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Dokumentenfund: Gab Mubaraks Stasi Terroranschlag in Auftrag?

Von Yassin Musharbash und Volkhard Windfuhr

Die Geheimdienstler des gestürzten Mubarak-Regimes wollten sie offenbar verbrennen, doch alarmierte Bürger retteten Dutzende Dokumente der Staatssicherheit - und veröffentlichten sie. Falls die Papiere echt sind, gab das Innenministerium die Terroranschläge von Scharm al-Scheich 2005 in Auftrag.

Angebliches Memo vom Juni 2005, via Facebook: Wahrheit oder Fälschung? Zur Großansicht

Angebliches Memo vom Juni 2005, via Facebook: Wahrheit oder Fälschung?

Kairo/Berlin - Ägyptens Staatssicherheitsdienst war ein Staat im Staat. Allgegenwärtig, brutal, mit immensen Ressourcen ausgestattet und nicht kontrollierbar. Doch jetzt könnten einige seiner Untaten ans Licht kommen. Am Wochenende stellten ägyptische Bürger Geheimdokumente in einem der Gebäude der Staatssicherheit in Kairo sicher. Kurz zuvor hatte das Gebäude Feuer gefangen - die siegreiche Opposition vermutet dahinter den Versuch, die Akten zu zerstören.

Seitdem sind Dutzende der Dokumente online gestellt worden. Einige sind vermutlich authentisch. Andere mit Sicherheit Fälschungen. Eine Verifizierung der Akten ist schwierig, Manipulationen können nicht ausgeschlossen werden. Einige der Papiere legen Ungeheuerliches nahe.

Besonders brisant sind zwei angebliche Memos aus dem Jahr 2005, die mit dem Briefkopf einer "geheimen politischen Abteilung" des Innenministeriums versehen sind. Sie legen nahe, dass das Mubarak-Regime die blutigen Terroranschläge im Urlaubsort Scharm al-Scheich auf dem Sinai in Auftrag gab.

"Zero Hour um ein Uhr"

Mit Datum vom 7. Juni 2005 heißt es in dem angeblichen Geheimdokument: "Gestern um 14 Uhr 30 trafen wir uns mit den Eingeladenen Mohammad H., Osama M., Rafit M. und Siad A. und verständigten uns über alle Punkte des Planes zur Umsetzung von Auftrag 231 vom 29. Januar 2005. Wir einigten uns darauf, drei mit Sprengstoff bestückte Fahrzeuge ins Visier zu nehmen, in der Gegend von Naama Bay, so dass das erste am Eingang des Mövenpick-Hotels explodiert, das zweite … in der Nähe des Hotels und das dritte im Mövenpick Village, die allesamt dem Herrn Hussain Salim gehören… Wir verständigten uns darauf, dass die Zero Hour um ein Uhr am Morgen des 23. Juli 2005 sein soll."

Die Anschläge fanden tatsächlich an jenem Morgen statt, um viertel nach eins, und fast genau an den in dem Dokument bezeichneten Orten. Über achtzig Menschen kamen ums Leben. Eine zuvor unbekannte angebliche Abspaltung des Terrornetzwerks al-Qaida bekannte sich zu der Tat.

Ein Memo, das sich auf denselben angeblichen "Auftrag 231" bezieht, scheint einen möglichen Kontext herzustellen. Darin wird berichtet, dass es zwischen Gamal Mubarak, dem Sohn des Präsidenten Hosni Mubarak, und dem Hotelier Hussain Salim zu einem Streit über ein Geschäft gekommen sei.

Die Opposition spricht von "Mubaraks Gestapo"

War das ägyptische Regime so skrupellos, Massenmorde anzuzetteln, um private Ziele der Präsidentenfamilie zu unterstützen? Die Authentizität der beiden Dokumente ist vorerst ungeklärt. Dass die tatsächlichen Umstände des Anschlags und die angeblichen Vorgaben aus dem Memo so gut zusammen passen, kann als Indiz für beides gewertet werden: Für eine Fälschung, oder dafür, dass das Papier echt ist.

In jedem Fall wäre es jedoch extrem ungewöhnlich für einen Geheimdienst, einen Auftrag wie diesen überhaupt schriftlich zu fixieren. Andererseits stellt sich freilich die Frage, wer ein solches Dokument fabrizieren würde - und warum, in wessen Auftrag? Vermutlich können nur Insider des Apparats mit Hilfe von Historikern echte von gefälschten Dokumenten unterscheiden, vielleicht erst viel später.

Diese Unsicherheit gilt auch für die übrigen Funde, die nun trotzdem publiziert wurden. Aber sie sind zum Teil deutlich plausibler. "Mubaraks Gestapo", wie die ägyptische Oppositionspresse den Sicherheitsdienst inzwischen nennt, war in kriminelle Aktivitäten auf allen Ebenen verwickelt.

Die Fälschung der Parlamentswahlen 2010 gehört dazu, aus denen die Staatspartei NDP (Nationaldemokratische Partei) mit 97 Prozent Ja-Stimmen hervorging, ebenso die gezielte Diffamierung des Mubarak-Opponenten Muhammad ElBaradeis und anderer Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten, sowie die sorgfältig geplante physische Einschüchterung bekannter Regimegegner und die Absicherung illegaler Transaktionen einflussreicher Politiker, auch im Ministerrang.

Nach bisherigem Wissensstand nutzten hochgestellte Regierungsbeamte, auch in der engsten Umgebung des politisch und geschäftlich aktiven und sich auf die Nachfolge seines Vaters vorbereiteten Präsidentensohns Gamal Mubarak, die Machtfülle des Staatssicherheitsdienstes für ihre Zwecke. Die widerrechtliche, aber äußerst profitable "Aneigung" von staatseigenen Grundstücken, die lukrative Zweckentfremdung riesiger Neulandgebiete längs der Wüstenautobahn Kairo-Alexandria und der Kairo-Suezkanalzone, welche die dringend notwendige Ausweitung der stark begrenzten landwirtschaftlich nutzbaren Kulturlandfläche vorantreiben sollten, all das wäre ohne die "Mitarbeit" der gefürchteten Unterdrückungsmaschine kaum möglich gewesen.

Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen

Erst in Alexandria, dann aber auch in den Deltagroßstädten Damanhur und Kafr al-Scheich und in anderen Provinz- und Bezirkshauptstädten gelang es todesmutigen Demonstranten die Filialen des Staatssicherheitsdienstes zu besetzen und zahlreiche Unterlagen über die Machenschaften und Verbrechen der verhassten Behörde sicherzustellen.

Wie groß die Ausbeute letztendlich sein wird, wird sich erst nach einer schwierigen Bestandaufnahme sagen lassen, weil die jeweils verantwortlichen Offiziere - oft in letzter Minute - die kompromittierenden Unterlagen verbrennen oder schreddern ließen. Das Ausmaß der Überwachung der Bürger unter Einsatz modernster Abhörsysteme und bestialischer Foltermethoden veranlassten den Obersten Rat der Streitkräfte, nach Mubaraks erzwungenem Rücktritt als höchste Herrschaftsinstanz, den Staatssicherheitsdienst aufzulösen. Ersatzlos.

Auch werden die Bürger von der Armee gebeten, die Dokumente zurückzugeben oder jedenfalls nicht zu veröffentlichen. Tatsächlich kursieren ungeschwärzte Listen mit angeblichen Informanten, die für die Betroffenen verheerend sein können. Auch die Regime-Gegner diskutieren die Ethik der Veröffentlichungen, einige mahnen zur Vorsicht. Die Aufarbeitung der Mubarak-Herrschaft - sie hat gerade erst begonnen.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Würde mich nicht wundern
werner thurner, 09.03.2011
Nach allem was wir inzwischen über staatlich organisierten Terrorismus wissen (GLADIO und Co.= New York ,London,Madrid,Sauerland, Celler Loch etc. ) würde mich das keinesfalls wundern. Es ist schwer tatsächliche Terroranschläge von denen zu unterscheiden, welche von interessierten Kreisen (meist Wirtschaft im Kungel mit Regierungen/Geheimdiensten ) angezettelt werden.
2. Wo es Geld gibt...
Thomas von und zu B. 09.03.2011
...findet man keine Blauhelmtruppen!
3. Wieso Stasi? Da kann man doch ruhig BND und BKA schreiben!
chefchen, 09.03.2011
Zitat von sysopDie Geheimdienstler des gestürzten Mubarak-Regimes wollten sie offenbar verbrennen, doch alarmierte Bürger retteten Dutzende Dokumente der Staatssicherheit - und veröffentlichten sie. Falls die Papiere echt sind, gab das Innenministerium die Terroranschläge von Sharm al-Sheich 2005 in Auftrag. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749904,00.html
Mubarak wurde aktiv aus der Bundesrepublik heraus unterstützt. man sollte die Sachen schon beim Namen nennen: http://www.islamische-zeitung.de/index.cgi?id=14317 http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/891427/
4. Stasi, aber keine Gestapo
mardas 09.03.2011
Zitat von sysopDie Geheimdienstler des gestürzten Mubarak-Regimes wollten sie offenbar verbrennen, doch alarmierte Bürger retteten Dutzende Dokumente der Staatssicherheit - und veröffentlichten sie. Falls die Papiere echt sind, gab das Innenministerium die Terroranschläge von Sharm al-Sheich 2005 in Auftrag. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749904,00.html
Die meisten Artikel werden tatsächlich existieren, Mubaraks Geheimdienst hatte durchaus Ausmaße der Stasi. Doch der Bericht über den Terroranschlag, der bestimmt öfters dort auftauchen wird, scheint mir nicht ganz koscher, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wo Mubarak nämlich einmal weg ist, wird jetzt jeder die Gelegenheit nutzen, um dem verhassten Regime alle Untaten anderer anzulasten, die einem unangenehm sind. Vielleicht versuchen Anhänger der Muslimbrüder gerade, die Untaten derer dem Mubarakregime anzulasten und eine reine Weste zu erlangen. Ich hoffe, das wird dann noch geklärt, unabhängige Historiker sollten hier mitarbeiten.
5. Erst mal Glückwunsch
leser008 09.03.2011
Dann kann man den Ägyptern nur wünschen, dass ihnen die Aufarbeitung ihrer Stasi Vergangenheit besser gelingt als uns. Ohne rigorose strafrechtliche Verfolgung kann man es gleich ganz bleibenlassen. Die Unterlagen nicht zu veröffentlichen, halte ich für sehr verdächtig. Dann verschwindet der ganze Kram in irgendwelchen Archiven oder ganz. Als besondere Entwicklungshilfe könnte man ihnen die bei uns entwickelte Technik zur digitalen Wiederherstellung geschredderter Akten anbieten.
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