Amerika-Serie Der Trump-Moment

Donald Trump war einst ein gescheiterter Mann. Ein Zufall und die goldene Idee eines Fernsehproduzenten retteten den heutigen US-Präsidenten - und machten ihn zum Superstar.

Donald Trump (2004, "The Apprentice")
REUTERS

Donald Trump (2004, "The Apprentice")

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Malcolm Gladwell hat erforscht, welche Menschen warum erfolgreich wurden. Die Lehre: Niemand sollte sich überschätzen, die strahlenden Sieger unserer Zeit sollten mal lieber nicht an das eigene Genie glauben. Denn immer, ohne Ausnahme, brauche es andere Menschen und deren Hilfe. Den richtigen Zeitpunkt brauche es auch; jenes eine Talent, das heute geschult wird, mag in zehn Jahren womöglich ja noch immer gefragt sein, vielleicht aber auch ein ganz anderes.

Und vielleicht hat der Mann, der der potenziell beste Fußballer aller Zeiten geworden wäre, in Nepal gelebt und darum niemals Fußball gespielt. Man braucht Fleiß, zweifellos. 10.000 Stunden Training, das ist Gladwells Marke; denn jede und jeder Große habe mindestens 10.000 Stunden lang geübt und immer wieder geübt.

Und dann braucht man Glück.

Donald Trump konnte Mitte der Neunzigerjahre froh sein, nicht unter Schulden begraben zu sein. Ein Blamierter, ein gescheiterter Aufschneider. Er konnte dankbar dafür sein, dass die Banken ihn leben ließen. Er war gescheitert, ganz und gar.

Doch es kam anders - reiner Zufall.

Mark Burnett war einer dieser Typen in Shorts gewesen, die im kalifornischen Venice Beach T-Shirts verkauften. Burnett feierte viel in Hollywood, kannte schöne, reiche, wichtige Leute, wollte ins Showgeschäft einsteigen und hatte eine Idee: "Survivor". Diese Show, Reality-TV und Vorbild des deutschen "Dschungelcamps", führte Kandidaten in den Urwald Polynesiens und machte Burnett reich. Aber nicht glücklich. Monatelang war er fort von daheim, bei "Krokodilen und Ameisen und allem, was dich umbringen kann", wie er sagte, und seine Familie, vor allem der Sohn, sah ihn selten. Als der Junge zehn wurde, sagte er dem Papa am Telefon, er habe vergessen, wie dieser aussehe.

Zeit, etwas zu verändern. Und Burnett ging spazieren.

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Im Central Park von New York, auf der Bande der Eislaufbahn, stand der Name "Trump". Und der klang gut. Kraftvoll. Dynamisch. Burnett dachte auf diesem Wort herum, Trumptrumptrump, und fand, dass man "Survivor" ja durchaus auch in den Dschungel seiner Heimatstadt New York City übertragen könne, und bat um einen Termin bei diesem Donald Trump.

Der Termin dauerte eine Stunde. Burnett erläuterte Trump das Konzept von "The Apprentice": Ein Boss und Milliardär würde zugleich Jury, Richter und Henker sein, vor seinen Augen würden viele gierige Menschen bereitwilligst diverse Aufgaben erledigen, und der Boss und Milliardär würde sie entlassen oder befördern. Die Show würde reichlich Werbung für Trumps Hotels machen, auch für die Hubschrauber und das ganze Zeug, das zu Trumps Leben gehörte.

Trump hatte keine Fragen, beriet sich mit niemandem, sagte einfach zu. "Mein Jet ist in jeder Episode zu sehen. Selbst wenn die Quoten nicht stimmen, wird die Show fantastisch für meine Marke sein", erklärte er später seinen Leuten, den ewigen Nörglern, die fanden, das alles passe nicht zu einem ernsthaften Geschäftsmann. Trump sagte: Doch. Das passe. Denn er war der Hauptdarsteller und zugleich 50-Prozent-Eigner jener Show, die NBC nach der ersten Präsentation sofort vom Markt kaufte, weil sie von Burnett, dem erfolgreichsten Produzenten Amerikas, kam.

Dies ist der Schlüssel, wenn man den Präsidenten Trump verstehen will. Er war ein Gescheiterter, der im denkbar glücklichsten Moment gerettet wurde. Und in einem Land, das unterhaltungssüchtig ist, auch ruhmgierig, auch geldbesessen, wurde nun dieser Donald Trump, der bis dahin ein New Yorker Phänomen gewesen war, ein Star. Die Rolle passte zu ihm. Ganz beiläufig oder eher zögerlich sagte er in einer Folge "You're fired" zu einem Kandidaten.

Und auch dieser Satz, gesprochen von einem eher entscheidungsschwachen Darsteller, wurde von Burnett zu Trumps Markenzeichen gemacht: Dieser Trump wurde zum Sinnbild des amerikanischen Traums, zum populistischen Milliardär oder zum steinreichen Populisten, jedenfalls zum Aufsteiger aus eigener Kraft, zum Mann, der sich traute, zum Mann, der keine Hemmungen hatte, zum Mann, der wusste, was er wollte, und es sich nahm, zum Mann, der den Weg nach oben kannte. "The Apprentice" formte den Kandidaten Donald Trump; in dieser Show, in der es beständig golden glitzerte, in der es ordinär und roh und niemals feinsinnig oder gar intellektuell zuging, wurde Donald Trump, der Politiker, geboren.

Und mehr: Der Name Trump war nun eine Marke in Amerika. Und Donald Trumps Familie entdeckte, dass mit dieser Marke etwas zu verdienen war. Ein wesentlicher Trick dabei: Lizenzen und die entsprechenden Gebühren. In Mexiko, direkt am Pazifik, sollte ein "Weltklasse-Resort, der Marke Trump entsprechend", entstehen, so schwärmte Töchterchen Ivanka in einem Video. "Trump Ocean Resort" sollte es heißen. Ihre Brüder und "natürlich unser Vater" seien schwer engagiert, die Familie werde eigenes Geld investieren und Apartments kaufen, so Ivanka weiter. So wurden die Käufer gelockt. Lügen, wie so oft.

In Wahrheit spielte Donald Trump nicht einmal eine winzige Rolle, und auch seine Familie mischte nicht mit, die ganze Trump Organisation hatte beim gescheiterten Projekt "Trump Ocean Resort" nichts zu melden, da sie den tatsächlichen, vergleichsweise kleinen Bauunternehmern nur den großen Namen zur Verfügung gestellt hatte. Gegen eine siebenstellige Gebühr.

Das war die Methode. Win-win für alle, abgesehen von Käufern und anderen Investoren, die getäuscht wurden. Auf Seite 23 der Eigentümerbroschüren stand, winzig und kaum lesbar, dass das Hochhaus namens Trump Ocean Resort "weder von Donald Trump noch der Trump Organisation besessen, geführt, entwickelt oder verkauft wird". "A Signature Development by Donald Trump" stand in den Prospekten, ein Vorzeigebauvorhaben Donald Trumps also. Trump sagte vor Gericht: "The word developing doesn't mean we're the developer."

Ein Bauherr ist kein Bauherr.

Und Donald Trump ist nicht der, den seine Wähler von 2016 in diesem Mann gesehen haben. Er ist bloß der Mann aus dem Fernsehen mit einem Markenzeichen, das ein anderer für ihn erfunden hat: "You're fired."

Klaus Brinkbäumer auf Facebook



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Axel Schön 21.03.2018
1. nightmare
Sad, so sad...
jujo 21.03.2018
2. ...
Schön zu wissen. Jetzt braucht man nur noch das Rezept wie man diesen Menschen wieder los wird. Beängstigend ist aber auch wie wenig es braucht um Millionen Hirne erstarren zu lassen! In Deutschland hatten wir das ja schon. Zu meinen Lebzeiten braucht es da keinen Wiedergänger..
willibaldus 21.03.2018
3.
Schon die zweite Demontage Trumps von Herrn Brinkbäumer. Gut recherchiert. Das lässt die Luft aus einem much bigger than life ballon.
diplomat_ 21.03.2018
4. Trump, ein amerikanisches Phaenomen
Ein entlarvender Bericht, Trump das inszenierte Phaenomen. Er korrespondiert mit unserer Erinnerung, die immer wieder Trump als ueberschuldeten Bauherren und Investor aufscheinen laesst, bis er ploetzlich in einer hier kaum beachteten und tatsächlich menschenverachtenden TV-Show auftritt. Aus seiner Sicht: Glueck gehabt! Aber die amerikanischen Waehler muessen sich doch fragen, wie sie sich so haben taeuschen lassen. Das Schlimme ist nur, wir wissen alle nicht, wohin die Reise mit einem egomanischen Ignoranten geht.
kurzanbinden 21.03.2018
5. ein neues Phänomen
berühmt dafür zu sein berühmt zu sein. Paris Hilton aber auch Trump. das kann man dann vergolden. wer hat dem wird gegeben.
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