S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal And the next president is... Mr Donald Trump

Donald Trump ist näher dran, das Weiße Haus zu erobern, als viele Experten ahnen. Das liegt auch daran, dass sie sich von ihrer eigenen Abneigung leiten lassen.

Donald Trump
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Der Schriftsteller Richard Ford gehört zu den Menschen, die man im deutschen Feuilleton immer dann um ihre Meinung bittet, wenn man einen Intellektuellen von drüben braucht, um sich die amerikanische Psyche zu erklären. Ford ist nicht nur als Autor preisgekrönter Romane, sondern auch als liberales Gewissen bestens ausgewiesen. Praktischerweise lebt er dort, wo die Vernunft in Amerika zu Hause ist: Also an der Ostküste, einem Landstrich, der Europäern schon deshalb sympathisch ist, weil es dort so sauber und übersichtlich aussieht, wie sie es von zu Hause gewohnt sind.

Vor einigen Wochen veröffentlichte die "FAZ" einen Text des Schriftstellers zur politischen Lage, in dem alles stand, was man gegen Donald Trump vorbringen kann: dass er gemein sei, kraftmeierisch, grimassierend, arrogant, dünnhäutig, verlogen, spaltend, unsensibel. Kurz: Ein dümmlicher Maulheld, der, und das war die tröstliche Auskunft, niemals Präsident der Vereinigten Staaten werden könne. "Er wird nicht als Präsident ins Weiße Haus einziehen", erklärte Ford: "Oh ja, die Republikaner können ihn als Präsidentschaftskandidaten ins Rennen schicken (ich hoffe es sogar, denn dann wäre die Partei auf lange Sicht erheblich beschädigt)."

Dass Trump im Duell mit Hillary Clinton keine echte Chance hat, ist eine Gewissheit, die Ford mit vielen klugen Leuten teilt. Trumps Kampagne ist ein Schrotthaufen, in den meisten Umfragen liegt er seit Monaten hinter Hillary Clinton. Und der Parteitag, der das alles hätte wenden sollen, war ein Desaster: die Reden hölzern, die Aufritte der Familie läppisch, der größte Höhepunkt Ted Cruz' Affront zur besten Sendezeit.

Es spricht für Clinton, dass sie in den meisten (wenn auch nicht in allen) nationalen Umfragen führt - es ist nur leider für den Ausgang der Wahl im November nahezu unerheblich. In einem Land, das praktisch ohne Verhältniswahlrecht auskommt, gewinnt nicht der Kandidat, der die meisten Stimmen auf sich vereint, sondern derjenige, der in den entscheidenden Wahlbezirken die Nase vorn hat. Das führt zu dem für Deutsche schwer nachvollziehbaren Umstand, dass man auch mit deutlich weniger Stimmen als der Gegner am Ende der Gewinner sein kann.

Trump zerrt die Wähler an die Urne

Man kann das an einem vereinfachten Rechenbeispiel illustrieren. Angenommen die 50 Bundesstaaten, in denen im November gewählt wird, wären etwa gleich groß: Selbst wenn Trump in 24 Staaten keinen einzigen Wähler auf seine Seite bringen würde, hätte er die Wahl gewonnen, wenn er in den anderen 26 mit 50,1 Prozent der Stimmen in Führung läge. In diesem Fall wäre er also Präsident, obwohl nur 27 Prozent der Wähler für ihn gestimmt haben.

Mobilisierung entscheidet Wahlen, nicht die allgemeine Stimmungslage, das gilt erst recht in einem Land, dessen Wahlbeteiligung eher gering ist. Dass Obama vor vier Jahren souverän die Wiederwahl gelang, verdankte er der Tatsache, dass er viele Schwarze und Latinos aus der Lethargie holte. Kein Mensch weiß, wie viele Menschen Trump zur Wahl bringen wird, die sich vorher nie für Politik interessierten oder zu träge waren, ein Wahllokal aufzusuchen. Aber wenn die Vorwahlen ein Indiz geben, kann man nur sagen: Es wird eng.

Trump hat den Republikanern den bislang höchsten "Turnout" beschert. 14,8 Prozent der Wahlberechtigten nahmen an der Entscheidung über den republikanischen Präsidentschaftskandidaten teil, so viele wie noch nie in den 26 Jahren, für die belastbare Zahlen vorliegen. In den entscheidenden "Battleground States" sieht ihn im Augenblick eine wichtige Umfrage in Pennsylvania vorn, in Ohio liegt er mit Clinton gleich auf. Der Sieg in drei bis vier dieser umkämpften Staaten reicht, um die Präsidentschaft für sich zu entscheiden.

Die Küstenexperten lachen über das Landvolk

Bis heute haben viele Polit-Profis Mühe, die Trump-Revolution zu verstehen, weil sie die Leute, die sich von Trump angesprochen fühlen, nicht verstehen können. Der Trumpwähler ist ihnen so fremd wie die Gegenden, in denen er zu Hause ist. "Flyover States" heißen die Landesteile, die große Teile der Elite nur vom Flugzeug aus kennen. Es ist ein Wort, das sehr schön die lässige Herablassung beschreibt, die man an den beiden Küsten für die in der Mitte Lebenden empfindet.

Die Herablassung ist Verachtung gewichen: Die Faszination für jemanden, der sich nicht darum schert, was sie in New York oder San Francisco über ihn denken, verstehen viele der kommentierenden Klasse als Angriff auf sich selbst. Also bestrafen sie die Trump-Anhänger, indem sie von diesen eine Karikatur zeichnen. Dass jemand, der seine Sinne beisammen hat, für den Immobilientycoon stimmen könnte, scheint ausgeschlossen.

Wünsche ich mir, dass Trump die Wahl gewinnt? Nichts liegt mir ferner. Man muss lediglich ein paar seiner Aufritte gesehen haben, damit einem Angst und Bange wird. Vom Anführer der freien Welt darf man eine gewisse Affektkontrolle erwarten. Trump ins Weiße Haus zu lassen wäre so, als ob man einem zwölfjährigen Schulrüpel mit Hormonstörungen die Befehlsgewalt über die größte Militärmacht der Erde anvertrauen würde. Aber ich fürchte, dass Trump näher dran ist, die Präsidentschaft zu erobern, als vielen bewusst ist.

Wunschdenken und Politik passen nicht zusammen

Der Mensch neigt dazu, nach Bestätigung für seine Weltsicht zu suchen. Das gilt erst recht für Leute, deren Beruf es ist, politische Einschätzungen abzugeben. Niemand hört gerne, dass er mit seinen Ansichten falsch liegt. Es sind die gleichen Leute, die einem vor vier Jahren das Ende des weißen Mannes verkündeten, die nun bis zum Parteitag erklärten, dass Trump nicht den Hauch einer Chance habe, sich gegen das Establishment der Republikaner durchzusetzen.

Man sollte immer misstrauisch werden, wenn Wünsche oder Abneigungen das Urteilsvermögen bestimmen. Wunschdenken geht in der Politik selten gut aus, egal was die Lebenshilfeindustrie dazu sagen mag.

P.S.: Wer mir nicht glaubt, weil er mir politisch misstraut: Der Dokumentarfilmer Michael Moore hat am Wochenende einen Beitrag gepostet, in dem er fünf Gründe nennt, die aus seiner Sicht für einen Wahlsieg Trumps sprechen.

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insgesamt 317 Beiträge
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Seite 1
Claus Schott 25.07.2016
1.
Clinton ist noch nicht ''nominee'' sondern ''presumptive nominee''. Wenn der Druck weiter steigt kann die DNC auf der Convention einen anderen Kandidaten nominieren.
gemsi 25.07.2016
2. Trump- Die Polit-Experten wollten es
mal wieder besser wissen und haben sich wieder getäuscht, wie auch mit dem Brexit, der ja nie eintreten würde. Für Deutschland könnte ich mir einen Trump sehr gut an der Spitze vorstellen. Bin begeistert von dem Mann. An alle die jetzt empört sind - na und, einfach mal nachdenken!
Darwins Affe 25.07.2016
3. Cnn
CNN brachte soeben, dass Trump in der neuesten (General Election) Umfrage jetzt 5% vor Clinton liegt
seit1973 25.07.2016
4. Trump wird so sicher Präsident...
... wie der Brexit nun eine Tatsache geworden ist. Die zornigen, frustrierten, (vermeintlich?) zu kurz gekommenen lassen sich eben unvergleichlich besser mobilisieren, als die relativ rational denkenden. Das Phlegma der letzteren, und das mangelnde Herzblut derer, die sich für das - natürlich nicht immer gute - Erreichte zur Wahl stehen, werden zu diesem Ergebnis führen. Dieses Muster wird sich auch auf Kontinentaleuropa anwenden lassen, wenn hier von den "Rationalen" nicht mehr Leidenschaft an den Tag gelegt wird, und wenn die weniger Frustrierten endlich nicht mehr den Wahlen fernbleiben.
Willi Wacker 25.07.2016
5.
Trump ist (wie schon einmal ein republikanischer Präsident) ein Schauspieler. Er hat wie jeder Schauspieler gelernt, wann der Zuschauer überrascht werden muss, Trumpf beherrscht das Timing perfekt. Einfach mal seine Fernsehshows anschauen. Außerdem haben Journalisten seit Jahrzehnten versucht, ihn fair und unfair (überwiegend) zu grillen und in die Luft zu sprengen, so ein Gekläffe bringt den nicht wirklich aus der Ruhe. Er tut so als ob.
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