Auszug aus Skandalbuch "Feuer und Zorn" Warum keiner in Trumps Team an seinen Sieg glaubte

Das US-Enthüllungsbuch "Feuer und Zorn" über Donald Trump erscheint nun auch in Deutschland. Michael Wolff beschreibt, wie das Chaos im Weißen Haus begann. Ein Auszug.

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    Der US-Journalist und Autor Michael Wolff, Jahrgang 1953, ist für kontroverse Biografien bekannt. Seine mit oft sensationellem Klatsch gefüllten Bücher über Medienmogule wie Ted Turner und Rupert Murdoch entzürnten Insider und machten ihn zugleich zum Star der Szene. Doch erst sein skandalträchtiger Enthüllungs-Bestseller "Feuer und Zorn" über Donald Trump verschaffte ihm Weltruhm. Wolff, der auch für "USA Today" und das Branchenblatt "Hollywood Reporter" schreibt, lebt in New York.

Am Nachmittag des 8. November 2016 betrat Kellyanne Conway - Donald Trumps Wahlkampfleiterin und eine zentrale, ja herausragende Figur in der Trump-Welt - ihr Büro im Trump Tower. Bis in die letzten Wochen war es in Trumps Wahlkampfhauptquartier sehr ruhig zugegangen. Nur ein paar Plakate mit rechten Slogans deuteten darauf hin, dass man sich hier nicht in der Verwaltung irgendeines Geschäftsbetriebs befand.

Gemessen an der Tatsache, dass ihr eine heftige, wenn nicht gar verheerende Niederlage bevorstand, war ihre Stimmung bemerkenswert gut. Donald Trump würde die Wahl verlieren, da war sie sich sicher, doch es war realistisch, dass der Abstand zur Konkurrentin weniger als sechs Prozent betragen würde. Das wäre ein beachtlicher Erfolg. Was die drohende Niederlage betraf, so zuckte sie die Schultern: Die hatte Reince Priebus zu verantworten, nicht sie.

Kellyanne Conway (im Trump Tower, November 2016)
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Kellyanne Conway (im Trump Tower, November 2016)

Sie hatte einen guten Teil des Tages damit verbracht, Freunde und politische Verbündete anzurufen, um Priebus die Schuld zuzuweisen. Jetzt sprach sie mit einigen Fernsehproduzenten und -moderatoren, zu denen sie beste Kontakte unterhielt und mit denen sie in der Hoffnung, nach der Wahl einen unbefristeten Job zu ergattern, in den vergangenen Wochen Bewerbungsgespräche geführt hatte. Viele von ihnen hatte sie sorgfältig umworben, seit sie sich Mitte August Trumps Wahlkampfteam angeschlossen hatte und nicht nur zur zuverlässig kämpferischen Stimme, sondern mit ihrem sprunghaften Lächeln und Wahltag der seltsamen Mischung aus tiefer Gekränktheit und Unerschütterlichkeit auch zum eigenartig telegenen Gesicht der Kampagne geworden war.

Exemplar von "Feuer und Zorn" in der Druckerei
DPA

Exemplar von "Feuer und Zorn" in der Druckerei

Abgesehen von all den anderen schrecklichen Fehlern im Verlauf des Wahlkampfs, sagte sie, sei das eigentliche Problem der Teufel, den sie nicht bändigen könnten: das Republican National Committee (RNC) - und das werde von Priebus, seiner Handlangerin, der zweiunddreißigjährigen Katie Walsh, und seinem Pressefuzzi Sean Spicer geführt. Anstatt sich mit aller Kraft zu engagieren, habe sich das RNC - letztlich das Werkzeug des Republikaner-Establishments - seit Trumps Nominierung im Frühsommer bemerkenswert zurückgehalten. Als Trump Unterstützung gebraucht habe, sei keine gekommen.

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Enthüllungsbuch über Trump: "Als wolle man herausfinden, was ein Kind will"

Das war der erste Teil von Conways Geschichte. Der zweite Teil war: Trotz aller Widrigkeiten habe die Kampagne sich aus dem tiefen Tal emporgekämpft. Das mit bescheidenen Mitteln ausgestattete Team des praktisch schlechtesten Kandidaten in der modernen politischen Geschichte - wenn Trumps Name fiel, verdrehte Conway die Augen oder starrte vor sich hin - hatte sich außerordentlich gut geschlagen. Conway, die bis dahin keinerlei Erfahrung mit landesweiten Wahlkämpfen gehabt und vor Trumps Kampagne ein kleines Meinungsforschungsinstitut geleitet hatte, wusste genau, dass sie nach der Wahl eine der führenden konservativen Stimmen im Fernsehen sein würde.

Dabei hatte John McLaughlin, der Meinungsforscher des Trump-Teams, erst in der vergangenen Woche darauf hingewiesen, dass sich die bisher eher miserablen Umfrageergebnisse aus einigen der entscheidenden Bundesstaaten möglicherweise gerade zu Trumps Gunsten verschoben. Doch weder Conway noch Trump selbst oder sein Schwiegersohn Jared Kushner - der eigentliche Leiter des Wahlkampfteams, das wachsame Auge Wahltag der Familie - ließen sich davon abbringen, dass ihr unerwartetes Abenteuer bald vorbei sein würde.

Nur der Querkopf Steve Bannon hielt einen Durchbruch für möglich. Aber dass ausgerechnet er - Crazy Steve - daran glaubte, war eigentlich eher beunruhigend.

Fast alle im noch immer extrem kleinen Wahlkampfteam hielten sich für realistische Menschen, die ihre Chancen so nüchtern einschätzten wie nur irgendjemand, der in der Politik tätig ist. Die stillschweigende Übereinkunft lautete: Donald Trump würde nicht Präsident werden - und das wäre wahrscheinlich auch besser so. Die erste Hälfte dieses Satzes bedeutete, dass man sich mit der in der zweiten Hälfte aufgeworfenen Frage nicht zu befassen brauchte.

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Michael Wolff:
Feuer und Zorn

Im Weißen Haus von Donald Trump

Rowohlt Verlag; 480 Seiten; 19,95 Euro

Als der Wahlkampf zu Ende ging, war Trump bester Laune. Er hatte im Oktober 2016 die Veröffentlichung eines Gesprächs überstanden, in dem er 2005 dem Moderator Billy Bush gegenüber in vulgärer Sprache mit sexuellen Übergriffen auf Frauen geprahlt hatte - dabei hatte das RNC ihn mitten in dem Sturm der Entrüstung, der darauf folgte, aufgefordert, seine Kandidatur aufzugeben. Und FBI-Direktor James Comey hatte Hillary Clinton mit seiner Ankündigung, er werde die Ermittlungen in der E-Mail-Affäre wiederaufnehmen, elf Tage vor der Wahl in schwerste Bedrängnis gebracht und dazu beigetragen, einen Erdrutschsieg Clintons abzuwenden.

"Ich kann der berühmteste Mann der Welt werden", sagte Trump zu seinem immer wieder angeheuerten und gefeuerten Berater Sam Nunberg.

"Aber wollen Sie denn überhaupt Präsident werden?", fragte Nunberg (eine qualitativ andere Frage als die, welche man Kandidaten gewöhnlich stellt: "Warum wollen Sie Präsident werden?"). Er bekam keine Antwort.

Das Entscheidende war: Eine Antwort war nicht nötig, denn er würde ja nicht Präsident werden.

Roger Ailes sagte gern, wenn man es auf eine Karriere in der Fernsehindustrie abgesehen habe, solle man erst einmal für die Präsidentschaft kandidieren. Jetzt setzte Trump, von Ailes ermuntert, Gerüchte über einen eigenen Sender in die Welt. Eine großartige Zukunft lag vor ihm.

Aus diesem Wahlkampf, versicherte Trump seinem Freund, werde er mit einem gestärkten Markenzeichen und ungeahnten Möglichkeiten hervorgehen. "Diese Sache ist größer als in meinen größten Träumen", sagte er eine Woche vor der Wahl zu Ailes, "ich denke nicht ans Verlieren, weil es kein Verlieren ist. Wir haben total gesiegt." Und dann legte er dar, wie seine öffentliche Reaktion sein würde: Man hat uns um den Sieg betrogen!

Donald Trump und seine winzige Wahlkampftruppe bereiteten sich auf einen Untergang mit Feuer und Zorn vor. Auf einen Sieg waren sie nicht gefasst.

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
observerlbg 14.02.2018
1. Man wird ihn nicht mehr los...
...den Teufel, den man rief. Oder auch: Wünsche können in Erfüllung gehen und werden dann zum Fluch (sagen auch Einige hier in Deutschland zur Wiedervereinigung). Ob die Marke "Trump" nun wirklich gestärkt wird, durch das, was wir nun täglich erleben müssen, wird sich zeigen. Die Staatsverschuldung der USA nimmt jedenfalls gigantische Größen an. Die Konsolidierung von Bill Clinton ist jedenfalls endgültig Geschichte. Wenn Donald Trump also weiter verbreitet, ein Staat kann wie ein Unternehmen geführt werden, wie steht er dann wohl da, so als Chairman?
Palmstroem 14.02.2018
2. Und wo ist jetzt die Russland-Affäre
Wer das liest, muss sich wundern. Wo bleibt Wladimir Putin, der doch seit Jahren Donald Trump aufgebaut haben soll. Und nun soll Trump und sein Team nicht auf Sieg gesetzt haben. Wenn das Putin liest!
prions.ku 14.02.2018
3. Entsetzte Gesichter
Ich kann mich noch an eine Wahlparty der Republikaner erinnern. Bei Bekanntgabe des Ergebnisses mit Vorsprung Trump stürzte einigen Teilnehmern sprichwörtlich die Kinnlade ab. Einer stand fassungslos mit etwas Blässe da und wurde "das konnten wir nicht erahnen, das wollten wir nicht! Gott stehe uns bei!" zitiert! Im anschließenden Kommentar wurde zum Ausdruck gebracht, man habe Trump bewusst als Gegenkandidaten auserkoren, da man sich gegen Frau Clinton keine Chancen ausrechnete. Mein Gedanken war dann auch "das kann ja dann wirklich lustig werden!" Aber so ist es Kandidaten, welche zu früh als Opfer auserkoren wurden, damit man fähigere Leute schont!
frodosix 14.02.2018
4.
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man schadenfroh sein.
frodosix 14.02.2018
5.
Zitat von PalmstroemWer das liest, muss sich wundern. Wo bleibt Wladimir Putin, der doch seit Jahren Donald Trump aufgebaut haben soll. Und nun soll Trump und sein Team nicht auf Sieg gesetzt haben. Wenn das Putin liest!
Das eine schließt ja nicht das andere aus.
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