Dollar-Debatte in Peking Chinesen belehren US-Vizepräsident Biden

So ändern sich die Machtverhältnisse: US-Vizepräsident Biden reist nach China - kurz vorher prasselt es Kritik aus Peking. Kommentatoren und Experten beschwören die USA, ihr Schuldenproblem zu lösen, mehr zu sparen, weniger zu verschwenden. Sie wähnen Amerika in einer "Phase des Niedergangs".

Obama-Vize Biden (Archivbild): "USA sollten das Vertrauen der Welt in den Dollar stärken"
REUTERS

Obama-Vize Biden (Archivbild): "USA sollten das Vertrauen der Welt in den Dollar stärken"


Peking - Man kennt sich. Erst Anfang des Jahres reiste Chinas Staatschef Hu Jintao zu einem pompösen Gipfel nach Washington, US-Vizepräsident Joe Biden begrüßte ihn am Flughafen. Nun fliegt Biden seinerseits nach Peking - allerdings unter deutlich anderen Vorzeichen. Die USA stecken in einer tiefen Schuldenkrise, und China als größter Gläubiger Amerikas ist erbost.

So veröffentlichten noch vor Bidens Ankunft am Mittwochnachmittag zahlreiche chinesische Zeitungen Kommentare über die US-Wirtschaftspolitik - voller Ratschläge, die auch als Warnungen verstanden werden dürfen. Die zeitgleichen Meinungsäußerungen in diversen chinesischen Medien wecken den Verdacht, dass es sich um eine Kampagne handeln könnte.

"Die USA sollten ihre Finanzpolitik straffen und das Vertrauen der Welt in den Dollar stärken", meint etwa der Vorsitzende der staatlichen Bank von China, Xiao Gang, in der Zeitung "China Daily". Die Volksrepublik hat mehr als ein Drittel ihres riesigen Devisenvorrats von 3,2 Billionen Dollar in US-Staatsanleihen angelegt. Doch seit der umstrittenen Anhebung der Verschuldungsgrenze in den USA und der Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes sorgt sich Chinas KP-Führung um ihr Investment in Übersee. "Die USA treten in eine lange Phase des Niedergangs ein", warnt der Ökonom Xia Bin, der das chinesische Kabinett und die Zentralbank berät, in seinem Blog.

Washington müsse nun die Bedenken Pekings entkräften, drängen die chinesischen Kommentatoren. Als größter Gläubiger Amerikas sei China "natürlich mehr besorgt über die US-Politik als andere", erklärt der Leitartikler der führenden Zeitung "People's Daily", das offizielle Organ der Kommunistischen Partei. Sonst würde es zu einer "Achterbahnfahrt" kommen, die das Vertrauen auf der ganzen Welt erschüttern würde, schreibt Shen Dingli, Professor an der Fudan Universität in Shanghai. Er appelliert an beide Länder: "Wir sind der tiefen Überzeugung, dass nur ein gemeinsames Vorgehen den USA helfen wird, die Schwierigkeiten zu überwinden."

In den Kommentaren schwingt deutlich die Angst um die chinesische Wirtschaft mit. So fordert auch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua die USA auf, die ökonomischen Probleme auf "verantwortungsvolle Weise" zu lösen. Für die Volksrepublik stehe "viel auf dem Spiel". Peking möchte bei Bidens Besuch eine Zusicherung erreichen, dass die chinesischen Dollar-Anlagen sicher sind.

"Amerika muss für die Schuldensucht bezahlen"

Derartig offensive öffentliche Kommentare sind ungewöhnlich, weil die offizielle Linie der Kommunistischen Partei lautet: Jedes Land sollte sich aus den inneren Angelegenheiten eines anderen heraushalten. Fazit der nun publizierten Kommentare: Die USA sollten mehr sparen und aufhören, die Wirtschaft mit billigem Geld zu überschwemmen.

Bereits kurz nachdem die USA ihr Spitzen-Rating AAA Anfang August verloren hatten, kam ungewöhnlich scharfe Kritik an der Schuldenpolitik Washingtons aus China. Die Nachrichtenagentur Xinhua schrieb: "Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen." Die Volksrepublik verlange, dass die USA ihre strukturellen Schuldenprobleme in den Griff bekämen: "Die US-Regierung muss die schmerzhafte Tatsache anerkennen, dass die guten, alten Tage vorbei sind, in denen sie sich in selbstverschuldeten Problemlagen einfach mehr Geld leihen konnte."

Ärger über Chinas Aufrüstung

Doch die harschen Angriffe auf die USA können nicht über die Probleme im eigenen Land hinwegtäuschen. Monat für Monat steigt die Inflation, die Chinesen werden unruhig. Mit allen Mitteln versuchen die Machthaber von der KP, den Preisanstieg zu drosseln. Seit Oktober hat die Notenbank bereits fünfmal die Zinsen erhöht, bisher mit wenig Erfolg. Es ist zu viel Geld im Umlauf.

Die Beziehungen zwischen Washington und Peking sind nicht nur wegen finanzieller Fragen angespannt. Seit China vergangene Woche einen Flugzeugträger auf eine erste Testfahrt schickte, ist Washington beunruhigt. Der Schritt der chinesischen Marine wurde in den USA aufmerksam verfolgt, die Nervosität reicht bis ins Weiße Haus. "Wir würden jede Art von Erklärung begrüßen, die China uns zu der Frage gibt, warum es so eine Ausrüstung benötigt", sagte eine Sprecherin des US-Außenministeriums. Transparenz würde zwischen Ländern Vertrauen schaffen.

Vertrauen schaffen ist auch das Stichwort für den Kommentator bei "People's Daily" am Mittwoch. Zwischen den USA und China gehe es um mehr als nur ökonomische Interessen. Mit einer "gesunden Atmosphäre der Zusammenarbeit" könnten sich beide Länder zuversichtlich den globalen Herausforderungen stellen.

Der Besuch von US-Vizepräsident Biden wird wohl zur Beruhigung beitragen. Er soll Regierungsvertretern in Washington zufolge das Verhältnis zum chinesischen Vizepräsidenten Xi Jinping stärken. Dieser ist auserkoren, ab 2012 Nachfolger von Staats- und Parteichef Hu zu werden - und wird dann einer der mächtigsten Männer der Welt.

kgp/dapd/AP/Reuters

insgesamt 166 Beiträge
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kaksonen 17.08.2011
1. Warum?
Die Chinesen machen sich doch nur Sorgen, dass ihre Dollarguthaben deutlich an Wert verlieren könnten, wenn die USA den Haushalt nicht konsolidieren.
sunnypluto 17.08.2011
2. Schulden und Zinsen
Zitat von sysopSo ändern sich die Machtverhältnisse: US-Vizepräsident Biden reist nach China - kurz vorher prasselt es Kritik aus Peking. Kommentatoren beschören die USA, ihr Schuldenproblem zu lösen, mehr zu sparen, weniger zu verschwenden. Sie wähnen Amerika in einer*"Phase des Niedergangs". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780712,00.html
Wenn die FED staatlich wäre und nicht von ein paar Privat-Personen abhängig, dann könnte sich ja US-Amerika mit einem Zinssatz von ca. Null immer wieder verschulden. Macht ja Peking auch so ähnlich !
Mo2 17.08.2011
3. kein Wahn
Zitat von sysopSo ändern sich die Machtverhältnisse: US-Vizepräsident Biden reist nach China - kurz vorher prasselt es Kritik aus Peking. Kommentatoren beschören die USA, ihr Schuldenproblem zu lösen, mehr zu sparen, weniger zu verschwenden. Sie wähnen Amerika in einer*"Phase des Niedergangs". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780712,00.html
Ich denke nicht, das sie "wähnen", es ist eher eine nüchterne Feststellung. Und es ist auch keine "Phase" sondern bis auf weiteres der traurige Weg, den nicht nur die USA sondern auch die meisten europäischen Länder gehen werden. Man kann nicht auf immer und ewig seinen Wohlstand auf Ausbeutung und Armut der restlichen Welt aufbauen.
patricka1 17.08.2011
4. Der schöne Lack ist ab...
Zitat von sysopSo ändern sich die Machtverhältnisse: US-Vizepräsident Biden reist nach China - kurz vorher prasselt es Kritik aus Peking. Kommentatoren beschören die USA, ihr Schuldenproblem zu lösen, mehr zu sparen, weniger zu verschwenden. Sie wähnen Amerika in einer*"Phase des Niedergangs". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780712,00.html
Ich habe 3 Jahre in den USA gearbeitet und kann sagen, dass auch manche Amerikaner schon erkannt haben, dass sie nur noch von der Substanz leben (aber schon seit einiger Zeit). Waschmaschinen vom Technikstand der 50/60er Jahre, ebenso wie viele andere Sachen. Aber es ist schwer in einer Gesellschaft, wo nur der Schein zählt, tiefgreifende Reformen anzustossen.
Polymorph, 17.08.2011
5. ...
Nun ja. Tiefer als Europa kann Amerika ja nicht in die Bedeutungslosigkeit fallen. Einfach mal die weltpolitische Gemengelage von vor 150 Jahren mit der heutigen vergleichen: DAS ist Niedergang. Das Wissen um den eigenen Bedeutungsverlust nährt sicher auch die Häme, die sich wie ein roter Faden durch einen Großteil der Artikel zur amerikanischen Krise zieht.
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