Trumps chaotische Amtsführung Der kleine Diktator

Erst gefährlichster Mann der Welt - dann Trumpeltier im Weißen Haus. Nach den ersten Wochen im Amt wirkt Trump vor allem überfordert. Aber freuen wir uns nicht zu früh. Das Risiko einer Amtsenthebung wäre gewaltig: Bürgerkrieg.

Trump im Weißen Haus am 15.2.2017
AFP

Trump im Weißen Haus am 15.2.2017

Eine Kolumne von


Hatten wir alle zu viel Angst? Ist dieser Präsident zu blöd, um gefährlich zu sein? Bislang sieht es so aus, als sei Donald Trump seinem Job einfach nicht gewachsen. Dem des Präsidenten ohnehin nicht. Das ahnte man vorher. Aber vielleicht kann er nicht einmal Diktator.

Trumps Liste der Pannen und Peinlichkeiten ist lang und wird länger.

Der Sicherheitsberater trat wegen verbotener Kontakte zu den Russen zurück. Der designierte Arbeitsminister verzichtete noch vor Amtsantritt auf seinen Job. Die Beraterin Kellyanne Conway verhedderte sich in abstrusen Äußerungen über "alternative Fakten". Und über Twitter schickte sie sonderbare Nachrichten in die Welt, die auf Deutsch übersetzt klingen würden wie eine Mischung aus Orwells "1984" und "Fifty Shades of Donald". ("I serve at the pleasure of @POTUS. His message is my message. His goals are my goals. Uninformed chatter doesn't matter.")

Das Netteste, was sich von Trump sagen lässt: Er hat auf die Firma geschimpft, die die Modelinie seiner Tochter aus dem Angebot genommen hat. Und nicht mal das ist nett. Der US-Präsident als Apache-Helikopter-Vater? Lieber nicht.

Schwere emotionale Instabilität

Nun streiten die Fachleute sogar öffentlich darüber, ob der Präsident psychisch krank ist. "Trump sorgt für erhebliche Belastungen bei anderen - er leidet aber nicht selbst darunter", hat Allen Frances geschrieben, ein emeritierter Psychiatrie-Professor, der die diagnostischen Leitlinien seiner Zunft geprägt hat. Allen schreibt, viele Amateur-Diagnostiker hätten Trump eine narzisstische Persönlichkeit bescheinigt. Und er widerspricht: "Ich habe die Kriterien dieser Krankheit aufgelistet - Trump erfüllt sie nicht."

Zwei andere renommierte Psychiater dagegen sind überzeugt: Trumps Reden und Handlungen zeigten "eine Unfähigkeit, andere Standpunkte zu tolerieren, was wiederum zu unkontrollierten Reaktionen" führe, schreiben sie in einem Brief an die "New York Times". "Wir glauben, dass die schwere emotionale Instabilität, die Herr Trump in seinen Reden und Handlungen an den Tag legt, ihn unfähig machen, das Amt des Präsidenten verantwortungsvoll auszuüben."

Die Psychiater verletzen mit diesem Hinweis - wie sie selbst einräumen - die ethischen Regeln ihrer eigenen Disziplin, nach denen alle ärztlichen Diagnosen über Figuren des öffentlichen Lebens ohne persönliche Untersuchung und ohne deren Einwilligung unethisch sind: "Wir fürchten, es steht zu viel auf dem Spiel, um länger zu schweigen."

Die Psychiater sind nicht allein. Noch ein anderer Stand, der zum Schweigen verpflichtet ist, ergreift das Wort - wenn auch im Verborgenen: die Geheimdienste. Offenbar versorgen Mitarbeiter der Dienste die Presse mit belastendem Material gegen Trump und seine Leute.

Autokratisch gegen den Autokraten

Denn das war der vielleicht größte Fehler des Pöbelpräsidenten: Er hat sich die amerikanischen Geheimdienste zum Feind gemacht.

Der australische Dissident Julian Assange spricht von einem "verblüffenden Machtkampf" zwischen der gewählten amerikanischen Regierung und der Geheimdienstgemeinschaft, die sich in Wahrheit für die "permanente Regierung" halte. In der Tat: Wer die Lecks der Dienste für einen Beweis der funktionierenden Checks and Balances der amerikanischen Verfassung hält, sollte noch einmal nachdenken. Vieles spricht dafür, dass Trump aus den USA eine Autokratie machen will. Und nun wehren sich die Dienste mit autokratischen Methoden gegen Trump?

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"Er will nicht Präsident sein. Sondern Kaiser", hat die New York Times über Trump geschrieben. Auf seine Weise ist Trump ein gesellschaftlicher Revolutionär - aber keine Revolution funktioniert ohne Taktik, Disziplin, Geduld. Das sind nicht die herausragenden Eigenschaften des Trumpeltiers im Weißen Haus. In den USA geht es nicht um die Demokratie - sondern um die Macht. Fassungslos beobachtet die gesamte Welt, wie der amerikanische Präsident um seine Macht kämpft, wie seine Basis bröckelt, bevor es ihm gelingt, sie zu festigen. Amerika zeigt sich im Moment nicht nur als unzuverlässiger Partner - sondern als instabiler Staat.

Es droht der Hass

Nie waren die Zeiten besser für glänzende politische Satire. Bei "Last Week Tonight" treffen die Pointen des britischen Fallbeils John Oliver mit tödlicher Schärfe. Und wenn Alec Baldwin bei "Saturday Night Live" den Trump gibt und Melissa McCarthy dessen Sprecher Sean Spicer - dann muss man das gesehen haben!

Das halbe Land lacht - und lacht sich um Kopf und Kragen.

Denn der Riss, der die amerikanische Gesellschaft spaltet, wird von Tag zu Tag tiefer. Unter dem Hashtag #TrumpImpeachmentParty träumt die liberale Opposition schon von Trumps Amtsenthebung. Aber was dann? Wer glaubt denn, dass die von den rechten Netzwerken verhetzten Trump-Wähler dem tatenlos zusehen würden?

Wenn das liberale Establishment die Institutionen gegen Trump mobilisiert - die Justiz, die Geheimdienste, die Medien -, was werden Trumps Wähler mobilisieren? Ihren Hass. Wer einen neuen amerikanischen Bürgerkrieg für ausgeschlossen hält, sollte überlegen, was alles bis vor Kurzem als ausgeschlossen galt.

Und übrigens: Selbst wenn Trump abträte und das Land nicht im Chaos versänke - eine Rückkehr zu einer vortrumpistischen Normalität darf es nicht geben. Denn es war diese Normalität, aus der Trump entstanden ist.

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insgesamt 202 Beiträge
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Seite 1
paulvernica 16.02.2017
1. Bürgerkrieg
könnte ich mir auch vorstellen, bzw eher dass sich einige Staaten der USA auf den Weg zur Eigenständigkeit begeben. Texas hat da glaube ich schon mal vorgearbeitet. Und die Trump Wähler Hr. Augstein bestehen wohl nicht nur aus Menschen die von Rechts aufgehetzt wurden, sondern denen es ziemlich mies geht. Sollte man erwähnen und etwas daran ändern, um einem weiteren Rechtsruck in der Welt vorzubeugen. Also bändigt den globalen neo Kapitalismus und die Welt wird wieder ein Stück friedlicher.
nichtdoch 16.02.2017
2. dann Trumpeltier im Weißen Haus.
Muss das sein? Dachte immer dass man in Deutschland etwas mehr anstand hat als die Amerikaner Ob man nun Trump seine Politischen Entscheidungen richtig findet oder nicht ,aber jemand der vom Volk gewaehlt wurde ein Trumpeltier zu nennen entspricht wirklich nicht dem Standart dess gebildeten Deutschen
Frietjoff 16.02.2017
3. Bereut da etwa jemand sein Trommeln gegen Clinton und somit für Trump?
Merkwürdiger Beitrag! Da erklärt Jakob Augstein uns erst, dass Clinton viel schlimmer wäre als Trump. Sie würde den 3. WK anzetteln, während er endlich den verdienten Frieden schließen würde mit dem missverstandenen Friendesengel Putin. Und dann sprach Trump auch noch kritische Worte über die böse, kriegstreibende, säbelrasselnde NATO! Ein Traum für jeden Putinapologeten! Und nu isser doch nicht zufrieden?
ackergold 16.02.2017
4. Herr Augstein, das kann doch nicht Ihr Ernst sein?
Habe ich die message richtig verstanden, man solle einen aufstrebenden Diktator gewähren lassen, auch wenn er vor hätte die Welt zu vernichten, nur weil irgendwo latent die Gefahr eines Bürgerkriegs bestehen könnte? Ich halte das für nicht angemessen. Es wird in den USA keinen Bürgerkrieg geben, wenn Trump des Amtes enthoben wird, denn eine Amtsenthebung geht nach Recht und Gesetz vonstatten. Sie ist in der Verfassung als Möglichkeit ausdrücklich vorgesehen. Gerade in den Wählerkreisen von Trump ist christlich-fundamentalistische Obrigkeitshörigkeit absolut tief verankert. Inzwischen haben sich auch viele "eingefangene" Wechselwähler wieder von Trump verabschiedet, er hätte bei einer heutigen Wahl keine Chance mehr. Natürlich gibt es ein Problem mit der waffenstarrenden Ultrarechten, den "Alternative Rights", die dann ihre Felle davonschwimmen sehen würden, aber dabei handelt es sich immer noch um eine Minderheit. Das sollte die demokratischen Instanzen nun wirklich nicht davon abhalten, verfassungsgemäß tätig zu werden und Trump und Bannon der Ämter zu entheben, sobald die rechtlichen Vorraussetzungen dafür existieren. Niemand steht über dem Recht - auch der Präsident nicht und schon gar nicht seine Wähler.
flaviussilva 16.02.2017
5. Bürgerkrieg ?!
Herr Augstein, geht es vielleicht noch ne Nummer kleiner. Donalds Stil mag ja gewöhnungsbedürftig sein, aber etwas wirklich schlimmes hat er bis jetzt noch nicht angestellt. Und einen Krieg erwarte ich als aller letztes von ihm, warum, er ist Geschäftsmann und Kriege sind immer schlecht fürs Geschäft. Eher scheint es so zu sein, das er langsam auf normal umschwenkt, es war richtig erfrischend wie er Netanjahu vorgeführt hat und ihm gleichzeitig gezeigt hat wer Koch undwer Kellner ist.
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