Dokumentation Wie Saddam vor seinem Tod beleidigt wurde

Was geschah wirklich in den letzten Minuten des Lebens von Saddam Hussein? Im Internet kursiert ein Video der Hinrichtung. Weltweit herrscht Empörung über die Umstände der Exekution. SPIEGEL ONLINE dokumentiert das letzte wütende Wortgefecht mit dem todgeweihten Tyrannen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Das Video stammt offenbar von einer Handykamera, die Aufnahmen sind grobkörnig, unprofessionell und wackelig. Nur Stunden nach der Hinrichtung Saddam Husseins tauchte es erstmals auf. Der arabische Satellitensender al-Dschasira zeigte am Samstagabend erstmals Auszüge, mittlerweile kursiert das Band auf unzähligen Websites. Im Gegensatz zu den offiziellen, staatlich genehmigten Bildern der letzten Minuten von Saddam Hussein zeigt es, wie der ehemalige Diktator unmittelbar vor seiner Hinrichtung von schiitischen Zeugen beleidigt wurde. Auch das Hängen selbst ist darauf zu sehen.

SPIEGEL ONLINE liegen mittlerweile drei Versionen dieses Piratenvideos vor. Die erste wurde am vergangenen Sonntag, also einen Tag nach der Hinrichtung, auf einer einschlägig bekannten, dschihadistischen Internetseite verbreitet. Sie hat eine Länge von 2:35 Minuten und enthält die vollständige Exekution. Eine zweite, identische Version findet sich auf einer Video-Website. Eine dritte, gekürzte Fassung verschickte die Nachrichtenagentur AP. Sie ist 1:24 Minuten lang und endet kurz vor der eigentlichen Hinrichtung.

Die "Bild"-Zeitung berichtete, es gebe auch ein zehn Minuten langes Video. In allen SPIEGEL ONLINE bekannten Fassungen ist die Tonqualität schlecht, meistens ist nur Gemurmel auszumachen. Anwesend waren rund 15 Personen, darunter neben Saddam Hussein selbst zwei maskierte Henker, offizielle Zeugen und mehrere Wächter.

Im Folgenden dokumentiert SPIEGEL ONLINE auf der Grundlage einer Teilübersetzung von AP, Übersetzungsauszügen aus der internationalen Presse und eigener Übersetzungen, so genau und vollständig es geht, was während der entscheidenden Minuten gesprochen wurde:

Die filmende Person steigt eine Metalltreppe hinauf. Auf einer Ballustrade steht bereits Saddam Hussein, neben ihm zwei Henker. Mehrere Personen in der Umgebung des Filmenden sind nur als Schatten oder Silhouetten auszumachen. Ihr Murmeln und ihre Gespräche sind weitgehend unverständlich.

Zwei maskierte Henker legen Saddam den Strick um den Hals.

SADDAM: "O Gott!"

MEHRERE PERSONEN, die nicht zu erkennen sind, beginnen laut zu beten: "Gott segne all jene, die für Mohammed und seine Nachfahren beten. Friede sei auf Mohammed und seinen Anhängern. Möge die Ankunft des Mahdi beschleunigt werden und mögen seine Feinde verflucht sein!"

EIN MANN ruft: "Muktada! Muktada! Muktada"

Gemeint ist damit der Schiitenführer Muktada al-Sadr.

SADDAM tut, als sei er überrascht: "Muktada? Zeigt ihr so euren Mut als Männer?"

EIN MANN: "Zur Hölle!"

SADDAM: "Ist das der Mut der Araber?"

EIN MANN: "Zur Hölle!"

SADDAM: "Die Hölle, die der Irak ist?"

EIN ANDERER MANN, möglicherweise Munkith al-Farun, der Staatsanwalt: "Bitte, dieser Mann wird exekutiert. Ich bitte Euch!"

EIN ANDERER MANN: "Lang lebe Mohammed Bakir al-Sadr!"

Damit ist ein Verwandter Muktadas gemeint, der als Großayatollah ein wichtiger Führer der irakischen Schiiten war, bis er 1980 von Schergen Saddams ermordet wurde.

SADDAM spricht das Glaubensbekenntnis: "Ich bekenne, es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist der Gesandte Gottes. Ich bekenne, es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist der Gesandte ..." - Das letzte Wort "Allah" kann er nicht mehr aussprechen, denn die Henker haben die Falltür geöffnet und der Körper fällt in die Tiefe.

EIN MANN: "Der Tyrann ist gefallen! Möge Gott ihn verfluchen!"

MEHRERE MÄNNER: "Gepriesen sei Mohammed!"

EIN ANDERER MANN: "Lasst ihn für drei Minuten hängen!"

EIN DRITTER MANN: "Nein, nein, tretet zurück. Lasst ihn acht Minuten hängen. Nehmt ihn noch nicht herunter."

EIN MANN will für den Toten beten. Daraufhin wird er angeschrieen: "Was, für den willst du beten?"



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