US-Präsidentschaftskandidat Trumps Kernschmelze

Seine Ausfälle treffen Gegner, Freunde, Helden, Babys. Donald Trump teilt immer wahlloser aus. Die US-Republikaner versuchen, ihren Präsidentschaftskandidaten zu mäßigen - oder notfalls abzusetzen.

Donald Trump
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Donald Trump

Von , New York


Die einsamste und folgenschwerste Entscheidung eines US-Präsidenten ist der Einsatz von Atomwaffen. Es ist die einzige Militäraktion, die er im Alleingang auslösen kann, ohne Zustimmung des Kongresses. Alles, was er braucht, ist der Atomkoffer (genannt "Football") - eine Aktentasche mit Anweisungen, die stets in seiner Nähe ist - und die geheimen Abschusscodes der Waffen.

Damit es gar nicht zu einem solchen furchterregenden Szenario kommt, bei dem Atomwaffen eingesetzt werden, haben die USA zahlreiche multilaterale Abkommen geschlossen. Was Donald Trump, dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, freilich neu ist.

"Vor ein paar Monaten traf sich ein außenpolitischer Experte von internationalem Rang mit Donald Trump, um ihn zu beraten", berichtete der Ex-Kongressabgeordnete und MSNBC-Moderator Joe Scarborough jetzt. Dreimal habe sich Trump nach nuklearen Waffen erkundigt - und explizit gefragt, "warum wir sie nicht einsetzen können, wo wir sie schon haben".

Diese erschreckende Anekdote - die sich an frühere Beweise Trump'scher Unkenntnis über das Atomarsenal und seine Handhabung anschließt - sollte die ganze Welt aufhorchen lassen. Doch sie ging diese Woche völlig unter in einer Flut anderer, zusehends wirrer und abstoßender Äußerungen Trumps.

Konservative geraten in Panik

Niemand blieb in den letzten Tagen von Trumps Tiraden verschont. Die Eltern eines gefallenen muslimischen US-Soldaten. Paul Ryan, der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses. Partei-Veteran John McCain. Sogar schreiende Babys: Trump keilte immer wahlloser gegen alle.

So hemmungslos tobt Trump zurzeit, dass er Gefahr läuft, seinen Wahlkampf zu sabotieren und die Republikaner mit sich zu reißen. Schon setzen sich immer mehr prominente Konservative panisch ab, während die Partei eine "Intervention" erwägt, also ein Eingreifen. Sogar die eigentlich undenkbare, ironisch benannte "nukleare Option", den Kandidaten in allerletzter Minute auszutauschen, ist nicht mehr tabu.

Scott Reed, ein langjähriger republikanischer Wahlstratege, spricht von einer "neuen Stufe der Panik". Parteichef Reince Priebus sei "rasend vor Wut", ist zu hören. Trumps Vorwahl-Rivale Newt Gingrich, der ihn seither unterstützt hatte, nennt ihn "selbstzerstörerisch". Priebus, Gingrich und New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani hoffen nach Informationen von NBC News nun, Trump mithilfe seiner Kinder Ivanka, Eric und Donald Jr. zu mäßigen, um "seine Kandidatur zu retten".

Dramatischer Plan B

Versuche, ihn zu zügeln, sind aber schon öfter gescheitert. Weshalb mittlerweile ein dramatischer Plan B zirkuliert: Trump könnte als Kandidat gekippt werden.

Die Parteiführung ist per Statut berechtigt, "Vakanzen aufgrund von Tod, Ablehnung oder anderen Umständen zu füllen". Die 168 Mitglieder des Republican National Committee müssten Trump demnach mehrheitlich durch einen alternativen Präsidentschaftskandidaten ersetzen - etwa Paul Ryan.

Einfacher wäre es, wenn Trump von selbst aufgäbe. Diese Variante soll die Parteiführung nach Recherchen von ABC News bereits explizit "erkundet" haben: "Es müsste allerdings spätestens Anfang September passieren."

Trumps Entgleisungen allein diese Woche sind tatsächlich atemberaubend:

  • Zugleich ließ er sich von einem Veteranen dessen "Purple Heart" schenken, einen Orden für Kriegsversehrte: "Ich wollte immer schon ein echtes Purple Heart haben." Veteranen kritisierten Trump scharf: Niemand strebe danach, ein "Purple Heart" zu erhalten - das bedeute nämlich, verwundet zu werden. Am selben Tag berichtete die "New York Times" im Detail, dass Trump zwar ein ärztliches Attest für den Vietnamkrieg hatte, sein Leiden wegen eines Fersensporn aber denkbar gering war.
  • Trump verweigerte Paul Ryan, dem ranghöchsten Republikaner nach ihm, und Senator McCain, dem Vietnamhelden und Präsidentschaftskandidaten von 2008, die Unterstützung - obwohl diese ihm die Treue geschworen hatten.
  • Er verwies ein schreiendes Baby, das seine Rede unterbrach, aus einer Wahlkampfveranstaltung in Virginia: "Ihr könnt das Baby rausschmeißen."
  • Er offenbarte weitere Ignoranz über weltpolitische Fragen, zum Beispiel Russlands Einmarsch in der Ukraine 2014, der ihm unbekannt war.

Kein Wunder, dass die Umfragen immer mehr zugunsten seiner demokratischen Rivalin Hillary Clinton kippen: Selbst der Trump-freundliche TV-Kabelsender Fox News gibt dieser jetzt zehn Prozentpunkte Vorsprung.

Aufgeben? Nie. Verlieren? Nie. Sollte Clinton gewinnen, so Trumps neue Sprachregelung, heiße das, dass die Wahl "manipuliert" sei. Sprich: Trumps Abermillionen Anhänger sollten Clinton nie als rechtmäßige US-Präsidentin akzeptieren - ein verklausulierter Aufruf zum Volksaufstand.

Video: Trump selbstsicher trotz Kritik- "Wir sind so erfolgreich!"

insgesamt 134 Beiträge
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Topf Gun 04.08.2016
1. Tja
Tja so kanns gehen, wenn man dem Narren statt der Kappe eine Krone aufsetzt.
flaps25 04.08.2016
2. Wo liegt der Fehler?
Wie konnte es passieren, dass Trump Kandidat der Republikaner wurde? Sowas passiert doch nicht durch einen Unfall... Wahrscheinlich versprach man sich von einem Rüpel im Bewerberfeld Aufmerksamkeit und der Plan war, dass er schließlich gegenüber einem anderen republikanischen Bewerber unterliegt und somit seinen Job als Wasserträger erfüllt hat. Nun hat Trump aber "blöderweise" selber das Rennen gemacht und die Republikaner blicken doof aus der Wäsche.
brotherandrew 04.08.2016
3. Die ...
... Führung der Reps ist zu schwach, um Trump aus dem Rennen zu nehmen. Trump wird dann als unabhängiger Kandidat weitermachen. Damit hatte er ja schon gedroht. Das bedeutet, ein anderer republikanischer Zählkandidat hat nicht den Hauch einer Chance. Andererseits würde ein weiteres Absacken von Trump in den Umfragen seine Entmachtung leichter machen. Trotzdem halte ich die Führung der GOP für zu feige für diesen Schritt.
moriturus62 04.08.2016
4. Weiter so, Donald
meine Hoffnung ist, dass es Trump gelingt, sich weiter ins Abseits zu stellen und sich so der Albtraum eines Präsidenten Trump von selbst erledigt. Aber die Geschichte der Menschheit ist unberrechenbar.
beachy1 04.08.2016
5. Kurzlebig
Noch vor ein paar Tagen hieß es, Trump wäre jetzt an Hillary vorbeigezogen. Der RCP chart bestätigt das. Derzeitige Umfragen bedeuten also scheinbar recht wenig. Nächste Woche kann es schon wieder anders aussehen.
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