupassen. Neu allerdings ist diese Allianz nicht. Die CIA-Aktivitäten auf dem Dach der Welt sind eine lange bekannte Tatsache, die in vielen Geschichtsbüchern dokumentiert wird.

Selbst die Interviews mit den Veteranen sind so exklusiv nicht: Sie wurden schon Anfang des vorigen Jahres teilweise in der Hongkonger "South China Morning Post" veröffentlicht. Die belgische Autorin Birgit van Wijer hat bereits 2007 die Erinnerungen von 48 ehemaligen Kämpfern festgehalten. Der Dalai Lama hat aus diesem schwierigen Abschnitt seines Landes und seinen Kontakten zur CIA keinen Hehl gemacht.

Widerlegt die Geschichte das seit den siebziger Jahren vom Dalai Lama immer wieder verkündete Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit auf dem Weg zu einem freien Tibet? Ist der Buddhist gar ein Heuchler, wie "SZ" und "Panorama" insinuieren, eine "Schachfigur der CIA"?

Keineswegs. Die Dokumentation lässt den damaligen Chef der CIA-Operation John Kenneth Knaus zu Wort kommen, der von einer Begegnung mit dem Dalai Lama berichtet. Es war, erinnert er sich, "einer der kühlsten Empfänge, die ich jemals erlebt habe. Sehr formell, sehr korrekt." Tatsache ist auch, dass die CIA in den fünfziger Jahren lange Zeit vergeblich versucht hatte, zum Dalai Lama vorzudringen, um grünes Licht für den bewaffneten Widerstand zu erhalten - vergeblich.

Kriegerische Zeiten in Tibet

Es waren kriegerische Zeiten in den fünfziger Jahren. Tibeter freuten sich über den Einmarsch der Chinesen, weil sie sich ein freies und gerechtes Tibet erhofften. Doch als die Chinesen damit begannen, Herden und Felder zu enteignen, erhoben sich zahlreiche Tibeter, vor allem das Volk der Khampa, die Bewohner der osttibetischen Region Kham, gegen die chinesischen Besatzer. Die chinesische Armee bombardierte Klöster. Der Dalai Lama fühlte sich, wie er sich später erinnerte, "zwischen zwei Vulkanen, die jeden Moment ausbrechen könnten".

Obwohl die Khampas auf ein Wort der Unterstützung des damals jungen und unerfahrenen Dalai Lama warteten - es kam nie, berichtet der tibetische Historiker Tsering Shakya. Er hielt den Aufstand angesichts der Überlegenheit der chinesischen Armee für selbstmörderisch und nicht vereinbar mit seiner Religion.

Unter seinen Beratern hingegen herrschte Uneinigkeit. Schließlich floh das religiöse Oberhaupt der Tibeter auf Anraten seiner Berater nach Indien.

Es waren seine zwei älteren Brüder, die zwei Jahre zuvor Kontakt zur CIA aufgenommen hatten. Washington war damals wohl nicht so naiv zu glauben, die Chinesen aus Tibet vertreiben zu können, doch es hing der Doktrin an, den Vormarsch der Kommunisten allenthalben in der Welt zu stoppen - so auch in Tibet. "Ich denke, die Grundidee war, die Chinesen irgendwie abzulenken. Niemand wollte wegen Tibet einen Krieg anfangen", erinnert sich der CIA-Mann Sam Halpern.

1957 erhielten die Khampas die ersten Waffen der Amerikaner. Offenbar nicht genug: "Die CIA half uns, doch die Waffen, die zu uns gelangten, reichten nicht aus, um gegen die Chinesen anzukommen", sagt ein Veteran in der Dokumentation.

Kein klares Wort des Dalai Lama gegen den CIA-Einsatz

Tausende von tibetischen CIA-Guerilleros starteten später vom halb-autonomen Himalaja-Reich Mustang ihre Einsätze. Unklar ist bis heute, wie viele von ihnen in Tibet ihr Leben ließen und wie viele chinesische Soldaten starben. Fest steht: Ein klares Wort gegen den Einsatz äußerte der Dalai Lama öffentlich nie, aber auch nie dafür. 1967 begann die CIA, die Operation zurückzuschrauben, 1974 appellierte der Dalai Lama an die letzten Kämpfer, die Waffen niederzulegen.

Seither plädiert er für den sogenannten "Mittelweg": Keine Gewalt und keine Unabhängigkeit Tibets will er, dafür mehr religiöse und kulturelle Autonomie auch außerhalb der Grenzen der Autonomen Region Tibet. Unter jungen Exil-Tibetern ist dies umstritten. Viele sind bereit, wie ihre Väter und Großväter zu den Waffen zu greifen.

"Schatten auf dem Gottkönig"? Wohl kaum. Der Dalai Lama hat die CIA-Aktion 1993 in einem Interview mit der "New York Times" als "nicht sehr gesund" kritisiert, weil sie nur politisch motiviert gewesen und nicht aus "genuiner Sympathie" für das tibetische Volk geboren worden sei.

Die Aussagen der Tibeter und der Amerikaner helfen, den Konflikt zwischen Tibetern und der Pekinger Regierung besser zu verstehen. Sie widerlegen nicht die Tatsache, dass der Dalai Lama seit Jahrzehnten einen pazifistischen Weg eingeschlagen hat.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Reqonquista 09.06.2012
1. Das Schicksal...
..des tibetischen Volkes ist der Beweis, dass Pazifismus nicht funktioniert. Der Stärkere unterwirft den Schwächeren. Niemand ist Tibet damals zur Hilfe gekommen und heute werde die Tibeter zu Minderheit im eigenen Land durch Ansiedlung von Han Chinesen. Die Geschichte ist ein großer Gesichtsverlust für die Chinesen. Sie sollten sich schämen.
marcshit 09.06.2012
2.
Zitat von sysopAPEs ist ein fast vergessenes Kapitel tibetischer Geschichte: In den fünfziger und sechziger Jahren bildete der US-Geheimdienst CIA Bauern, Mönche und Nomaden zu Widerstandskämpfern aus. Ein Dokumentarfilm erinnert nun an die Gebirgs-Guerilla - und an das Dilemma des Dalai Lama. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837756,00.html
Man kann davon ausgehen, dass sich weiter geschultes "Personal" im Einsatz befindet. Ob nun geführt von der USA oder der Exilregierung. Die Zwischenfälle der letzten Jahre sind mit Sicherheit keine natürlich gewachsene Erhebung gewesen sondern klassische Provokation - von außen gesteuert. Schade, dass China heute nicht mahr das ist, was es noch vor 50 Jahren war. Dann würden mich die selbstgerechten Heucheleien des Dalai Lama vielleicht überzeugen! Ansonsten bleibt er für mich das was er ist; ein vertriebener Ex-Diktator der im Exil rumheult.
green_mind 09.06.2012
3. interessant, wie lange das schon so geht:
CIA in Tibet, CIA in Korea und Vietnam, CIA im Iran (gegen Mossadegh und in Form der Volksmudjaheddin gegen Khomeini, dann grüne Revolution gegen Ahmedinedschad), CIA in Chile, CIA beim Sturz der Ostblock-Regierungen, CIA auf dem Balkan, CIA in der Ukraine, CIA in Burma, CIA im Irak (Kurden), CIA in der Ukraine, CIA in Ägypten und Tunesien ("arabischer Frühling"), CIA in Libyen, CIA in Syrien, CIA in Russland gegen Putin. Und ich habe bestimmt noch Länder vergessen, das ganze sub-Sahara-Afrika z.B. Überall, wo unzufriedene Bürger gegen Regierungen protestieren, die den USA nicht gefallen, braucht man die CIA nicht lange zu suchen, die die Unzufriedenheit in ihrem Sinne schürt, und oft solche Leute lenkt, die von diesem Zusammenhang gar nichts ahnen. Was für ein ständiger Quell des Unfriedens.
stonys_two_cents 09.06.2012
4.
Ach, wieder was gelernt. Das erklärt natürlich, warum die Chinesen die Exiltibeter inkl. Dalai Lama als Separatisten betrachten und auf jede Volkserhebung unverhältnismäßig gewaltbereit reagieren. Andererseits ändert das nichts an der Tatsache, das die Chinesen das Land aus historisch fragwürdigen Gründen okkupiert haben.
karsten.burger 09.06.2012
5. ... mit dem pazifistischen Weg sind viele junge Leute nicht zufrieden
... wie man an den vielen Selbstverbrennungen der letzten Jahre sieht. Ein Überblick wäre interessant, wie die Bilanz dieses Weges eigentlich ist. Trotzdem kann man wohl schon sagen, dass Tibet zumindest kein zweites Afghanistan oder Naher Osten geworden ist. Allerdings hat sich an der bedingungslosen Vorherrrschaft der chinesischen Regierung in diesem Land, wo wohl alle politischen Schlüsselpositionen durch Chinesen besetzt sind und inzwischen die Chinesen die Mehrheit stellen, nichts geändert hat. Aber ob die USA oder England damals die Gelegenheit nicht genutzt hätten, in ein solches schlecht bewachtes, technisch rückständiges, strategisch interessantes und politisch isoliertes Riesenreich einzumarschieren, darf bezweifelt werden. Das wiederum hätte wohl tatsächlich nur "genuines Interesse" verhindern können.
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